Neuschwanstein kennt jeder. Die Marienbrücke, der klassische Fotoblickwinkel, die Touristenmassen. Aber was ist, wenn man das Märchenschloss mal von oben betrachtet — von weit oben? Die Idee war simpel: Mit dem Auto rüber ins Allgäu, mit der Tegelbergbahn hoch, dann auf eigenen Beinen zum Schloss wandern und anschließend zurück zum Parkplatz. Klingt nach einem entspannten Sonntagsausflug. Spoiler: Die Oberschenkel haben das anders bewertet. Aber der Reihe nach.
Von München aus ist man mit dem Auto in knapp anderthalb Stunden am Tegelberg-Parkplatz bei Schwangau — Autobahn Richtung Füssen, dann immer den Schildern nach. Kermit hat auf der Rückbank geschlafen. Ich hab ihn beneidet.
Ankunft und Auffahrt mit der Tegelbergbahn
Die Landstraße nach Schwangau ist an sich schon ein Erlebnis. Rechts und links sattes Grün, die Allgäuer Voralpen bauen sich am Horizont auf — Tegelberg, Säuling, dahinter die schneeweißen Zacken der Zugspitze. Man fährt einfach geradeaus und fragt sich, warum man nicht öfter hierherkommt. Dann erinnert man sich an die Münchner Stadtautobahn und hat die Antwort.
Am Parkplatz kurz durchgeatmet, Kermit in den Rucksack gestopft — sein grüner Kopf schaut wie immer frech raus — und ab zur Gondel. Der Plan für heute: Die Bahn nimmt uns die ersten knapp 1.000 Höhenmeter ab. Den Rest erledigen wir selbst.

🌐 tegelbergbahn.de
Die Tegelbergbahn bringt einen in wenigen Minuten auf rund 1.730 Meter. Oben ankommen, Gondeltür auf — und der Forggensee liegt einem zu Füßen. Das Türkis des Wassers sticht so intensiv aus dem Grün der Wiesen heraus, dass man kurz überlegt, ob das wirklich echt ist. Ist es. Ich hab extra nochmal hingeguckt.
Gipfelbereich Tegelberg: Forggensee von oben

Oben angekommen, erstmal stehen bleiben und begreifen. Der Blick vom Tegelberg-Gipfelbereich auf rund 1.730 Metern ist einer dieser Ausblicke, die man nicht wirklich fotografieren kann — man versucht es trotzdem zwanzig Mal. Nach Norden erstreckt sich das Allgäuer Voralpenland wie ein riesiges grünes Flickentuch. Mittendrin der Forggensee, leuchtend türkis-blau, und rechts daneben der kleinere Bannwaldsee. Bis zum Horizont flaches Land, irgendwo da draußen liegt München.
Paraglider ziehen lautlos ihre Kreise über uns. Kermit schaut ihnen aus dem Rucksack hinterher. Vielleicht träumt er von einem eigenen Gleitschirm. Grüner Frosch, gelber Schirm — das wäre ein Look.
Selfie-Pflicht natürlich. Der Forggensee als Hintergrundkulisse, Kermit guckt grün und zufrieden über meine Schulter. Die Sonne brennt schon ordentlich, der September täuscht gerne. Sonnencreme hatte ich — angewendet hatte ich sie allerdings nur sporadisch. Meine Stirn konnte davon später ein Lied singen.
Vom Gipfelbereich geht es jetzt auf dem Wanderweg Richtung Südosten. Rund 5 Kilometer und etwa 500 Höhenmeter Abstieg liegen vor uns bis zum Schloss. Der Weg führt zunächst über offenes Gelände — großartige Fernsicht auf beiden Seiten.

Gipfelrast mit Brotzeit und dem besten Panorama des Tages

Irgendwann auf dem Grat, kurz bevor der Weg in den Wald eintaucht, war die Stelle zu gut um weiterzugehen. Felsplatte, freie Sicht nach allen Seiten, kein Mensch weit und breit. Rucksack ab. Brotzeit raus.
Kermit hat sich sofort einen Platz direkt am Abgrund gesichert — er liebt das — und starrte mit seinem unerschütterlichen Froschblick auf Füssen tief unten. Links der Forggensee, rechts der Alpsee, dahinter die Ammergauer Alpen. Ein Paraglider zieht lautlos ins Bild. Ich esse mein Brot mit Käse und fühle mich wie der König der Welt. Oder zumindest des Allgäus.
Diese Rast war einer dieser Momente, für die man Wandern geht. Keine Hütte, kein Trubel — nur Fels, Aussicht und das leise Rauschen des Winds. Kermit hat die ganze Zeit zufrieden ins Tal gestarrt, als würde er die Aussicht philosophisch verarbeiten. Vielleicht tut er das ja wirklich.
Nach etwa dreißig Minuten weiter. Der Abstieg beginnt jetzt steiler zu werden. Die Knie melden sich höflich zu Wort.

