Nilkreuzfahrt Tag 3+4: 6 Tempel, 1 Glatze, 40 Grad – Luxor auf Anschlag

Totentempel der Hatschepsut in Luxor vor imposanter Felswand unter blauem Himmel

Ägypten. Einfach Ägypten. Ich stehe um kurz vor vier Uhr morgens auf dem Oberdeck der SUNRISE M/S Semiramis II und schaue auf den Nil. Das Wasser ist schwarz und glatt. Irgendwo bellt ein Hund. Und dann passiert es — die Sonne schiebt sich über den Horizont, taucht die Palmen in tiefes Orange und ich denke: Gut, dass ich nicht verschlafen habe. Die Semiramis II ist kein Gigantenschiff. Keine Wasserrutsche, kein Broadway-Theater, keine Casino-Nacht. Aber sie schwimmt auf dem ältesten Fluss der Welt, und das reicht vollkommen. Die Kabine ist kompakt — nennen wir es charmant. Das Farbschema der Einrichtung erinnert mich an ein mittelklassiges Budapester Hotel aus den Neunzigern. Dunkelbraune Vorhänge, karierter Teppich, zwei rote Sessel. Aber das Bett ist sauber, die Klimaanlage funktioniert, und jeden Abend wartet auf dem Bett eine neue Überraschung. Dazu später mehr.


Tag 3: Theben-West, Hatschepsut & die Tempel von Luxor

Es ist noch keine vier Uhr morgens, als ich meine Kamera greife. Draußen geht gerade die Sonne auf. Über den Palmensilhouetten von Luxor leuchtet der Himmel in sattem Orange — eines dieser Bilder, die man eigentlich gar nicht braucht zu bearbeiten. Ich stehe am Ufer des Nils, schlaftrunken, aber glücklich. Gleich geht der große Ausflugstag los: Theben-West, Tal der Könige, Hatschepsut, Memnonskolosse, Karnak, Luxor-Tempel. Sechs Highlights an einem Tag. Das klingt nach Programm. Das ist Programm.

Tal der Könige & Totentempel der Hatschepsut

🏛️ Tal der Könige
Theben-West · Luxor, Ägypten
📍Google Maps

Per Bus geht es vom Nilschiff hinüber nach Theben-West. Das Tal der Könige ist ein staubiges Tal. Das klingt banal, ist aber der erste ehrliche Eindruck. Felsen, Hitze, Sand — und dann stehst du vor einem Eingang in den Berg und weißt: da drin liegt seit dreitausend Jahren jemand. Tutanchamun zum Beispiel. Fotografieren in den Gräbern ist verboten, was mich kurz traurig macht, mich dann aber zwingt, einfach nur zu schauen. Gute Übung für jemanden, der sonst alles durch den Sucher sieht.

Vom Tal der Könige fahren wir weiter zum Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari. Und hier verschlägt es mir tatsächlich kurz den Atem. Der Tempel ist direkt in die senkrechte Felswand gebaut — terrassenförmig, schnurgerade, fast modern in seiner Geometrie. Unter dem gleißenden blauen Aprilhimmel wirkt das wie eine Kulisse. Ist es aber nicht.

Selfie muss sein. Mit Sonnenbrille. Vor 3.500 Jahre altem Gemäuer. Ich finde, der Tempel macht sich gut als Hintergrund — und ehrlich gesagt macht er sich deutlich besser als ich. Die Sonne knallt schon am Vormittag mit aller Kraft. Meine Glatze ist dankbar für die Sonnenbrille, weniger dankbar für das fehlende Haar. Sonnencreme ist in Ägypten keine Option, sondern Pflicht.

Die Memnonskolosse — Wächter aus Stein

Die Memnonskolosse stehen einfach so an der Straße. Kein großes Drumherum, kein Eingangstor, kein Kassenhäuschen. Zwei riesige Pharaonen-Statuen, angewittert, rissig, teils zusammengeflickt — und trotzdem absolut majestätisch. Ich schätze, 18 Meter hoch. Daneben: ein Reisebus. Der Bus wirkt wie ein Spielzeugauto. Das ist der Moment, in dem man kapiert, was die alten Ägypter unter Repräsentation verstanden. Wir halten kurz an, Fotos, staunen, weiter.

