Nilkreuzfahrt Tag 7–9: Abydos, Dendera & das Ende einer Reise

Detailliertes altägyptisches Wandrelief mit Pharao und Hieroglyphen im Tempel von Abydos

Sieben von neun Reisetagen liegen hinter mir. Die Nilkreuzfahrt auf der MS Semiramis II neigt sich dem Ende entgegen — und ich merke, dass ich das Schaukeln des Schiffes inzwischen kaum noch wahrnehme. Man gewöhnt sich an alles. An den Nil, der einfach immer da ist. An das Buffet, das drei Mal täglich ruft. Und an die Tatsache, dass Ägypten einen nicht loslässt — nicht mal wenn man eigentlich schon gedanklich den Koffer packt.

Die letzten Tage gehören noch einmal dem Oberägypten abseits der ausgetretenen Pfade — oder zumindest dem Versuch davon. Abydos, Dendera, ein Markt irgendwo zwischen Tempel und Landstraße. Und dann: Heimreise. Aber der Reihe nach.


Tag 7: Rückfahrt nach Luxor — Edfu im Morgengrauen

Kurz nach vier Uhr morgens — ich weiß nicht mehr genau warum, aber ich stehe am Deck. Vielleicht war es das Schnarchen des Nachbarn durch die dünne Kabinenwand, vielleicht einfach die innere Uhr, die auf Ägypten-Zeit umgestellt hat. Was auch immer: Edfu liegt im goldenen Morgenlicht und die Pferdekarren stehen bereits in Reih und Glied am Ufer. Niemand eilt, niemand hetzt. Die Pferde stehen. Die Fahrer stehen. Irgendwo bellt ein Hund. Edfu funktioniert einfach — schon lange vor dem ersten Touristenbus.

Das Schiff gleitet vorbei. Der Tag fängt gemächlich an, so wie sich das für einen vorletzten Reisetag gehört. Auf dem Sonnendeck gibt es Tee, der Nil zieht vorbei, und ich versuche, möglichst wenig zu denken. Gelingt erstaunlich gut.

Der Rest des Tages gehört dem Nil. Das Programm ist überschaubar: Sonnendeck, Mittagessen, Sonnendeck, Lesen, Abendessen. Klingt nach nichts — fühlt sich nach Luxus an. Die Nilkreuzfahrt hat diese Qualität: Man lernt, einfach zu sitzen und zuzuschauen. Der Fluss erledigt den Rest.

🛳️ SUNRISE M/S Semiramis II -Select-
Nilkreuzfahrtschiff · Luxor, Ägypten
📍Google Maps

Abends zurück in der Kabine — und das Kabinenpersonal hat wieder zugeschlagen. Jeden Abend eine neue Überraschung aus Handtüchern. Heute: ein Krokodil. Ich musste kurz nachdenken, was mich daran eigentlich so amüsiert. Dann fiel mir ein: Krokodile gibt es im Nil unterhalb des Assuan-Staudamms gar nicht mehr. Die Handtuch-Version ist also quasi der einzige Nil-Krokodil-Kontakt, den man auf dieser Reise bekommt.

Ich habe dem kleinen Krokodil übrigens zugenickt und mich dann ins Bett gelegt. Morgen wird ein langer Tag. Abydos und Dendera stehen auf dem Programm — zwei Tempel, die auf keiner Standard-Kreuzfahrt-Route liegen und genau deshalb auf meiner stehen.


Tag 8: Abydos, Dendera und das echte Ägypten

Früh raus, Bus rein, Wüste voraus. Heute ist Ausflugstag — und zwar keiner der üblichen Sorte. Während andere Kreuzfahrtgruppen zum gefühlten hundertsten Mal den Karnak-Tempel abarbeiten, geht es für uns in Richtung Norden: nach Abydos und Dendera. Orte, die man auf touristischen Hochglanzbroschüren selten sieht. Orte, die ich deshalb unbedingt sehen wollte.

