Sansibar: Wie ich spontan auf eine ostafrikanische Insel flog – und blieb

Kühe am weißen Sandstrand von Sansibar mit türkisblauem Meer im Hintergrund

Dezember 2017. Während der Rest der Welt Weihnachtsplätzchen backt und Glühwein trinkt, sitze ich in Sofia und warte auf meinen Flieger. Ziel: Sansibar. Warum Sansibar? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Ich wollte einfach hin. Kein großer Plan, keine ausgearbeitete Route, keine Liste mit Must-Sees. Einfach mal schauen, was passiert, wenn man spontan auf eine ostafrikanische Insel fliegt. Was dabei heraus kommt? Ein unverhofftes Weihnachtsfest im Dorf, Kühe als Strandnachbarn und die Erkenntnis, dass man manchmal viel zu viel Angst hat — und viel zu wenig riskiert.


Tag 1 — Reisetag: Sofia → Wien → Addis Abeba

18. Dezember, kurz vor 17 Uhr. Koffer gepackt, Reisepass griffbereit, und ab zum Flughafen Sofia. Der erste Abschnitt ist überschaubar: Sofia–Wien, knapp eine Stunde mit Austrian Airlines. Wien kenne ich. Wien mag ich. Wien ist aber nicht das Ziel.

Um 22:10 Uhr hebt die Maschine nach Addis Abeba ab — ab hier übernimmt Ethiopian Airlines. Acht Stunden Flug, und irgendwo über dem afrikanischen Kontinent schläft man schlecht und denkt zu viel nach. Standard-Langstrecke eben. Der Flughafen Wien bleibt die letzte vertraute Kulisse für eine Weile.


Tag 2 — Ankommen: Addis Abeba → Kilimanjaro → Sansibar

Zwischenstopp am Kilimanjaro

Kurz nach 10 Uhr startet die zweite Maschine von Addis Abeba Richtung Sansibar — mit einem Zwischenstopp am Kilimanjaro International Airport. Raus aus dem Flieger durfte ich nicht. Also: Nase an die Scheibe, Foto gemacht, innerlich geseufzt. Der Vorplatz war gepflegt, die Palmen standen ordentlich in der Gegend rum, und irgendwo dahinter, hinter Wolken versteckt, thront Afrikas höchster Berg. Gesehen habe ich ihn an diesem Tag nicht. Tansania macht halt von Anfang an klar, wer hier die Regeln bestimmt.

Endlich: Sansibar

Um 14:10 Uhr setzt die Maschine am Abeid Amani Karume International Airport auf. Fast 24 Stunden unterwegs. Und dann — dieser erste Atemzug warmer, feuchter Luft draußen vor dem Terminal. Afrika riecht anders. Gut anders.

Die Holzliegestühle unter den Palmen, das türkise Wasser dahinter — das erste Bild, das sich einbrennt. Kein Filter nötig. Das war einfach so. Direkt verliebt, wie man so sagt.

Das Zimmer im Sahari Zanzibar war dann nochmal eine Nummer für sich. Weißes Himmelbett, Moskitonetz, abgeblätterter Shabby-Chic-Charme — ich hätte hineingemalt werden wollen. Das Zimmer hat sofort klargemacht: Du bist nicht in einem Kettenhotel. Gut so.

🏨 Sahari Zanzibar
Bwejuu Beach · Zanzibar, Tanzania
🌐 saharizanzibar.com
📍Google Maps

Neun Nächte, Premium Single Room mit Meerblick. Die Anlage direkt am Strand von Bwejuu Beach war gepflegt, ruhig und hatte genau die richtige Portion Rustikalität. Nachts patrouillierten bewaffnete Wachleute durch die Anlage — Maschinengewehre inklusive. In den ersten Tagen hat mich das ehrlich gesagt mehr verunsichert als beruhigt. Rückblickend: völlig unnötig. Aber das lernt man eben erst mit der Zeit.


Tag 4 — Strandspaziergang in Bwejuu

An der Rezeption hatten sie mir unmissverständlich klar gemacht: Schlüssel hier lassen. Kamera hier lassen. Handy hier lassen. Geldbeutel hier lassen. Also stapfte ich quasi als wandelnde Nullnummer den Strand von Bwejuu entlang — und wartete innerlich auf das Schlimmste.

Bei Ebbe liegt der Strand von Bwejuu wie eine riesige weiße Wüste da. Das Wasser zieht sich weit zurück, ein einsames Fischerboot liegt schräg im Sand, Palmen säumen die Küste. Malerisch. Fast unwirklich ruhig.

