Juli 2018. Die Wettervorhersage versprach Sonne, mein Terminkalender ein freies Wochenende — und ich beschloss kurzerhand, dem Wendelstein einen Besuch abzustatten. Der Berg thront mit seinen 1.838 Metern südöstlich von München wie ein alter Bekannter am Horizont. Nah genug für einen Tagesausflug, weit genug, um sich echte Berge vorzustellen. Mit der Oberlandbahn bis Osterhofen, dann zu Fuß nach oben — klingt simpel. Ist es auch. Meistens.
Ankunft und erster Begleiter
Mit der Oberlandbahn geht es von München bis Bayrischzell — gut eine Stunde, kein Stress, kein Stau. Von Osterhofen startet dann der Aufstieg Richtung Wendelstein-Seilbahn und weiter nach oben. Die ersten Meter führen über satte Almwiesen, das Gras leuchtet in einem Grün, das man fast für übertrieben halten würde. Und dann — Stopp. Da steht er. Ein junges Galloway-Kalb, braun, zottelig, gelbe Ohrmarken, und schaut mich an, als wäre ich die erste merkwürdige Erscheinung seines Lebens. Vielleicht war ich das auch. Wir beäugten uns gegenseitig eine gefühlte Ewigkeit. Er rührte sich nicht. Ich auch nicht. Schließlich entschied ich mich, den Weg fortzusetzen — das Kalb blieb unbeeindruckt neben seiner Fichte stehen.

Der Aufstieg, Schritt für Schritt

Gegen halb zwölf war ich gut in Fahrt — die Beine auch, auf ihre eigene Art. Rund 1.000 Höhenmeter zieht der Wendelstein-Aufstieg einem durch die Waden, und das Thermometer stand auf sommerlich-gnadenlos. Kein Wind, volle Sonne. Selfie-Pause einlegen ist da keine Schwäche, sondern Überlebensstrategie. Hinter mir öffnete sich das Tal bereits großzügig: bewaldete Bergrücken, Almwiesen, die ersten Häuser von Osterhofen winzig in der Tiefe — und dahinter, dunkel und massiv, der Wendelsteinstock selbst. Nach Osten blickt man Richtung Rosenheim, die Ebene glitzert leicht im Dunst. Vor mir noch ein paar hundert Höhenmeter. Ich lächelte tapfer in die Kamera und marschierte weiter.
Etwas weiter oben, auf gut 1.500 Metern, öffnet sich der Blick nach Norden ins Tal. Das kleine Dorf — Bayrischzell — liegt wie hingeworfen zwischen grünen Hängen, die roten Ziegeldächer kaum zu erkennen. Dahinter steigt der Hinteres Sonnwendjoch auf, dunkelgrüne Flanken, und im Hintergrund verlieren sich die Berge im Dunst Richtung Rosenheim. So eine Aussicht lässt einen kurz vergessen, dass die Knie gerade laut protestieren. Kurz.

Blick zurück auf den Gipfel

Irgendwann kommt man an jenen Punkt, wo man kurz stehenbleibt und den Gipfel von unten betrachtet — und sich fragt, wer sich das ausgedacht hat. Der Wendelstein zeigt sich hier von seiner dramatischsten Seite: Kalkfelsen in Stufen übereinander geschichtet, dazwischen einzelne Fichten, die sich trotzig ins Gestein krallen. Ganz oben thront das Observatorium der LMU München, ein kleines Bauwerk, das von hier unten fast verloren wirkt zwischen den Felsen. Seit 1893 steht dort oben eine Wetterstation — die wissen also schon lange, was der Wendelstein so treibt. Der Gipfel auf 1.838 Meter macht optisch wenig Kompromisse. Und ich stand da, schaute nach oben und dachte: ‚Na dann.‘
Das Observatorium der Universität München thront seit über 130 Jahren auf dem Gipfel — Wetterstation, Forschungsposten, und unfreiwillig das markanteste Wahrzeichen des Wendelsteins. Von weitem sieht man es schon. Von oben sowieso.
Gipfel, Panorama und eine Kirche im Fels
Oben angekommen belohnte der Wendelstein mit einem Panorama, das man nicht so schnell vergisst. Nach Süden hin das Kaisergebirge, die Berchtesgadener Alpen im Dunst, nach Westen Richtung Mangfallgebirge, nach Osten das Inn-Tal breit und flach. Gipfel an Gipfel, Grün auf Grün, darüber ein Sommerhimmel mit diesen satten Quellwolken, die so tun als wären sie absichtlich malerisch aufgestellt worden. Ich stand da eine Weile einfach nur und schaute. Kein Handlungsbedarf.
Das weitläufige Alpenpanorama vom Gipfel reicht bei guter Sicht bis weit ins Salzburgische. Im Vordergrund die zerklüfteten Kalkrücken des Wendelsteinmassivs selbst, dahinter Staffeln von Berghängen in immer hellerem Blau. Rechts unten das Leitzachtal, links das Inn-Tal. Und irgendwo dazwischen, wenn man genau schaut, die flache Ebene Richtung München — von hier oben wirkt die Großstadt wie ein Gerücht.


Direkt unterhalb des Gipfels klebt die Wendelsteinkirche ‚Patrona Bavariae‘ zwischen zwei Felsnasen — von oben sieht das aus, als hätte jemand das Gotteshaus einfach in eine Felsspalte geschoben und gehofft, es hält. Hält es. Seit 1890. Die Kirche ist die höchstgelegene Pfarrkirche Deutschlands und bietet drinnen eine erstaunliche Stille, die man von der Touristenstraße draußen kaum erwartet. Unten auf der Almwiese grasen die Kühe — dieselben, oder zumindest Verwandte meines Bekannten von heute Morgen.
Die höchstgelegene Pfarrkirche Deutschlands — eingeklemmt in den Fels, seit 1890 in Betrieb, und von oben schlicht unglaublich anzusehen. Ein Besuch lohnt sich, auch wenn man kein religiöser Mensch ist.
Nachmittag — Seilbahn, Kneipp und Heimweg
Den Abstieg schenkte ich mir — die Seilbahn fuhr noch, und ich war klug genug, das zu nutzen. Fast. Ich hatte es nämlich beinahe verpasst. Letzte Talfahrt, knappe Sache, kein Kommentar dazu. Der Weg vom Seilbahnparkplatz hinüber nach Osterhofen zum Bahnhof zieht sich nach einem langen Wandertag wie Kaugummi. Die Beine kennen jeden Meter. Gerettet hat mich das Kneippbecken direkt am Weg — kaltes Wasser, kurz rein, kurz bereut, sofort besser. Danach die Oberlandbahn zurück nach München. Abend. Erledigt. Gut.
🌐 wendelsteinbahn.de
Wer den Aufstieg zu Fuß macht, kann mit der Seilbahn bequem ins Tal zurückfahren — oder umgekehrt. Letzte Talfahrt unbedingt im Blick behalten. Aus eigener Erfahrung. Osterhofen liegt fußläufig in wenigen Minuten vom Parkplatz entfernt, der Bahnhof ist von dort gut erreichbar.
Der Wendelstein ist kein Berg, der sich ziert — er zeigt alles auf einmal: Almidylle, Felsen, Kirchturm, Panorama, und ein zottliges Kalb zur Begrüßung. Was will man mehr.
📍 München Hbf · 🏁 Wendelstein (1.838 m) · 📏 ca. 11,0 km · ⬆️ ca. 1.050 Hm · ⬇️ ca. 50 Hm (Abstieg per Seilbahn) · ⏱ ca. 4:30 h





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