Kurz nach sechs Uhr morgens, der Campingplatz noch im Tiefschlaf, und ich stehe bereits barfuß im Sand. Wer früh aufsteht, bekommt die Adria für sich allein — plus ein Lichtspektakel, das kein Instagram-Filter der Welt besser hinkriegen würde. Aber erst kommt der Strand, dann die große Stadt. Denn heute ist Venedig-Tag. Und Venedig, das ist keine Stadt, die man einfach abhakt. Die hat man schon gesehen, klar — und trotzdem zieht sie einen jedes Mal wieder rein wie ein sanfter Unterstrom. Kermit weiß das längst. Er hat heute Morgen seinen besten Platz im Rucksack reserviert.
Sonnenaufgang am Strand von Cavallino-Treporti
Der Plan war eigentlich simpel: kurz raus, kurz Sonne schauen, zurück ins Bett. Daraus wurde nichts. Wer einmal im August um kurz vor sieben am Beach Marina di Venezia steht, der geht so schnell nicht mehr weg. Der Sand noch kühl, das Licht schräg und goldfarben, das Wasser fast glatt. Keine lauten Familien, kein Traktoren-Surren vom Strandpflege-Fahrzeug — nur das leise Anlaufen der Wellen und ein Frosch im Rucksack, der nichts davon mitbekommt, weil er noch schläft.
Ich hab das Selfie gemacht, weil ich mir dachte: Das glaubt mir sonst keiner. Frühaufsteher-Beweisstück Nummer eins. Die Sonnenbrille sitzt, der Blick ist ernst. So sehe ich eben aus um diese Uhrzeit. Was will man machen.


Der Sonnenaufgang selbst war das, was man auf solchen Fotos nie ganz einfangen kann. Die Sonne hängt noch tief, wirft ein schmales goldenes Band übers Wasser, der Himmel wechselt minütlich von Grau zu Orange zu diesem zarten Blau, das man nur morgens kriegt. Wolken ziehen durch, ein paar Möwen. Weiter hinten am Horizont — kaum zu erkennen — die Silhouette von Venedig.
Ich stand da und dachte: Genau für solche Momente macht man das hier. Nicht für den Wasserpark, nicht für das mobile Home mit der wackeligen Klimaanlage — für genau das. Einen Sommer, der sich in diesem Jahr anders anfühlt als alle anderen, und trotzdem nach Meer riecht.
Gegen halb acht dann zurück zum Campingplatz. Die breiten Grasstreifen zwischen den Stellplätzen, die Wohnmobile noch mit geschlossenen Rollos, die Bäume im frühen Morgenlicht — alles hat so eine eigenartige Ruhe, die spätestens um neun wieder vorbei ist. Die Nachbarfamilie schläft noch. Kermit liegt immer noch auf meinem Bett und erwartet offensichtlich ein ausgiebiges Frühstück, bevor der Venedig-Tag beginnt.

Mittags — Mit der Fähre nach Venedig
Fährverbindung nach Venedig (Lido / San Marco)
Die Anreise nach Venedig vom Camping aus ist eigentlich das Angenehmste am ganzen Ausflug: Vom Fährterminal Punta Sabbioni aus geht es direkt übers Wasser. Kein Stau, kein Parkplatzsuchen, kein Schlendern durch Parkhäuser — einfach einsteigen, aufs Wasser schauen, ankommen. Und plötzlich ist da diese Silhouette, die man tausendmal auf Fotos gesehen hat, und trotzdem sitzt man im Boot und denkt: Ernsthaft jetzt.
Piazza San Marco: Tauben, Touristen und ein sehr entspannter Frosch
Die Piazza San Marco im August ist ungefähr das, was man erwartet: voll. Sehr voll. Gefühlt jeder zweite Mensch der Erde hat denselben Plan wie ich. Trotzdem — und das ist das Erstaunliche an diesem Platz — bleibt er beeindruckend. Der Markusdom mit seinen fünf Kuppeln und dem byzantinischen Mosaik-Wahnsinn an der Fassade, der schlanke Campanile der links ins Bild ragt, die Procuratie Vecchie und Nuove, die den Platz wie zwei lange Arme umfassen. Das ist keine Touristenfalle. Das ist echte, geballte Geschichte.

