Wallberg war zu voll – also Setzberg: Mein schönster Sommertag am Tegernsee

Blick vom Wallberg auf den Tegernsee mit Distelblüten im Vordergrund

Freitag. Sommer. Cabrio. Der Plan war eigentlich simpel: Mit dem Carsharing-Cabrio zum Tegernsee, mit der Wallbergbahn rauf, ein bisschen Drohne fliegen, Aussicht genießen, wieder runter. Freitags ist doch nicht viel los, dachte ich. Kermit saß schon im Rucksack und war optimistisch. Spoiler: Oben war die halbe Welt. Die Drohne blieb im Rucksack. Dafür wurde es einer der schönsten Tage des Sommers.

Verpflegung ist Charaktersache. Vollkornbrote in der Dose, Gurkensalat im Schraubglas, pikante Hähnchenbrust-Filetstücke, zwei Bananen, eine Tüte Cashewkerne. Das ist kein Picknick, das ist Logistik. Kermit hat übrigens keine eigene Brotdose. Er reist kompakt.

Cabrio, Sonne, kein Plan B

Von München aus sind es keine Stunde bis nach Rottach-Egern — mit dem Cabrio vom Carsharing natürlich ohne Dach. Die Sonne schon früh am Morgen mit voller Kraft, der Fahrtwind genau richtig. Kermit klemmt sicher im Rucksack. Gut so, sonst wäre er bei Tempo 100 auf der A8 irgendwo in einem Acker gelandet.

Am Parkplatz der Wallbergbahn angekommen: Schon recht voll. Für einen Freitag bemerkenswert. Ich kaufe ein Ticket für die Bahn rauf — 1.620 Meter Gipfel, das muss man an einem solchen Tag nicht zu Fuß machen, wenn man oben noch etwas vorhat.

Bergstation, Menschenmassen und Drohnen-Frust

Die Wallbergbahn Bergstation spuckt mich in eine Welt voller Menschen aus. Wanderer, Ausflügler, Familien mit Buggy — auf einem Gipfel. Respekt. Ich hatte mit einem ruhigen Freitagsvormittag gerechnet. Die anderen offenbar auch.

Die DJI-Drohne bleibt im Rucksack. Kein einziger Platz in der Umgebung, wo Fliegen erlaubt wäre. Weder am Wallberg, noch später am Setzberg. Kurze innere Trauer, dann Neuplanung. Der Berg ist schön genug auch ohne Vogelperspektive.

Also Richtung Setzberg. Der liegt nur einen Bergrücken weiter und ist deutlich ruhiger. Zwischen den Fichten öffnet sich schon früh der Blick auf den Gipfel — saftig grün, eine kleine Almhütte mittendrin, der Weg zieht sich sauber den Hang hinauf. Etwa 2,5 Kilometer, rund 150 Höhenmeter von der Wallberg-Bergstation aus. Gemächlich, aber bei dieser Hitze trotzdem respektabel.

Panorama-Schock am Tegernsee

Der erste freie Blick auf den Tegernsee. Ich stehe da und sage nichts. Das ist selten. Von hier oben sieht man den See in seiner ganzen Länge — von Gmund im Norden bis Rottach-Egern im Süden, gut sechs Kilometer Wasser, türkis-grün schimmernd in der Augustsonne. Die Ortschaften ringsherum winzig wie Modelleisenbahn. Im Dunst dahinter flacht das Alpenvorland in Richtung München ab. Klare Luft, kein Gewölk. Perfekt.

Die Hitze. Das Shirt kommt runter. Kermit findet das konsequent. Der Schweiß auf der Glatze glänzt wie ein Bergsee im Miniaturformat — das Selfie hält das für die Nachwelt fest. Im Hintergrund: die Mangfallgebirge Richtung Süden, Schrofen und Grate, so weit das Auge reicht. Ich sehe aus wie jemand, der gerade eine Sauna verlassen hat. Bin ich auch, ungefähr.

Kermit übernimmt den Zaun

Kermit sitzt auf dem Holzzaun und schaut ins Panorama. Hinter ihm: Bergketten, die sich in mehreren Ebenen nach Süden staffeln — Rotwand, Brecherspitz, Schlierseer Berge, und im Dunst der Tiroler Hauptkamm. Er wirkt zufrieden. Vielleicht weil er nicht geschwitzt hat. Vielleicht weil er kein Ticket für die Seilbahn bezahlen musste.

Dann macht er es sich bequem. Einfach so. Auf dem Zaun, Beine baumeln lassen, Bergpanorama im Rücken. Ich glaube, er hat schon längst begriffen, was der Sinn dieser Ausflüge ist. Einfach dasein. Schauen. Nichts müssen. Die Drohne hätte das auch nicht schöner eingefangen.