Karnak — wenn Tempel Tempel bauen

🏛️ Karnak-Tempel
Precinct of Amun-Re · Luxor, Ägypten
📍Google Maps

Der Karnak-Tempel ist kein Tempel. Es ist eine Stadt. Eine Stadt aus Stein, Pylonen, Säulen und Jahrtausenden. Man betritt das Gelände durch eine Allee widderköpfiger Sphinxe — und wer in diesem Moment nicht wenigstens kurz inne hält, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Die Pylone am Eingang sind so hoch, dass man den Hals recken muss. Ein einzelner Tourist davor wirkt wie ein Pixel im Gemälde. Ich habe diesen einen Menschen auf dem Foto, der sein Handy hochhält und fotografiert — und ich verstehe ihn vollkommen. Man muss fotografieren. Es ist ein Reflex. Ein Überlebensmechanismus gegen die schiere Überwältigung.

Die Große Hypostyle-Halle in Karnak ist das Beeindruckendste, was ich je aus Stein gesehen habe. 134 Säulen. Jede einzelne mit Hieroglyphen bedeckt, von oben bis unten, lückenlos. Ich stehe zwischen diesen Kolossen, schaue nach oben — und für einen Moment bin ich einfach still. Was für Menschen haben das gebaut. Was für eine Gesellschaft. Was für ein Glaube.

Luxor-Tempel — Ramses lässt grüßen

🏛️ Luxor-Tempel
Luxor Temple · Luxor, Ägypten
📍Google Maps

Der letzte Stopp des langen Tages: der Luxor-Tempel. Erbaut zu Ehren der Götterdreiheit Amun, Mut und Chons. Und bewacht von Ramses II. — der Mann, der sich in Stein verewigt hat, wo immer es nur ging. Hier gleich zweimal, direkt am Eingang, sitzend, ungerührt, für die Ewigkeit.

Zwei riesige Ramses-Statuen flankieren den Eingang. Die Gesichter sind angewittert, aber die Haltung ist ungebrochen: entspannt, selbstbewusst, leicht gelangweilt. So wie jemand, der weiß, dass er noch in dreitausend Jahren hier sitzen wird, wenn längst alle Touristen mit ihren Handys weg sind. Ich finde das irgendwie sympathisch. Ein guter Abschluss für einen Tag, der mein Hirn fast zum Überlaufen gebracht hat.

Zurück an Bord — Sonnenuntergang & Schildkröte

Zurück auf der Semiramis II. Der Nil macht, was er immer macht: er fließt. Ruhig, braun, unaufgeregt. Ein anderes Nilschiff zieht vorbei. Die Sonne versinkt hinter den Palmen am Westufer — genau so golden und malerisch, dass es fast schon kitschig wäre, wenn es nicht echt wäre. Ich lehne an der Reling und denke: Heute war ein guter Tag. Eigentlich war heute ein sehr, sehr guter Tag.

Ich öffne die Kabinentür — und da sitzt sie. Eine Schildkröte. Aus Handtüchern gefaltet, akkurat drapiert auf dem Bett, mit einem kleinen roten Punkt als Dekoration. Das Kabinenpersonal der Semiramis II betreibt offenbar nebenbei eine Handtuch-Origami-Schule. Jeden Abend eine neue Kreation. Heute: Schildkröte. Ich finde das unverhältnismäßig nett — und fotografiere sie, bevor ich sie zerstöre.


Tag 4: Edfu, Kom Ombo & die Fahrt nach Assuan

Nächster Morgen. Die Semiramis II hat sich in der Nacht stromaufwärts bewegt. Draußen zieht das Nilufer vorbei — Zuckerrohrfelder, Palmen, gelegentlich ein Esel. Ich stehe wieder auf dem Oberdeck. Natürlich stehe ich wieder auf dem Oberdeck. Die Sonne geht auf, der Nil leuchtet, und ich mache ein Selfie. Es ist 3:49 Uhr morgens. Ich bin entweder sehr motiviert oder schlicht verrückt. Vermutlich beides.