Mein Selfie vor der Basilika ist leider leicht unscharf geworden — der Dom im Hintergrund leider auch. Dafür stimmt das Lächeln. Ich war schon mal hier, aber diese Mischung aus übertriebenem Touristenrummel und echter Ehrfurcht vor dem Bau — die trifft einen jedes Mal neu. Der Himmel zog inzwischen etwas zu, die Wolken wurden dramatischer. Perfektes Stimmungslicht.
Dann kam Kermits großer Auftritt.
Ich hab Kermit auf dem Pflaster abgesetzt, Rucksack daneben, perfekter Bildaufbau: Frosch im Vordergrund, Campanile, Markusdom, dramatischer Gewitterhimmel. Und dann — ich schwöre, ich habe nichts inszeniert — stakste eine einzelne Taube von links ins Bild und stellte sich direkt neben ihn. Beide schauten in dieselbe Richtung. Ich bin mir nicht sicher, ob Kermit die Taube beeindruckt hat oder umgekehrt. Jedenfalls war die Tauben-Diplomatie erfolgreich. Beste Zufallskomposition des Urlaubs.


Das zweite Foto ohne Kermit — nur ich, Sonnenbrille, Campanile, Markusdom, Gewitterwolken. Der Turm ist mit seinen 99 Metern noch mal eine Ecke imposanter, wenn man direkt davor steht. Er stürzte 1902 ein und wurde originalgetreu wiederaufgebaut. Venezianer nennen ihn bis heute liebevoll ‚il padron di casa‘ — der Hausherr. Man versteht warum.
August 2020, Corona-Jahr. Venedig war voller Leute, aber nicht so voll wie sonst. Keine Kreuzfahrtschiffe im Hafen, weniger Tagestouristen. Irgendwie hatte die Stadt an diesem Tag eine leicht andere Stimmung. Ruhiger. Fast als würde sie durchatmen.
Durch die Kanäle: Venedig abseits des Trubels
Wer Venedig wirklich sehen will, muss irgendwann von der Piazza San Marco abbiegen und sich in die engen Gassen verlieren. Kein Plan, kein Navigationsgerät — einfach laufen. Und dann steht man plötzlich auf einer kleinen Brücke, schaut in einen stillen Seitenkanal, und die Zeit hört kurz auf zu ticken.
Die Häuser stehen so dicht, dass die Balkone auf beiden Seiten fast zusammenwachsen. Das Wasser ist dunkelgrün und still. Irgendwo tropft etwas. Eine Katze sitzt auf einer Fensterbank. Kermit schaut über meine Schulter und scheint das Panorama durchaus zu würdigen — immerhin ist er auch ein wassernähes Wesen.

Ponte di Rialto: Kermit übernimmt die beste Aussicht
Die Rialtobrücke ist das andere große Venedig-Symbol — und oben drauf geht es zu wie in einer Fußgängerzone an einem Samstagnachmittag. Alle wollen dasselbe Foto. Den Canal Grande, die Gondeln, die pastellfarbenen Häuserfassaden auf beiden Seiten. Ich auch. Kermit auch.

Ich hab Kermit auf die Brüstung gesetzt, und er hat einfach perfekt posiert. Blick auf den Canal Grande, Vaporetti die reinfahren, Gondeln die sich aneinander vorbeischieben, die Fassaden in warmen Ocker- und Rottönen — das war sein Moment. Ich hatte Mühe, auch noch drauf zu kommen.
Das Foto von unten, mit Kermit vor der Brückenöffnung, hat dann noch ein Tourist in der Nähe gemacht — nein, Quatsch, Stativ-Improvisation mit Rucksack auf Kanalrand. Kermit schaut dabei so aus, als würde er gleich eine Pressekonferenz geben.
Die Rialtobrücke besteht seit dem 16. Jahrhundert in ihrer heutigen steinernen Form — davor war es Holz, und davor noch weniger. Michelangelo und Palladio haben sich um den Auftrag beworben und verloren. Ein gewisser Antonio da Ponte hat gewonnen. Insofern passt der Name.
Was mich jedes Mal wieder überrascht: Wie viel Leben hier unten am Kanalufer ist. Restaurants, Boote, Händler. Venedig ist nicht nur Kulisse — es ist eine Stadt, die noch funktioniert.