Abydos — Stille vor 3.000 Jahren

🏛️ Temple of Abydos
Abydos · Sohag Governorate, Ägypten
📍Google Maps

Der Tempel von Abydos ist einer der besterhaltenen Tempel ganz Ägyptens — und gleichzeitig einer der am wenigsten überlaufenen. Als wir ankommen, sind wir fast allein. Fast. Ein einsamer Wächter sitzt im Schatten. Sonst: Stille, Sandstein und dreitausend Jahre Geschichte.

Der gepflasterte Prozessionsweg führt schnurgerade auf den Eingang zu. Säulenreihen, Reliefs, Hieroglyphen — so weit das Auge reicht. Die Hitze ist bereits um diese Uhrzeit brutal. Meine Sonnenbrille arbeitet Überstunden. Ich auch — zumindest beim Staunen.

Innen wird es dann richtig beeindruckend. Die Reliefs sind gestochen scharf — Pharaonen, Götter, Hieroglyphen in Schichten, die man stundenlang lesen könnte. Wenn man Altägyptisch lesen könnte. Ich nicke trotzdem anerkennend. Das mache ich öfter in Ägypten.

Pflichtprogramm: Selfie. Ich stehe vor dem Tempel, die Sonne brennt von vorne, meine Glatze glänzt vermutlich aus dem Weltall sichtbar. Aber was soll ich sagen — der Anblick hinter mir macht das mehr als wett. Abydos ist einer dieser Orte, die man nicht erklären kann. Man muss einfach dastehen.

Hinter dem Haupttempel verliert sich die Anlage in der Wüste. Ein einsames Steintor ragt aus dem Sand — der Rest ist längst wieder zur Erde geworden. Irgendwie tröstlich: Selbst Pharaonen werden irgendwann zu Schutt. Demut ist kostenlos.

Mitten in der Wüste, umgeben von Trümmern jahrtausendealter Mauern — dieses einsame Steintor bei Abydos hat schon einiges überdauert. Dynastien, Erdbeben, Touristen. Es steht noch.

Marktpause — das echte Ägypten zwischen Tomaten und Wasserpfeifen

Auf dem Weg zwischen den Tempeln hält unser Bus kurz an einem lokalen Markt. Kein Touristen-Basar, kein Parfümöl-Verkäufer, der auf Berliner Dialekt ruft „mein Freund, guter Preis!“ — sondern ein echter, lebendiger Obst- und Gemüsemarkt. Riesige Stoffplanen als Sonnenschutz, Körbe voll Orangen und Kartoffeln, Lärm, Geruch, Leben.

Das war ein Stopover auf dem Weg nach Abydos — und ehrlich gesagt einer der schönsten Momente der ganzen Reise. Nichts Inszeniertes, nichts für Kameras Zurechtgelegtes. Einfach ein Dienstag in Ägypten. Kinder schleppen Körbe, alte Männer diskutieren über Preise, und irgendwo dampft Tee.

Ich kaufe nichts. Ich schaue nur. Das reicht vollkommen.

Gleich nebenan: ein kleines Teehaus. Drinnen sitzen zwei Polizisten in Uniform und rauchen in aller Seelenruhe Wasserpfeife. Daneben ein älterer Herr, der irgendwas zwischen Dösen und Philosophieren betreibt. Ich mache diskret ein Foto. Auch die Polizei hat mal Pause — das ist vielleicht der ägyptischste Satz, den ich auf dieser Reise denke.

Dendera — Hieroglyphen bis zur Decke

🏛️ Dendera Temple of Hathor
Dendera · Qena Governorate, Ägypten
📍Google Maps

Wenn Abydos der stille Bruder ist, dann ist Dendera der lautstarke Showstopper. Der Hathor-Tempel ist unglaublich gut erhalten — und die Säulenhalle lässt einem buchstäblich den Mund offen stehen. Jede einzelne Säule ist von oben bis unten mit Reliefs, Hieroglyphen und Göttergesichtern bedeckt. Die Decke obendrein. Man weiß nicht, wo man hinschauen soll.

Ich stehe in der Halle und versuche, das Ganze zu fotografieren. Scheitere grandios — kein Smartphone-Objektiv dieser Welt schafft es, diesen Raum einzufangen. Es gibt Momente, in denen man das Gerät einfach eingesteckt lassen und schauen sollte. Das sage ich als jemand, der hinterher trotzdem zwanzig Fotos gemacht hat.

