Höllentalklamm: Von der Gondel durch die wildeste Schlucht Bayerns

Almhütten bei Hammersbach mit Alpenpanorama und blauem Himmel

Manchmal reicht ein Samstag. Einfach ins Auto, eine Stunde Richtung Süden, und schon steht man in Garmisch-Partenkirchen und schaut hoch zu Felsen, die einem freundlich mitteilen: Heute wird es anstrengend. Das Wetter im Juni 2018 spielte mit — blauer Himmel, ein paar Quellwolken, sommerliche Temperaturen im Tal. Ich hatte die Alpspitzbahn im Sinn, die Höllentalklamm und irgendwo dazwischen die Höllentalangerhütte. Kein großer Plan. Einfach rein ins Höllental und schauen, was passiert.

Alpspitzbahn: Mit der Gondel hoch, damit die Beine nicht gleich streiken

Mit dem Auto von München nach Garmisch-Partenkirchen — knapp eine Stunde, wenn man früh genug losfährt und die A95 noch leer ist. An der Alpspitzbahn-Talstation dann kurz angestellt, Ticket gekauft, und schon schwebt man in der Gondel nach oben. Rund 1.200 Höhenmeter in wenigen Minuten — das ist die ehrlichste Abkürzung der Alpen. Oben auf dem Osterfelderkopf auf etwa 2.050 Metern empfängt einen erstmal frische Luft und ein Panorama, das man erst kurz für einen Witz hält. Nach Süden hin der Zugspitzmassiv, nach Norden das Isartal, irgendwo weit draußen schon die bayerische Hügellandschaft. Weit, weit, weit.

Alpspix: Stahl, Glas und Nichts unter den Füßen

🏔️ Alpspix
Osterfelderkopf · 82467 Garmisch-Partenkirchen
📍Google Maps

Die Alpspix ist eine X-förmige Aussichtsplattform, die frech aus dem Felsen ragt — Stahlkonstruktion, Glasgeländer, und darunter: einfach mal ein paar hundert Meter Luft. Wer keine Probleme mit Höhe hat, ist hier richtig. Wer doch Probleme hat, ist ebenfalls hier richtig, weil die Aussicht jeden inneren Schweinehund überwältigt. Nach Osten blickt man ins Höllental, nach Westen auf die Zugspitze. Klarer Sommertag, kein Dunst. Ich hab ein Selfie gemacht und gedacht: das wird der beste Schreibtischtapete meines Lebens.

Abstieg ins Höllental: Wo die Felsen anfangen, Ernst zu machen

Vom Osterfelderkopf geht es zu Fuß hinunter ins Höllental — ein Abstieg, der schnell klar macht, warum das Tal seinen Namen verdient hat. Der Weg führt zunächst durch eine felsige Hochfläche, dann immer steiler in den Kessel hinein. Schon nach wenigen Minuten öffnet sich der Blick nach Süden auf die Zugspitzgruppe — weißes Gestein, Schneefelder im Juni, darüber strahlend blauer Himmel. Rund 700 Höhenmeter liegen zwischen mir und dem Talboden. Die Beine merken das. Der Kopf ist trotzdem zu beschäftigt mit Schauen, um sich zu beschweren.

Hier oben versteht man, was Alpen bedeutet. Kein sanftes Hügelland, kein freundliches Mittelgebirge. Graue Kalkwände, die senkrecht aus dem Boden wachsen. Der Felskessel des Höllentals ist ein Amphitheater aus Stein, und im Hintergrund thront die Zugspitze mit ihren 2.962 Metern — im Juni noch bis weit unten verschneit. Der Weg windet sich durch diese Kulisse wie ein Faden durch ein Nadelöhr. Etwa 4 Kilometer liegen zwischen Alpspitzbahn und Höllentalangerhütte, aber die fühlen sich wie zehn an.

Weiter unten, wo das Höllental sich zur eigentlichen Klamm verengt, gibt es diesen einen Moment: Man dreht sich um, schaut zurück durchs Felstor — und da liegt Garmisch-Partenkirchen. Klein. Weit weg. Das Inntal öffnet sich, dahinter die flachen bayerischen Voralpen, und noch weiter hinten, kaum erkennbar, der Dunst Richtung München. Unglaublich, wie nah das alles ist — und wie weit entfernt es gleichzeitig wirkt.

Zwischen den Latschenkiefern — diesen zähen, bodennahen Bergkiefern, die sich in jeden Felsspalt zwängen — blitzt immer wieder das Tal durch. Garmisch liegt da unten wie ein Spielzeugdorf. Die Zugspitzbahn-Talstation irgendwo in der Fläche, die Loisach als helles Band. Man ist keine zwei Stunden von der Stadt entfernt und fühlt sich trotzdem wie am Ende der Welt. Das ist das Schöne daran.

