Seoul, zweiter Tag. Kermit war um halb acht bereits wach — oder zumindest sah er so aus. Der Plan: Namsan, N Seoul Tower, Paläste, Blaues Haus, Bukchon, und irgendwo dazwischen ein Kaffee mit Aussicht. Was daraus wurde, war mehr als geplant und länger als die Beine eigentlich wollten.
Morgens: Gassen und der Weg nach oben
08:26 Uhr. Erste Gasse des Tages. Noch niemand unterwegs, die Norebang-Schilder leuchten nicht mehr, die Klimaanlagen schweigen. Seoul im Morgenmodus ist eine andere Stadt als Seoul um Mitternacht. Ruhiger. Ehrlicher irgendwie.

Namsan: Seoul von oben, bei Wolken

Der Namsan-Berg liegt mitten in der Stadt — und trotzdem fühlt man sich hier oben weit weg von ihr. Der Aufstieg zu Fuß dauert etwa 40 Minuten, je nach Tempo und Ablenkung durch Eichhörnchen. Oben: eine Millionenstadt, grau und riesig, die sich bis zum Horizont erstreckt. Kermit wirkt unbeeindruckt.
Pflichtfoto mit Panorama. Kermit schaut in die Kamera, ich auch. Seoul schaut gar nicht — es ist einfach da, gleichgültig und beeindruckend zugleich. Im Hintergrund: Wohnblocks bis zum Bergkamm, Wolkentürme, Smog oder Dunst, schwer zu sagen.


Ein zweites Foto muss sein. Das erste war gut. Das zweite ist besser. Kermit sieht auf beiden gleich aus — das ist seine Stärke.
N Seoul Tower: Aussicht, Antenne und das beste Urinal der Welt
Der N Seoul Tower thront auf dem Namsan-Gipfel wie ein übergroßer Lollistock. 236 Meter Turm plus 243 Meter Berghöhe — man sieht ihn von fast überall in Seoul. Von hier oben sieht man dafür fast ganz Seoul. Fair.


Oben in der Aussichtsplattform: Seoul breitet sich aus, soweit das Auge durch den Dunst reicht. Grüne Hügel, graue Hochhäuser, der Han River irgendwo dahinter. Man versteht in diesem Moment, warum diese Stadt so schwer zu fassen ist — sie hört einfach nicht auf.
Die Antenne des Turms von oben fotografiert: orange-weiß, lang, in die Wolken ragend. Und darunter: Seoul, bis zum Horizont. Das ist das Bild, das man sich merkt.


Und dann: die Toilette. Der N Seoul Tower hat Urinale mit Panoramafenster. Man steht da, Rucksack auf dem Rücken, Kermit ragt raus, und schaut beim Pinkeln auf Seoul. Ich habe diesen Moment fotografiert. Ich bereue nichts.
Kermit am Fenster. Han River im Hintergrund, die Stadt in alle Richtungen. Er sitzt da, schaut raus, und wirkt wie jemand, der gerade nachdenkt. Worüber, weiß ich nicht. Vielleicht über das Urinal.

Ein Urinal mit Panoramablick auf zehn Millionen Menschen. Seoul nimmt sich selbst nicht zu ernst — und das ist genau richtig.

Der Abstieg. Der Weg führt durch dichten Stadtwald, breite Alleen, grüne Stille. Menschen joggen. Andere schieben Einkaufswagen mit Getränken hoch. Seoul ist pragmatisch.
Unten am Fuß des Namsan: ein Souvenirladen. Und da hängen sie — Frosch-Taschen. Kermit-ähnliche Wesen auf blauem und schwarzem Stoff. Kermit schaut von meinem Rucksack herüber. Ich kaufe nichts. Kermit wirkt erleichtert.

Deoksugung: Wachen, Tore, europäische Überraschungen

Deoksugung-Palast, kurz vor Mittag. Am Daehanmun-Tor findet die Wachablösung statt — täglich, in historischen Uniformen, mit Zeremonialschwertern. Die Touristen fotografieren. Die Wachen schauen geradeaus. Ich fotografiere auch. Kermit schaut geradeaus.
Hinter dem Haupttor: Palastgebäude durch dichtes Grün. Alt und neu in einem Bild — im Hintergrund lugt ein Glasgebäude über die traditionellen Dächer. Seoul macht das ständig. Es entschuldigt sich nicht dafür.