18:07 Uhr — Venedig im Abendlicht: Kanäle, Herzen und ein langer Abend

Am späten Nachmittag hatte sich der Himmel etwas beruhigt, das Licht wurde wärmer. Wir — Kermit und ich — sind einfach weitergelaufen. Keine feste Route, kein Ziel. Das ist das Beste, was man in Venedig tun kann. Irgendwann landet man immer irgendwo, und irgendwo ist in Venedig meistens schön.
Dieser Kanal hier — breit, mit Booten links und rechts, Restaurants am Ufer, die Abendsonne auf dem Wasser — fühlte sich weniger nach Sehenswürdigkeit an und mehr nach echter Stadt. Menschen die heimkommen. Boote die ankern. Irgendwo kocht jemand.
Venedig hat auch Street Art. Nicht viel, aber sie ist da — und manchmal trifft sie einen überraschend. Ein geflügeltes Herz an einer abgeblätterten Fassade, roter Putz schimmert durch den Verputz, daneben unleserliche Tags. ‚Pray calm‘ steht darunter. In einem Jahr, das alles andere als ruhig war, hat mich das kurz stehenbleiben lassen.
Ich hab mich daneben gestellt. Baum-Pose. Weil man das halt macht.


Und dann — kurz nach acht — dieser Kanal im Sonnenuntergang. Die Wolken leuchten orange und violett, das Wasser spiegelt die warmen Farben der Hausfassaden, ein weißes Gerüst auf der rechten Seite stört theoretisch das Bild und interessiert mich praktisch überhaupt nicht. Venedig macht selbst aus Baustellenverkleidung noch gute Fotos.
Ich hab da einfach stehen müssen. Ein paar Minuten. Kermit im Rucksack. Das Rauschen der Stadt im Rücken. Den Tag im Kopf sortieren: Sonnenaufgang an der Adria, Fähre, Markusplatz, Tauben-Diplomatie, Rialtobrücke, Seitenkanäle, Abendlicht. Nicht schlecht für einen Montag.
An einer Säule an der Uferpromenade — Schachbrettmuster aus rosafarbenem und weißem Marmor, Lagune im Rücken — hab ich nochmal kurz gehalten. An der Säule jemand Herzen gesprüht. ‚Follow your dreams‘ steht da. Das klingt nach Kühlschrankmagnet, wirkt an dieser Stelle aber irgendwie aufrichtig.
Das Licht über der Lagune war inzwischen so weich und warm, dass man vergessen konnte, dass man seit dem frühen Morgen auf den Beinen ist. Spätabends dann die Fähre zurück nach Punta Sabbioni, Campingplatz, das vertraute Geräusch der Klimaanlage im Mobile Home. Und morgen? Morgen wird die Adria wieder auf uns warten.

Zurück auf dem Campingplatz, und natürlich landeten wir wieder im Calici e Mare. Es ist einfach zu praktisch, zu nett und die Küche zu gut, um woanders hinzugehen. Die Nachbarfamilie war schon da. Wir haben über Venedig geredet, über die Tauben, über Kermits Fotogenität. Der Abend lief so aus wie er sein sollte: mit Wein, mit Pasta, mit Menschen die man mag. Kermit saß auf dem Tisch und schaute zufrieden drein.
Venedig funktioniert nicht trotz der Massen — es funktioniert, weil man einfach irgendwann abbiegt. In eine Gasse, auf eine Brücke, an einen Kanal. Dann gehört es dir für einen Moment. Und ein Frosch, der neben einer Taube sitzt und nicht blinzelt, ist das beste Reisebegleiter-Foto, das man kriegen kann.




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