Drittes Mal Baumgartenschneid. Man könnte meinen, die Routine macht es langweiliger. Falsch gedacht. Der Tegernsee leuchtet jedes Jahr gleich türkis, die Beine brennen an der gleichen Stelle, und Kermit sitzt genauso entspannt im Zug wie beim ersten Mal. Manche Dinge werden nicht schlechter, wenn man sie wiederholt — sie werden vertraut. Und vertraut ist manchmal genau das Richtige.
Mit der Bahn von München bis Tegernsee — das geht entspannt, ohne Parkplatzstress und ohne schlechtes Gewissen. Einmal umsteigen in Schäftlarn oder Holzkirchen, eine knappe Stunde, fertig. Kermit hat den Fensterplatz beansprucht. Wie immer.
☀️ Morgens ab Tegernsee — rauf geht’s
Schon im Zug war klar: heute wird ein guter Tag. Blauer Himmel, ein paar harmlose Schleierwolken, Temperaturen die nach oben wollen. Kermit saß auf der Fensterbank und schaute raus auf saftige Wiesen und rote Höfe, die an uns vorbeizogen. Ich hab Kaffee getrunken und so getan, als wäre ich entspannt. War ich eigentlich auch.
Am Tegernseer Bahnhof raus, Rucksack schultern, Kermit ins Seitenfach — und los. Die Tour startet direkt am See und führt zunächst gemütlich durch den Ort, bevor der Weg anfängt, ernsthafter zu werden. Rund 950 Höhenmeter warten bis zum Gipfel des Baumgartenschneid auf 1.1212 m. Das klingt harmloser als es sich anfühlt.


Irgendwo auf halber Höhe öffnet sich der Wald und man steht auf einer breiten Almwiese. Hier hat man den ersten richtigen Blick auf den Tegernsee — und der trifft einen jedes Mal neu. Dieser Blaugrün-Ton. Egern und Rottach-Egern liegen links unten wie hingemalt, dahinter die bewaldeten Hügel des Mangfallgebirges. Weit dahinter, fast schon schemenhaft, der flache Horizont des Voralpenlandes. Rinder grasen am Hang, interessieren sich herzlich wenig für den Ausblick. Kann ich verstehen. Die haben ihn jeden Tag.
🏔️ Gipfel Baumgartenschneid — 1.212 m
Kurz unterhalb des Gipfels wird der Weg felsiger und steiler. Genau da, wo die Beine schon leise protestieren. Das Gipfelkreuz ist schon zu sehen, hält sich aber bewusst zurück — es bleibt eine Weile ‚gleich gleich‘, bevor man wirklich ankommt. Kermit schaut vom Rucksack aus zum Kreuz hoch und wirkt auffällig ruhig. Einer von uns hat heute keine Oberschenkel.


Oben angekommen: Gipfel, Kreuz, Aussicht. Der Baumgartenschneid ist kein Gigant, aber er zeigt ordentlich was er hat. Nach Westen liegt der Tegernsee in seiner ganzen türkisen Pracht — Tegernsee, Bad Wiessee und Gmund sind alle zu sehen, der See wirkt von hier oben fast wie ein Fjord zwischen den Hügeln. Im Norden öffnet sich das Münchner Umland, man erahnt bei gutem Wetter fast die Stadtsilhouette. Südlich türmen sich die größeren Gipfel auf — Wallberg, Roß- und Buchstein, weiter hinten die Schlierseer Berge.
Ich hab mich auf einen Felsen gesetzt. Kermit hat sich ins Almgras gefläzt und so getan, als hätte er die 950 Höhenmeter selbst gelaufen. Beiden war es zu warm für ausgedehnte Gipfelphilosophie — aber kurz innehalten, schauen, atmen. Das gehört dazu.
Kermit hat sich einen sonnigen Platz in der Wiese gesichert und den Tegernsee in aller Ruhe begutachtet. Ich hab Wasser getrunken und Fotos gemacht. Das Verhältnis war fair.

🌿 Nachmittags — Abstieg nach Schliersee

Der Abstieg nach Schliersee ist das Schöne an dieser Überquerung: man kommt nicht wieder dahin zurück, wo man gestartet ist. Das fühlt sich richtiger an. Der Weg führt über breite Almrücken, immer wieder mit Blick auf den Schliersee, der sich jetzt langsam von unten zeigt — ruhiger, kleiner, grüner als der Tegernsee. Ein anderer See, eine andere Stimmung.
Von oben sieht man noch einmal die Almhütte auf dem Rücken unterhalb des Gipfels — ein klassisches Bild: Holzhütte, Weide, zwei Seen im Hintergrund, darüber nichts als blauer Sommerhimmel. Das passt auf jede Postkarte, die niemand mehr schreibt.
Kurz vor Schliersee: Kühe. Braun, geduldig, vollkommen desinteressiert. Zwei davon grasen friedlich auf einer sattsaftigen Weide, eine dritte hat beschlossen, mich eingehend zu mustern. Ohrmarken, weißes Gesicht, der Blick eines Wesens, das seine Meinung bereits gefasst hat. Ich hab kurz zurückgeschaut. Dann haben wir beide das Thema auf sich beruhen lassen.


Unten am Schliersee angekommen ist die Luft stiller, die Beine schwerer. Insgesamt gut 14 Kilometer und knapp 950 Höhenmeter im Aufstieg — nach etwa vier Stunden Gehzeit fühlt man das durchaus. Kermit hat sich am Ufer auf einen Stein gelegt und den See angestarrt. Ich hab mich daneben gesetzt und dasselbe getan. Der Schliersee von unten ist einfach schön — Berge ringsum, das Wasser ruhig, im Hintergrund noch einmal der Rücken des Baumgartenschneid, von dem wir gerade runtergewandert sind.
Kermit lag flach auf dem Stein. Entspannt wie jemand, der heute nichts getragen, nichts gestiegen und nichts geschwitzt hat. Und dabei trotzdem irgendwie der Richtige für diesen Moment war.


Vom Schlierseer Bahnhof geht es bequem zurück nach München — S-Bahn, kein Umsteigen, eine knappe Stunde. Genug Zeit, um die Beine auszustrecken und den Tag Revue passieren zu lassen. Kermit hat den Fensterplatz bekommen. Natürlich.
Drittes Mal Baumgartenschneid. Und ich weiß bereits: es wird ein viertes geben.
📍 Tegernsee Bahnhof · 🏁 Schliersee Bahnhof · 📏 14,2 km · ⬆️ 950 Hm · ⬇️ 880 Hm · ⏱ ca. 4:30 h





Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.