Plovdiv. Schon der Name klingt nach Abenteuer. Oder zumindest nach einer Stadt, die man kennen sollte. Im Juni 2017 war das für mich noch Neuland — und ich war gespannt, was Bulgariens zweitgrößte Stadt zu bieten hat. Der Himmel zeigte sich von seiner besten Seite: strahlend blau, kein Wölkchen, dafür aber ordentlich Sonne. Kurz gesagt: perfektes Wetter zum Schmelzen.
Von Sofia aus geht’s bequem mit dem Zug — etwa zwei Stunden, je nach Verbindung. Kein Stress, kein Parkplatzsuchen, einfach einsteigen und die Landschaft genießen. So mag ich das.
Mit dem Zug nach Plovdiv
Der Hauptbahnhof Sofia ist so eine Sache. Charme hat er — allerdings den etwas ruppigen Ostblock-Charme. Aber der Zug nach Plovdiv fährt zuverlässig, das Ticket kostet fast nichts, und nach zwei Stunden durch die bulgarische Ebene taucht Plovdiv am Horizont auf. Ich war sofort neugierig.
Ankommen, orientieren, los. Der Bahnhof Plovdiv liegt günstig — von hier aus ist die Altstadt zu Fuß erreichbar. Ich schnappte mir meine Kamera und machte mich auf den Weg. Erster Eindruck: warm. Sehr warm. Die Sonne meinte es ernst.
Die Fußgängerzone: Plovdivs gute Stube
Wer in Plovdiv ankommt, landet früher oder später auf der Hauptfußgängerzone — dem „Knyaz Alexander I.“-Boulevard. Gepflastert, gesäumt von Cafés, Läden und allerlei Menschen, die entweder flanieren, Eis essen oder einfach in der Sonne sitzen und das Leben genießen. Eine Coca-Cola-Riesenplakatte blinzelt von einer Hauswand herunter. Willkommen im modernen Plovdiv.
Die Atmosphäre ist entspannt und südländisch. Keine Hektik, kein Gedrängel. Selbst an einem Samstag ist es hier angenehm. Links eine Caffetteria, rechts ein Gelato-Stand — ich war kurz versucht, schon hier halt zu machen. Aber der Tag war noch jung.

Kulturhauptstadt im Werden & Milyo auf seiner Mauer

Überall in der Stadt begegnet einem 2019 schon 2017. Plovdiv ist nämlich gerade dabei, sich auf seinen großen Moment vorzubereiten: Europäische Kulturhauptstadt 2019. Der bunte „together“-Schriftzug steht prominent an einer Treppe nahe dem Stadtzentrum — bunt, selbstbewusst, einladend. Ich fand’s sympathisch. Plovdiv scheint zu wissen, was es hat.
Dann: Milyo. Die Bronzestatue des legendären Plovdiver Stadtoriginals sitzt entspannt auf einer Mauer, das Kinn in die Hand gestützt, und schaut die Welt an. Oder die Welt schaut ihn an — kommt auf die Perspektive an. Milyo war angeblich eine lokale Berühmtheit, der täglich durch die Stadt flanierte und jeden kannte. Ich hätte ihn gerne befragt. Stattdessen machte ich ein Foto und setzte mich kurz neben ihn. Wir hatten denselben Gesichtsausdruck.
Milyo macht’s einfach richtig: einfach mal setzen, beobachten, nichts müssen. Eine Lebensphilosophie, die ich an einem heißen Sommertag absolut nachvollziehen kann.

Römertheater, Altstadt und der Blick von oben
Das ist der Moment, für den man nach Plovdiv fährt. Das antike Theater von Philippopolis — also das römische Amphitheater — liegt atemberaubend in einen der Hügel eingebettet. Gebaut im 2. Jahrhundert nach Christus, fasst es rund 7.000 Zuschauer, und es wird bis heute bespielt. Konzerte, Opern, Festivals — die Römer hätten ihre Freude daran.

