Manchmal entstehen die besten Reisen aus dem spontansten Chaos. Meine Kollegin und Freundin aus Sofia war mal wieder geschäftlich in München — und statt das einfach mit einem netten Abendessen zu begehen, haben wir uns gedacht: Warum nicht gleich Wien und Prag mitnehmen? Ein Wochenende, zwei Länder, maximales Sightseeing. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber verrückte Leute machen eben verrückte Sachen. Und ich bereue nichts. Was dann noch passierte — ein zufälliges Treffen in Prag, das unsere Zweiergruppe urplötzlich zur Dreiergruppe machte — hat dem Trip die Krone aufgesetzt. Aber der Reihe nach.
Die Route war so simpel wie ambitioniert: Von München nach Wien, Wien durchqueren, dann weiter nach Prag, dort übernachten, am nächsten Tag die Stadt erkunden und abends wieder zurück nach München. Google Maps zeigte für den Wien-Prag-Abschnitt entspannte 4 Stunden 26 Minuten an. Auf dem Papier. In der Realität kamen natürlich noch Wien-Besichtigungen, Schnitzel-Pausen und spontane Umwege dazu.

Tag 1 — Wien: Frühstart, Schmetterlinge und Schnitzel
Um 5:30 Uhr raus — wer braucht schon Schlaf
Der Wecker klingelte um halb sechs. Niemand war begeistert. Aber um 5:30 Uhr saßen wir im Auto und fuhren Richtung Wien — Kaffee aus dem Pappbecher, Navi auf laut, gute Laune auf mittel. Gegen 9 Uhr waren wir in der österreichischen Hauptstadt und starteten direkt mit dem Sightseeing-Programm. Keine Akklimatisierung. Kein gemütliches Ankommen. Einfach rein ins Getümmel.

Erster Anlaufpunkt war der Maria-Theresien-Platz und der angrenzende Volksgarten — Wien im Sommermodus, das heißt: grüne Bäume, weiße Fassaden, bewölkter Himmel. Das Wiener Rathaus lugte majestätisch durch das Blattwerk. Neugotisch und monumental, wie es sich für eine Kaiserstadt gehört. Ich war schon einmal in Wien — aber doppelt hält bekanntlich besser, und das Rathaus verliert nichts von seiner Wirkung beim zweiten Mal.
🌐 schmetterlinghaus.at
Das Schmetterlinghaus im Burggarten — dieses Mal war ich auch drinnen. Das klingt banal, ist es aber nicht: Bei früheren Wien-Besuchen war ich immer außen vorbeigegangen und hatte mir gedacht ‚ach, nächstes Mal‘. Jetzt war nächstes Mal. Und es hat sich gelohnt. Tropische Wärme, bunte Falter überall, und dieser eine Schmetterling, der sich auf roten und orangefarbenen Blüten niederließ und einfach posierte. Als hätte er auf mich gewartet.
Direkt nebenan liegt der Burggarten mit seinem berühmten Mozart-Denkmal. Der gute Wolfgang Amadeus steht dort auf einem prachtvollen weißen Marmorsockel, umgeben von Putten und vergoldeten Details, im Hintergrund die Hofburg. Pflichtprogramm. Touristenpflicht. Aber trotzdem schön — besonders wenn man bedenkt, dass der Mann zu Lebzeiten in Wien ziemlich arm gestorben ist. Jetzt hat er immerhin ein nettes Denkmal.


Was mich aber wirklich beeindruckt hat: Die schiere Menschenmasse in der Wiener Innenstadt. Es war was los. Touristengruppen so weit das Auge reicht — ganze Reisebusse entluden sich gleichzeitig auf den Gehsteigen. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Flaggen auf Stöcken an mir vorbeizogen. Das Foto vom Zebrastreifen sagt alles: Wien am Vormittag gehört den Touristen. Und ich mittendrin — also eines der Klischees in Person.
Kurz danach: die Albertina. Genauer gesagt: die Treppe davor. Die war in Regenbogenfarben gestrichen und wies auf eine Keith-Haring-Ausstellung hin. So viel Farbe direkt am Eingang — das hat mich sofort in den Bann gezogen. Rein bin ich dann nicht mehr, weil Zeit und Programm keine Kompromisse kennen. Aber die Treppe hat sich ins Gedächtnis gebrannt.