Der Blick auf Neuschwanstein: von oben, ganz anders

Und dann taucht es auf. Neuschwanstein. Nur diesmal nicht als majestätische Frontalansicht von der Marienbrücke, sondern von schräg oben — winzig klein, fast versteckt zwischen Fels und Wald, thronend auf seinem Felssporn über dem Tal. Man erkennt die weißen Türme sofort, auch wenn man zuerst suchen muss.
Tief unten Füssen mit seinem Altstadtturm. Der Alpsee leuchtet sattblau neben dem Schloss, der Forggensee schimmert nochmal dahinter. Die Ammergauer Alpen bauen sich im Südosten auf, Zugspitzmassiv am Horizont. Diese Perspektive kriegt man nicht auf der Postkarte. Dafür muss man hoch.
Kermit hat sich an den Rand gesetzt und das Schloss eine Weile angestarrt. Ich hab ein Foto gemacht. Besser als jedes Selfie. Ein grüner Frosch mit Schlossblick — das ist entweder hochkulturell oder kompletter Unfug. Vermutlich beides.

Abstieg und Marienbrücke: doch noch der klassische Blickwinkel

Der Weg hinunter zum Schloss ist gut ausgebaut, aber die Beine merken die Höhenmeter. Nach rund 500 Metern Abstieg kommt man auf Schlosshöhe an — und plötzlich ist man mittendrin im normalen Neuschwanstein-Betrieb. Touristengruppen, Selfie-Sticks, Pferdekutschen. Ein kleiner Kulturschock nach zwei Stunden Einsamkeit auf dem Grat.
Der Plan war eigentlich, die Marienbrücke zu meiden. Hat nicht funktioniert. Der Weg führt direkt daran vorbei, und ehrlich gesagt — der Blick von dort ist dann doch nochmal eine andere Klasse. Frontal, dramatisch, Schloss auf Fels. Kermit schaut mit seiner gewohnten Gelassenheit drüber hinweg. Er hat die Vogelperspektive vorhin gesehen. Er ist jetzt anspruchsvoll.
🌐 neuschwanstein.de

Rückweg zum Tegelberg-Parkplatz
Vom Schloss zurück zum Parkplatz der Tegelbergbahn sind es nochmal ein paar Kilometer durch das Tal. Der Weg führt über einen kleinen Gebirgsbach — kristallklar, steiniges Bett, das Wasser gurgelt leise zwischen weißen Kieselsteinen durch. Man möchte kurz die Schuhe ausziehen. Man tut es dann aber nicht, weil die Socken schon genug erlebt haben.
Danach folgt ein langer Schotterweg durch die Wiesen unterhalb des Schlosses. Neuschwanstein thront im Hintergrund, die ersten Wolken des Tages ziehen herauf, die Abendstimmung macht sich breit. Kühe auf der Weide links, Kermit schaukelt im Rucksack — alles ist gut.


Dieser letzte Abschnitt ist eigentlich der schönste der ganzen Tour — und gleichzeitig der, bei dem man am meisten schwitzt. Flach, aber lang. Die Füße kennen jeden Stein bereits persönlich. Aber das Bild: Schotterweg, Weidezäune, saftige Wiesen, und über allem Neuschwanstein auf seinem Felsen mit aufziehendem Abendgewölk dahinter. Fast schon zu kitschig. Fast.
Am Parkplatz angekommen, Rucksack ab, Kermit raus. Kurze Bestandsaufnahme: Beide wohlbehalten, beide zufrieden. Einer von uns mehr verschwitzt als der andere. Das Fell trocknet schneller.
Neuschwanstein kennt jeder — aber von oben kennt es kaum einer. Der Tegelberg lehrt Demut und Oberschenkelschmerz in gleichem Maß. Kermit würde wiederkommen. Ich auch.
📍 Tegelberg-Talstation Schwangau · 🏁 Tegelberg-Parkplatz · 📏 ca. 12,0 km · ⬆️ ca. 200 Hm (Bahn hilft) · ⬇️ ca. 900 Hm · ⏱ ca. 4:30 h





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