Januar. Blauer Himmel über München, minus irgendwas, und ich sitze im Zug Richtung Tegernsee. Der Hauptbahnhof hatte noch das übliche Morgenrauschen, Kermit liegt im Rucksack, die Thermoskanne ist voll. Draußen zieht das Voralpenland vorbei — weiß, flach, still. Die Sonne steht schon da als wäre sie stolz auf sich.
Der Baumgartenschneid hat eine gewisse Geschichte bei mir. August 2019 das erste Mal, dann Mai 2020, Juli 2021 — und jetzt im Winter. Fast schon ein Pflichttermin, einmal pro Jahr muss das sein. Diesmal mit einem konkreten Plan: rauf auf den Gipfel, Drohne fliegen, heißen Tee trinken, Aussicht genießen. Klingt gut. Spoiler: Es kam anders.
Mit der S-Bahn und dann dem BOB-Zug dauert es knapp eine Stunde von München bis Tegernsee. Kein großes Aufwand, kein früher Abend vorher. Rucksack gepackt, Steigeisen eingesteckt — man weiß ja nie — und raus aus der Stadt.
Ankunft in Tegernsee, erste Schritte im Schnee
Aus dem Zugfenster: weiße Felder, Weidezäune, deren Schatten lange Streifen in den Schnee zeichnen, und am Horizont die ersten Berge. Dann taucht der Tegernsee auf — das tiefe Blau des Wassers zwischen den schneebedeckten Häusern und den Berghängen dahinter. Der Anblick ist jedes Mal neu, auch beim vierten Mal auf dieser Strecke.


Vom Bahnhof Tegernsee geht es erst durch den Ort. Kurz nach dem Bahnhof kommt man an einem dieser typisch bayerischen Gasthäuser vorbei, weiße Fassade mit blau-weißen Rauten, Lüftlmalerei über dem Eingang, Stuckverzierungen, blauweiße Fähnchen am Balkon. Im Sommer sitzen hier die Leute draußen. Im Januar liegt Schnee auf den Tischen und das Haus sieht aus wie ein Weihnachtsdorf-Modell, das jemand zu groß geraten ist.
Dann beginnt der Anstieg. Rund 700 Höhenmeter liegen vor mir, der Weg führt durch Wald und über offene Hänge. Der Schnee liegt tief, die Sonne steht schon hoch genug um zu blenden aber noch nicht warm genug um etwas aufzutauen. Perfekte Winterbedingungen — eishart, aber trocken.

13:20 Uhr — Erster Ausblick und Zwischenstopp am Riederstein

Nach etwa zwei Kilometern und gut 400 Höhenmetern öffnet sich der Wald das erste Mal richtig. Von hier oben sieht man den kompletten Talboden: Tegernsee und Rottach-Egern liegen wie auf einer Reliefkarte da, die Häuser winzig, der See blau-grau zwischen schneeweißen Feldern. Dahinter staffeln sich die Berge Richtung Süden, die höheren Gipfel noch mit schwerem Neuschnee, weiter hinten die Silhouetten der Österreichischen Alpen.
Am Riederstein gibt es einen kurzen Zwischenstopp — nicht wegen der Kapelle, sondern wegen der Drohne. Die DJI Mini raus, kurz gecheckt ob Akku und Finger noch funktionieren, und dann hoch damit. Das Tageslicht ist im Januar begrenzt und der Gipfel wartet noch. Also zügig, ein paar Aufnahmen vom Riederstein aus, dann wieder eingepackt und weiter.
Der Drohnenflug am Riederstein war ein Kompromiss mit dem Winterlicht. Hier oben noch genug Sonne, der Gipfel würde mehr Zeit fressen als gedacht. Also: Aufnahmen gemacht, eingeklappt, weiter. Die Kapelle auf dem Felsen hat sich im Gegenlicht gut gemacht.
Gipfel Baumgartenschneid, 1.114 m

Die letzten Meter zum Baumgartenschneid-Gipfel sind die steilsten. Der Pfad durch den Fichtengürtel kurz unterhalb des Gipfels gibt immer wieder kurze Ausblicke frei: Tegernsee und Rottach-Egern direkt unter einem, dahinter das Inntal, und wenn die Luft klar ist — wie heute — kann man bis zum Kaisergebirge schauen. Geschätzte 60, 70 Kilometer Sichtweite.
Oben angekommen: Wind. Nicht der nette Lüftchen-Wind, sondern der Typ, der einem die Sonnenbrille beschlägt und durch jeden Reisverschluss findet. Der Plan mit dem gemütlichen Tee am Gipfel war schnell begraben. Thermoskanne raus, einen Schluck, Drohne kurz hoch, Foto für Instagram — und dann wieder runter. Das war der ursprüngliche Gipfelaufenthalt.