Und dann: der Seokjojeon. Ein neoklassizistisches Gebäude mit Säulen, Brunnen und Rasenfläche — mitten im koreanischen Palastgelände. Gebaut in der japanischen Kolonialzeit als westlicher Empfangspavillon. Geschichte ist hier keine Dekoration, sie ist die Kulisse.
Gyeongbokgung und das Blaue Haus
Nächster Halt: Gyeongbokgung, der größte Palast Seouls. Baumgesäumte Alleen führen hinein — breite Wege, gelbe Mittellinien, als wäre es eine Straße aus einer anderen Zeit.


Am Gwanghwamun-Tor stehen zwei Wachen in historischen Kostümen — einer in Blau, einer in Rot, beide mit Hellebarden. Sie stehen seit Stunden hier. Ich stehe drei Minuten und bin schon ungeduldig. Das sagt alles über mich und nichts über sie.
Selfie im Palastgelände. Im Hintergrund: traditionelle Dächer, und weit hinten der N Seoul Tower. Den Turm habe ich heute Morgen schon von oben gesehen — jetzt schaut er zu mir runter. Guten Morgen zurück.


Auf dem Gwanghwamun-Platz: König Sejong, in Bronze, auf dem Thron. Er hat im 15. Jahrhundert das Hangeul-Alphabet erfunden und damit Millionen Menschen das Lesen ermöglicht. Die Statue ist riesig. Zu Recht.
Die Haupthalle des Gyeongbokgung von unten — das Dach dominiert alles. Grün, Rot, Gold, Blau. Hunderte von Holzbalken, jeder bemalt, kein Zentimeter undekoriert. Das ist keine Dekoration, das ist Weltanschauung in Architektur.

Cheongwadae: Das Blaue Haus ist offen

Das Cheongwadae — das Blaue Haus, frühere Residenz des südkoreanischen Präsidenten — ist seit 2022 für die Öffentlichkeit zugänglich. Blau geschwungene Dächer, makellos grüner Rasen, Berge dahinter. Bis 2022 war das hier gesperrtes Gebiet. Jetzt laufen Familien mit Kinderwagen durch.
Drinnen: der Empfangssaal. Kristalllüster, Holzdecke, Stühle im Halbkreis, ein runder Tisch, der südkoreanische Staatsflagge in der Ecke. Hier haben Staatschefs gesessen und Entscheidungen getroffen. Jetzt stehe ich mit Kermit im Rucksack drin und mache ein Foto. Die Geschichte ist manchmal komisch.


Die Frontansicht des Cheongwadae — so wie man es aus den Nachrichten kennt. Die blauen Dachziegel sind das Markenzeichen: rund 150.000 Stück, jeder einzeln aus Granit aus dem Norden des Landes. Vor dem Gebäude: Nebeldüsen kühlen die Luft, Besucher schlendern über den Rasen. Das fühlt sich noch immer surreal an.
Bukchon Hanok Village: Alte Dächer, neues Licht
Nachmittags: Bukchon. Die Hanok-Gassen ziehen sich an einem Berghang entlang — enge Wege, geschwungene Dächer, traditionelle Lehmwände. Und überall Touristen. Und Schilder, die um Stille bitten, weil hier echte Menschen wohnen. Man versucht es.


Über den schwarzen Ziegeldächern: der N Seoul Tower, wieder. Er taucht heute überall auf — Morgens von oben, mittags von unten, jetzt aus den Hanok-Gassen. Seoul ist nicht groß genug, um ihm zu entkommen.
Churro 101. „Better than a boyfriend.“ Ich halte kurz inne. Esse keinen Churro. Fotografiere aber das Schild. Das muss reichen.

