Ägypten. Schon der Name löst bei mir dieses kribbelige Bauchgefühl aus — eine Mischung aus Fernweh, Ehrfurcht und dem leisen Verdacht, dass ich mal wieder mehr vorhabe als in neun Tagen vernünftigerweise reinpasst. Mein erster Besuch im September 2017 hatte mich angefixt. Scharm El-Scheich, ein Tagesausflug nach Kairo, ein kurzer Blick auf die Pyramiden — und dann war es auch schon wieder vorbei. Zu schnell, zu wenig, zu oberflächlich. Also buchte ich kurzerhand eine Nilkreuzfahrt. Eine richtige. Mit Schiff, Geschichte und allem, was dazugehört.
Das Schiff: die M/S Semiramis II von SUNRISE, ein klassisches Nilkreuzfahrtschiff, das sich auf dem Nil zwischen Luxor und Assuan bewegt. Kein Ozeanriese, kein Wasserpark auf Deck, kein Broadway-Musical um 21 Uhr. Dafür: Geschichte, Kultur und Tempel, so weit das Auge reicht. Ich war sofort verliebt.
Tag 1: Anreise – München nach Kairo
Mittwoch, 4. April 2018. Abflug München, Terminal 2, kurz vor vier Uhr nachmittags. EgyptAir Flug MS 788 — drei Stunden vierzig Minuten bis Kairo, Terminal 3. Die Maschine landet pünktlich, die Luft ist warm und riecht nach… nun ja, nach Kairo eben. Wer da schon war, weiß was ich meine. Wer nicht: Es ist eine Mischung aus Staub, Abgasen, Gewürzen und diesem unbeschreiblichen Hauch von Jahrtausenden.
Der Transfer zum Helnan Dreamland Hotel läuft reibungslos. Unser Reiseleiter empfängt uns bereits am Flughafen — professionell, freundlich, mit dem Schild meines Veranstalters in der Hand. Ich nicke ihm zu, als hätte ich das schon tausendmal gemacht. Hab ich nicht. Aber man gibt sich Mühe.
Abflug pünktlich um 15:55 Uhr. Koffer aufgegeben, Sicherheitskontrolle überlebt, Boarding-Gate gefunden — alles läuft. Der kleine innere Sebastian, der seit Wochen aufgeregt auf diese Reise wartet, tippt ungeduldig mit dem Fuß.
Ankunft 19:35 Uhr Ortszeit. Die Stadt empfängt mich mit warmem Wind und einem Verkehrschaos, das ich nur als „beeindruckend“ beschreiben kann. Kairo schläft nie — das merkt man spätestens beim Blick aus dem Taxifenster auf dem Weg zum Hotel.
Erste Nacht im Helnan Dreamland Hotel. Groß, komfortabel, ruhig — genau das, was man nach einem Reisetag braucht. Ich bin zu müde für lange Spaziergänge. Ich gehe schlafen und träume von Pyramiden. Morgen sehe ich sie zum ersten Mal mit eigenen Augen.
Tag 2: Pyramiden, Basar und Einschiffung
Der Wecker klingelt früh. Zu früh, eigentlich. Aber heute gibt es Pyramiden. Da steht man auch um halb sechs auf.
Morgens: Gizeh – Weltenwunder vor der Linse
Es gibt Momente im Leben, die einen stumm machen. Die Pyramiden von Gizeh sind so ein Moment. Man kennt sie von tausend Fotos, aus Büchern, aus Dokus — und denkt, man weiß wie sie aussehen. Dann steht man davor. Und weiß gar nichts mehr.
Kurz nach halb acht — die Sonne steht noch nicht hoch, die Luft ist angenehm kühl, der Sand leuchtet golden. Ich zücke das Handy, strecke den Arm aus und drücke auf Auslöser. Selfie mit drei Pyramiden. Klassischer kann ein Touristenfoto nicht sein. Ich stehe dazu. Vollständig und ohne Scham.
Die Größe der Cheops-Pyramide erschließt sich erst, wenn man daneben steht. Die Steine sind riesig. Jeder einzelne. Ich bin kurz darum versucht, auszurechnen, wie viele Umzugskartons da reingehen würden — lasse es dann aber. Manche Dinge sollte man einfach auf sich wirken lassen.

