Drei Tage vor dem Abflug hatte ich noch keinen Plan für den Sommer. Dann kam die Nachricht von einem Bekannten — Sardinien, nächste Woche, hast du Lust? Ich habe kurz überlegt. Sehr kurz. Am 5. August war der Flug gebucht, am 8. August saß Kermit bereits am Fenster des Terminal 2 und schaute auf die Vorfeldbetrieb. So spontan war ich selten unterwegs. Vier Tage Insel, zwei Männer und ein grüner Frosch — das Paket stimmte.
Tag 1 — Ankunft in Olbia, dann direkt Strand
08:04 Uhr, Flughafen München, Terminal 2. Kermit hatte sich bereits einen Fensterplatz am Tisch gesichert und beobachtete das Treiben auf dem Vorfeld mit der Seriosität eines erfahrenen Vielflieger. Die Lufthansa-Maschine stand da, Bodenfahrzeuge kurbelten drum herum, der Himmel war noch bedeckt. Ich trank Kaffee und fragte mich, ob ich wirklich alle wichtigen Dinge eingepackt hatte — Sonnencreme, Ladekabel, den kleinen grünen Mitreisenden. Check, check, check.


10:15 Uhr Abflug, 11:55 Uhr Olbia Costa Smeralda Airport. Kermit bekam den Fensterplatz — das ist nicht verhandelbar und war es noch nie. Er drückte die Nase ans Oval und schaute raus, während unten das Mittelmeer auftauchte, zuerst als blauer Streifen, dann als immer konkretere Fläche. Der Mann am Gangplatz warf ihm einen Blick zu, sagte aber nichts. Klug.
Am Nachmittag: erst einmal zum Strand. Das war der Plan, mehr brauchte es nicht. Das Stella Marina in Budoni lag direkt an der Küste — Liegestühle, burgunderfarbene Sonnenschirme, weißer Sand, türkises Wasser, Kinder mit Paddeln und Erwachsene, die versuchten, so zu tun, als würden sie schlafen. Ich lag dazwischen und dachte: Das hier war eine gute Entscheidung.
Unsere Unterkunft hatte ich mit ein bisschen Glück erwischt — kurz vor dem Abflug noch buchbar, mitten im August, Sardinien. Das sagt entweder viel über meine Recherchefähigkeiten aus oder über die Lage: Die Casa vacanze Santa Croce lag in Alà dei Sardi, einem kleinen Ort tief im Inselinneren. Von außen: Mittelalter. Von innen: modern, funktional, angenehm. Die Fahrt dorthin war jedes Mal ein kleines Abenteuer — kurvenreiche Bergstraßen, kein Navi-Signal, irgendwann taucht der Ort dann doch auf.

Von außen sah es aus wie ein sardisches Dorfhaus aus dem 17. Jahrhundert. Von innen gab es WLAN und eine funktionale Küche. Wir haben beides genutzt — das eine mehr als das andere. Abends gingen wir oft im Ristorante Logudoro essen, das praktischerweise in der Nähe lag. Manchmal haben wir auch selbst gekocht. Beides war in Ordnung.
Tag 2 — Strandsuche mit Panorama-Bonus
07:36 Uhr, wir waren bereits unterwegs. Der Vorteil einer Unterkunft im Inselinneren: Man ist früh wach, weil der Ort zu ruhig ist, um lange zu schlafen, und man beginnt den Tag mit einer Bergfahrt. Die SS125 schlängelt sich durch die Macchia, rechts und links vertrocknetes Gras, grüne Hügel, Pinien. Irgendwo auf dem Weg zur Costa Smeralda hielten wir an einem Aussichtspunkt — nicht weil er ausgeschildert war, sondern weil der Ausblick einfach zu gut war, um dranzuvorbeizufahren. Bergketten, Täler, ein Spiegel aus Grün und Ocker. Das Seitenfenster war nicht ganz sauber, das Foto wurde trotzdem.


Dann: die Bucht. Von oben sieht man es erst richtig — dieses Türkis, das man auf Fotos immer für übersättigt hält und das in Wirklichkeit noch ein bisschen intensiver ist. Boote ankerten in der Spiaggia Poltu Di Li Cogghj, dazwischen Segelboote und Motorjachten, die Wolken warfen weiche Schatten auf das Wasser. Wir suchten weiter. Schöne Aussicht reicht nicht — es muss auch ein Stück Sand dabei sein, auf dem man liegen kann.
Irgendwann hatten wir ihn gefunden: die Spiaggia di Rena Bianca bei Santa Teresa Gallura. Feiner weißer Sand, türkises Wasser, Blick auf die felsige Küstenlinie — und ausreichend Platz, um sich nicht auf der Handtuchkante seines Nachbarn zu befinden. Kermit hatte sich zwischen Rucksack und Handtuch einen Aussichtsposten eingerichtet und schaute skeptisch auf das Treiben. Ich tat das Gleiche, nur mit Sonnenbrille. Das Selfie dokumentiert beide Zustände zuverlässig.