Ich stand oben auf den Rängen und schaute hinunter auf die Bühne — weiße Säulen, Backsteinmauern, dahinter die Dächer von Plovdiv und in der Ferne die Hügel. Die Bühne war für ein Konzert aufgebaut. Scheinwerfer, Stühle, Technik. Und dann dieser Kontrast: 2.000 Jahre Geschichte, drüber ein modernes Mikrofonstativ. Ich blieb eine Weile einfach sitzen. Manchmal muss man das einfach sacken lassen.
Direkt vom Theater aus schlenderte ich in die Altstadt. Kopfsteinpflastergassen, die sich zwischen Wiedergeburtshäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert hindurchschlängeln — bunte Fassaden, auskragende Obergeschosse, zwischendrin Galerien, Ateliers und kleine Restaurants. Und dann wieder eine ganz normale Gasse mit Graffiti und einem geparkten Lada. Plovdiv ist ehrlich. Das gefällt mir.
Die Gassen der Altstadt riechen nach Sonnenschein, heißem Stein und irgendwie nach Geschichte. Wer mag, kann stundenlang durch die Winkel streifen und immer wieder Neues entdecken. Ich tat genau das — und versuchte dabei, nicht auf dem Kopfsteinpflaster umzuknicken. Touristen-Fitness 101.

Plovdiv heißt nicht umsonst die Stadt der sieben Hügel. Wer auf einen davon steigt, wird belohnt. Der Blick vom Danov-Hügel über die Altstadt ist schlicht fantastisch: rote Ziegeldächer so weit das Auge reicht, dazwischen die weißen Türme der Kirchen, und im Hintergrund die bewaldeten Hügel mit dem Fernsehturm. Die Stadt liegt da wie ein entspanntes Bilderbuch. Ich hätte ewig geschaut.

Von hier oben versteht man, warum Plovdiv so eine treue Fangemeinde hat. Die Stadt ist kompakt, überschaubar, und doch steckt in jedem Winkel eine Geschichte. Und der Blick über die Dächer mit den Hügeln im Hintergrund — das ist eines dieser Panoramas, für die man extra anreist. Für mich war es der Höhepunkt des Tages. Buchstäblich.
Street Art und das Kapital der Farben
Auf dem Weg zurück in Richtung Zentrum entdeckte ich, was Plovdiv neben Römertheater und Altstadt noch draufhat: Street Art. Und zwar nicht das übliche Schmiererei-Graffiti, sondern echte Wandgemälde, die einem den Atem verschlagen. An einer Häuserwand: ein riesiges Mural mit einem Kolibri, einem Tukan, winterkahlen Bäumen — und mittendrin der Schriftzug „Enjoy the Colors“.
Ich fand das großartig. Als würde die Stadt einem zurufen: Hey, schau genauer hin. Es lohnt sich. Und ja — Plovdiv nimmt das mit den Farben sehr ernst. Überall tauchen Murals auf, manche klein und versteckt, manche so groß, dass man sie nicht übersehen kann. Für eine Kulturhauptstadt in spe die genau richtige Sprache.

Warten am Bahnhof und Heimfahrt nach Sofia

Die Füße brannten. Der Rücken meldete sich. Und der Zug nach Sofia ließ noch etwas auf sich warten. Am Bahnhof Plovdiv saßen zwei Damen mit prall gefüllten Einkaufstüten auf einer Bank — gelassen, geduldig, völlig entspannt. Ich beneidete sie ein bisschen. Nicht wegen der Tüten, sondern wegen der Entspanntheit.
Mir taten die Füße genauso weh wie ihnen vermutlich auch — nur dass ich es deutlich weniger stoisch zeigte. Ich saß da, lehnte mich zurück und ließ den Tag Revue passieren. Römertheater. Altstadt. Milyo. Der Blick von oben. „Enjoy the Colors.“ Ein langer, guter, heißer Tag.
Dann kam der Zug. Müde, aber zufrieden fuhr ich zurück nach Sofia.
Plovdiv ist die Art Stadt, von der man nicht erwartet, dass sie einen so packt — und es dann doch tut. Römer, Kopfsteinpflaster, Street Art und das entspannteste Stadtoriginal aus Bronze: Das reicht für mindestens zwei Besuche.
📍 Plovdiv, Bulgarien · 🚂 Anreise ab Sofia per Zug · ⏱ ca. 2:00 h Fahrzeit · 🎯 Antikes Römertheater, Altstadt & Kopfsteinpflastergassen, Panorama vom Danov-Hügel, Street Art




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