Die Klamm: Eng, nass, und komplett großartig

Dann kommt die Höllentalklamm selbst. Der Weg führt durch in den Fels gesprengte Tunnels und über schmale Stege, direkt am Wasser entlang. Die Schlucht ist eng — manchmal kaum drei Meter breit, die Felswände ragen zwanzig, dreißig Meter senkrecht hoch. Das Wasser des Hammersbach donnert hier unten, die Luft ist kühl und feucht. Perfekt an einem heißen Junitag. Weniger perfekt für die Kameralinse, die beschlägt, sobald man sie rausholt.

Kleine Wasserfälle stürzen von den Seiten herein, manche direkt auf den Weg. Der Lärm ist konstant, das Rauschen überwältigend. Man führt hier kein Gespräch in normaler Lautstärke. Dafür schaut man auch ständig nach oben — die Felswände scheinen sich über einem zu schließen, und irgendwo ganz oben ist noch ein schmaler Streifen Himmel. Blau. Und schön.

Der Blick nach oben in der Klamm ist schlicht surreal. Die Felswand steigt gefühlt endlos auf, dünnes Wasser läuft an ihr herab, und oben — da ist noch Baum und Himmel. Es ist einer dieser Momente, in dem man merkt, wie klein man eigentlich ist. Nicht auf eine deprimierende Art. Eher auf die gute Art.

Höllentalangerhütte: Brotzeit, Bier und ein gelbes Schild mit klaren Prioritäten

🏔️ Höllentalangerhütte
Höllental · 82467 Garmisch-Partenkirchen
🌐 hoellentalangerhuette.de
📍Google Maps

Am Ende der Klamm, auf 1.387 Metern, steht die Höllentalangerhütte — und ein gelber Wegweiser, der die Prioritäten des Lebens auf den Punkt bringt: ‚Tagesgäste‘, ‚Terrasse & Ausblick‘, ‚Getränke & Brotzeit‘. Alle 1 Minute entfernt. Besser kann man einen Wanderer nicht empfangen.

Die Hütte selbst ist DAV-Sektion München, solide, freundlich, unkompliziert. Ich hab mir eine Brotzeit bestellt — Käse, Wurst, Brot, das volle Programm — dazu eine Apfelschorle, weil es noch früh war und der Abstieg noch vor mir lag. Die Terrasse ist gut besetzt an so einem Junitag. Wanderer, Bergsteiger, ein paar Kletterer mit Seilzeug am Rucksack, die offensichtlich noch höher wollten. Ich nicht. Mir reichte der Blick aus der Hütte — nach hinten in den Felskessel, nach vorne ins Tal. Gebt mir das, eine Brotzeit und Ruhe. Mehr braucht der Mensch nicht.

Schnee im Juni: Die Klamm hat ihren eigenen Kalender

Kurz vor der Hütte — und auch noch ein Stück dahinter — liegt noch Schnee. Im Juni. Nicht als dünne Schicht, sondern als ordentliche Schneemassen, die sich zwischen die Felsen gezwängt haben und dort einfach liegen bleiben, weil die Sonne kaum reinkommt. Ein mächtiger Schneebogen überspannt den Bach, darunter rauscht das Schmelzwasser. Das sieht aus wie eine Naturbrücke und hat dieselbe kurze Halbwertszeit.

Noch eindrücklicher: ein riesiger Eisblock, der in einem Felsschlund klemmt wie ein gestrandeter Eisberg. Das Eis ist weiß und kompakt, von oben hängen Ästchen heraus, unter ihm tropft und rieselt es. In wenigen Wochen wird das weg sein. Jetzt, Mitte Juni, ist es noch da und sieht aus wie eine Skulptur, die jemand absichtlich hier aufgestellt hat. Hat er nicht. Das macht die Natur einfach so.

Selfie vor dem Schneefeld, weil man das einfach machen muss. Ich bin verschwitzt, die Sonne brennt, und trotzdem stehe ich vor einer Wand aus Altschnee. Der Junitag im Höllental hat eben seine eigenen Regeln.

Abstieg über Hammersbach: Raus aus der Hölle, rein ins Postkartenbild

Der Abstieg über Hammersbach ist der sanfte Ausklang nach allem. Der Weg führt durchs Tal, vorbei am Bach, durch Wiesen. Und dann: dieser Blick. Alte Almhütten mit dunklen Holzbalken und rotbraunen Dächern, dahinter die scharfen Gipfel des Waxenstein, und links im Hintergrund der mächtige Umriss der Zugspitzgruppe. Sommerwolken darüber, satt und weiß. Das ist Bayern. Das ist der Moment, für den man morgens früh aufsteht. Die Beine sind müde, der Kopf ist voll, und dieser Blick ist der perfekte Schlusspunkt.


Das Höllental ist kein Spaziergang — aber es ist auch kein Alptraum. Es ist genau das Richtige: ein Stück echter Berg, eine Stunde von München entfernt, mit Wasserfall, Schnee im Juni, einer vernünftigen Brotzeit auf der Hütte und einem Ausblick, der einen daran erinnert, warum man überhaupt rausgeht.

📍 Alpspitzbahn Garmisch · 🏁 Hammersbach · 📏 ca. 10,0 km · ⬆️ 350 Hm · ⬇️ 1.550 Hm · ⏱ ca. 5:00 h


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