Venedig im August: Sonnenaufgang, Kanäle & Kermits Tauben-Diplomatie

Selfie mit Kermit auf einer Brücke über einen venezianischen Kanal

Venedig im August 2020. Die Welt war noch etwas wackelig, die Masken saßen im Gesicht statt in der Tasche, und trotzdem — oder vielleicht genau deswegen — war es einer dieser Tage, die man so schnell nicht vergisst. Kermit und ich hatten uns das schon länger vorgenommen: Camping an der Adria, Fähre rüber in die Lagunenstadt, einfach schauen was passiert. Was passiert ist? Ein Sonnenaufgang am fast leeren Strand, ein Markusplatz der sich trotz Touristen irgendwie groß angefühlt hat, und ein Sonnenuntergang über den Kanälen, der jeden Reiseführer überflüssig macht.


Morgens — Sonnenaufgang am Strand von Cavallino-Treporti

Frühaufsteher zu sein hat manchmal echte Vorteile. Um kurz nach sechs Uhr morgens stand ich barfuß im Sand des Beach Marina di Venezia und hatte diesen Strand fast für mich allein. Fast — Kermit war natürlich dabei, steckte aber noch sicher im Rucksack. Der Himmel über der Adria zog sich in Orange und Gold, das Licht fiel schräg über den feuchten Sand, und ich dachte: Für so einen Moment lohnt es sich, den Wecker auf halb sieben zu stellen. Auch wenn man eigentlich im Urlaub ist.

Das Licht lag goldgelb auf dem Wasser, eine feine Brise kam von See, und weiter hinten am Horizont konnte man schemenhaft die Silhouette einer kleinen Insel erkennen. Ich stand da, Schuhe in der Hand, und genoss das schlechte Gewissen nicht — denn die anderen schliefen noch. So soll Urlaub sein.

Zurück auf dem Village Camping Marina di Venezia zeigte sich der Platz von seiner ruhigsten Seite: Die breite Allee aus Laubbäumen warf Morgenschatten auf die Stellplätze, Wohnmobile standen dicht an dicht, Fahrräder lehnten gegen Markisen, und irgendwo brutzelte schon jemand Speck. Das klassische Camping-Morgenpanorama. Der Platz ist wirklich groß — fast schon eine eigene kleine Stadt. Mit allem was dazugehört: Supermarkt, Pools, direktem Strandzugang. Für eine Venedig-Basis kaum zu toppen.

🏨 Village Camping Marina di Venezia
Via Montello 6 · Cavallino-Treporti
🌐 marinadivenezia.it
📍Google Maps

Direkter Strandzugang, großzügige Stellplätze unter alten Bäumen, Pool und Supermarkt auf dem Gelände — und vor allem: die Fähre nach Venedig fährt quasi vor der Campingplatztür ab. Wer Venedig erleben will, ohne mitten im Touristenstrudel zu schlafen, macht hier nichts falsch.


Nachmittags — Mit der Fähre rüber nach Venedig

Von Punta Sabbioni legte die Fähre ab — vollbesetzt, wie man es im August erwarten darf. Masken auf, Blick aufs Wasser, und nach etwa 40 Minuten tauchte die Skyline Venedigs aus der Lagune auf. Ich war schon mal hier. Macht keinen Unterschied. Dieser erste Anblick haut einen jedes Mal um.

Die Piazza San Marco — ich weiß, ich weiß. Überlaufen, touristisch, teuer. Alles stimmt. Und trotzdem: Wenn man dort ankommt und die Basilika vor sich sieht, dieses gold-byzantinische Monstrum aus Mosaiken, Kuppeln und Marmor, dann versteht man sofort, warum alle hier herkommen. Der Markusdom ist schlicht unwirklich. Die fünf Portale mit ihren vergoldeten Mosaiken, die Pferde oben drauf — das sieht aus, als hätte jemand beschlossen, Pracht einfach bis zur Schmerzgrenze zu treiben. Und dann noch eine Schippe drauf.

Kermit hatte seinen großen Auftritt natürlich auf dem Markusplatz. Ich setzte ihn auf das Kopfsteinpflaster, der Campanile thronte im Hintergrund, der Himmel zog sich dramatisch grau zusammen — und dann kam eine Taube. Die stellte sich einfach dazu. Kermit registrierte das mit der stoischen Würde eines erfahrenen Reisenden. Ich glaube, die beiden haben sich kurz angeschaut und dann stillschweigend akzeptiert, dass Venedig groß genug für alle ist.

Der Campanile überragt alles. 98 Meter, knallroter Backstein, grüne Spitze. Daneben wirkt sogar der Dogenpalast klein. Der Wolkenhimmel über dem Platz machte an diesem Nachmittag ohnehin das Beste aus der Sache — dramatisches Licht, kein gnadenloser Sommerblendstrom. Fast cineastisch.

🏛️ Piazza San Marco
Piazza San Marco · Venedig
📍Google Maps

Ja, es ist voll. Ja, ein Espresso am Caffè Florian kostet mehr als ein Mittagessen anderswo. Aber die Piazza San Marco ist eines dieser Orte, die man einfach gesehen haben muss — und die einen trotz allem nie enttäuschen.