Immerhin: Der Ausblick vom Baumgartenschneid nach Norden macht das teilweise wett. Tegernsee-Ort links, Rottach-Egern rechts, der See dazwischen wie eingelegt, und am nördlichen Horizont die bayerische Vorebene bis zur Unkenntlichkeit weit. An Tagen wie diesem sieht man sogar die Conturen des Alpenvorlandes bis fast nach München. Der Thermobecher hält die Wärme, die Lederhandschuhe auch, und die Sonnenbrille ist bei diesem Wintersonnenlicht kein Accessoire sondern Grundausrüstung.
Was man bei einer Winterbegehung des Baumgartenschneids nicht unterschätzen sollte: Der Weg ist ab einer gewissen Höhe knallhart gefroren. Die Steigeisen kamen raus — nicht aus Vorsicht, sondern aus Notwendigkeit. Die Ketten greifen gut in den vereisten Untergrund, ohne sie wäre der Abstieg eine unfreiwillige Rutschpartie geworden.

Abstieg mit ungeplantem Begleitprogramm

Der Abstieg durch den Fichtenwald ist im Winter nochmal anders als im Sommer. Die Stämme stehen schwarz gegen den Schnee, die Sonne steht schon tief und wirft lange, schmale Schatten quer über den Weg. Wo sie durch die Lücken zwischen den Stämmen trifft, ist das Licht fast schon unwirklich warm — man möchte kurz stehen bleiben, aber der Untergrund gibt einem dabei keine Sicherheit.
Weiter unten, wo der Weg auf eine vereiste Forststraße trifft: blankes Eis, glänzend in der Nachmittagssonne, die Spiegelung der Sonne direkt auf der Fahrbahn. Schön anzusehen, zum Gehen eine Zumutung. Die Steigeisen hatten noch Einsatz.

Irgendwo auf dem unteren Teil des Abstiegs gesellte sich eine Wanderin zu mir. Netter Austausch, dachte ich zunächst. Kurzes Gespräch über den Weg, das Wetter, den Gipfel. Ich wartete auf den Moment, an dem sie sagt ’so, ich muss hier abbiegen‘ — aber der kam nicht. Und dann auch nicht. Und dann auch nicht mehr. Sie begleitete mich den kompletten Weg runter bis zum Tegernsee. Irgendwann habe ich dann selbst gesagt ’so, ich muss los.‘ Manchmal muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Zurück am See, letztes Licht

Unten am Tegernsee, auf der letzten Schneehangstufe vor dem Ort: Die Sonne steht bereits zwischen den Bergen, taucht den See in oranges Gegenlicht. Im Vordergrund Schnee mit Fußabdrücken — meinen, wie ich erst beim Abdrücken des Fotos bemerkte. Das passt eigentlich ganz gut.
An der Liegewiese an der Länd noch kurz gestoppt. Der Tegernsee liegt jetzt dunkelblau da, die Sonne verschwindet hinter dem Bergrücken im Süden, ein schmaler Lichtstreifen zieht sich über das Wasser. Kalt, windstill, leer. Einen langen Januar-Tag ausklingen lassen, direkt am Wasser — das war der ruhigste Moment des Tages.

Dann Zug zurück. Vom Bahnhof Tegernsee nach München, Ankunft Hauptbahnhof noch vor acht. Kermit hatte einen langen Tag.
Der Baumgartenschneid im Winter: Gipfel gehabt, Tee nicht getrunken, Drohne geflogen, ungebetene Gesellschaft abgeschüttelt, Sonnenuntergang mitgenommen. Vier von fünf Punkten ist kein schlechtes Ergebnis für einen Januartag.
📍 Tegernsee · 🏁 Tegernsee · 📏 11,2 km · ⬆️ 700 Hm · ⬇️ 700 Hm · ⏱ ca. 4:30 h





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