Abends ging es zurück nach Alà dei Sardi und zum Su Cubone. Sardische Küche, rustikale Atmosphäre, der Wirt kannte scheinbar jeden Gast persönlich — außer uns. Wir bekamen trotzdem einen Tisch.
Tag 3 — Santa Teresa Gallura und Rena Majori
Ein anderer Strand für einen anderen Tag. Die Spiaggia Rena Majori lag ein bisschen außerhalb, weniger Betrieb als am Vortag. Das Wasser war klar, der Sand hell, die Liegestühle ordentlich verteilt. Ich lag da, schaute auf den Horizont und dachte an nichts Besonderes — was vermutlich der Punkt war. Das Selfie entstand gegen 10 Uhr, man sieht die Sonne noch nicht zu tief im Gesicht stehen. Kermit hatte seinen Beobachtungsposten aufgegeben und lag einfach irgendwo.


Vor dem Strand hatten wir noch etwas Zeit in Santa Teresa Gallura selbst. Ein Haus mit rotem Schmiedeeisen überall — Balkon, Geländer, Tor — dazwischen frische Sukkulenten in Terrakottatöpfen. Das sieht nach Kulisse aus, ist aber einfach so. Die rote Markise war ausgeklappt, dahinter wahrscheinlich jemand beim Mittagsschlaf. Logisch um diese Uhrzeit.
Nachmittags zurück an den Strand, dann Abendessen im Ristorante Bar S’Historia. Der Name klingt nach mehr Geschichte als der Ort tatsächlich hat, aber das Essen war gut.
Irgendwann am Nachmittag dann doch noch ins Wasser — dokumentiert per Selfie-Video, aufgenommen um 16:43 Uhr, als die Sonne schon etwas tiefer stand und das Wasser immer noch warm genug war, um nicht zögerlich reinzugehen. Kermit blieb am Handtuch. Kluge Entscheidung für einen Plüschfrosch.
Tag 4 — Dorf, Zigarette und Pittulongu
Frühaufsteher-Privileg: Man hat das Dorf für sich alleine. Alà dei Sardi schläft noch. Die Dorfkirche aus grauem Granitquaderstein steht auf dem Platz wie seit Jahrhunderten — Uhrturm daneben, zwei Heiligenfiguren flankieren das Rundfenster, die Kirchturmuhr zeigt kurz vor sechs. Keine Touristen, keine Autos, keine Stimmen. Nur Morgenlicht.


Dann passierte etwas, das so nur in kleinen sardischen Dörfern um kurz vor sechs Uhr morgens passieren kann. Ich hatte mit dem Rauchen aufgehört — schon eine Weile — aber an diesem Morgen wollte ich einfach eine Zigarette. Nicht eine Packung, nur eine. Ich lief durch die Kopfsteinpflastergassen, am Ende einer Gasse lugte ein Wandgemälde hervor, und irgendwo dazwischen fand ich ein Café, in dem ein paar ältere Männer Karten spielten. Ich trat ein. Hands-and-feet-Kommunikation: Ich möchte eine Zigarette kaufen. Sie verstanden, gaben mir eine — und wollten, dass ich mich zu ihnen setze. Das war der Moment, an dem meine sprachliche Kompetenz hart an ihre Grenzen stieß. Ich lehnte höflich ab, so höflich wie man das mit einer Kombination aus Schulterzucken und Entschuldigungsgeste hinbekommt. Sie nickten. Kein Konflikt. Das Dorf hatte mich kurz aufgenommen und wieder entlassen.
Nachmittags dann die Spiaggia Pittulongu bei Olbia — ein anderes Kaliber. Mehr Betrieb, mehr Sonnenschirme, mehr Menschen. Kermit hatte sich ein Handtuch ergattert, lag darauf wie jemand, der das schon immer so macht, und schaute aufs Meer. Von oben — spätere Aufnahme vom Aussichtssteg — sah man die Reihen der Sonnenschirme, die Menschen im Wasser, die Bucht, die sich nach rechts in die felsige Küste einschmiegt. Ein voller sardischer Auguststrand. Schön trotzdem.

Den Abend beschlossen wir im Meiwei Ristorante. Nach vier Tagen sardischer Küche ein kleiner Seitenschritt — funktioniert auch auf einer Mittelmeerinsel. Kermit hatte keine Einwände.
Drei Tage vor Abflug gebucht, eine Unterkunft im Nirgendwo erwischt, täglich eine Stunde Kurvenstraße bis zum Strand — und trotzdem war es genau richtig so. Manchmal ist das Spontane das Vernünftigste.





Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.