Sardinien Tag 5–8: Wie ein Strand zum Lieblingsort wird

Mann vor buntem Street-Art-Mural mit Aufschrift 'Hello Olbia' in Sardinien

Acht Tage Sardinien. Die ersten vier hatte ich bereits hinter mir — Strände im Norden, kurvenreiche Bergstraßen zurück nach Alà dei Sardi, Abendessen im Dorf, früh ins Bett. Jetzt neigen sich die letzten vier Tage dem Ende entgegen, und irgendwann zwischen Tag fünf und dem Rückflug hat die Spiaggia Pittulongu bei Olbia den Status zum Lieblingsstrand dieser Reise bekommen. Was passiert, wenn man denselben Strand mehrfach besucht: Man hört auf, ihn zu erkunden, und fängt an, ihn einfach zu mögen.


Tag 5 — Pittulongu, zweite Runde

Die Notiz für diesen Tag lautet schlicht: ‚Heute wieder zum Strand.‘ Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen — außer vielleicht, dass Kermit beschlossen hatte, den Rettungsturm zu übernehmen. Der echte Bademeister saß auf dem roten Klappstuhl darunter und wirkte wenig beeindruckt. Kermit saß oben auf dem Geländer, Flossen baumelnd, und beobachtete das Strandtreiben mit der Gelassenheit eines Wesens, das selbst ausgezeichnet schwimmen kann. Ich habe das Foto gemacht und kurz überlegt, ob ich ihm seinen Platz streitig machen sollte. Dann habe ich es gelassen.

🏛️ Spiaggia Pittulongu
Pittulongu · Olbia, Sardinien
📍Google Maps

Die Spiaggia Pittulongu liegt nur ein paar Kilometer nördlich von Olbia — heller Sand, flaches türkisfarbenes Wasser, im Hintergrund der markante Felsen der Isola Tavolara. Der Strand war an normalen Tagen bereits gut besucht, aber noch kein Massenandrang. Ein Rettungsturm aus weißem Holz, ein paar Strandbars, Sonnenschirmreihen in Blau. Kein glamouröser Costa-Smeralda-Betrieb, eher solides sardisches Strandleben.


Tag 6 — Aussichtspunkt Costa Smeralda & Strandrestaurant

Morgens früh raus, das war die Devise dieser ganzen Reise. Um kurz nach neun Uhr stand ich am Aussichtspunkt Costa Smeralda, und der Blick auf die Bucht hat sich gelohnt.

Unter mir: dichtes Macchia-Grün, rötliche Felsformationen, und dazwischen die Bucht mit einem guten Dutzend Segelboote und Motorjachten — regungslos bei Windstille, wie hingepinselt. Am Horizont die Silhouetten kleinerer Inseln, rechts davon etwas größere. Hinter der Haze des Morgens verlor sich alles im Blaugrau. Kein Mensch außer mir an diesem Aussichtspunkt um diese Uhrzeit. Genau das war der Plan gewesen.

🏛️ Aussichtspunkt Costa Smeralda
Costa Smeralda · Nordostsardinien
📍Google Maps

Nachmittags dann wieder Pittulongu. Zu diesem Zeitpunkt war klar: das ist jetzt der Stamm-Strand dieser Woche. Die Auswahl früherer Tage — Budoni, Santa Teresa, Rena Majori — war abgehakt. Pittulongu hatte gewonnen, ohne sich groß darum zu bemühen.

Mittagessen im Strandrestaurant direkt am Wasser. Holzterrasse, sandfarbendes Segeltuch als Sonnenschutz, ein paar Glühbirnen daran aufgehängt — die Sorte Lokal, die abends vermutlich deutlich mehr Atmosphäre hat als mittags. Draußen die Schirme, dahinter das Türkis des Wassers, und am Horizont dieser Tafelberg der Isola Tavolara, der sich den ganzen Tag über kein bisschen verändert. Ein Ankerpunkt. Das Publikum: gemischt, viele Familien, einige Paare, alle mit dem einheitlichen Gesichtsausdruck von Leuten, die schon zweimal gebadet haben und gleich ein drittes Mal vorhaben. Ich saß da und habe den nächsten Tag geplant.


Tag 7 — Rettungsturm, Selfies und Sonnenuntergang aus dem Auto

Kurz nach acht Uhr morgens, Pittulongu — der Strand gehört zu dieser Stunde noch fast allein einem. Die Sonnenschirme stehen unbenutzt, der Sand ist noch relativ kühl, und der Rettungsturm ist frei.

Frühaufsteher-Privileg: Man kann auf dem Rettungsturm sitzen, Beine hochlegen, und niemand stört sich daran, weil schlicht niemand da ist. Kermit hatte das am Tag zuvor vorgemacht — ich habe es jetzt selbst ausprobiert. Der rote Klappstuhl, die weiße Holzkonstruktion, der Blick auf den leeren Strand. In vier Stunden würde hier Hochbetrieb herrschen. Jetzt noch nicht.

Kurz nach halb neun war die Ruhe dann schon wieder ein bisschen Geschichte. Die ersten Familien rollten an, die Schirme wurden aufgestellt, und ich hab kurz an der Wasserlinie gestanden und ein Selfie gemacht — leicht verschwitzt, grüne Spiegelbrille, das obligatorische Strandtreiben im Rücken. Kein Filter, kein guter Winkel, aber dafür das ehrlichste Foto des Urlaubs.