Zwischen Volksgarten, Burggarten und Albertina-Treppe lag auch der Volksgarten mit seinen gepflegten Rosenbeeten — ein kurzer, ruhiger Kontrapunkt zum Touristensturm ringsum. Wien kann das: Mitten im Trubel kleine grüne Inseln der Stille einzubauen. Man muss sie nur finden wollen.
Mittagspause mit Geschichte — Figlmüller, Stephansdom und Belvedere
🌐 figlmueller.at
Ein Wien-Besuch ohne Figlmüller? Für mich unvorstellbar. Das Traditionslokal in der Bäckerstraße existiert seit 1905 — die grüne Holzfassade mit dem ovalen Schild ist so Wien wie die Ringstraße. Das Wiener Schnitzel hier ist legendär: Tellergroß, hauchdünn geklopft, goldgelb gebraten. Kein Schnick-Schnack, keine Spielereien. Einfach handwerklich perfekt. Wir haben uns einen Platz ergattert, bestellt und geschwiegen. Das Schnitzel macht das nötig.

Nach dem Schnitzel — und einem kurzen Moment des stillen Glücks — weiter zum Stephansdom. Der Dom braucht keine große Einleitung: 137 Meter Südturm, das schwarz-gelbe Ziegeldach, die gotischen Details. Man steht davor und fühlt sich klein. Das ist beabsichtigt. Danach kurzer Schwenk durch den Stadtpark — Ruhe nach dem Touristentrubel, Bäume, Spaziergänger, das leise Rauschen der Stadt.
🌐 belvedere.at
Das Schloss Belvedere war der krönende Abschluss des Wien-Tages. Die Anlage ist schlicht atemberaubend: Das Obere Belvedere mit seinen grünen Kupferkuppeln, eingerahmt von symmetrischen Baumreihen, der große Springbrunnen davor — das sieht aus wie gemalt. Ich habe natürlich ein Selfie gemacht. Wäre ja schade drum gewesen.


Abends: Aufbruch nach Prag
Um 19 Uhr war Wien-Zeit vorbei. Das MuseumsQuartier haben wir noch kurz gestreift — mehr als einen Blick gab der Zeitplan nicht her — dann auf die Autobahn und Richtung Norden. Tschechien, wir kommen. Die Strecke zog sich. Gegen 23 Uhr rollten wir endlich ins Hotel Harmony in Prag ein, müde, satt und sehr zufrieden. Eincheckten. Schlafen. Morgen wartet die goldene Stadt.
Tag 2 — Prag: Zufälle, Brücken und Erdbeerkuchen
Frühstück und eine Überraschung
🌐 cafeorient.cz
Beim Frühstück im Cafe Orient passierte dann das Unerwartete: Unser lieber Kollege aus Sofia saß einfach da. Mitten in Prag. Zufällig. Was für ein Zufall. Aus zwei wurden drei, aus ‚wir schauen mal‘ wurde ‚wir schaffen das komplette Programm‘. Rote Stühle, Kopfsteinpflaster, Kaffee und das ungläubige Grinsen aller Beteiligten — ein perfekter Tagesbeginn.