Und dann kamen sie. Schnellen Schrittes, direkt auf mich zu. Locals, Massai — mein Herz machte kurz Pause. Echte Panik, kein Scherz. Was dann passierte: Die Kinder wollten Englisch üben. Die Massai wollten Souvenirs verkaufen. Alle waren einfach neugierig auf den blassen Typen, der allein den Strand entlang läuft. Ich war die Attraktion — nicht sie. Lektion gelernt: Angst ist oft ein schlechter Reisebegleiter.


Tag 6 — Sansibar wacht auf

Kurz vor fünf Uhr morgens. Keine Ahnung, was mich da rausgetrieben hat — aber ich stand am Strand und starrte ins Grau-Rosa des aufgehenden Himmels. Bewölkt, zugegeben. Kein Instagram-Sonnenaufgang mit Feuerwerk-Palette. Aber dieses gedämpfte Licht, das sich langsam über das türkise Wasser schiebt, das weiche Rauschen der Wellen, die völlige Stille — das war besser als jedes Postkartenbild. Manchmal ist das Unfertige das Schönste.


Tag 7 — Kopf aus, Sonnenbrille rauf

Heiligabend minus eins. Kein Stress, keine Geschenke, kein Glühwein. Stattdessen: Liegestuhl, Palme, Ozean. Der Plan für den Tag war ausgesprochen ambitioniert — gar nichts tun. Hat geklappt.

Beanie auf, Sonnenbrille drauf, Selfie gemacht. Ja, ich bin der Typ, der am tropischen Strand eine Mütze trägt. Fragen zwecklos.


Tag 8 — Weihnachten im Dorf: Mit Michelangelo nach Mchangani

25. Dezember. Weihnachten. Irgendwann in den Tagen davor hatte ich am Strand Michelangelo kennengelernt — privater Tourguide, auf Instagram zu finden, und einer dieser Menschen, mit denen man sich sofort stundenlang unterhalten kann. Über Sansibar, über das Leben hier, über das, was Reisen eigentlich bedeutet.

Ich hatte einen special request: Weihnachten, und ich wollte etwas Sinnvolles tun. Michelangelos Idee: Reis und Mehl für ein kleines Dorf kaufen, dazu Süßigkeiten für die Kinder. Gesagt, getan. Ein Sack Reis, ein Sack Mehl, jede Menge Bonbons — und ab in Richtung Mchangani.

Im Dorf angekommen war ich innerhalb von Sekunden umringt. Die Kinder haben mich von allen Seiten begutachtet — mit einer Gründlichkeit, die jeden Dermatologen neidisch machen würde. Die Frage schien zu sein: Ist der wirklich überall so weiß? Antwort: Ja. Leider ja.

Michelangelo verteilte Reis und Mehl an die Frauen, die mit ihren Schüsseln kamen. Die Kinder kriegten die Süßigkeiten. Die Freude war echt, direkt, überwältigend. Kein inszeniertes Charity-Foto-Shooting — einfach ein Weihnachtsmoment, wie er echter nicht sein könnte.

Eine der Frauen lud mich in ihre Hütte ein. Drinnen: Halbdunkel, ein Bett dessen Lattenrost aus geflochtenen Kokosfasern bestand — im Grunde eine Hängematte in Rechteckform. Sie versuchte mir zu erklären, wie das Leben hier so ist. Mein Suaheli hält sich in Grenzen. Ihres Englisch ebenfalls. Trotzdem haben wir uns verstanden. Oder zumindest so getan, als ob — was manchmal dasselbe ist.

Die Schreinerei von Mchangani

Gleich nebenan: eine offene Schreinerei unter Wellblechdach. Sägespäne überall, der Geruch von frischem Holz, und Männer, die mit Stechbeitel und Konzentration an Türen arbeiten, die Kunstwerke sind. Schwere Teakholztüren mit arabesken Schnitzereien, indischen Messingbeschlägen, Suaheli-Ornamenten. Jede ein Statussymbol, jede ein Schutzschild, jede von Hand erschaffen.

Ich hätte stundenlang zuschauen können. Diese Art von Handwerk — langsam, präzise, stolz — hat etwas Meditatives. Und man fragt sich unweigerlich: Wie viele Stunden stecken in dieser einen Tür?

Spice Farm und Weihnachtsessen bei Michelangelo

🎡 Tangawizi Spice Farm
Mchangani · Zanzibar, Tanzania
📍Google Maps

Weiter ging es zur Tangawizi Spice Farm. Hier wächst alles, was man sonst nur aus dem Gewürzregal kennt. Muskatnuss zum Beispiel — ich hatte sie bis dahin ausschließlich aus der kleinen Plastikdose mit dem Streulöchern gekannt. Die echte sieht ganz anders aus. Kleiner, fremder, intensiver.

