Wendelstein (1838 m) ab Osterhofen — zweites Mal, gleicher Berg, andere Beine

Kermit-Plüschtier auf Felsen am Wendelstein mit Panoramablick ins Tal

Zweites Mal Wendelstein. Das erste Mal war gut genug, um wiederzukommen — das ist eigentlich schon alles, was man wissen muss. Mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof raus nach Osterhofen, dann zu Fuß nach oben. August, Sonne, blauer Himmel — kein Wolkendrama, kein Regen, einfach ein guter Tag für den Berg.

Zugfahrt nach Osterhofen

Frühstart vom Münchner Hauptbahnhof. Kermit sitzt auf dem Rucksack, die Bahn ist noch halbwegs leer, draußen zieht das Voralpenland vorbei. Diese Zugfahrten haben was — man sitzt, schaut raus, trinkt Kaffee aus dem Thermobecher und der Berg ist noch weit genug weg, um entspannt zu sein. In Osterhofen raus, Rucksack schnallen, los.

Kermit genießt die Zugfahrt nach Osterhofen.

Erster Blick auf den Gipfelfelsen

Vom Tal aus liegt der Wendelstein gut sichtbar vor einem. Der Felsblock mit dem Gipfelkreuz obendrauf, daneben die Seilbahnstation, darunter ein Teppich aus dunklem Fichtenwald. So aus der Ferne sieht das immer harmloser aus als es dann ist. Aber ich kannte das ja schon — zweites Mal, man weiß was kommt. Die Beine nicht.

Kühe auf dem Weg nach oben

Irgendwo zwischen Osterhofen und der Baumgrenze steht eine Kuh mitten auf dem Weg und schaut mich an, als hätte ich eine Verabredung vergessen. Gelbe Ohrmarken, braun-weißes Fell, vollständig unbeeindruckt. Ich strecke die Hand aus — sie beschnüffelt die Finger kurz, nickt leicht, fertig. Kermit beobachtet das Ganze vom Rucksack aus mit einer gewissen Distanz. Vernünftig.

Kermit trifft einen Kollegen

An irgendeinem Holzzaun entlang des Weges sitzt ein kleiner Metallfrosch — gelber Regenmantel, runde Brille, hält eine Gießkanne. Kermit daneben: deutlich größer, grüner, kein Regenmantel. Die beiden schauen in dieselbe Richtung. Ich fotografiere das, weil man so was einfach fotografiert. Zwei Frösche auf einem Wanderweg. Das Leben ist manchmal seltsam und das ist völlig in Ordnung.

Der Wald kämpft

Weiter oben, wo der Weg steiler wird, stehen zwischen den grünen Bäumen immer wieder Tote. Weiß gebleichte Stämme ohne Nadeln, manche schon halb umgefallen, daneben frische Stümpfe. Borkenkäfer-Schäden, vermutlich. Es sieht nicht dramatisch aus — eher sachlich. Wald verändert sich. Hier passiert das gerade sichtbar. Ich laufe weiter.

Selfie mit Panorama

Kurze Pause, Foto. Hinter mir öffnet sich das Tal Richtung Westen — grüne Hänge, dunkle Wälder, weiter hinten die Bergkämme in mehreren Ebenen übereinander, die hinterste schon leicht bläulich im Dunst. Der Weg hat gut 600 Höhenmeter in den Beinen, das Hemd klebt, aber der Blick rechtfertigt das gerade problemlos. Kermit schaut aus dem Rucksack und sieht zufrieden aus. Einer von uns schwitzt jedenfalls nicht.

Der Wegweiser lügt nicht

Ein klassischer bayerischer Wegweiser: gelbe Schilder, rote Punkte, Stundenzahlen die man realistisch einplanen sollte. Wendelstein 1838 m — noch 1¾ Stunden. Das Schild sagt auch: Bayrischzell über Hochkreuth 1½ h, Talstation Wendelsteinbahn 1¾ h. Ich bin von Osterhofen rauf, also kein direkter Abstieg über die Talstation geplant — erst oben, dann Seilbahn. Das Schild ist sauber, die Optionen sind klar. Ich wähle geradeaus.

Der Gipfel wächst

Jetzt ist er nah genug, um Details zu erkennen: die Sendeanlage des Observatoriums Wendelstein oben auf dem Fels, das Gipfelkreuz, die Kante. Darunter eine Almhütte, ein Zaun, saftig grüne Weide. Ich stehe schweißnass auf einer Almfläche und lächle ins Handy. Das ist die ehrlichste Form von Motivation: einfach sehen, wie nah das Ziel schon ist.

Schuttreise und rote Beeren

Der Weg wird steiniger. Heller Kalkschutt, unregelmäßig, der Pfad schlängelt sich durch Felsblöcke nach oben. Im Vordergrund ein Strauch voller leuchtend roter Beeren — Schneerose vermutlich, oder Mehlbeere. Der Kontrast zum grauen Gestein dahinter ist ziemlich direkt. Oben die Felskulisse des Gipfels, unten das Rot — dazwischen ein Hang, den die Beine jetzt abarbeiten müssen.

Blick zurück ins Tal

Wer sich umdreht, bekommt was zu sehen. Das Tal liegt jetzt deutlich tiefer — man erkennt die grünen Mulden, die Waldstreifen, weiter hinten die Bergkämme in Richtung Schliersee und Tegernsee. Ein paar andere Wanderer arbeiten sich den Weg hinter mir hoch, kleine Punkte auf dem hellen Schotterpfad. Der Himmel hält: blau mit ein paar ordentlichen Quellwolken, die Sonne macht was sie soll. Schön.


