Manchmal braucht man keinen neuen Berg. Manchmal reicht ein alter, den man einfach mag. Der Baumgartenschneid war für mich schon beim ersten Mal eine dieser Touren, bei denen man auf dem Gipfel steht und denkt: ja, genau hier. Also nochmal. Zweites Mal, Mai 2020, strahlend blauer Himmel, kein einziges Wölkchen — und Kermit fest im Rucksack verstaut. Die Vorfreude war ehrlich gesagt größer als der Rucksack.
Morgens — Vorbereitung, Zug, Ankunft am Tegernsee
Wer ordentlich wandern will, muss ordentlich packen. Vollkornbrot mit Tomate und Salatblatt, zwei hartgekochte Eier, ein Glas mit Gurkensalat. Das ist kein Wanderproviant — das ist ein Statement. Kermit hat das alles kritisch begutachtet und nickte stumm zustimmend. Mit der S-Bahn und dann der BOB von München Hauptbahnhof nach Tegernsee — gut eine Stunde, kein Stress, kein Stau.


Kermit hatte sich auf dem Sitz neben mir den besten Fensterplatz gesichert und starrte andächtig auf die vorbeirauschenden Vorstädte. Für einen Frosch, der normalerweise im Rucksack sitzt, war das ein seltener Luxus. Je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr Blau über uns — der Himmel wurde regelrecht unverschämt schön.
Am Tegernsee angekommen, blieb ich erst mal stehen. Wer könnte hier einfach weiterlaufen? Das Wasser leuchtete tiefblau, dahinter die Berge in einem saftigen Frühlingsgrün — Wallberg, Neureuth, und ganz hinten der markante Rücken des Hirschbergs. Eine Pusteblume im Vordergrund. Ich hab das Foto gemacht und dabei kurz an nichts gedacht. Das passiert mir selten.



Aufstieg — Durch den Wald zum Riederstein
Der Weg führt zunächst durch dichten Mischwald. Licht fällt schräg durch die hohen Tannen, der Boden ist noch feucht vom Tau. Ich bin rund 4 km und gut 350 Höhenmeter vom Tegernsee entfernt, als der erste Schweiß kommt. Kermit im Rucksack sagt nichts. Er muss ja nicht laufen.

Kurzer Abstecher zur Riederstein Kapelle — die thront auf einem Felsen und hat schon bessere Kulissen als die meisten Hochzeiten. Kermit hat sich auf dem Geländer platziert und den Blick hinunter zum Tegernsee genossen. Ganz unten schimmert der See, links und rechts die sanften Hügel des Mangfalltals. Ich hab ihn fotografiert. Er hat dabei so getan, als wäre ihm das peinlich. War es nicht.


Weiter nach oben — Der letzte Hang zum Gipfel
Nach der Kapelle geht es richtig los. Der Weg zieht sich den freien Hang hinauf — kein Schatten mehr, die Maisonne brennt, der Gipfel ist deutlich zu sehen und wirkt trotzdem weit weg. Einer dieser Momente, wo man kurz innehält und das Selfie macht, um den inneren Schweinehund zu dokumentieren. Kermit guckt aufmunternd aus dem Rucksack. Oder er schläft. Schwer zu sagen.

Nachmittags — Gipfel Baumgartenschneid, 1.452 m

Oben angekommen, nach rund 900 Höhenmetern und gut 9 km im Aufstieg, öffnet sich die Welt. Der Schliersee liegt tief unten, ein perfektes blaues Oval eingebettet zwischen grünen Hängen. Im Süden die vergletscherten Spitzen der Alpen — Wendelstein, Rotwand, und noch viel weiter hinten die großen Gipfel. Im Norden, kaum zu glauben, reicht der Blick bei diesem Wetter bis weit in die bayerische Ebene. Kermit hat das alles kommentarlos zur Kenntnis genommen.
Das obligatorische Gipfelselfie. Schliersee im Hintergrund, Frosch auf der Schulter, leichtes Grinsen — alles korrekt. Ich hab die mitgebrachten Eier gegessen, Gurkensalat dazu, und war ausgesprochen zufrieden mit mir. Es gibt schlechtere Orte für eine Mittagspause.


Direkt unter dem Gipfel liegt eine kleine Almanlage — zwei dunkle Holzhütten auf sattem Grün, dahinter der weite Blick ins Voralpenland bis zur Ebene. Von hier sieht Bayern aus wie ein Modell. Man möchte es irgendwie einpacken und mitnehmen.
Abstieg — Durch den Frühling hinunter zum Schliersee
Der Abstieg Richtung Schliersee ist großzügig. Ein breiter Schotterweg zieht sich am Hang entlang, der See bleibt die ganze Zeit im Blick — mal links, mal mittig, immer blau. Knie halten. Tempo drosseln. Den Blick genießen.


Dann taucht der Weg in den Wald ab. Hier ist der Frühling besonders laut — jedes Buchen- und Tannengrün leuchtet, der Bärlauch bedeckt den Waldboden, und die Luft riecht nach feuchter Erde und irgendwie nach Urlaub. Ich laufe langsamer als nötig. Absichtlich.
Weiter unten öffnet sich der Weg zu einem breiten Forstweg. Das Licht kommt jetzt seitlich durch die Bäume, die Buchen leuchten hellgrün, als wären sie frisch lackiert. Noch ein paar Kilometer, dann ist der See nah.

Ankunft — Schliersee

Schliersee. Angekommen. Die Füße sind zufrieden, der Kopf auch. Am Ufer dümpeln die Tretboote vor sich hin — bunt, fröhlich, vollständig uninteressant für jemanden, der gerade 900 Höhenmeter in den Beinen hat. Kermit guckt trotzdem kurz rüber. Vorsichtshalber. Hinter uns der Baumgartenschneid, Schliersee-Seite — der Wendelstein links davon, die Brecherspitz rechts. Alles perfekt beleuchtet.
Und dann diese Gänseblumewiese. Ich hab das Foto auf dem Boden liegend gemacht — Gänseblümchen im Vordergrund, Schliersee dahinter, dahinter die Berge, dahinter der Himmel. Kermit hat mich dabei beobachtet. Ich glaube, er hat kurz die Augen verdreht. Aber das Bild ist gut geworden.

‚Manche Berge besucht man einmal. Manche besucht man zweimal — und fragt sich beim zweiten Mal, warum man so lange gewartet hat.‘
Die Rückfahrt von Schliersee nach München mit der BOB dauert gut eine Stunde. Kermit hat den Heimweg verschlafen. Zu Recht.
📍 Tegernsee · 🏁 Schliersee · 📏 17,2 km · ⬆️ 930 Hm · ⬇️ 890 Hm · ⏱ ca. 5:30 h
Die vollständige Tour gibt es hier zum Nachfahren: Tour auf Komoot ansehen




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