Ihwa Mural Village: Treppen, Kunst, Spiegel

Ihwa Mural Village, am Hang des Naksan-Bergs. Das Viertel ist bekannt für seine Wandmalereien — und die sind tatsächlich gut. Nicht touristisch-glatt, sondern ehrlich. Zwei alte Menschen beim Küssen, daneben die Worte: „We Are Young.“ Das Bild bleibt hängen.
An einer Hauswand: Stadtpanorama, Nachmittagssonne, Berge am Horizont. Der Blick geht weit. Füße tun weh. Beides stimmt gleichzeitig.


Ein großformatiges Wandbild eines Kindes mit Brille — zwischen parkenden Autos, auf alten Kacheln. Daneben handbemalte Postkarten. Das Viertel ist kein Museum, es ist ein Wohngebiet, das sich selbst neu erfunden hat.
Zwei Stofftiere auf einer Bank. Ein Kakao-Ryan und ein Teddybär, groß, verwittert, einfach da. Im Hintergrund Sonnenblumen an der Wand. Niemand erklärt das. Muss auch nicht.


Hausnummer 69. An der Wand: Mädchen mit rotem Herzballon — eine klare Banksy-Referenz. Koreanische Straßennummer, westliche Kunstikone, Wohnhaus. Das Ihwa-Viertel macht keine großen Worte daraus.
Eine Frau in Hanbok, auf eine Hauswand gemalt, die Treppe hinaufgehend. Daneben ein altes Paar mit Hund — zart, farbig, liebevoll. Das Viertel hängt voller solcher Bilder. Man läuft durch eine Galerie, die vergessen hat, dass sie eine ist.


Ein Konvexspiegel an einer Treppe — eigentlich für den Verkehr. Ich stehe davor und mache ein Selfie. Im Spiegel: die alte Stadtmauer, ein Hinterhof, und ich, klein und rund verzerrt. Kermit steckt im Rucksack und ist nicht zu sehen. Manchmal hat er den besseren Deal.
Abschluss: Kermit, Kaffee, Sonnenuntergang
Ein Rooftop-Café irgendwo im Ihwa-Viertel. Kermit bekommt den besten Platz — vor dem Eiskaffee, mit Blick auf die Stadt. Er sitzt da wie jemand, der den Tag schon längst verarbeitet hat. Ich bin noch dabei.


Noch ein Wandbild auf dem Rückweg: ein altes Paar, ein Hund, Morgenblumen an der Wand. Zart, fast schüchtern. Das Ihwa-Viertel hat keine Lautstärke — es flüstert. Das macht es stärker als alles andere heute.
18:14 Uhr. Seoul brennt. Der Sonnenuntergang macht das Beste aus dem Dunst — Orange, Rosa, Grau. Der N Seoul Tower steht links im Bild, wie immer. Ein langer Tag geht zu Ende. Meine Füße wissen das bereits.


18:49 Uhr. Das Wandbild leuchtet im letzten Tageslicht. Irgendwo eine Treppe weiter unten liegt die Stadt, oben ist der Himmel noch orange. Kermit hat heute mehr Seoul gesehen als die meisten Touristen in drei Tagen. Er wirkt nicht erschöpft. Ich schon.
Namsan, zwei Paläste, das Blaue Haus, Bukchon, Ihwa — und ein Urinal mit dem besten Aussichtsfenster der Stadt. Seoul ist kein Reiseziel. Es ist ein Argument.
| Tag | 2 in Seoul, 17. September 2023 |
| Stationen | Namsan, N Seoul Tower, Deoksugung, Gyeongbokgung, Cheongwadae, Bukchon Hanok Village, Ihwa Mural Village |
| Eintritt Gyeongbokgung | 3.000 Won (ca. 2 €) |
| Eintritt Cheongwadae | kostenlos (seit 2022 öffentlich zugänglich) |
| N Seoul Tower Aussichtsplattform | ca. 21.000 Won, Seilbahn oder zu Fuß erreichbar |
| Wetter | Morgens bewölkt, nachmittags aufklarend, Sonnenuntergang spektakulär |
| Gelaufene Kilometer | gefühlt zu viele |
| Kermit-Status | Zufrieden. Eiskaffee war gut. |