Den Sonnenuntergang haben wir — wie fast jeden Abend auf dieser Reise — durch die Windschutzscheibe gesehen. Die Rückfahrt nach Alà dei Sardi über die Bergstraßen dauerte ihre Zeit, und irgendwo auf der Strecke ging die Sonne genau vor uns unter. Ein riesiger weißer Ball direkt auf der Straßenachse, die Bäume als Silhouetten links und rechts, das Auto vor uns als kleine dunkle Kontur. Man hätte anhalten und aussteigen können. Man hat es nicht getan. Manchmal ist das Bild durch die Scheibe schon gut genug.

Abends dann selbst gekocht in der Ferienwohnung. Nach den Abenden im Ristorante Logudoro und Su Cubone war das eine willkommene Abwechslung — weniger, weil das Kochen besonders aufwändig war, sondern weil man dabei einfach sitzen und nichts tun konnte, sobald das Essen fertig war.


Tag 8 — Olbia und Heimflug

Letzter Tag. Abflug um 12:40 Uhr ab Olbia Costa Smeralda — also noch ein paar Stunden Zeit, um die Stadt kurz zu Fuß abzulaufen. Kurz nach acht Uhr morgens war ich in Olbia.

Das erste, was man am Morgen in Olbia findet, wenn man die richtigen Straßen entlangläuft, ist dieses Wandgemälde: ‚hello Olbia‘ auf einem blauen Drachen, daneben Kinder mit bunten Drachen, ein Leuchtturm, Fische im Wasser darunter. Freundliche Begrüßung für eine Stadt, die man gleich wieder verlässt. Ich hab mich davor gestellt und ein Foto gemacht — was sollte man sonst tun.

Ein paar Gassen weiter stand ich vor der Kathedrale San Simplicio — oder genauer: vor ihrem Glockenturm, der sich aus einem Gewirr von Palmenblättern schält. Romanischer Granit, quadratischer Aufbau, oben eine Uhr. Die Kirche selbst ist eine der ältesten auf der Insel, aus dem elften Jahrhundert. Um kurz nach acht morgens ist sie noch geschlossen. Der Turm steht trotzdem gut im Licht.

Durch die engen Gassen der Altstadt — verputzte Häuser, Balkone, geschlossene Fensterläden, ein Café noch im Aufwachen. Kermit schaute aus dem Rucksack und beobachtete das Ganze mit dem gewohnten Überblick. Olbia ist keine große Touristenstadt im klassischen Sinn, aber die Altstadt hat ihre eigene Logik: enge Wege, Kopfsteinpflaster, Alltagsleben. Nicht spektakulär, aber angenehm zu gehen. Das Mary Café Bistrot hatte noch nicht auf — zu früh, oder zu letzter Tag.

Am Flughafen

Gate A2, Olbia Costa Smeralda Airport. Kermit saß auf dem Rucksack und wartete. Im Hintergrund auf dem Display: München. Das gelbe Schild darüber war groß genug für ein ordentliches Foto. Kermit wirkte stoisch — er reist immer handgepäcktauglich, hat also kein Aufgabegepäck-Problem.

2021, das bedeutete noch: FFP2-Pflicht an Bord. Sonnenbrille drüber, Maske drunter — der Look eines Menschen, der seinen Urlaub verteidigt bis zur Landung. Das Foto zeigt es deutlich. Ich habe damals kurz überlegt, ob Sonnenbrille im Flugzeug eine seltsame Wahl ist. Dann habe ich festgestellt, dass hinter der Maske ohnehin niemand weiß, ob man gerade schläft oder nicht, und die Entscheidung war leicht.

Kurz nach elf Uhr — der Blick aus dem Fenster. Sardinien von oben: die Bucht von Olbia, die Küstenlinie, das Grün dahinter. Der Triebwerksmantel im Vordergrund, der das Bild halbiert. Man sieht die Insel kleiner werden. Acht Tage, der Norden, Bergstraßen jeden Morgen und jeden Abend, Pittulongu als Stammstrand, ein Café in Alà dei Sardi mit Kartenspielern um sechs Uhr morgens — das zieht noch einmal kurz vorbei. Dann Wolken, dann nichts mehr.

München: Das Gepäckband-Erlebnis

Landung in München Terminal 2, kurz nach 14 Uhr. Und dann: warten. Langes Warten. Das Gepäckband am Flughafen München lief gefühlt ewig, bis der erste Koffer erschien — und bis meiner auftauchte, hatte ich genug Zeit, Kermit auf das Band zu setzen und das obligatorische Video zu drehen. Kermit auf dem Gepäckband, langsam um die Kurve, stoisch wie immer. Wenn das Reisen schon mit dem Koffer aufhört zu funktionieren, dann wenigstens mit Stil scheitern.

Kermit auf dem Gepäckband, Flughafen München — wer wartet, erfindet sich neu, August 2021.

Sardinien ist groß. Wir haben acht Tage gebraucht, um einen kleinen Zipfel des Nordens zu sehen — und selbst den nicht vollständig. Die Insel lässt sich nicht abhaken. Aber Pittulongu, der weiße Rettungsturm, die kurvenreiche Straße nach Alà dei Sardi im Sonnenuntergang: das war genug für dieses Mal.


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