Reisetag fünf. Halb sechs morgens. Assuan. Mein Pokémon-Trainer-Shirt klebt bereits am Körper, obwohl die Sonne gerade erst überlegt, ob sie aufgehen soll. Das ist das Ding mit Nilkreuzfahrten — du denkst, du machst eine entspannte Flussreise, und dann stehst du um kurz nach fünf Uhr morgens in einem Rosengranit-Steinbruch und fotografierst einen Obelisken, der seit 3.500 Jahren nicht fertig geworden ist. Ich fühlte mich direkt verstanden. Die MS Semiramis II liegt derweil brav am Kai und wartet auf mich. Ein solides Nilschiff — nicht riesig, nicht protzig, aber mit einer Housekeeping-Crew, die abends Kunstwerke aus Handtüchern baut. Dazu später mehr.
Assuan – Staudamm, Obelisk und Pharaonentempel
Erster Stopp des Tages: der Unvollendete Obelisk. Ein Koloss aus Rosengranit, der einfach nie fertig wurde — ein Riss im Stein, und Pharao hat das Projekt eingestellt. Irgendwie sympathisch. Ich meine: wer kennt das nicht? Projekte, die irgendwann liegen bleiben. Meins dauert allerdings keine 3.500 Jahre. Noch nicht.
Um kurz nach halb sechs morgens stehe ich also in einem Steinbruch. Es ist noch angenehm kühl — das wird sich ändern. Der Obelisk liegt einfach da. Riesig. Unvollendet. Beeindruckend. Die alten Ägypter wollten dieses Ding aus dem Fels herausschlagen und irgendwo aufstellen. Hätte geklappt — wäre der größte Obelisk der Welt geworden. Wurde aber nix draus. Das Selfie wurde trotzdem was.

Weiter geht’s zum Assuan-Hochdamm. In den 1960ern gebaut, heute noch in Betrieb, und vom Aussichtspunkt oben drauf fühlt man sich tatsächlich winzig. Der Nil schaut von hier aus aus wie ein blauer Streifen, der sich durch die Wüste schlängelt. Strommasten, Felsen, endloser Himmel. Groß. Sehr groß.

Architektonische Meisterleistung der Moderne trifft auf architektonische Meisterleistung der Antike — das ist Assuan in einer Zeile. Der Staudamm hält den Nil in Schach. Der unvollendete Obelisk liegt einfach rum. Und ich stehe dazwischen im Pokémon-Shirt und versuche, beides zu verstehen. Spoiler: Hat nicht ganz geklappt. Das Foto ist aber schön geworden.
Der Philae-Tempel – Isis auf ihrer Insel
Der Isis-Tempel von Philae war ein fakultativer Ausflug. Ich habe ihn gebucht. Gute Entscheidung. Per Boot zur Insel, dann steht man vor diesem Säulengang und fragt sich, wie Menschen das ohne Kran, Computer und Koffein hingekriegt haben. Antwort: keine Ahnung. Aber chapeau.
Der Philae-Tempel ist eine dieser Sehenswürdigkeiten, bei denen Fotos die Realität eigentlich nicht einfangen können. Die Säulen, die Hieroglyphen, das Licht — alles zusammen ergibt ein Bild, das sich ins Gedächtnis brennt. Der Pokémon-Trainer trifft auf die Pharaonen. Isis schaut von der Wand und scheint leicht amüsiert zu sein.


Wer die Nilkreuzfahrt bucht und den Philae-Tempel als Zusatzoption überspringt, um ein paar Euro zu sparen — macht das nicht. Wirklich nicht. Der Tempel wurde übrigens nach dem Bau des Hochdamms komplett verlegt, Stein für Stein auf eine andere Insel. Das nenne ich Umzugsstress auf pharaonischem Niveau.
Nachmittag: Der Botanische Garten und die große Hitzeschlacht
Nach dem Mittagessen auf dem Schiff stand der Botanische Garten auf der Kitchener-Insel auf dem Programm. Auf dem Foto sieht das aus wie ein tropisches Paradies. In der Realität war es ein tropisches Paradies mit gefühlten 40 Grad Außentemperatur. Ich habe gemerkt: Palmen spenden weniger Schatten als gedacht.
Die Fotos vom Botanischen Garten sehen traumhaft aus. Grüne Palmenalleen, gepflegte Wege, Schatten und Idylle. Instagram-tauglich ohne Ende. Die Wahrheit: Mein Shirt war durchgeschwitzt, bevor ich das erste Foto gemacht hatte. Aber für die Linse habe ich kurz so getan, als wäre ich ein entspannter Weltenbummler. Schauspielerisches Talent entwickelt man auf Reisen automatisch.