Prag am Morgen ist wunderschön. Die Stadt wacht auf, die Gassen der Altstadt sind noch halbwegs überschaubar bevölkert, die Luft riecht nach Kaffee und Kopfsteinpflaster. Das Cafe Orient liegt im Herzen der Altstadt — Blick auf den belebten Platz, rote Metallstühle, dazwischen Kaffeetassen und leises Stimmengewirr. Genau der richtige Ort, um einen langen Sightseeing-Tag zu starten. Und einen zufällig aufgetauchten Kollegen aus Sofia zu begrüßen.
Prager Burg, Moldau-Panorama und Karlsbrücke

Der Blick auf die Prager Burg von der Moldau aus ist eines dieser Bilder, die man kennt, bevor man dort war — und die trotzdem nicht enttäuschen, wenn man sie zum ersten Mal live sieht. Die roten Ziegeldächer der Kleinseite, darüber die weiße Fassade des Burgkomplexes, ganz oben der schlanke Turm des Veitsdoms. Das Panorama macht tatsächlich sprachlos. Kurz. Dann klingelt das Handy wegen des Parktickets.
Oben auf dem Hradschin-Platz war dann richtig was los. Der Erzbischöfliche Palast mit seiner weißen Barockfassade dominiert den Platz — und davor: Touristengruppen, Straßenkünstler in historischen Kostümen, Fotografen, Kinderwagen, Audioguide-Kopfhörer wohin man schaut. Ein bisschen Wien-Zebrastreifen-Feeling, nur auf böhmisch. Trotzdem beeindruckend. Die Kulisse gibt das einfach her.


Dann die Karlsbrücke. Ich im Pokémon-Trainer-Shirt. Die Karlsbrücke im Hintergrund — 516 Meter lang, 16 Bögen, 30 Heiligenstatuen, erbaut ab 1357. Und ich dachte mir: Irgendwie passt das. Pokémon-Trainer in einer mittelalterlichen Stadt. Prag ist sowieso ziemlich märchenhaft — da ist ein Pikachu-Shirt fast eine logische Ergänzung.
Mittagspause: Schräge Kunst und Erdbeerkuchen am Fluss

Auf dem Weg zum Café stolperten wir über die Čůrající postavy von David Černý — zwei grüne Bronzemänner, schichtweise aufgebaut wie pixelige 3D-Drucke, die in ein kleines Becken… nun ja. Der Name sagt es eigentlich schon. Černý ist für solche Provokationen bekannt. Man grinst, fotografiert, geht weiter. Prag kann das: Mittelalter, Barock und schräge Gegenwartskunst auf engstem Raum.
Und dann: das Café Cihelna. Die Terrasse liegt direkt an der Moldau, umgeben von Kräutern und kleinen Bäumen in Holzkisten, historische Fassaden ringsum, Straßenlaternen im Hintergrund. Wir bestellten Erdbeerkuchen — eine leuchtend rote Schicht Erdbeeren auf hellem Biskuit, glänzend und fruchtig — und dazu einen erfrischenden Drink mit Gurke und Zitrone im Weinglas. Die Wolken zogen auf. Uns war egal. Das hier war ein perfekter Moment.
Die Terrasse des Café Cihelna ist einer dieser Orte, an denen man eigentlich nichts tun muss. Ankommen reicht. Ein paar Tische, Korbsessel, Blick auf die Moldau, auf die roten Dächer dahinter, auf die Leute die vorbeischlendern. Wir saßen, aßen Kuchen, redeten über den Trip, über Wien, über den Plan zurück nach München. Draußen Prag. Drinnen Zufriedenheit. So soll es sein.

Heimfahrt: 18 Uhr raus, 22 Uhr zurück
Um 18 Uhr war Schluss. Die John Lennon Wall haben wir noch kurz mitgenommen — bunt, vollgeschrieben, leicht chaotisch, sehr Prag — dann ins Auto und Richtung München. Vier Stunden später: Zuhause. Erschöpft. Glücklich. Mit vollem Speicherkarte und noch volleren Erinnerungen.
Zwei Tage, zwei Länder, zwei Kaiserpaläste, ein zufälliger Kollege aus Sofia und ein Erdbeerkuchen an der Moldau. Das war der Plan. Und er hat funktioniert. Verrückte Pläne funktionieren manchmal einfach.
‚Wien und Prag an einem Wochenende? Klingt nach zu viel. War genau richtig.‘




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