Heimgarten & Herzogstand: 1.000 Höhenmeter, ein Sandwich und Kermit

Blick von der Herzogstandbahn auf den türkisfarbenen Walchensee und die Alpen

Kurz vor dem Start ins Wochenende noch schnell den Rucksack gepackt, Kermit verstaut, Auto-Schlüssel vom Carsharing gegriffen. Das Ziel: Walchensee, Talstation Herzogstandbahn, und dann hoch. Schon im Sommer 2020 war ich hier mal dran geschnuppert — jetzt sollte die Vollversion her. Heimgarten, Gratweg, Herzogstand, Seilbahn runter. Klingt nach einem Plan. Der Himmel über München war beim Losfahren schon makellos blau, die Autobahn angenehm leer um diese Zeit. Gut so.


Talstation und Aufstieg durch den Wald

An der Talstation der Herzogstandbahn kurz orientiert, dann los. Der Weg startet harmlos — Waldpfad, Schatten, der Boden noch feucht vom Morgentau. Nach wenigen Minuten kreuzt man einen kleinen Bach, steiniges Bett, das Wasser klar und flach. Genau das richtige Bild für kurz nach halb zehn. Kermit im Rucksack, ich davor, der Tag noch jung.

Kurz vor 11 Uhr reißt der Wald das erste Mal auf. Gegenüber der felsige Nordhang, gegenläufige Rinnen im Kalkstein, dazwischen dunkler Nadelwald. Irgendwo da oben — noch gut versteckt — wartet der Heimgarten. Erster echter Aufstieg, rund 4,5 Kilometer seit dem Start, die Höhenmeter sind bereits deutlich spürbar. Ich merke, dass das hier kein gemütlicher Spaziergang wird. War aber auch nicht die Erwartung.


Erster Blick auf den Walchensee

Dann plötzlich: Walchensee. Der liegt einfach da unten, türkisblau, von Wald eingerahmt, dahinter Schichten von Bergrücken die sich Richtung Österreich staffeln. Kondensstreifen im Himmel, sonst nichts. Ich bin verschwitzt, die Sonne brennt bereits ordentlich, und ich stehe hier und mache ein Selfie. Kermit schaut über meine Schulter — gleichgültig, wie immer, was mir etwas neidisch macht.

Vier Minuten später das nächste Foto. Ich muss kurz gestanden haben, denn der Heimgarten zeigt sich jetzt von seiner demonstrativsten Seite: perfekt kegelförmig, rundum bewaldet, eine kleine Hütte irgendwo am Hang erkennbar. Sieht von hier aus überschaubar aus. Ist es nicht. Das weiß ich zu dem Zeitpunkt bereits, weil meine Beine mir das gerade signalisieren.

Am Wegweiser kurz nachgeschaut, wo man eigentlich gerade ist. Der Gratweg zwischen Herzogstand und Heimgarten liegt bereits hinter mir, der Heimgarten ist noch 1¼ Stunden entfernt laut Schild — und der Herzogstand nochmal 3¼ Stunden. Das sind Zahlen, über die ich kurz nachdenke. Dann weitergehen.

Eine Minute nach dem Wegweiser dann dieser Blick: der Walchensee liegt jetzt direkt unter einem, der Weg führt über eine Almwiese, links und rechts öffnet sich das Tal. Der See schimmert blaugrün zwischen den Hängen, dahinter Kette um Kette von Gipfeln bis weit in den Dunst — Richtung Karwendel vermutlich, vielleicht noch weiter. Ich zähle mindestens sechs Bergrücken bevor die Kontraste zu grau werden um sie zu unterscheiden. September-Licht um diese Zeit, das Beste was es gibt.


Heimgarten-Gipfel und das Brotzeit-Sandwich

Kurz vor Mittag ist der Heimgarten-Gipfel erreicht — 1.790 Meter, rund 1.000 Höhenmeter seit dem Start. Der Blick nach Osten: der Walchensee jetzt von oben, die Insel Sassau gut erkennbar, rechts die lange bewaldete Flanke des Herzogstands. Links — weit drüben — blaue Silhouetten, Zugspitze? Möglich. Der Gipfel ist felsig, ein Kreuz, ein paar andere Wanderer sitzen rum. Ich stelle Kermit auf einen Stein vor dem Kreuz und fotografiere ihn. Er posiert professionell, die Sonne direkt hinter ihm, Gegenlicht, leichter Lens-Flare. Als wäre das geplant gewesen.