Weg vom Markusplatz, rein in die Gassen. Das ist das eigentliche Venedig. Enge Calli, an deren Wänden der Putz abblättert, Wäscheleinen von Fenster zu Fenster, und plötzlich öffnet sich ein kleiner Kanal — grünes, stilles Wasser, rosa-orangefarbene Fassaden, ein festgemachtes Boot. Kermit schaute von meinem Rucksack aus kommentarlos auf das Szenario. Ich glaube, er war beeindruckt. Ich auch.

Die Rialtobrücke — Venedigs berühmteste Brücke über den Canal Grande. Gebaut aus weißem Istrien-Stein, mit dem geschwungenen Bogen, den Arkaden und den kleinen Läden auf beiden Seiten. Kermit durfte oben drauf auf der Balustrade sitzen, den Canal Grande im Blick — Gondeln, Vaporetti, das bunte Treiben auf dem Wasser. Er wirkte zufrieden. Ich auch.

Unten, direkt am Ufer des Canal Grande, nochmal ein Foto mit Kermit und der Brücke im Rücken. Für diese Perspektive muss man sich etwas verrenken — die Touristenmassen oben auf der Brücke schauten mitleidig herunter auf den Mann, der seinen Plüschfrosch fotografiert. Ich habe das kommentarlos ignoriert und das Foto gemacht. Es ist gut geworden.

🏛️ Ponte di Rialto
Ponte di Rialto · Venedig
📍Google Maps

Die älteste Brücke über den Canal Grande — erbaut Ende des 16. Jahrhunderts, weiß, elegant und immer voll. Wer oben drauf steht und den Blick über den Canal Grande schweifen lässt, versteht sofort, warum Venedig Weltkulturerbe ist.


Abends — Durch die Gassen, ans Wasser, in den Sonnenuntergang

Je später der Nachmittag, desto angenehmer wurde Venedig. Die Tagestouristen zogen sich zurück, die Gassen leerten sich ein bisschen, und Kermit und ich streiften durch Viertel, in denen echte Venezianer wohnen — zumindest die wenigen, die es noch tut. An einem breiteren Kanal entdeckten wir eine Brücke mit weitem Blick: Kermit saß auf dem Geländer, ich lehnte daneben, und wir schauten gemeinsam dem Treiben zu. Ein Lieferboot tuckerte vorbei. Irgendwo roch es nach Knoblauch und Olivenöl. So soll das sein.

In einer Seitengasse entdeckte ich an einer baufälligen Hauswand ein geflügeltes Herz — pink auf grauem Putz, darunter stand ‚Pay Care‘. Ich blieb stehen, lehnte mich dagegen, Einbein-Pose, Arme verschränkt. Venedig hat eine eigentümliche Street-Art-Szene: Zwischen all dem historischen Glanz tauchen immer wieder kleine urbane Statements auf, die zeigen, dass hier eben auch echte Menschen leben — und manchmal auch echte Frust haben. Oder echte Gefühle. Oder beides.

An der Uferpromenade Richtung Westen — dort, wo die Lagune weit wird und der Blick zur Terraferma geht — lehnten wir uns an eine der alten Säulen. Jemand hatte Herzen draufgesprüht. ‚Follow your Dreams‘, stand da. Und ‚Piranha‘. Und ein paar Namen. Venedig als riesiges Gästebuch der Gefühle. Der Sonnenuntergang über der Lagune entschädigte für alles.

🍽️ Ristorante Calici e Mare
Venedig
📍Google Maps

Den Abend ließen wir im Ristorante Calici e Mare ausklingen — ein kleines Lokal, das dem Namen nach Gläser und Meer verspricht, und dieses Versprechen hält. Guter Wein, Meeresfrüchte wie sie sein sollen, und das angenehme Gefühl, einen richtig guten Tag hinter sich zu haben.

Das letzte Licht des Tages legte sich über die Kanäle wie flüssiges Gold. Orangerote Fassaden, das Wasser als Spiegel, der Himmel ein Drama aus Wolken und Farbe. Ich stand auf einer der kleinen Brücken, Kermit steckte wieder im Rucksack, und ich dachte: Das hier ist einer der Momente, für die man reist. Nicht für die Fotos — obwohl die gut wurden. Für das Gefühl, genau jetzt, genau hier zu stehen.

Spät abends fuhren wir mit der Fähre zurück nach Punta Sabbioni. Venedig verschwand langsam im Dunkeln hinter uns. Kermit schlief wahrscheinlich schon.


Venedig ist nicht trotz des Touristenrummels schön — es ist schön, obwohl man das eigentlich gar nicht mehr sagen darf. Aber wenn man morgens früh am Kanal steht, abends den Sonnenuntergang über den Fassaden sieht und zwischendrin einfach läuft, schaut und staunt: dann versteht man es wieder. Kermit versteht es sowieso.


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