Der ehrliche Gegenpunkt zu meinem letzten Beitrag.
Letzte Woche habe ich gefeiert, dass KI den Berater wieder zum Entwickler macht – dass die Grenze zwischen „beraten“ und „bauen“ verschwimmt. Heute der Gegenpunkt zur Rolle von KI in der Beratung. Denn es gibt einen Teil unserer Arbeit, den KI ausdrücklich nicht übernimmt, und der wird dadurch nicht weniger, sondern wichtiger.
Den Anstoß dazu gab eine der besten Sessions der Directions EMEA 2025. Phil Berrill (Head of ERP bei Prosperity 24/7) und Andy Wingate (Practice Director bei Venture, Microsoft MVP) sprachen über die Frage: Welche Soft Skills zählen im KI-Zeitalter eigentlich noch? Ihre vielleicht treffendste Folie, augenzwinkernd ChatGPT selbst in den Mund gelegt: „AI doesn’t do Politics, Panic or People.“
KI in der Beratung: die Mechanik kann die Maschine
Wo KI brilliert, ist schnell aufgezählt: Zusammenfassen, Dokumente entwerfen, Ideen generieren, Daten analysieren. Meeting-Notizen ordnen, Entwürfe glätten, Testskripte aus User Stories ziehen. Das ist die Mechanik eines Projekts – und die darf man getrost abgeben.
Was bleibt, ist das, was Berrill und Wingate das „Human Element“ nennen: den Raum lesen, Vertrauen aufbauen, eine schwierige Botschaft überbringen, einen verunsicherten Kunden ruhig durch Veränderung begleiten, im Konflikt vermitteln. Aktives Zuhören. Die Übersetzung zwischen Fachsprache und Technik. Ihre Formel dafür ist schön knapp: KI übernimmt die Mechanik, der Mensch die Bedeutung.
Der Verstärker schneidet in beide Richtungen
Ein Satz aus der Session ist hängen geblieben: KI ist ein Verstärker. Das klingt erst mal gut – bis man zu Ende denkt. Ein Verstärker macht alles lauter, auch den Murks. Wer eine halb verstandene Anforderung in ein Modell kippt, bekommt nicht plötzlich Klarheit, sondern einen schnell und überzeugend formulierten Irrweg. Oder, wie es auf einer Folie stand: Tempo ohne Urteilsvermögen produziert nur effizienter teure Fehler.
Heißt: KI skaliert gutes Urteilsvermögen genauso wie schlechtes. Den Unterschied macht weiterhin der Mensch davor.
Die Pointe, die alles zusammenhält
Und jetzt kommt der Teil, der mich wirklich zum Schmunzeln gebracht hat. Die „Hausaufgabe“ der beiden lautete: Bevor du das Modell überhaupt etwas fragst, investiere Zeit in den Kontext. Sag ihm, worum es im Projekt geht, wer die Zielgruppe ist, welchen Ton und welches Format du willst, was du schon entschieden hast und was du ausdrücklich nicht willst. Ihr Merksatz: „Great outputs come from great context.“
Merkt man, was das eigentlich heißt? Genau das ist Beratung. Den Kontext verstehen, die Zielgruppe einschätzen, das Unausgesprochene mitdenken – das ist exakt die Handwerkskunst, die einen guten Consultant ausmacht. Der bessere Berater schreibt also den besseren Prompt. Die Soft Skills konkurrieren nicht mit der KI. Sie füttern sie.
Kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille
Damit lösen sich meine beiden Beiträge nicht gegenseitig auf, im Gegenteil. Letzte Woche: KI senkt die Hürde, sodass der Berater wieder bauen kann. Diese Woche: Ein guter Berater zu sein ist genau das, was die KI-Ausgabe erst gut macht. Beides zeigt in dieselbe Richtung – der menschliche Kern wird wertvoller, nicht überflüssig.
Berrill und Wingate haben es nüchtern formuliert: Sie sehen keine Zukunft, in der KI den Berater ersetzt, wohl aber eine, in der sie grundlegend verändert, wie wir arbeiten. Die zeitfressenden Aufgaben werden automatisiert – damit wir uns auf das konzentrieren, wo wir für den Kunden den größten Wert schaffen.
Fazit
KI nimmt mir die Mechanik ab. Die Bedeutung bleibt bei mir. Und je besser ich beraten kann, desto besser wird auch das, was die Maschine für mich ausspuckt.
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht hinter dem ganzen KI-Trubel: Nicht „lern endlich Prompten“, sondern „werde ein besserer Berater – dann kannst du auch besser prompten“.

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