Kermit auf dem Gipfelkreuz — der KI-Hinweis zum Foto sagt übrigens ‚Heimgarten Gipfel‘, was nach den Bilddaten stimmt. Passt. Ich sitze daneben, esse und denke kurz nach. Das Sandwich, das ich morgens noch voller Optimismus eingepackt hatte, sieht nach dem Transport im Rucksack aus wie ein gescheitertes Kunstprojekt. Irgendwas zwischen Salat und Krümelstruktur, eingewickelt in Folie. Schmeckt trotzdem gut. Der Walchensee schwebt tief unten, die Luft riecht nach trockenem Gras. Das hier ist der Halbzeitstand: Heimgarten geschafft, Herzogstand wartet noch.

Das Sandwich. Ich halte es in die Kamera, hinter mir der Walchensee. Es war einmal ein Sandwich. Jetzt ist es — interpretationsoffen. Angeblich Avocado drin und irgendwas Knuspriges, beides unidentifizierbar. Schmeckt trotzdem nach Pause und das zählt hier oben sowieso mehr als Optik.

Noch ein letztes Selfie am Gipfel, bevor es weiter geht. Die Beine protestieren leise, ich ignoriere das professionell. Rund 6 Kilometer liegen hinter mir, etwa 1.000 Höhenmeter aufwärts. Jetzt kommt der Gratweg Richtung Herzogstand — laut Schild noch 3¼ Stunden. Kurz durchatmen. Weitergehen.


Gratweg und Herzogstand-Gipfel

Der Gratweg ist das, was man auf Fotos immer gut aussehen lässt und was einen beim Laufen gelegentlich zweifeln lässt. Senkrechte Kalkwände, Latschenkiefern, die Felsflanken fallen steil ab in den Wald. Ich denke das erste Mal so etwas wie ‚das schaff ich nie‘ — aber das ist vor allem die Erschöpfung die spricht, nicht die Route. Die Route ist gut markiert, nicht exponiert, nur lang.

Gegen halb drei taucht die Bergstation der Herzogstandbahn im Bild auf, rechts am Hang. Der Walchensee darunter jetzt von seiner sattesten Seite — intensives Türkisblau, die Straße schwingt sich unten durch die Kurven, alles liegt ruhig. Noch ein kleiner Anstieg bis zum Herzogstand-Gipfel. Die 1.731 Meter sind fast geschafft. Fast.


Bergstation, Beine hochlegen, fertig

An der Bergstation dann: Rucksack ab, Beine hoch. Wortwörtlich. Ich setze mich auf eine Bank, lehne mich an den Geländer, strecke beide Beine aus — Walchensee im Hintergrund, Zugspitzmassiv irgendwo im Dunst rechts. Ich denke kurz: ‚Dear legs, you both are awesome, thank you for not giving up.‘ Klingt übertrieben. War es nicht. 10 Kilometer, 1.120 Höhenmeter rauf, noch 340 runter. Die Beine haben heute geliefert.

Kurz vor 15 Uhr dann die Herzogstandbahn zurück ins Tal. Aus der Gondel schaut man direkt auf Walchensee und Walchensee-Ort, die Seilbahn-Trasse fällt steil ab, man sieht den Boden unter sich wegklappen. Unten angekommen kurz durchatmen, Kermit kontrollieren — sitzt noch — und rüber zum Auto. Ich bin richtig happy und ein bisschen stolz. Das darf man sein.


Die Tour auf Komoot ansehen.

Ein paar Mal dachte ich, das schaff ich nicht. Dann doch. Das ist eigentlich die ganze Geschichte.

📍 Talstation Herzogstandbahn · 🏁 Talstation Herzogstandbahn · 📏 10,0 km · ⬆️ 1.120 Hm · ⬇️ 340 Hm · ⏱ ca. 5:30 h


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