Der Blick auf den Nil vom Gartenrand hingegen war einfach schön. Sanddünen auf der anderen Seite, ruhiges Wasser, vereinzelte Felsbrocken. Assuan hat diese Mischung aus Wüste, Fluss und Leben, die einen irgendwie nicht loslässt. Das Selfie sieht entspannt aus. Ich war es nicht. Aber der Nil hat’s trotzdem beeindruckend hingekriegt.
Abend: Ein lokales Café und ein Nil-Panorama, das einen verstummen lässt
Mein Guide hatte am Abend eine gute Idee. Statt zurück zum Schiff — ab in die Hügel am südöstlichen Stadtrand von Assuan, irgendwo in der Nähe des ehemaligen Mövenpick. Kein Touristencafé. Keine Speisekarte auf Englisch. Eine kleine Dachterrasse, ein paar Holzstühle mit Polstern, die schon bessere Tage gesehen haben, und dieser Blick auf den Nil. Elephantine Island vor mir, die Sonne hinter mir, Tee in der Hand.


Das ist das Ägypten, das ich gesucht habe. Kein Souvenirladen, kein Touristenmenü, keine Warteschlange. Nur ein kleines lokales Café in den Hügeln von Assuan, mit einem Blick, für den andere Hotels Tausende verlangen würden. Mein Guide hat diesen Spot einfach gekannt. Das ist der Unterschied zwischen Reisen und Tourismus. Ich bin Reisetag fünf sehr dankbar dafür.
Abu Simbel – Ramses II., ein Umweg und ein Fahrer mit Bußgeld
Tag sechs beginnt früh. Sehr früh. Abu Simbel liegt rund drei Stunden südlich von Assuan, direkt am Nassersee — also kurz vor dem Sudan. Der Ausflug ist fakultativ, kostet extra und lohnt sich trotzdem bedingungslos. Ich war dabei. Unser Fahrer auch — und er hatte eine Idee, die ihm teuer zu stehen kam.
Der Fahrer nahm auf dem Weg nach Abu Simbel eine Abkürzung — durch ein Gebiet, das Touristen offiziell nicht befahren dürfen. Offenbar gibt es Regionen in Ägypten, die aus dem Sichtfeld der Besucher herausgehalten werden sollen. Er musste eine Strafe zahlen. Ich habe dafür ein Stück echtes Ägypten gesehen, das kein Reisekatalog zeigt. Schlechtes Gewissen? Minimal. Dankbarkeit? Groß.
Und dann stehst du davor. Vier kolossale Ramses-Statuen, direkt aus dem Fels gehauen, jede davon über 20 Meter hoch. Ich im Batman-Shirt daneben. Die Größenverhältnisse sprechen für sich. Ramses II. hat sich hier ein Monument gesetzt, das nach über 3.000 Jahren noch jeden in den Schatten stellt — buchstäblich. Der Tempel wurde übrigens in den 1960ern komplett versetzt, weil der Nassersee nach dem Bau des Hochdamms drohte, ihn zu überfluten. Stein für Stein. Unglaublich.


Im Inneren des Tempels ist es dunkel und kühl — eine willkommene Abwechslung zur Wüstenhitze draußen. Die Götterstatuen im Allerheiligsten werden von diskretem Licht angestrahlt. Ptah, Amun-Re, Ramses selbst und Re-Harachte sitzen da und schauen einen an, als hätten sie schon Besseres gesehen. Fotos im Inneren waren eigentlich nicht erlaubt — ich habe mich kurz doof gestellt. Das Ergebnis seht ihr selbst.
Das Außenpanorama von Abu Simbel ist schwer in Worte zu fassen. Diese vier Giganten vor dem sandfarbenen Fels, der tiefblaue Himmel darüber, die absolute Stille ringsum — das ist einer jener Momente, in denen man kurz vergisst, dass man eigentlich nur Tourist ist. Wer das sieht und nicht beeindruckt ist, hat ein ernstes Problem.

Zurück an Bord – Sonnenuntergang, Deck und ein Handtuchaffe

Am späten Nachmittag legte die Semiramis II. ab. Das Schiff glitt nach Norden, der Nil war ruhig, und die Sonne hatte beschlossen, sich mit maximalem Effekt zu verabschieden. Orangerot, tief, dramatisch — die Palmen-Silhouette auf dem gegenüberliegenden Ufer wie ein Gemälde. Ich stand an Deck, habe nichts gesagt und einfach geschaut. Manchmal ist das die beste Reaktion.
Nach dem Abendessen: Kabine 405. Und da hing er. Ein Affe aus Handtüchern — gelb-weiß, an der Tür befestigt, leicht gruselig, aber irgendwie herzlich. Das Housekeeping der Semiramis II. hat jeden Abend etwas anderes gebaut. Elefanten, Schwäne, Vögel — und jetzt ein Affe. Ich war nach einem langen Tag mit Steinbruch, Staudamm, Isis-Tempel, Wüstenhitze, Abkürzungs-Bußgeld und Abu-Simbel-Göttern so müde, dass ich kurz überlegt habe, ob der Affe real ist. Ist er. Und er hat mich angelacht.

Ägypten zeigt dir, wie klein du bist — und macht dich trotzdem größer. Wer hierherkommt und nicht sprachlos wird, hat entweder zu viele Dokumentationen gesehen oder zu wenig hingeschaut. Und wer den Philae-Tempel weglässt, um ein paar Euro zu sparen, dem ist nicht zu helfen.




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