Nach den Pyramiden geht es noch kurz ins 3 Pyramids Papyrus Institute — ein obligatorischer Stop auf jeder organisierten Ägypten-Tour. Ich nicke höflich, schaue mir die Papyrus-Herstellung an, bewundere die Kunstwerke und kaufe… nichts. Ich bin erhaben. Ich habe Selbstdisziplin. Ich kaufe beim nächsten Basar. Aber dazu später.
Weiter geht es zum Ägyptischen Museum in Kairo. Mumien, Sarkophage, Tutanchamuns Totenmaske — alles da, alles echt, alles atemberaubend. Das Museum selbst ist ein bisschen so, als hätte jemand einen riesigen Keller voller Geschichte vollgestopft und dann die Beschriftung halbherzig aktualisiert. Was es an Charme verliert, gewinnt es durch schiere Menge zurück. Man könnte Tage hier verbringen.
Nachmittags: Khan el-Khalili – der Basar ruft

Der Khan el-Khalili Basar ist das absolute Gegenteil der stillen Wüste von Gizeh. Laut, bunt, eng, aromatisch — hier riecht es nach Gewürzen, Parfüm, frisch gebackenem Brot und dem gelegentlichen Abgasstoß eines vorbeifahrenden Mopeds. Man wird angesprochen, angelacht, zum Reinkommen überredet. „Just looking!“ hilft — meistens.
Ich schlendere durch die engen Gassen, versuche möglichst entspannt auszusehen und scheitere daran vollständig. Man sieht mir die Begeisterung sofort an. Der Bayern-Fan im blauen Shirt vor mir wirkt dagegen deutlich gelassener — wobei ich nicht weiß, ob das an seiner Erfahrung liegt oder einfach daran, dass er gerade verhandelt.
Zwischen den Händlerrufen und dem Klingeln der Fahrräder taucht plötzlich ein Minarett auf — ein schöner Moment, wenn sich mittelalterliche Architektur und modernes Markttreiben überlagern. Goldene Laternen, Tutanchamun-Büsten, Schachspiele, Parfumflaschen, Rätsel-Souvenirs — und irgendwo dazwischen ich, mit dem Handy in der Hand und dem ernsthaften Vorhaben, nichts Unnötiges zu kaufen.
Ich kaufe eine Kleinigkeit. Natürlich.

Zum Mittag geht es ins Bonne Soirée — ein nettes Restaurant in der Nähe des Basars. Essen, kurz durchatmen, den Trubel des Marktes sacken lassen. Dann heißt es: Koffer schnappen, zurück zum Bus, weiter zum Flughafen.
Abends: Flug nach Luxor und Einschiffung
EgyptAir Flug MS 481, 17:30 Uhr ab Kairo — eine knappe Stunde später landet die Maschine in Luxor. Draußen ist es schon dunkel, warm und irgendwie aufgeregt. Zumindest ich bin aufgeregt. Das Schiff wartet.
Die M/S Semiramis II liegt am Nil und wartet auf uns. Kein riesiges Kreuzfahrtschiff — eher ein elegantes, überschaubares Nilschiff, das genau das Richtige für diese Reise ist. Check-in, Kabine beziehen, kurz durchatmen. Morgen beginnt die eigentliche Fahrt.
Die Lobby empfängt mich mit einer geschwungenen Doppeltreppe, Marmorboden und diesem dezenten Hauch von „hier sind wir aber schick“. Dunkelholz, Messingdetails, blaue Glasdeckenpaneele — die Semiramis II macht auf den ersten Blick mehr her als ich erwartet hatte. Kein Wasserpark, kein Riesenatrium — dafür echte Eleganz im klassischen Nilschiff-Stil. Ich bin sofort begeistert. Und etwas erleichtert, dass ich keinen Smoking eingepackt habe.

Abendessen an Bord, die ersten Mitreisenden kennenlernen, das Schiff erkunden — ein langer, voller, wunderbar aufregender Tag geht zu Ende. Draußen fließt der Nil. Lautlos, dunkel, uralt. Und ich liege in meiner Kabine und versuche zu begreifen, dass ich wirklich hier bin.
Pyramiden, Basar, Nil — und das war erst Tag zwei. Ägypten dreht von Anfang an auf.




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