Frühlingssonntag. Blauer Himmel über München, knapp zehn Grad, und das unwiderstehliche Gefühl, dass der Rucksack von alleine in die Hand springt. Der Taubenberg bei Warngau ist so eine klassische Hausberg-Alternative für alle, die keine Lust auf Stau auf der Inntalautobahn haben — knapp 45 Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof, aussteigen in Warngau, fertig. Kermit saß bereits auf dem Deckelfach des Rucksacks und schaute Richtung Süden. Er weiß, wann ein guter Tag kommt.
Warngau: Zwiebelturm und los
Der Zug spuckt einen in Warngau aus — und das erste, was man sieht, ist diese wuchtige Dorfkirche mit ihrem dunklen Zwiebelturm. Grauer Naturstein, rotes Dach, strahlend blauer Aprilhimmel dahinter. Ein klassisches Oberbayern-Bild, das man eigentlich auf eine Teedose drucken würde. Ich drückte stattdessen auf den Auslöser. Dann ging es los: raus aus dem Dorf, rein in den Wald, rauf auf den Taubenberg. Etwa 12 Kilometer und knapp 350 Höhenmeter lagen vor mir — gemütlich auf dem Papier, was sich im Wald noch bestätigen sollte.

Waldwichtel und Sonnenlicht

Der Weg führt bald in den Nadelwald, und dort passiert etwas Wunderbares: Der Lärm verschwindet vollständig. Nur Vogelgezwitscher, das Knacken von Ästen, und das gelegentliche Rascheln von Kermit im Rucksack — wobei Kermit natürlich nicht raschelt, er sitzt einfach still und genießt. Im Sonnenlicht, das schräg durch die Fichten fällt, entdeckte ich auf einem umgestürzten Baumstamm einen kleinen Waldwichtel. Keramik, spitzer Hut, ernstes Gesicht. Er schaute in den Wald, als ob er schon seit Jahren auf jemanden wartet. Ich fotografierte ihn aus der Froschperspektive. Das hätte Kermit gefallen.
Wenig später stand derselbe Wichtel — oder sein Bruder — auf einem moosbewachsenen Baumstumpf, diesmal von Weitem. Die Sonne schoss direkt durch die Baumkronen, Gegenlicht, Moos leuchtet sattgrün, der Wichtel schaut ins Nichts. Man fragt sich unwillkürlich, wer die hier hingestellt hat. Und ob er zurückkommt. Ich ließ ihn stehen.

Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn
Mitten im Wald taucht sie auf: die Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn. Klein, gepflegt, mit einem hölzernen Schindelvordach und einem goldenen Kreuz auf dem Türmchen. Vor der Tür stehen zwei rote Blumentöpfe. Jemand schaut hier nach ihr. Ringsum Wald und Stille — das ist die Art Ort, für die man eigentlich keine Wegbeschreibung braucht, sondern einfach irgendwann hineinläuft. Ich stand kurz davor, setzte mich dann auf die kleine Bank davor, aß einen Riegel und schaute auf die Kapelle. Kermit saß daneben und schaute auch. Wir sagten nichts. Das passte.

Der Weg danach führt weiter durch dichten Nadelwald bergauf. An einer Stelle zeigt sich, was der Winter hinterlassen hat: ein mächtiger Erdrutsch am Hang, der den Waldboden aufgerissen hat wie eine schlecht verheilte Wunde. Wurzeln stehen blank, der Boden ist aufgeschichtet wie Blätterteig. Beeindruckend und ein bisschen unheimlich. Ich machte ein Foto und ging weiter. Die Natur regelt das schon.


Aussichtsturm Taubenberg: Alpen satt
Oben angekommen belohnt der Taubenberg mit einer Aussicht, die für die vergleichsweise zahmen Höhenmeter eigentlich zu gut ist. Vom Aussichtsbereich reicht der Blick weit nach Süden: das Alpenvorland liegt flach und grün vor einem, dahinter schiebt sich die Bergkette ins Bild — Benediktenwand, Brauneck, weiter rechts die Zugspitze, noch mit ordentlich Schnee. Wolken ziehen über das Panorama, mal frei, mal verdeckt. Es war einer dieser Apriltage, an denen man nicht sicher ist, ob man Sonnencreme oder eine Regenjacke hätte einpacken sollen. Ich hatte beides nicht.
Oben war einiges los. Familien auf Decken, Kinder auf den Bänken, ein paar Wanderer mit ernsthafteren Stiefeln als ich. Ich setzte mich auf eine der verwitterten Holzbänke und ließ die Beine baumeln. Selfie-Pflicht. Die Sonnenbrille schützt die Augen — und kaschiert, wie zufrieden man gerade aussieht. Kermit hatte sich bereits den besten Aussichtspunkt gesichert und starrte gen Süden, den Mund leicht geöffnet. Ich weiß nicht genau, was er dachte. Wahrscheinlich: ‚Nicht schlecht für einen Sonntag.‘



Abstieg und Abschluss
Der Abstieg zurück nach Warngau führt durch offenes Gelände, vorbei an sattgrünen Wiesen, die schon richtig nach Frühling riechen. Unter einem kahlen Baum öffnet sich der Blick noch einmal weit nach Süden: links im Bild der Zwiebelturm von Warngau, dahinter das Voralpenland, ganz hinten die schneebedeckten Berge unter schweren Aprilwolken. Ein Bild, das man eigentlich gerahmt aufhängen würde. Ich rahmte es nicht, aber ich stand eine Weile und schaute. Kermit auch. Dann war die S-Bahn bald fällig, und wir trabten ins Dorf.

Manchmal braucht man keine Gipfel. Manchmal reichen ein Waldwichtel, eine stille Kapelle und ein grüner Frosch mit Panoramablick vollkommen aus.
📍 Warngau (S-Bahn ab München Hbf) · 🏁 Warngau · 📏 12,0 km · ⬆️ 350 Hm · ⬇️ 350 Hm · ⏱ ca. 3:30 h
Die vollständige Route gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen





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