Dendera ist der Tempel, den ich meiner Liste seit Jahren hatte. Er hat geliefert. Vollständig.

Rückfahrt — Knoblauch, Tuk-Tuks und ägyptische Verkehrslogik

Die Rückfahrt nach Luxor ist ein Film für sich. Ägyptische Landstraßen haben eigene Regeln — oder besser gesagt: keine, die ich erkennen kann. Was man sieht, ist dafür umso unterhaltsamer.

Vor uns ein roter Pickup-Truck. Vollständig beladen mit Knoblauch. Nicht ein bisschen Knoblauch — sondern eine monumentale, über die Ladefläche quellende Knoblauchberg-Skulptur. Der Fahrer fährt seelenruhig 60 km/h. Die Knoblauchzehen auch.

Kurz danach überholt uns ein Motorrad-Dreirad — Fahrer vorne, zweiter Mann stehend auf der Ladefläche, Hände am Gitter, breit grinsendes Gesicht in den Fahrtwind. Kein Helm, natürlich. Kein Problem, offensichtlich. Das ist Ägypten in einer einzigen Aufnahme: pragmatisch, fröhlich, vollkommen unbeeindruckt von dem, was anderswo als Vorschrift gilt.

Ich lehne mich zurück und genieße den Rest der Fahrt durchs Grün des Niltals. Palmen, Felder, Wasserkanäle. Man vergisst manchmal, wie fruchtbar dieser schmale Streifen Land ist — und wie unvermittelt dahinter die Wüste beginnt.

Abend an Bord — Der Elefant im Raum

Zurück auf der Semiramis II. Das Kabinenpersonal hat die Latte hochgelegt: Heute wartet ein Handtuch-Elefant auf dem Bett — mit Decke, mit Würde, mit erkennbarem Rüssel. Ich applaudiere innerlich. Acht Tage, jeden Abend eine neue Figur. Das ist handwerkliche Konsequenz, die ich respektiere.

Das Abendessen schmeckt. Das Bier auch. Und morgen früh geht es nach Hause.


Tag 9: Heimreise — Luxor, Kairo, München

Der Wecker klingelt um halb vier. Ich überlege kurz, ob ich ihn ignorieren soll. Tu ich nicht — der Flieger wartet nicht. Letztes Frühstück an Bord, Ausschiffung, Transferbus zum Flughafen. Die Semiramis II bleibt am Ufer zurück. Ich drehe mich nicht um. Das mache ich grundsätzlich nicht. Macht melancholisch.

✈️ Luxor International Airport
Luxor, Ägypten
MS 061 · Luxor–Kairo · 06:20 Uhr
MS 787 · Kairo–München · 10:50 Uhr
📍Google Maps

Am Flughafen Luxor: Kaffee aus einem Pappbecher, Boardingpässe auf dem Tisch, Reisepass daneben. Zwei EgyptAir-Tickets — Luxor nach Kairo, Kairo nach München. Es ist kurz nach drei Uhr morgens, und ich halte beides fest: den Kaffee und den Moment. Neun Tage Ägypten gehen zu Ende. Wie schade.

Der Flug nach Kairo dauert etwa eine Stunde. Der Anschluss in Kairo ist entspannt — genug Zeit für einen zweiten Kaffee, der genauso mäßig ist wie der erste. Dann MS 787 nach München. Vier Stunden, irgendwo über dem Mittelmeer, und ich scrolle durch meine Fotos. Tempel, Reliefs, Knoblauch-Pickup, Handtuch-Elefant.

Um kurz vor drei Uhr landet die Maschine in München. Draußen: 12 Grad, bedeckt. Willkommen zurück in der Wirklichkeit.


Ägypten ist nicht schön im üblichen Sinne. Es ist älter als schön. Man kommt hin und fühlt sich plötzlich sehr jung — und sehr unwichtig. Das ist keine Beleidigung. Das ist das Beste, was einem passieren kann.


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