Ende Oktober, blauer Himmel, Temperaturen knapp über null im Schatten — das ist die Kombination, auf die man den ganzen Herbst wartet. Der Pendling bei Brannenburg stand schon länger auf meiner Liste. Ein überschaubarer Gipfel, knapp unter 1.600 Metern, direkt über dem Inntal — und von München mit dem Auto in gut einer Stunde erreichbar. Kein großes Projekt, kein Drama. Einfach raus, rauf, runter, heim.
Morgens — Aufstieg vom Parkplatz Schneeberg
Am Parkplatz Schneeberg stehe ich kurz vor neun. Die Sonne steht noch niedrig, die Schatten lang. Kermit sitzt im Rucksack, ich trinke den letzten Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Los.
Der Weg zieht sich zunächst durch Mischwald, der Herbst hat ordentlich reingegriffen — Lärchen golden, Buchen orange, dazwischen immer noch das Dunkelgrün der Fichten. Die ersten Lücken im Baumbestand geben kurze Blicke ins Tal frei: Brannenburg unten, winzig, die Häuser noch im Morgendunst. Zwischen den Fichten sieht man hier und da das Inntal aufblitzen — das Tal schläft noch halb.


Gegen kurz nach zwölf — nach knapp 600 Höhenmetern Aufstieg auf rund 4 Kilometern — lichtet sich der Wald, und das Inntal liegt plötzlich vollständig da. Kufstein direkt gegenüber, der Inn als türkises Band, das sich durchs Tal schlängelt. Der Heuberg dahinter, wuchtig und breit. Weiter im Hintergrund nach Norden hin die sanften Kuppen des Chiemgau, am Horizont ahnt man die ersten schneebedeckten Gipfel der Hohen Tauern — das ist schon eine ordentliche Aussicht für einen Berg dieser Größe.
Der Weg ist solide, nirgendwo ausgesetzt, die letzten Meter zum Grat allerdings steil genug, dass man die Oberschenkel spürt. Ich spüre sie.
Kurz vor halb eins — Selfie muss sein. Der Selfie-Reflex am Gipfel ist bei mir seit Jahren unausrottbar, auch wenn das Ergebnis meistens aussieht wie ein Passbild mit Bergen drin. Kermit weigert sich grundsätzlich, sich fotografieren zu lassen, wenn die Sonne direkt ins Objektiv scheint. Ich auch eigentlich — aber einer muss es ja tun.
Das Inntal hinter mir, Kufstein halb im Gegenlicht, der Heuberg rechts oben angeschnitten. Sonnenbrille auf, kurz nicht blinzeln — fertig.


Was mich am Pendling überrascht: Der Blick ins Inntal ist in beide Richtungen offen. Nach Norden Richtung Kufstein — Stadt, Fluss, der markante Klotz des Heubergs. Nach Süden flussaufwärts öffnet sich das Tal weiter, die Berge werden höher, die Silhouette wird wilder. Irgendwo dort hinten liegt Innsbruck, noch weit, aber die Richtung stimmt.
Ein Kondensstreifen zieht lautlos durch den Blau. Unter mir fährt irgendwo auf der A12 ein LKW. Ich höre nichts davon.
Nochmal der gleiche Blick, zehn Minuten später, andere Lichtstimmung. Die Sonne steht jetzt höher, der Inn glänzt stärker, die Hänge auf der gegenüberliegenden Seite zeichnen sich schärfer ab. Gut, dass ich noch stehen geblieben bin.

Nachmittags — Gipfel, Kermit und das Kreuz

Kermit hat seinen Stammplatz auf einem Felsen ergattert, Blick Richtung Inntal, Sonne im Rücken. Er schaut aus wie jemand, der genau weiß, dass er gerade gut aussieht. Ich stelle ihn auf die Bank beim Wegweiser, er kippt sofort um. Zweiter Versuch auf dem Felsblock — hält. Foto gemacht. Kermit: zufrieden. Ich: auch.
Der Gipfelbereich ist an diesem Mittwoch fast menschenleer. Ein älteres Paar kommt kurz nach mir oben an, nickt, setzt sich, isst Brot. Das war’s an Gesellschaft. So mag ich das.
Das Pendlinghaus liegt keine fünf Minuten vom Gipfelkreuz entfernt. Ein solides kleines Schutzhaus, zu dieser Jahreszeit noch offen — ich bestelle einen Kaffee und einen Apfelstrudel, beides kommt schnell, beides ist genau das, was man um kurz nach eins auf 1.563 Metern braucht. Die Stube ist warm, riecht nach Holz und ein bisschen nach Frittierfett. Draußen bleibt die Sonne. Ich sitze drinnen, weil ich nach dem Aufstieg erstmal Füße hochlegen will, und schaue durch das Fenster ins Blau. Der Strudel ist hausgemacht, die Schlagsahne obendrauf großzügig. Ich bereue nichts.
Nach dem Kaffee noch kurz zum Gipfel. Das Selfie vom Vormittag reicht mir nicht — ich will noch das zweite, mit mehr Hintergrund, mehr Südblick, mehr Tauern. Die Sonne steht jetzt hoch genug, dass alles knallt. Gegenlicht, Linsenflare, der Inn glänzt wie Folie. Im Hintergrund nach Süden hin die schneebedeckten Gipfel — die Hohen Tauern als dünne weiße Linie am Horizont, gut 80 Kilometer weg, aber klar erkennbar.


Das Gipfelkreuz trägt die Inschrift ‚Herr Aller Berge‘. Knappe Ansage. Dahinter nach Südosten: der Wilde Kaiser — die Felsformation ist von hier aus unverkennbar, die Zinnen heben sich scharf gegen den Himmel ab. Ganz im Hintergrund die Gletscher, die nach jedem Sommer ein bisschen kleiner wirken. Das Kreuz selbst ist schlicht, verwittertes Holz, kein Schnickschnack. Es tut seinen Job.
Abstieg — durch den Herbstwald zurück
Kurz nach halb zwei geht es bergab. Der Abstieg führt zunächst über einen freieren Rücken — noch eine letzte Aussicht nach Süden, eine einsame Fichte ragt da wie ein Zeigefinger in den Himmel, dahinter ein kleiner Felskopf und darunter der Morgendunst, der sich inzwischen aufgelöst hat und die Täler klar freigibt. Ein Kondensstreifen zieht diagonal durchs Bild. Ich fotografiere trotzdem.


Kurz nach zwei, auf dem Rückweg Richtung Parkplatz, steht dieser Baum am Wegrand. Leuchtend gelb-orange, in einem Zustand, den man nur für etwa zwei Wochen im Jahr erwischt, wenn man Glück hat. Ich hab Glück gehabt. Kermit hängt im Rucksack und hat keine Ahnung, was er verpasst.
Kurz danach die letzten Meter durch den unteren Waldabschnitt, Laub auf dem Weg, ein paar Wurzeln, die man in der Nachmittagsmüdigkeit gerne übersieht. Ich übersehe keine. Knapp um halb drei bin ich zurück am Parkplatz Schneeberg. 8,46 Kilometer, 600 Höhenmeter rauf, 570 runter. Die Beine sind zufrieden. Ich auch.
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Der Pendling ist kein Berg, über den man groß reden muss. Man fährt hin, steigt auf, schaut runter, trinkt Kaffee, steigt ab. Und irgendwo auf dem Weg zurück zum Auto merkt man, dass genau das gemeint war.
📍 Parkplatz Schneeberg · 🏁 Parkplatz Schneeberg · 📏 8,5 km · ⬆️ 600 Hm · ⬇️ 570 Hm · ⏱ ca. 3:30 h




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