November. Kalt genug für eine Mütze, warm genug um die Mütze nach zehn Minuten wieder in den Rucksack zu stecken. Der Himmel über dem Isartal zeigt sich an diesem Sonntag von seiner besten Seite — tiefes Blau, ein paar Schleierwolken, Kondensstreifen als Dekoration obendrauf. Eigentlich kein Tag zum Zuhausebleiben. Also nicht. Kermit sitzt bereits im Rucksack und schaut skeptisch. Er schaut immer skeptisch. Das täuscht.
Mit dem Auto geht es von München aus in etwa 30 Minuten nach Schäftlarn — Autobahn Richtung Garmisch, Ausfahrt Wolfratshausen, dann dem Isartal folgen. Parkplatz am Brückenfischer, kurz durchatmen, los.
Am Kiesufer der Isar
Der Parkplatz am Brückenfischer liegt direkt an der Isar. Keine fünf Minuten nach dem Start stehe ich auf einem weiten Kiesbett, das sich den Fluss entlangzieht wie ein grauer Teppich. Die Isar macht hier was sie will — breite Schotterbänke, dazwischen türkisgrünes Wasser, dahinter dichte Fichten. Der Blick geht flussaufwärts, vielleicht zwei-, dreihundert Meter weit, bevor die Isar hinter einer Biegung verschwindet. Kein Mensch weit und breit. Nur das Rauschen. Kermit hätte das sicher gefallen — er sitzt allerdings noch tief im Rucksack und schläft.


Pflichtprogramm: Selfie am Fluss. Das Ergebnis ist ein Foto, auf dem ich aussehe wie jemand, der gerade sehr über seinen Lebensunterhalt nachdenkt. Dabei denke ich an gar nichts. Das ist der Punkt. Das Isartal bei Schäftlarn hat diese Qualität — nach zehn Minuten ist der Kopf leer. Manchmal braucht es keine Berge dafür. Manchmal reicht ein breites Kiesbett und ein grüner Fluss.
Steinmandln und Fußgängerbrücke Aumühle
Etwas weiter flussabwärts haben fleißige Unbekannte die Kieselsteine zu kleinen Steinmandln aufgeschichtet. Fünf, sechs Türmchen stehen direkt am Uferrand, dahinter ein gestürzter Baumstamm der halb im Wasser liegt. Jemand hatte hier Zeit und Muße. Ich versteh das. An diesem Ufer kann man stundenlang Steine stapeln ohne das Gefühl zu haben, die Zeit zu verschwenden. Nach etwa 2 km entlang des Flussufers erreiche ich die Fußgängerbrücke Aumühle — eine schmale Hängebrücke, die leicht wippt wenn man drübergeht. Kermit findet das aufregend. Er fällt fast raus.

Ickinger Wehr und zurück ans Ufer

Weiter geht es am Westufer flussaufwärts Richtung Ickinger Wehr. Das Wasser ist an diesem Novembertag erstaunlich klar — türkisgrün, fast wie im Sommer. Eine alte Fichte hängt schräg über den Fluss, als hätte sie irgendwann einfach beschlossen, dass senkrecht ihr zu anstrengend ist. Ich versteh die Fichte. Der Weg führt jetzt auf rund 600 Metern Höhe durch lockeren Auwald, insgesamt etwa 3,5 km vom Start. Höhenmeter gibt es hier kaum — das Isartal ist flach, der Untergrund mal weich, mal steinig.
Weiße Wand: der Aussichtspunkt über dem Isartal
Jetzt wird es interessant. Der Weg verlässt das Ufer und steigt über einen Waldpfad hinauf zur sogenannten Weißen Wand — einem Felsvorsprung hoch über dem Isartal. Rund 80 Höhenmeter geht es rauf, steil genug um kurz warm zu werden, aber kurz genug um nicht zu leiden. Oben angekommen: großes Kino.
Von der Weißen Wand geht der Blick weit nach Süden. Direkt unter mir das grüne Isarband, das sich durch das breite Talsystem schlängelt — links und rechts davon dichter Nadelwald, soweit das Auge reicht. Und dann, ganz hinten am Horizont: die Alpen. Nicht als mächtiger Gebirgsriegel, sondern als zarte blaue Silhouette — von der Zugspitze über das Karwendel bis ins Mangfallgebirge. 30, 40 Kilometer Luftlinie. An klaren Novembertagen wie diesem ist diese Aussicht fast unfair schön für so wenig Aufwand. Kermit schaut auch. Er sagt nichts. Er schaut einfach.


Drei Fotos von fast derselben Stelle. Weil der Blick so gut ist. Ich kann das rechtfertigen. Das Licht verändert sich minimal zwischen den Aufnahmen, die Schleierwolken verschieben sich, das Isarband leuchtet anders. Außerdem hilft es, wenn man eine Weile stehenbleibt und einfach schaut — ohne sofort weiterzumüssen. Das Isartal von oben sieht aus wie ein ordentlich aufgeräumtes Diorama. Isar in der Mitte, Wald drumherum, Berge hinten. Fertig. Perfekt.
Das dritte Panorama von der Weißen Wand — und das beste. Hier sieht man wie sich das Isartal nach Süden öffnet, die Kiesbänke schimmern von oben fast weiß in der Novembersonne. Am Horizont zieht sich die Alpenkette von links nach rechts durch das Bild, die Karwendelspitzen und weiter westlich die Zugspitzmassiv-Silhouette klar erkennbar. Dazwischen: nur Wald, Stille und ein kleiner grüner Frosch im Rucksack.

Kloster Schäftlarn: Einkehr nach dem Abstieg
🌐 kloster-schaeftlarn.de
Der Abstieg von der Weißen Wand führt direkt zurück zum Kloster Schäftlarn — und damit zur naheliegendsten Entscheidung des Tages: Einkehr. Das Klostergasthof-Wirtshaus ist an diesem Novembervormittag gut besetzt, aber nicht überfüllt. Hauptsächlich ältere Paare, ein paar Familien, jemand mit Hund. Die Atmosphäre ist genau richtig: warm, ein bisschen nach altem Holz riechend, Stimmengemurmel, Besteckklappern.
Ich bestelle einen Schweinsbraten mit Knödel und Krautsalat — kein Experiment, aber an solchen Tagen will man kein Experiment. Man will Schweinsbraten. Der kommt schnell, ist saftig, der Knödel ordentlich. Kermit hält derweil professionell die Kaffeetasse fest, die danach kommt. Ein großer Brauner. Ich denke kurz darüber nach, ob man eigentlich zu früh im Jahr für diese Art von Tag sein kann — Isar, Aussicht, Klosterwirtschaft, Kaffee. Nein. Kann man nicht.
Fazit
Knapp 10 km, kaum Höhenmeter, ein breites Isarkiesbett, eine Aussicht die sich nicht zu schämen braucht, und ein Klosterwirtshaus am Ende. Das Schäftlarn-Rund ist kein Abenteuer. Es ist etwas Besseres: es ist verlässlich schön. Und verlässlich schön ist im November genau das Richtige.
‚Manchmal reicht ein Fluss, ein Felsvorsprung und ein Schweinsbraten. Manchmal ist das alles.‘
📍 Parkplatz Brückenfischer Schäftlarn · 🏁 Parkplatz Brückenfischer Schäftlarn · 📏 10,2 km · ⬆️ 150 Hm · ⬇️ 150 Hm · ⏱ ca. 3:00 h
Die vollständige Route gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen





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