Der Höhepunkt: Ein Mann klettert barfuß eine Kokospalme hinauf — in einem Tempo, das mich beschämt zurücklässt — und holt eine frische Kokosnuss runter. Strohhalm rein, Blätterkrone drauf, Foto gemacht. Die Kokosnuss war frisch und süß und nichts wie diese abgepackten Dinge aus dem Supermarkt.

Den Abend verbrachte ich bei Michelangelo zu Hause. Seine Familie hatte gekocht. Wir saßen auf dem Boden, aßen gemeinsam. Kein Tisch, kein Besteck, kein Restaurant-Ambiente. Nur echtes Essen, echte Menschen, echter Moment. Das beste Weihnachtsessen seit Jahren — und das sage ich als jemand, dem Weihnachten eigentlich wenig bedeutet.

Michelangelos Haus: einfaches Mauerwerk, blaues Blechdach, ringsum üppiges Grün. Bananenstauden, Cassava, Kokospalmen. Bescheidenheit, die nicht arm wirkt — sondern ruhig. Geerdet. Als würde alles genau so sein, wie es sein soll.


Tag 10 — Frühstück mit Meerblick und ungebetene Strandgäste

Das Frühstück am Strand — ein Ritual, das ich lieben gelernt habe

Ich frühstücke eigentlich nie. Wirklich nie. Zu Hause läuft morgens höchstens Kaffee, wenn überhaupt. Aber hier — hier war das anders. Jeden Morgen diese Holzterrasse direkt am Sand, das Meer fast zum Greifen nah, und ein Frühstück, das mich jedes Mal neu überzeugt hat, dass ich mein deutsches Morgenritual dringend überdenken muss.

Pancakes, ein kleines Kännchen Kaffee, frischer Orangensaft — natürlich frisch gepresst, nicht aus der Packung — und dazu Wassermelone, Mango, Papaya. Das Obst schmeckte intensiver als alles, was ich je aus einem deutschen Supermarkt gezogen hatte. So als hätte man das Früchte-Konzept neu erfunden. Die bambusverkleidete Windschutzwand hinter mir, der Indische Ozean vor mir. Sonnenbrille auf. Kaffee trinken. Nichts denken. Sehr empfehlenswert.

Nachmittags: Kühe am Strand

Nachmittag. Liegestuhl. Halbschlaf. Dann: seltsame Geräusche. Ich öffne ein Auge. Und dann das andere. Und dann stare ich ungläubig auf eine Kuh mit Kalb, die seelenruhig zwischen mir und dem Wasser vorbeitrabt. Mein erster Gedanke: WTF. Mein zweiter Gedanke: Ich mache ein Foto.

Auf Sansibar teilt man den Strand eben. Mit wem auch immer gerade vorbeikommt. Touristenbuchung hin oder her.

Abends: Die Hotelanlage im Abendlicht

Das Strandrestaurant des Sahari Zanzibar im Abendwind: Strohdach, weiße Wände, Palmen die sich biegen als würden sie tanzen. Milane kreisen lautlos über dem Gelände. Die ganze Anlage war wirklich toll — gepflegt, harmonisch, ohne die steril-perfekte Künstlichkeit mancher Resorts. Hier hat man das Gefühl, dass die Natur mitgeplant hat.


Tag 11 & 12 — Rückweg: Sansibar → Addis Abeba → Dschidda → Frankfurt → Sofia

28. Dezember, 15:40 Uhr. Die Maschine hebt ab. Unter mir wird das Blau des Indischen Ozeans kleiner. Ethiopian Airlines zurück nach Addis Abeba, dann weiter mit Lufthansa — Zwischenstopp in Dschidda, von dem ich ehrlich gesagt wenig mitbekommen habe, weil ich einfach geschlafen habe. Am 29. Dezember früh landet die Maschine in Frankfurt, und am frühen Nachmittag bin ich wieder in Sofia. Grau, kalt, vertraut.

Rückblickend auf die ganze Reise: Ich habe mir nichts vorgenommen und trotzdem das Beste erlebt. Oder vielleicht gerade deswegen. Die ersten Tage habe ich mich kaum aus der Hotelanlage herausgetraut — Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden, dem Unberechenbaren. Was für eine Verschwendung. Michelangelo, das Dorf, die Spice Farm, das Weihnachtsessen auf dem Boden — all das wäre beinahe nicht passiert. Einzige Lehre, die ich mitgenommen habe: öfter raus, öfter riskieren, weniger Angst.

Man sollte nur selten Angst haben und einfach mehr riskieren. Sansibar hat mir das gezeigt — und ich hab’s fast verpasst.


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