Picknick, Kühe und der Tegernsee von oben

Die Kühe auf der Alm haben das mit der Mittagspause schon lange raus. Die liegen einfach da, Glocken klimpern leise, kein Stress. Ich packe meinen Rucksack aus: Vollkornbrot, Gurkensalat, pikante Hähnchen-Filetstücke, eine Banane als Nachspeise, Cashewkerne für zwischendurch. Kermit beobachtet das mit einer Würde, die ich respektiere.

Tiefer unten liegt eine kleine Almhütte in den Wiesen, der Weg schlängelt sich daran vorbei, und dann — der Tegernsee. Immer wieder. Man kann den Blick kaum woanders hinlenken. Das Wasser schimmert heute in einem unwirklichen Grünblau, die Orte rund herum wie hingestellt, der Dunst über dem Vorland ein weicher Schleier. Man sitzt hier oben und isst sein Vollkornbrot und denkt: eigentlich ist alles gut.

Noch ein Blick mit Disteln im Vordergrund — das klassische ‚Makro trifft Panorama‘-Foto. Die weißen Distelköpfe im Wind, dahinter Bad Wiessee, Tegernsee, Gmund. Ich mache das Foto und bin kurz sehr stolz auf mich. Kermit schweigt diplomatisch.

Das Panorama öffnet sich nach Norden weit ins Vorland — man erahnt bei guter Sicht fast München. Heute reicht die Sicht bis ans Ende des Sees und darüber hinaus. Gelbe Almblumen im Vordergrund, der Rest Himmel, See und Berge. Besser geht’s nicht.

Setzberg-Gipfel und Pokémon-Trainer bezwingen das Kreuz

Gipfelkreuz am Setzberg (1.706 m). Pokemon-Trainer-Shirt, gespiegelte Sonnenbrille, Glatze in der Sonne — der Look ist konsequent. Das Kreuz aus Holz, schlicht, mit Stahlseilen verspannt, der Himmel dahinter wattebewölkt und tiefblau. Ich schaue nach oben, als würde ich gleich eine wichtige Entscheidung treffen. Tue ich nicht. Ich esse gleich die zweite Banane.

Noch ein Selfie, diesmal mit See im Rücken. Der Tegernsee liegt tief unten, perfekt eingebettet zwischen Wallberg im Westen und Neureuth im Osten. Von hier oben wirkt er kleiner als von der Flanke — dafür sieht man mehr Kontext, mehr Tal, mehr Weite nach Norden. Der Pokémon-Trainer ist zufrieden. Kein einziges Pokémon gefangen, dafür ein Gipfel.

Bergkämme, Almidylle und die Kapelle

Nach Süden zeigt sich das volle Programm: Bergkämme in mehreren Staffeln, die Wolken machen jetzt mit und werfen Schatten auf die Hänge. Weißer Pestwurz blüht in der Wiese, die Luft riecht nach Harz und Gras. Irgendwo da hinten, im blauen Dunst: die Tiroler Alpen. Kermit würde sagen: schöne Aussicht. Sagt er aber nicht, er liegt noch auf dem Zaun.

Das Plateau zwischen Wallberg und Setzberg — breite Almwiesen, Hütten, Wege die sich sanft durch das Grün ziehen, Kühe die niemanden beeindrucken. Paraglider kreisen lautlos über dem Hang. Wanderer zuckeln die Wege entlang. Das ist das Bayern-Postkartenbild, und zwar das echte. Im Hintergrund wie immer: der See.

⛪ Kapelle Heilig Kreuz
Wallberg · 83700 Rottach-Egern
📍Google Maps

Die kleine Kapelle Heilig Kreuz thront auf einem Grashügel, die dunkle Holzfassade gegen den Himmel, dahinter Berge, Wolken, ein Hauch von Unendlichkeit. Ein paar Wanderer stehen davor, schauen ins Tal. Ich auch. Das Glockenspiel läutet nicht, aber es braucht es auch nicht.

Wallbergbahn runter und Cabrio zurück nach München

Mit der Wallbergbahn wieder runter ins Tal — Kermit im Rucksack, die Drohne ungeflogen, der Magen voll. Das Cabrio wartet. Dach bleibt unten. Auf dem Rückweg nach München die Sonne tief genug, um die Glatze auf der linken Seite zu bräunen. Ich merke das erst zu Hause.


Die Drohne blieb im Rucksack. Der Tag war trotzdem perfekt. Manchmal ist der Plan B einfach besser als der Plan A — man muss nur aufhören, sich darüber zu ärgern.

📍 Wallbergbahn Talstation Rottach-Egern · 🏁 Setzberg (1.706 m) · 📏 ca. 5,5 km · ⬆️ ca. 200 Hm · ⬇️ ca. 200 Hm · ⏱ ca. 2:30 h (ohne Bahnfahrt und Picknick-Pausen)


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