Kolbensattel: 650 Höhenmeter, eine Hütte und kein Schritt weiter

Nadelwald am Kolbensattel mit Sonnenstrahlen zwischen schlanken Fichtenstämmen im Herbst

Oktober 2018. Der Himmel über München war an diesem Freitagmorgen so blau, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man drinbleibt. Eine Freundin — deren Namen wir hier diskret verschweigen — hatte am Vorabend die glorreiche Idee gehabt: Kolbensattel bei Oberammergau. Klingt machbar. Klingt nach einem entspannten Herbsttag in den Voralpen. Spoiler: Es war beides, nur nicht ganz in der Reihenfolge, die wir uns vorgestellt hatten. Mit dem Zug vom Hauptbahnhof nach Murnau, Umstieg, weiter nach Oberammergau — das war der Plan. Und der hat zumindest schon mal geklappt.


Ankunft in Oberammergau und der Ernst der Lage

Wer nach Oberammergau kommt und noch nicht gefrühstückt hat, dem sei der Edeka wärmstens empfohlen. Erste Amtshandlung: Proviant kaufen. Wasser, Brot, irgendwas Süßes für den Notfall. Der Notfall sollte kommen, aber das wussten wir noch nicht. Oberammergau im Oktober ist ein Traum — goldenes Laub, kaum Touristen mehr, die Luft riecht nach Holz und Herbst. Man schlendert durch den Ort, schaut sich kurz um und denkt: eigentlich könnte man auch einfach hier bleiben. Aber nein. Wir wollten rauf.

Aufstieg: Es geht rauf. Ernsthaft.

Es geht rauf. Das klingt selbstverständlich bei einer Bergwanderung, aber beim Kolbensattel meint man das wirklich ernst. Kein sanftes Eingewöhnen, kein gemütliches Warmwerden — der Weg legt direkt los. Rund 650 Höhenmeter über etwa 4,5 Kilometer, und der Wald macht dabei keine Witze. Die ersten Blicke zurück ins Tal lohnen sich trotzdem. Von hier oben sieht man Oberammergau schon deutlich kleiner werden — Kirchturm, Häuserdächer, die grünen Wiesen drumherum. Im Hintergrund der Ammergauer Alpenrand, der sich im morgendlichen Dunst auflöst. Schön. Wirklich schön. Die Beine hatten da noch nichts dagegen einzuwenden.

Entlang des Kolbenbachs zieht sich der Weg durch dichten Mischwald. Der Bach macht dabei genau das, was man von einem ordentlichen Gebirgsbach erwartet: er plätschert über moosbedeckte Felsbrocken, rauscht durch enge Stellen und sieht dabei immer aus, als wäre er direkt für eine Postkarte arrangiert worden. Man vergisst kurz, dass man eigentlich gerade schwer atmet und sich fragt, warum man die Hüfttasche mit Proviant vollgepackt hat wie für eine Nordpolarexpedition.


Kolbensattelhütte: Endstation, aber die richtige

🏔️ Kolbensattelhütte
Kolbensattel · 82487 Oberammergau
📍Google Maps

Und dann: die Hütte. Die Kolbensattelhütte liegt auf rund 1270 Metern und ist genau der richtige Ort, um festzustellen, dass man heute keinen Schritt mehr weitergeht. Meine Begleiterin hatte das bereits lautstark kommuniziert. Ich hatte beschlossen, ihr zuzustimmen — aus Solidarität, nicht weil mir die Beine brannten. Natürlich nicht.

Die Hütte selbst ist aus hellem Holz, frisch und einladend — die Sonne trifft die Fassade am Nachmittag genau so, dass man am liebsten ewig auf der Bank sitzen bleibt. Das Wetter hatte bis hierher mitgespielt: strahlend blauer Himmel, kaum Wind, dieser typische Oktoberduft nach Holz und trockenen Blättern. An den Tischen draußen saß man im T-Shirt. Im Oktober. In den Alpen. Man darf das ruhig kurz genießen.

Wir haben uns an einen Tisch gesetzt, Brotzeit ausgepackt — den mitgebrachten Proviant vom Edeka, der sich jetzt endlich als gute Investition erwies — und Kaffee bestellt. Heiß, stark, in ordentlichen Tassen. Genau richtig nach einem Aufstieg, der einem das Gefühl gibt, man hätte eigentlich viel früher damit aufhören sollen. An einem der Nachbartische saß eine Familie aus NRW, die mit ihren Kindern gerade die Region erkundet hat. Nette Leute, entspannte Atmosphäre. Die Kinder rannten zwischen den Bänken herum, die Eltern tranken Radler und schauten ins Tal. So soll das sein.


Abstieg und goldenes Licht

Irgendwann gegen 17 Uhr mussten wir los — der letzte Zug wartet auf niemanden, auch nicht auf erschöpfte Münchner mit zu vollem Rucksack. Der Abstieg hatte dann noch ein Geschenk parat: Die Abendsonne stand tief und warf ihr Licht durch die schlanken Fichtenstämme, dass man kurz das Gefühl hatte, durch einen Filmset zu laufen. Goldene Balken zwischen dunklem Grün. Ich habe das Foto gemacht und sofort gewusst: das ist der Schlussbild-Moment des Tages.

Kurz vor Oberammergau noch ein letzter Blick zurück ins Tal. Von hier oben sieht man das Dorf im warmen Abendlicht liegen — die ersten Lichter gehen an, der Kirchturm sticht heraus, im Hintergrund die Bergsilhouetten in Dunkelblau gestaffelt bis zum Horizont. Man sieht von hier aus bestimmt 20, 25 Kilometer weit ins Voralpenland. Dann Bahnhof, Zug, um 18 Uhr Abfahrt. München kurz nach 20 Uhr. Beine weg, aber zufrieden.


Ich wohne quasi nebenan — und muss mir erst von einer Freundin sagen lassen, dass ich rausgehen soll. Das Gold liegt vor der Haustür. Man muss nur mal losgehen.

📍 München Hbf · 🏁 Kolbensattelhütte (Oberammergau) · 📏 ca. 9,0 km · ⬆️ 650 Hm · ⬇️ 650 Hm · ⏱ ca. 4:30 h


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