Sommer in München 2020: Riesenrad, Brunnen und Bier auf Rädern

Selfie eines Reisenden mit Sonnenbrille und Rucksack in einem beleuchteten Tunnel in München

Es gibt Tage, an denen man gar nicht weit fahren muss, um sich wie ein Tourist zu fühlen. Der 9. August 2020 war so ein Tag. München, meine Wahlheimat, hatte sich in diesem seltsamen Pandemie-Sommer selbst neu erfunden. Keine Wiesn, kein normales Stadtleben — aber die Stadt hatte sich etwas gedacht. Überall Biergärten, Riesenräder, Konzerte, Kunst. Eine Art Trostpflaster für all das, was 2020 ausgefallen war. Mit einer Freundin im Gepäck und dem Rad zwischen den Knien bin ich losgefahren — vom Münchner Osten quer durch die Stadt. Kermit? Der hat diesmal zu Hause auf dem Sofa gesessen. Kann ich verstehen. Bei dieser Hitze wäre das grüne Fell eine Qual gewesen.


Start in Messestadt Riem: Sattel, Sonne, Wahoo

Der Element zeigt 15:46 Uhr, 6,44 km, Puls 153 — ich bin also schon ein Weilchen unterwegs, als dieses Foto entsteht. Cockpit-Perspektive auf dem Radweg, die Sonne brennt auf den roten Asphalt, meine Oberschenkel sehen aus wie zwei gut gebräunte Brötchen. Man achte auf den Aufkleber am Rahmen: ‚Bikes with Passion.‘ Kann ich bestätigen. Wobei meine Leidenschaft an diesem Tag eher in Richtung ‚Bier und Rumschlendern‘ tendierte als in Richtung sportlicher Höchstleistung. 2020 war ich allerdings tatsächlich in der besten Form meines Lebens — mehr Training als je zuvor, der Körper ein gut geöltes System. Die Stadt als Trainingsgelände sozusagen.


Erster Stop: Friedensengel — alkoholfreies Bier und goldene Engel

🏛️ Friedensengel
Prinzregentenstraße · 80538 München
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Der Friedensengel thront auf seiner Säule, vergoldet, majestätisch, leicht arrogant — so wie man sich München eben vorstellt. Darunter: ein temporärer Biergarten, aufgebaut von der Stadt als Sommerangebot. Rund herum die Maximiliansanlagen, saftig grün, vollgeparkt mit Menschen in guter Laune. Zum Glück gab es auch alkoholfreies Bier — ich war ja noch auf dem Rad und hatte noch einen langen Abend vor mir. Ein Masskrug in der Hand, blauer Himmel über mir, und das goldene Vieh da oben schaut einfach weg. Passt.

Wir haben uns Zeit gelassen. Es war heiß, die Stimmung war gut, und das alkoholfreie Bier schmeckte ehrlich gesagt besser als erwartet. Vielleicht lag es an der Kulisse. Oder an der Hitze. Oder daran, dass es einfach schön war, in der eigenen Stadt mal Pause zu machen und zu denken: Hey, eigentlich ist das hier gar nicht so übel.


Wittelsbacherplatz — Kunst, Kavallerie und Straßenmusik

🏛️ Wittelsbacherplatz
Wittelsbacherplatz · 80333 München
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Weiter geht’s zur Theatinerstraße, und dann direkt rein ins Selfie mit der Theatinerkirche. Die Fassade leuchtet gelb in der Abendsonne, die Türme ragen in den knallblauen Himmel — und ich stehe davor und blinzle in die Linse. So sieht Stadtführung aus, wenn man selbst der Stadtführer ist.

Gleich um die Ecke dann der Wittelsbacherplatz. Das grünspanige Reiterstandbild von Maximilian I. zeigt mit dem ausgestreckten Arm in eine Richtung — ich glaube, er meint den nächsten Biergarten. Darunter: ein kleiner Kunstmarkt mit Gemälden, Postkarten, Drucken. Eine Mona Lisa lehnte neben Weinflaschen-Stillleben. Jemand spielte Gitarre. Es war das Gegenteil von Hochkultur und irgendwie gerade deshalb wunderbar.

Ich habe kurz überlegt, ob ich ein Gemälde kaufe. Dann habe ich mir vorgestellt, wie ich das auf dem Fahrrad nach Hause transportiere. Ich habe nichts gekauft.


Stachus — Schuhe aus, Spider Murphy Gang, nasse Füße

🏛️ Stachus (Karlsplatz)
Karlsplatz · 80335 München
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Und dann: der Moment des Tages. Der Stachus. Wer in München aufgewachsen ist oder hier lebt, kennt den Song der Spider Murphy Gang — ‚I renn zur Gaudi durch’n Brunna am Stachus – Geh durch d’Fuaßgängerzone patschnaß.‘ Genau das haben wir gemacht. Schuhe aus, Socken rein in den Rucksack, und rein in den Brunnen. Nicht nackt, das möchte ich ausdrücklich festhalten. Aber barfuß und lachend wie zwei Halbwüchsige.

