September. Blauer Himmel, kein Wind, Temperaturen die einen fast vergessen lassen, dass der Herbst schon anklopft. Ich hatte noch kein Wochenende diesen Monat in den Bergen verbracht — das musste sich ändern. Der Spitzingsee liegt von München aus knapp eine Stunde entfernt, mit dem Auto ist man entspannt dort. Die Taubensteinbahn als Ausgangspunkt, oben irgendwo ein Panorama und vielleicht eine Hütte. Kermit saß already im Rucksack. Plan stand.
Morgens — Aufbruch am Spitzingsee und das erste Amphibien-Meeting
Kurz nach 9:00 Uhr — Parkplatz an der Taubensteinbahn, die Luft noch frisch, der Schatten angenehm kühl. Ich schnüre die Schuhe, Kermit schaut skeptisch aus dem Rucksack. Dann: erster Schritt auf den Weg, und schon fast draufgetreten.
Eine winzige Kröte. Daumennagelgroß, erdfarbig, absolut unbeeindruckt von meiner Schuhgröße. Ich hebe sie auf — sie sitzt da wie ein kleiner Stein auf meiner Handfläche und denkt vermutlich gar nichts. Drei Versuche später war sie immer noch keine Prinzessin. Und ich immer noch kein Prinz. Passt eigentlich.
Kermit beobachtet das Ganze vom Rucksack aus mit einer Miene, die ich als ‚professionelle Distanz zu Artgenossen‘ interpretiere.


Die kleine Kröte ist übrigens schon ein gutes Omen. Wer so einen Beginn hat, dem kann der Tag eigentlich nur gelingen. Ich setze sie behutsam ins Gras, schulter den Rucksack und marschiere los Richtung Bergstation. Die Wiesen glänzen noch feucht vom Morgentau, der Weg schlängelt sich durch lichten Wald aufwärts. Gut 700 Höhenmeter warten auf mich — aber erst mal einen Schritt nach dem anderen.
Mittags — Aufstieg, Schweiß und Almwiesen ohne Ende
Gegen 11:30 Uhr bin ich aus dem Wald raus — und dann trifft mich die Sonne mit voller Wucht. Kein Schatten mehr, dafür Panorama satt. Hinter mir taucht die Bergstation der Taubensteinbahn auf, davor öffnet sich das weite Almgelände rund um den Spitzingsee. Wer die Bahn nimmt, steigt hier aus und ist in fünf Minuten mitten in der Postkarte. Ich hab natürlich gelaufen. Weil ich das so wollte. Oder so ähnlich.
Etwa 5 km und knapp 700 Höhenmeter sind es bis hierher vom Tal — die Beine merken das, aber das Bild entschädigt. Richtung Süden öffnet sich das Tal mit geschwungenen Almhängen, durchzogen von einem schmalen Pfad der sich bis zu einer kleinen Hütte weit unten schlängelt. Dahinter: ein spitzer Gipfel — der Roßstein oder der Miesing, irgendwo zwischen Mangfall und Kaisergebirge, gut 30 Kilometer entfernt, messerscharf gegen den tiefblauen Himmel.


