Zurück in Sofia: Eine Stadt, die ich kannte — und doch nicht mehr

Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia mit goldener Kuppel und grünen Kupferdächern vor blauem Himmel

Fast zwei Jahre hatte ich in Sofia gelebt. Als Expat, in einer anderen Lebensphase, mit anderen Prioritäten. Jetzt war ich wieder da — September 2021, Maske im Gesicht, Kermit im Rucksack — und irgendwie fühlte sich die Stadt gleichzeitig vertraut und fremd an. Die Freunde von damals sind keine Kollegen mehr, sondern echte Freunde. Verheiratet, manche mit Kindern. Sofia hatte sich ein bisschen verändert. Ich auch, vermutlich.


Tag 1 — Anreise: München nach Sofia

13:23 Uhr, Flughafen München. Selfie vor der Lufthansa-Maschine, FFP2-Maske, Sonnenbrille, Kermit lugt aus dem Rucksack heraus. Das war 2021 — Masken überall, auch auf dem Rollfeld. Man gewöhnt sich dran. Und ehrlich gesagt sieht man mit Sonnenbrille und Maske aus wie jemand, der entweder sehr anonym reisen möchte oder gerade einen Banküberfall plant. Ich wollte nur nach Sofia.

16:21 Uhr, Sofia International Airport. Das erste, was man beim Aussteigen liest: ‚Welcome to Happy Bulgaria‘ — wobei das ‚Happy‘ in geschwungenem Rot das Logo einer bulgarischen Fast-Food-Kette ist. Ob das die offizielle Botschaft des Landes ist oder einfach sehr günstige Werbefläche, bleibt offen. Ich entscheide mich für Letzteres und finde es trotzdem charmant.

Abends — NDK, alte Freunde und Hummus

🏛️ Nationaler Kulturpalast (NDK)
Bulgaria Blvd · Sofia
📍Google Maps

Der erste Abend gehörte den Freunden. Treffpunkt: der Nationale Kulturpalast, kurz NDK — ein sozialistischer Betonkoloss aus den Achtzigern, der nachts erstaunlich gut aussieht. Die beleuchtete Fassade spiegelt sich in den Fontänenbecken davor, der Himmel färbt sich lila-rosa. Man steht da und denkt: okay, das hat was.

Kurz nach halb acht saßen wir in der Raketa Rakia Bar. Enger Innenhof, Holztische, eine Karte auf Zeitungspapier. Ich bestellte Hummus mit Fladenbrot und eine Flasche Staropramen — das tschechische Bier ist in Sofia irgendwie allgegenwärtig, man nimmt es nicht weiter persönlich. Kermit saß auf seinem Stuhl und sah aus, als würde er das alles sehr genießen. Wir redeten über früher. Über gemeinsame Kollegen, alte Wohnungen, die eine Silvesterparty. Die Freunde sind jetzt verheiratet, manche haben Kinder. Das ist in Bulgarien nochmal ein anderes Gewicht als in Deutschland — Familie, Tradition, das ganze Paket. Ich hörte zu und trank mein Bier.

Auf dem Rückweg zum Apartment liefen wir am NDK vorbei. Um diese Uhrzeit läuft man nicht mehr daran vorbei — man bleibt stehen. Die Fontänen, das Licht, der Abendhimmel. Ich zog das Telefon aus der Tasche. Manche Motive verlangen das einfach.


Tag 2 — Sofia zu Fuß

Das Apartment

Das Efhimios Vitosha Panoramic Apartment war eine gute Entscheidung. Raumhohe Panoramafenster, Sonnenlicht das morgens diagonal durch den Wohnraum fällt, draußen blauer Himmel über den Dächern Sofias. Ich saß auf dem Sofa, Kaffee auf dem Glastisch, Beine hochgelegt, und dachte: so fängt ein guter Tag an. Das Apartment hatte ich mir auf AirBnB rausgesucht — manchmal trifft man ins Schwarze.

Nachmittags — Stadtrundgang

Sofia lässt sich schnell erkunden. Das ist kein Vorwurf — die Innenstadt ist kompakt, gut zu Fuß, und hat an einem Nachmittag alles beisammen, was man sehen möchte. Ich lief los.

15:14 Uhr. Die Statue der Sveta Sofia steht auf ihrer Säule am Largo und schaut gelassen auf den Verkehr darunter. Goldene Krone, ausgestreckte Hand, und — tatsächlich — eine echte Krähe, die sich dort niedergelassen hatte, als ob das ihr angestammter Platz wäre. Die Statue ist vergleichsweise jung, 2000 aufgestellt, aber sie hat sich in der Stadt eingebürgert. Zu Recht.

Zwei Minuten weiter liegt das Herzstück des sozialistischen Sofias: der breite Platz mit dem Narodno Sabranie, dem Parlament, im Hintergrund. Hohe Fassaden aus weißem Stein, ein leerer Platz unter intensiv blauem Himmel. Früh morgens wäre hier fast niemand — aber auch um halb vier nachmittags hielt sich der Andrang in Grenzen. So ist das in Sofia.

An einem Theater ein paar Schritte weiter hing über dem Eingang eine Reihe lebensgroßer Männerfiguren in Unterwäsche — sitzend, entspannt, manche mit Bierflasche oder Zeitung. Das kyrillische Schriftband darunter: ‚Страхотни момчета‘, was ungefähr ‚Tolle Jungs‘ bedeutet. Ich stand kurz davor und überlegte, ob das Kunst ist, Werbung oder beides. Wahrscheinlich beides. Sofia hat diesen eigenwilligen Sinn für öffentliche Ästhetik, der einen immer wieder kurz stocken lässt.

⛪ Alexander-Newski-Kathedrale
Alexander Nevsky Square · Sofia
📍Google Maps

Und dann die Alexander-Newski-Kathedrale. Weißer Stein, grüne Kuppeln, goldene Details. Das Gebäude hat die Dimension, die es braucht — es füllt den Platz vor ihm vollständig aus, ohne ihn zu erdrücken. Ich war schon oft davor gestanden, damals als ich hier wohnte. Es ist eines dieser Bauwerke, die sich nicht abnützen.

Tiefblauer Septemberhimmel, kaum Wolken, die Kuppeln leuchten. Ein paar Tauben, zwei Nonnen, einige Touristen mit großen Kameras. Das übliche Bild — aber eben auch das richtige.


Tag 3 — Alte Zeiten

Tag 3 gehörte den Freunden und dem Erinnern. Beim Schlendern durch die Straßen blieb ich vor einem Gebäude stehen, das ich sofort wiedererkannte — Nummer 86A. Ein unscheinbares Haus, verwitterte Türen, Graffiti an der Fassade, Klimaanlagen die aus der Wand wuchern. Ich hatte das Foto schon gemacht, bevor mir klar war warum. Dann fiel es mir wieder ein: in diesem Haus hatten wir Partys gefeiert. Legendäre, laute, lange Partys. Das Haus weiß das noch. Gut, dass Häuser nicht reden können.

Der Rest des Tages lief langsam. Mit den Freunden in einem Restaurant gesessen, gegessen, geredet. Sofia im Herbst hat dieses warme, entspannte Tempo, das man aus dem Sommer kennt, aber ohne die Hitze. Es war gut, wieder hier zu sein. Nicht als Expat, nicht auf der Durchreise — sondern einfach als jemand, der zurückkommt.

Manche Städte besucht man. Sofia war für mich eine, in der ich gelebt habe. Der Unterschied merkt sich — in den Straßen, in den Gesichtern, in den Häusern, die zum Glück nicht reden können.


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