Das Wasser spritzte, Kinder tobten, Touristen fotografierten uns — oder fotografierten an uns vorbei das Karlstor im Hintergrund, das ist mir nicht ganz klar. Im Selfie sieht man jedenfalls: nasse Spritzer im Gesicht, zufriedenes Grinsen, im Hintergrund das mittelalterliche Tor. Ich als Zugereister musste diesen Moment einfach abhaken. Bucket-List-Punkt: erledigt.


Königsplatz — Riesenrad, Kettenkarussell und ein zweites Bier

🎡 Königsplatz Sommer 2020
Königsplatz · 80333 München
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Der Königsplatz ist normalerweise ein Ort für Stille und Neoklassizismus. Propyläen, Glyptothek, gepflegter Rasen — alles sehr würdevoll. Im Sommer 2020 stand da aber ein Riesenrad. Daneben ein Kettenkarussell in knalligen Farben. Und natürlich ein Biergarten. Die Stadt hatte sich gedacht: Wenn keine Wiesn, dann halt hier. Ich fand das großartig. Ein Riesenrad vor antikem Tempel — das hat Stil, wenn man den Stil weit genug fasst.

Beim Biergarten haben wir eine Pause eingelegt. Ich mit Masskrug in der Hand, Daumen hoch — das Kettenkarussell dreht sich gemächlich im Hintergrund, die Abendsonne taucht alles in warmes Licht. Das Bier diesmal nicht alkoholfrei, es war schließlich Abend, das Rad stand sicher, und die Form von 2020 erlaubte auch mal eine Ausnahme.

Ich habe mich dann auch noch ins Kettenkarussell gesetzt. Nicht wegen des Kicks — sondern wegen des Blicks von oben. Und weil man das halt macht, wenn ein Kettenkarussell vor einem steht. Das Selfie oben in der Luft, Gondeln baumeln drumherum, unten das Grün der Theresienwiese — ich grinse wie ein Kind. Manchmal ist das die einzig richtige Reaktion.

Von da oben sieht München aus wie ein ordentliches Miniaturmodell. Alles schön aufgeräumt, die Kirchtürme ragen raus, der Himmel ist makellos blau. Unten laufen die Menschen. Man hört die Musik vom Konzertbereich herüber. Kurz dachte ich: Das hier ist eigentlich ziemlich gut. Auch ohne Wiesn. Vielleicht sogar wegen dem Ohne-Wiesn.


Theresienwiese — Tunnel, St. Paul und ein Konzert auf Sand

🎡 Theresienwiese Sommer 2020
Theresienwiese · 80339 München
📍Google Maps

Der Weg zur Theresienwiese führt durch einen dieser langen Münchner Unterführungstunnel. Drinnen kühl, draußen immer noch Sommerglut. Ich musste kurz anhalten für das obligatorische Selfie — in der Spiegelung der Sonnenbrille sieht man den Tunnel ins Nichts laufen. Leicht apokalyptisch. Leicht cool. Ich entscheide mich für ‚cool‘.

Direkt daneben: die Pfarrkirche St. Paul mit ihrer neugotischen Fassade, weiß und schlank, die beiden Türme grün und kühn. Einer davon eingerüstet — weil in München immer irgendwas renoviert wird. Das gehört dazu. Ich war überrascht, wie wenig ich diese Kirche bisher wahrgenommen hatte, obwohl ich öfters hier vorbeigefahren bin. Manchmal braucht man einen touristischen Blick auf die eigene Stadt.

Dann die Theresienwiese selbst. Normalerweise im August schon Aufbaugelände für die Wiesn — Zelte, Fahrgeschäfte, Chaos. 2020 nichts davon. Stattdessen: eine fast leere, riesige Fläche, und im Hintergrund St. Paul mit seinen Türmen. Ein komisches Bild. Und irgendwie auch ein schönes. Die Stadt atmet mal durch.

Am Rand der Wiesn dann das Konzertgelände: eine Open-Air-Bühne, Sandboden davor, bunte Stühle — Giesinger Bräu sponsert, eine Band spielt, ein paar Dutzend Menschen sitzen in der Abendsonne und hören zu. Kein Gedränge, kein Lärm, kein Massentourismus. Einfach Musik auf der Wiesn. Das war der würdige Abschluss eines Tages, der gar kein typischer Reisetag war — und genau deshalb einer der besseren.


Man muss nicht weit fahren, um anzukommen. Manchmal reicht es, die eigene Stadt mit Touristenaugen zu sehen — Schuhe aus, rein in den Brunnen, Masskrug hoch. München 2020 hat bewiesen: Auch ohne Wiesn ist was los. Man muss nur hinschauen.


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