Ich stehe kurz, atme durch. Das Hemd klebt. Die Sonnenbrille beschlägt kurz, dann nicht mehr. Kermit guckt zufrieden über die Almwiesen — oder er hat einfach diesen einen Gesichtsausdruck. Ich mache zwei Selfies. Beim ersten lächle ich zu angestrengt. Beim zweiten schaue ich einfach. Besser.
Weiter geht es Richtung Taubenstein Panoramablick, dem eigentlichen Tagesziel. Der Weg bleibt gut zu gehen, die Almwiesen leuchten sattgrün, irgendwo klingeln Kuhglocken — das komplette Programm halt.
Nachmittags — Panorama, Hütte und der Blick der alles rechtfertigt
Die Bergstation der Taubensteinbahn liegt auf gut 1.560 Metern. Wer oben ankommt — egal ob mit Gondel oder auf eigenen Beinen — bekommt sofort verstanden, warum dieser Fleck so beliebt ist. Rundum Wiesen, rundum Berge. Direkt nebenan liegt eine Alm mit bunten Sonnenschirmen, die man schon von weit oben sieht. Kermit hält hier standhaft die Kaffeetasse, während ich mich für Käsespätzle entscheide. Weil es sich gehört. Und weil ich sie verdient habe.
Gegen 13:30 Uhr sitze ich auf der Terrasse, esse, trinke Kaffee und schaue ins Tal. Die Alm ist gut besucht — Familien, Wanderpaare, ein paar Radler die ihr Bike abstellen und erst mal trinken. Typisch Spitzingsee-Publikum: halb gemütlich, halb sportlich, alle gut gelaunt. Das Wetter macht das.
Vom Taubenstein Panoramablick aus geht der Blick weit nach Süden ins Leitzachtal hinein. Links die felsigen Flanken des Taubenstein selbst, rechts die sanften Almhänge über dem Spitzingsee. In der Tiefe liegt eine kleine Almhütte, umgeben von Lärchen die langsam ins Gelbe kippen — September eben. Ganz hinten, vielleicht 40 Kilometer entfernt, zeichnen sich die höheren Ketten des Kaisergebirges ab, zart und bläulich im Dunst.


Der Weg vom Panoramablick weiter oben hat noch mal gut 150 Höhenmeter — ich lasse sie mir Zeit. Der Pfad wird schmaler, das Gras trockener, der Blick weiter. Von hier oben sieht man die Alm unten wie ein Spielzeughaus zwischen den Wiesen. Die Seilbahn zieht ihre stillen Linien durch die Luft. Kermit schaut entspannt. Ich schwitze noch ein bisschen.
Das zweite Selfie von oben — Hütte im Rücken, Berge dahinter, Horizont voll Dunst — ist eigentlich schon das Bild des Tages. Man sieht: Ich bin zufrieden. Etwas verschwitzt, etwas sonnig, aber zufrieden. Kermit würde dasselbe sagen, wenn er könnte.


Hinter mir die Hütte mit den gelben Sonnenschirmen, vor mir Bergreihe um Bergreihe bis zum Horizont. Irgendwo da hinten ist Österreich. Oder zumindest fühlt es sich so an. Der Dunst legt sich weich über die Gipfel, macht aus dem Ganzen ein Aquarell. Nicht schlecht für einen Sonntag.
Abends — Abstieg zum Spitzingsee und ein stiller Abschluss
Gegen 16:30 Uhr bin ich wieder unten — Tal, Parkplatz, Spitzingsee. Der Abstieg war entspannt, rund 3 km über den gleichen Weg zurück, die Knie merken jeden Höhenmeter nach unten deutlicher als nach oben. Das ist so. Man gewöhnt sich nicht daran.
Ich laufe noch ein Stück am Seeufer entlang. Der Spitzingsee liegt ruhig da, das Wasser blau-grau, am Ufer wiegt sich hohes Schilf im leichten Wind. Ein Ruderboot zieht seine stille Spur über das Wasser. Im Vordergrund leuchten pinke Wildblumen, dahinter erhebt sich der Simetsberg steil und bewaldet, den Gipfelfelsen gerade noch im Nachmittagslicht. Gut 900 Meter misst er — von hier unten wirkt er mächtig.
Ich setze mich kurz auf eine Bank. Kermit sitzt neben mir. Keiner sagt was. Der See macht das besser.


Das Schilf am Nordufer raschelt. Der See spiegelt den letzten Nachmittagshimmel. In der Ferne der Sattel zwischen den Hängen, dahinter die Umrisse des Tals, das sich Richtung Schliersee öffnet. Ein Boot dreht gemächliche Runden. Irgendwann stehe ich auf, hole den Autoschlüssel raus und fahre nach München zurück.
Kröte, Käsespätzle, Panorama, See. Mehr braucht ein Sonntag nicht.
Ein Wochenende ohne Berge ist ein verlorenes Wochenende — und eine winzige Kröte am Wegesrand ist das beste Omen, das man kriegen kann.
📍 Taubensteinbahn Talstation · 🏁 Spitzingsee · 📏 ca. 10,0 km · ⬆️ 700 Hm · ⬇️ 700 Hm · ⏱ ca. 4:30 h




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