Oktober 2020. Lockdown-Pause, blauer Himmel, null Ausrede. Der Wetterbericht verspricht einen dieser seltenen Herbsttage, an denen die Bayerischen Alpen so klar leuchten, dass man meint, man könnte bis nach Österreich spucken. Ich pack Kermit in den Rucksack, schnapp mir den Autoschlüssel und fahr die Stunde von München nach Lenggries. Parkplatz an der neuen Talstation, Wanderschuhe zu, los. Der Brauneck wartet schon.
Aufstieg ab Talstation: Der Berg ruft, die Beine noch nicht
An der Talstation der Brauneck Bergbahn herrscht schon lebhafter Betrieb. Gondeln schweben nach oben, und ich gehe zu Fuß. Freiwillig. Das muss man sich mal vorstellen. Rund 1.100 Höhenmeter Aufstieg liegen vor mir — die Beine ahnen noch nichts davon und sind noch vollkommen guter Dinge. Der Weg schlängelt sich durch herbstlich verfärbten Mischwald, die Luft ist frisch und klar, und die Sonne lacht einem schon nach wenigen Minuten unverschämt freundlich ins Gesicht. Kermit sitzt stoisch in der Rucksacktasche und schweigt. Typisch.


Der Aufstieg ist gut markiert, technisch unkompliziert und führt einen gleichmäßig nach oben. Trotzdem schwitze ich — das Thermometer zeigt zwar nur gut zehn Grad, aber ein gut gepackter Rucksack und ein gewisser Körpereinsatz sorgen für eigene Heizleistung. Kurz unterhalb der Baumgrenze öffnet sich der Weg, und plötzlich liegt das Isartal weit unten. Lenggries schaut wie ein Modelleisenbahnstädtchen aus. Schön.
Brauneck-Gipfel (1.556 m): Kermit hat eine Meinung
Oben angekommen, und der Blick trifft einen wie eine offene Hand. Nach Süden erstreckt sich ein Gipfelpanorama der Extraklasse: Wettersteingebirge, Karwendel, Zugspitze — alles da, alles scharf, alles blau gestaffelt bis zum Horizont. Die Schneefelder auf den Hauptkämmen leuchten weiß. Paragleiter kreisen lautlos über den herbstlich braunen Hängen und ziehen bunte Bögen vor dem tiefblauen Oktoberhimmel. Ich hol Kermit raus. Er schaut. Sagt nichts. Aber sein Gesicht sagt alles.


Pause. Eine verdiente Pause, mit Chips aus dem Rucksack, Sonne im Gesicht und dem leisen Rauschen des Windes. Ich sitz in der herbstlich trockenen Graslandschaft am Hang und schau einfach nur. Tief unten das Isartal, dahinter die sanften Voralpenrücken, und am Horizont — in gefühlten 200 Kilometer Entfernung — die gezackten Silhouetten der Zentralalpen. Kermit beäugt die Chips. Er kriegt keine.
Am Gipfelkreuz ist wie erwartet Betrieb. Wanderer, Familien, ein paar Leute die mit der Gondel hochgefahren sind und trotzdem aussehen als hätten sie den Kilimandscharo bezwungen. Das Brauneck-Kreuz aus Metall, mit den charakteristischen Strahlenzacken, steht vor einem Himmel, der heute einfach keine schlechten Fotos zulässt. Ich mach natürlich trotzdem fünf.


Nach einer ausgiebigen Gipfelrunde — und nachdem ich jeden möglichen Fotomotiv-Winkel abgelaufen bin — geht es weiter. Das Tagesziel ist ehrgeizig: noch rüber zum Kirchstein, dann runter, und irgendwo dazwischen eine ordentliche Brotzeit. Die Beine? Die haben sich inzwischen mit der Situation abgefunden.
Kirchstein (1.519 m): Der unterschätzte Nachbar
Vom Brauneck-Gipfel führt der Weg über einen breiten Gratrücken nach Westen. Der Kirchstein ist der etwas ruhigere Nachbar, knapp 40 Höhenmeter tiefer und deutlich weniger besucht. Zu Unrecht. Der felsige Gipfel bietet eine völlig andere Perspektive: nach Osten schaut man zurück auf den Brauneck mit seiner Bergstation, nach Westen öffnet sich das Panorama in Richtung Bad Tölz und weiter — an guten Tagen bis zum Starnberger See, der heute silbern in der Herbstsonne schimmert.