Das Oberdeck ist mein Lieblingsplatz auf diesem Schiff. Liegestühle, ein Sonnensegel, die Reling — und dahinter der Nil, der einfach nicht aufhört, schön zu sein. Morgens im goldenen Licht, abends im Abendrot. Der Fluss läuft einfach durch, als hätte er keine Zeit für Touristen mit Selfie-Ambitionen. Respekt, Nil.

Edfu — der Falke wartet

🏛️ Horus-Tempel Edfu
Edfu · Assuan Governorate, Ägypten
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In Edfu legt die Semiramis II an. Vom Anleger aus geht es — ich war etwas überrascht — mit einer Pferdekutsche zum Tempel. Das fühlt sich leicht anachronistisch an, aber wer bin ich, um mich über Transportmittel zu beschweren, wenn das Ziel ein 2.000 Jahre alter Tempel ist.

Der Eingangspylon des Horus-Tempels ist einer der am besten erhaltenen ganz Ägyptens. Die Reliefs auf der Außenfassade sind gestochen scharf — nach zweitausend Jahren immer noch so präzise, als wäre der Steinmetz gestern gegangen. Auf dem Foto sieht man die Touristengruppen vor dem Eingang. Ich habe kurz gezögert, ob ich mitgehe oder auf eine ruhigere Minute warte. Ich bin mitgegangen. Ruhig wird es hier nicht.

Im Inneren des Tempels ist es dunkel und kühl — eine willkommene Abwechslung nach der Mittagssonne draußen. An den Wänden: Götter, Falken, Prozessionen, Opferszenen. Alles im gleichen flachen Relief, alles mit dieser merkwürdigen Klarheit ägyptischer Kunst. Der falkenköpfige Horus schaut einen von überall an. Irgendwie hat das was Beruhigendes.

Nach Edfu zurück ans Schiff, Mittagessen, und weiter den Nil hinauf. Der Fluss schiebt uns ruhig Richtung Süden. An Deck: Liegestühle, Tee, das gleichmäßige Motorenbrummen unter den Füßen. Ein paar Mitreisende dösen. Ich schaue dem Nil beim Fließen zu. Man könnte meinen, das wäre langweilig. Es ist es nicht.

Kom Ombo — der Doppeltempel im Abendgold

🏛️ Tempel von Kom Ombo
Kom Ombo · Assuan Governorate, Ägypten
📍Google Maps

Der Tempel von Kom Ombo ist besonders: Er ist doppelt. Spiegelbildlich zwei Tempel in einem — links Sobek, der Krokodilgott, rechts Haroeris, ein Horusaspekt. Warum? Weil man sich in Ägypten offenbar nicht entscheiden konnte. Ich finde das sympathisch.

Wir kommen am späten Nachmittag an — perfektes Timing. Das Abendlicht taucht den Sandstein in tiefes Gold, die Schatten werden lang, und die Säulen des Tempels leuchten warm in der untergehenden Sonne. Ich stehe inmitten einer Traube von Mitreisenden und Reisegruppen anderer Schiffe — das Foto zeigt es ehrlich — aber in solchen Momenten ist man dann doch irgendwie allein mit diesem Bauwerk und seinen dreitausend Jahren Geschichte.

Nacht an Bord — diesmal ein Boot

Zurück in der Kabine wartet die zweite Handtuch-Kreation des Abends. Kein Schwan, keine Blume — ein Boot. Aus Handtüchern. Auf dem Bett. Auf einem Schiff. Auf dem Nil. Die Symbolik ist kaum zu überbieten. Daneben: eine kleine Obstschale mit Orangen, ein blaues Schächtelchen mit Süßigkeiten. Das Kabinenpersonal der Semiramis II gibt sich erkennbar Mühe — und das merkt man.

Die Semiramis II schiebt sich in der Nacht weiter Richtung Assuan. Ich liege in meiner kompakten Kabine mit dem karierten Teppich, dem dunkelbraunen Vorhang — und einem Handtuchboot auf dem Nachbarbett. Draußen zieht der Nil vorbei. Irgendwo macht ein Frosch Lärm. Morgen: Assuan.


Ägypten ist der einzige Ort, wo man nach einem 14-Stunden-Ausflugstag am Abend auf dem Schiff sitzt, den Nil anschaut und denkt: Morgen früh stehe ich um vier Uhr auf. Freiwillig.


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