Der Geheimplatz und eine nette Begegnung

Das Interessante an diesem zweiten Mal: man kennt die Strecke. Man weiß, wo es steil wird, wo der Weg aufmacht, und — wichtiger — wo der gute Platz ist. Nicht der Gipfel, der ist voll und laut und hat Seilbahnbetrieb. Sondern ein Stück davor, eine Felskanzel abseits des Hauptwegs, von der aus man das Tal bis Osterhofen runtersieht, die Bergkette dahinter in Schichten gestaffelt. Irgendwo auf dem Weg hatte ich eine Frau aus München eingeholt — oder sie mich, das ist nicht mehr ganz klar. Erst lief ich hinter ihr, weil ich so fertig war und sie ein gutes Tempo hatte. Dann kamen wir ins Gespräch.

Am Aussichtspunkt angekommen, habe ich ihr den Platz gezeigt. Sie setzte sich dazu. Was als kurze Pause geplant war, wurde eine lange. Wir saßen auf dem Fels, schauten ins Tal — Bayrischzell tief unten, dahinter der Tegernseer Kamm, ganz hinten die Berge schon ohne Namen, nur noch Silhouetten. Man hörte nichts außer Wind und gelegentlich eine Bergdohle. So was passiert manchmal beim Wandern: man geht allein los und ist es dann zwischendurch nicht mehr. Das war gut.

Beine baumeln lassen

Das klassische Bild: Beine in die Luft strecken, Tal darunter. Die Seilbahnseile ziehen schräg durch das Bild, das Tal liegt gut 600 Meter tiefer — man sieht die Häuser von Osterhofen, die Felder, den Wald der sich dazwischen schiebt. Meine Schuhe brauchen dringend eine Reinigung. Aber erst: noch ein bisschen sitzen.

Kermit am Gipfel

Kermit auf dem Stein. Er schaut Richtung Tal, der Rücken zur Kamera, das Panorama vor ihm: Baumgruppen, Wiesen, Felsen, dahinter das breite Tal mit seinen Ortschaften, noch weiter hinten die blaue Linie der ferneren Berge. Er wirkt nachdenklich. Oder er schläft. Schwer zu sagen bei einem Frosch ohne erkennbaren Ausdruck. Ich lasse ihn in Ruhe.

Oben angekommen

Dann doch noch zum richtigen Gipfel. Der Wendelstein auf 1838 Metern: Kermit am Rücken, Sonnenbrille, Blick Richtung Westen. Hinter mir die Bergkämme des Mangfallgebirges, gestaffelt bis zum Horizont, dazwischen das Inntal. Das ist es, wofür man raufgeht. Der Gipfel selbst ist belebt — Seilbahnausflügler, Tagesbesucher, Selfie-Sticks — aber auf den Felsen ein paar Meter daneben ist es deutlich ruhiger. Genau dort stehe ich.

Der weite Blick

Vom Gipfelplateau aus fällt der Blick direkt auf die Felsformation unterhalb — gezackte graue Kalkzähne, darunter Wiesen und Hütten, dann das breite Tal mit Bayrischzell gut erkennbar in der Mitte. Links und rechts Bergkämme, nach hinten mehrere Reihen übereinander bis in die Ferne. Das Geländer am Rand sagt: hier ist Vorsicht angebracht. Ich lehne trotzdem kurz drüber, schau runter. Tief genug, dass man’s respektiert.

Bergblumen am Abgrund

Zwischen den Felsen, da wo der Weg am Gipfelrand entlangführt, wachsen gelbe Blumen — Arnika, oder irgendwas Ähnliches, hoch und leuchtend vor dem grauen Kalkstein. Dahinter öffnet sich das Tal, die Flanken des Wendelsteins fallen steil ab, man sieht andere Wanderer unten auf dem Weg, winzig. Diese Kombination aus Blume vorne und Tiefe dahinter macht das Foto besser als es verdient ist.

Seilbahn runter, Bank gefunden

🏔️ Wendelstein-Seilbahn Talstation
Wendelsteinbahn · Bayrischzell
📍Google Maps

Mit der Wendelstein-Seilbahn runter — das ist die faire Variante nach einem langen Aufstieg. Unten an der Talstation gibt es eine Bank in der Sonne. Kermit hängt am Rucksack, ich sitze daneben, beide schauen nichts an. Das ist der Moment, in dem man einfach mal fertig ist. Keine Eile mehr, die Bahn zurück kommt, der Körper rechnet ab. Gut so.

Von der Talstation dann zu Fuß zurück nach Osterhofen, Zug schnappen, zurück nach München. Der Hauptbahnhof empfängt einen abends wie immer: laut, vollständig unbeeindruckt davon, dass man gerade einen Berg bestiegen hat. Kermit auch. Aber das kennt man ja.


Das Zweite-Mal-Prinzip: Man weiß, wo es wehtut — und geht trotzdem hin. Diesmal sogar mit unerwartetem Gesprächspartner auf dem Lieblingsfelsen. Der Berg war derselbe. Der Tag war ein anderer.

Die vollständige Tour gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen

📍 Osterhofen · 🏁 Talstation Wendelsteinbahn · 📏 ca. 9,0 km · ⬆️ ca. 870 Hm · ⬇️ ca. 60 Hm (Seilbahn) · ⏱ ca. 4:00 h


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