Ich setz mich an den Felsrand. Der Starnberger See glänzt weit draußen in der Ebene, dahinter flimmert die Münchner Schotterebene im Herbstdunst. Genau von hier — von dieser Kante, mit den Beinen baumeln — versteht man, warum Menschen Berge besteigen. Es ist einfach verdammt schön. Kermit würde vermutlich zustimmen, wenn er nicht gerade in meiner Rucksacktasche läge.
Der Blick zurück vom Kirchstein auf den Brauneck-Kamm ist beeindruckend. Die Bergstation liegt auf einem breiten Sattel, dahinter staffeln sich die Voralpenrücken in immer hellerem Blau. Über dem Isartal — direkt vor mir in der Tiefe — zieht ein Paragleiter seine Runden. Der hat definitiv das bessere Verhältnis von Aufwand zu Aussicht. Aber er verpasst die Chips.


Die Felsformationen unterhalb des Kirchstein-Gipfels sind sehenswert: scharfkantige Kalksteinzähne ragen aus dem goldgelben Gras, von der Herbstsonne angestrahlt wirken sie fast unwirklich. Weißgrau, rau, ein bisschen trotzig. Man merkt, dass hier über Jahrmillionen ein bisschen was passiert ist. Ich geh vorsichtig drum herum — nicht aus Angst, sondern weil der Weg einfach da entlangführt.
Panoramarestaurant Brauneck: Kermit hält die Tasse, ich esse
Zurück an der Bergstation, und das Panoramarestaurant zieht mich mit der Kraft einer deftigen Brotzeit an. Die Terrasse ist gut besetzt — Herbstsonne, Oktoberwochenende, klar. Ich bestell einen Kaffee und eine Käsesemmel, die ausschaut wie ein kleiner Laib Brot. Kermit übernimmt pflichtbewusst die Kaffeetasse, ich kümmere mich ums Essen. Bewährte Arbeitsteilung. Die Aussicht von der Terrasse — Bergstation, Isartal, herbstliche Hänge — ist eigentlich fast zu schön zum Kauen. Fast.
Das Restaurant ist gut besucht, aber nicht überfüllt. Eine Mischung aus Wanderern in ernsthafter Ausrüstung, Tagesgästen mit der Gondel und einer Gruppe älterer Herren, die aussehen als wären sie jeden zweiten Sonntag hier. Vielleicht sind sie das. Die Bedienung ist freundlich und schnell — das rechne ich hoch an, bei dem Betrieb. Ich trink noch einen zweiten Kaffee. Kermit schaut etwas neidisch.

Abstieg: Alles was rauf geht, muss auch runter

Der Abstieg führt auf dem gleichen Weg zurück zur Talstation. Die Sonne steht jetzt tiefer und wirft lange Schatten über die herbstlichen Hänge. Nach etwa 1.100 Höhenmetern bergab — die Knie registrieren das mit einer gewissen Lautstärke — landet man wieder am Parkplatz. Kermit schaut aus dem Rucksack und wirkt zufrieden. Ich auch. Müde, aber auf die gute Art.
Auf dem Weg nach unten — durch den Wald, vorbei an letzten Herbstfarben — begegne ich noch einer Handvoll Wanderer, die offensichtlich spät dran sind. Oder Optimisten. Um diese Uhrzeit hätte ich schon längst die Gondel genommen. Aber gut, jeder hat seinen eigenen Weg. Meiner führt jetzt direkt zurück nach München.


Anfahrt: Mit dem Auto von München über die A95 Richtung Garmisch, dann Abfahrt Bad Tölz und weiter nach Lenggries. Gut eine Stunde, Parkplatz direkt an der neuen Talstation der Brauneck Bergbahn. Wer keine Lust auf den Aufstieg hat: Die Gondel bringt einen komfortabel nach oben. Aber dann verpasst man die besten Stunden des Tages.
Ein Sonntag gut verbracht bringt eine Woche voller Inhalt. Der Brauneck hat heute geliefert — und ich auch.
📍 Parkplatz Brauneck Neue Talstation · 🏁 Parkplatz Brauneck Neue Talstation · 📏 13,5 km · ⬆️ 1.100 Hm · ⬇️ 1.100 Hm · ⏱ ca. 5:30 h
Die vollständige Route gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen




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