Und warum genau das gerade ein Comeback erlebt.
Es gibt diesen Moment in fast jedem Projekt. Der Kunde beschreibt einen Wunsch, der Berater nickt, macht sich Notizen – und sagt dann den Satz, der alles ausbremst: „Das muss ich mit der Entwicklung klären, ich melde mich.“ Zwei Wochen später kommt die Antwort: technisch geht das so nicht, aber anders. Wieder ein Termin, wieder eine Übersetzungsrunde, wieder Zeit verloren.
Jeder Business Central Berater, der länger mit dem System arbeitet, kennt diese Reibung an der Naht zwischen Beratung und Entwicklung. Und genau diese Naht war nicht immer da.
Früher war der Berater oft auch der Entwickler
Wer Navision- und NAV-Zeiten erlebt hat, erinnert sich: Damals war die Grenze zwischen „Berater“ und „Entwickler“ fließend. In C/AL saß man oft selbst im Objekt-Designer, hat eine Anforderung aufgenommen und sie gleich umgesetzt. Der Mensch, der den Prozess verstand, war derselbe, der ihn ins System brachte.
Das hatte einen unterschätzten Vorteil: Es gab keinen Übersetzungsverlust. Was der Kunde meinte und was am Ende im System landete, ging durch einen Kopf.
Dann kam die Spezialisierung – und ihr Preis
Mit Business Central, dem Extension-Modell und AppSource wurde aus dem Generalisten ein Team aus Spezialisten. Das war richtig und notwendig: sauberer, upgradesicherer AL-Code, getrennte Apps, professionelle Pipelines – das verlangt eine Tiefe, die man nicht nebenbei mitnimmt. Die Rollen trennten sich. Der Consultant beriet, der Entwickler entwickelte.
Nur hat diese Trennung einen Preis, den man selten beziffert: Jede Übergabe ist eine Sollbruchstelle. Der Berater beschreibt, der Entwickler interpretiert, etwas geht dabei verloren, ein Rückfrage-Pingpong beginnt. Was fachlich in fünf Minuten klar wäre, wird zur Ticket-Schleife über Tage.
Jetzt schließt sich der Kreis
Und hier wird es spannend: Die Hürde, selbst zu entwickeln, sinkt gerade dramatisch – und Microsoft macht keinen Hehl daraus, dass das Absicht ist.
Auf der Directions EMEA 2025 in Poznań stand das Thema sogar auf der Hauptbühne. In der Keynote von Mike Morton fiel der Satz „AI won’t replace your people – the right people with AI skills will“. Group Product Manager Dmitry Chadayev sprach vom Anbruch einer neuen Coding-Ära und vom Aufstieg der Coding Agents: KI-Systeme, die nicht mehr nur einzelne Zeilen vorschlagen, sondern eine ganze Aufgabe in einer Schleife planen und ausführen – mit Zugriff auf Compiler, Tests, Dokumentation, Versionsverwaltung und MCP.
Und dann der Moment, der mich aufhorchen ließ: „Consultants, tune in now.“ Principal Product Manager Peter Borring hielt eine Session mit dem Titel „Coding agents for consultants“ und sprach von einem „new golden age of consultants“ – KI, die den Berater über die ganze Kette unterstützt: Analyse, leichte Anpassungen, PoC und MVP, Dokumentation, Support. Die schönste Pointe war für mich aber eine andere Folie: „Skipping the dreaded Dev Queue“ – das Ende jener Warteschlange, in der jede kleine Idee zu „another backlog item that needs to be prioritized“ wird. Genau die Sollbruchstelle von oben, von Microsoft selbst benannt.
Konkret zeigt sich das in den Werkzeugen: GitHub Copilot beherrscht inzwischen AL, AL-Go und GitHub Codespaces senken die Einstiegshürde, und mit Business Central 27.1 kommt ein eigener MCP-Server in die Public Preview. Microsoft beschreibt die Entwicklung von Business Central zur KI-First-Plattform selbst als Evolution – von der API über AL und Copilot hin zu Agents.
Die Botschaft ist unübersehbar: Die Grenze zwischen „beraten“ und „bauen“ soll wieder durchlässiger werden. Es ist, ein Stück weit, eine Rückkehr zur alten Tugend – nur diesmal mit KI als Verstärker statt mit dem nackten Objekt-Designer.
Was der Business Central Berater als Entwickler besser kann
Es geht nicht darum, dass jeder Consultant zum Senior-Entwickler wird. Es geht um die Mischung. Wer beides kann, der
- übersetzt nicht, sondern setzt um. Der Weg von „der Kunde will“ zu „das System tut“ hat einen Kopf weniger Reibung.
- prototypt im Termin. Eine Idee lässt sich direkt anskizzieren, statt sie als Anforderung zu beschreiben und zwei Wochen auf die Antwort zu warten.
- schätzt Machbarkeit realistisch ein. Wer weiß, was eine Anpassung im Code bedeutet, verspricht dem Kunden nichts Unmögliches – und entdeckt umgekehrt elegante Lösungen, die ein reiner Fachberater gar nicht sieht.
- spart Übergaben. Weniger Tickets, weniger Rückfragen, weniger „lost in translation“.
Die ehrliche Grenze
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Selbst entwickeln zu können heißt nicht, dass Qualität nebensächlich wird, und es macht den Profi-Entwickler nicht überflüssig. Im Gegenteil.
Auch das war auf der Directions-Bühne klar. Borring nannte das Ganze ausdrücklich „great news for Pro Developers“ – mehr Fokus, klarere Intention, höhere Qualität. Die anspruchsvollen Aufgaben bleiben beim Profi: Architektur, wiederverwendbare Komponenten, Guardrails und Qualitätsstandards, Code härten und optimieren, Mentoring und Review. Oder in Microsofts Worten: „keeping development excellence at the heart of AI innovation“.
Der Berater, der entwickelt, ersetzt also keinen Senior-Entwickler – er entlastet ihn und nimmt ihm die Dev-Queue-Kleinigkeiten ab. Und für die eigene Arbeit gilt: KI schreibt schnell Code, aber sie arbeitet nicht deterministisch. Mein Maßstab bleibt deshalb derselbe wie ohne KI – gegen den Base-App-Quellcode prüfen statt aus dem Gedächtnis behaupten, und Logik mit automatisierten Tests in einer echten Sandbox absichern. KI senkt die Einstiegshürde. Die Sorgfalt ersetzt sie nicht.
Fazit
Die Trennung von Beratung und Entwicklung war eine Phase, keine Naturkonstante. Sie hatte gute Gründe – und einen Preis. Jetzt, wo KI das Entwickeln zugänglicher macht, wächst beides wieder zusammen.
Der Berater, der auch entwickeln kann, ist kein Relikt aus NAV-Zeiten. Er ist gerade das Profil, in das Microsoft mit seinen Werkzeugen sichtbar investiert.
Und ehrlich gesagt: Es macht auch einfach mehr Spaß, ein Problem vom ersten Gespräch bis zur laufenden Lösung selbst zu begleiten.

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