La Spezia & Cinque Terre: Bunte Felsen, ein Frosch und …

Manarola in den Cinque Terre mit bunten Häusern auf Felsklippe und türkisblauem Meer

Es gibt Reisen, die man in bester Erinnerung behält. Und es gibt Reisen, die man… nun ja, anders in Erinnerung behält. Mein Sommer 2021 an der Ligurischen Küste war definitiv Letzteres — zumindest was die Begleitung angeht. Mit einer Freundin fuhr ich nach La Spezia, und wie ich schon in meinen Notizen festgehalten habe: so richtig befreundet sind wir danach nicht mehr. Deshalb sind die Fotos auch eher überschaubar. Kermit war natürlich dabei — der hält immer durch. Was die Reise trotzdem zu einem Erlebnis gemacht hat? Die Cinque Terre. Dieses verrückte, bunte, an Felsklippen klebende Stückchen Italien, das aussieht, als hätte jemand eine Farbpalette über eine Steilküste gekippt. Dafür hat sich jeder Kilometer gelohnt.


Tag 1 — Anreise: München bis La Spezia

Los geht’s in München, früh morgens, Kermit auf dem Armaturenbrett, Alpen voraus. Der kleine Frosch ist begeistert — zumindest sieht er so aus. Er grinst ja immer. Die Fahrt durch die Alpen ist, objektiv betrachtet, spektakulär: steile Felswände, türkisblaue Bergbäche, Kurven ohne Ende. Kermit klebt am Armaturenbrett und schaut nach vorne, als würde er die Route navigieren. Tut er nicht. Navigiert auch nicht besser als Google Maps.

Irgendwo zwischen Brenner und Verona wird klar: das wird eine lange Fahrt. Nicht wegen der Kilometer — sondern wegen der Gesprächsatmosphäre. Aber die Landschaft entschädigt für alles.

Nachmittags — Ankunft und Einzug

🏨 Casa Orizzonte Mare
La Spezia, Ligurien · Italien
📍Google Maps

Nachmittags kommen wir endlich an und beziehen die AirBnB-Wohnung — stolze 881 Euro für die Woche. Die Unterkunft liegt oben auf einem Hügel, total abgeschieden, malerischer Ausblick über Olivenhaine bis zum Meer. Klingt traumhaft. Ist es auch — mit einem Haken: ohne Auto wäre man hier verloren. Dumm nur, dass wir nur eines hatten und von Anfang an unterschiedliche Vorstellungen, wohin es gehen soll. Die alten Leute im Dorf waren allerdings wirklich charmant. Kein Wort Englisch, kein Wort Deutsch — aber ein Lächeln und eine zeigende Hand sagen oft mehr als jedes Wörterbuch.

Kermit entdeckt den Balkon sofort. Er lehnt am Geländer, schaut rüber zu den Olivenhainen, dahinter das Blau des Ligurischen Meers. Ich muss zugeben: dieser Blick ist unfair schön. Man sitzt da, schwitzt, ist nach sieben Stunden Fahrt komplett platt — und trotzdem sitzt man einfach nur da und schaut. Könnte schlechter sein.

Abends — Erkundung von Lerici

Zum Abend fahren wir runter nach Lerici an den Hafen. Und da zeigt die Gegend, was sie draufhat: die La Baracchetta und etliche andere Bars säumen die Uferpromenade, Aperol-Spritz-Gläser blitzen in der Abendsonne, Möwen schreien, Motorboote tuckern vorbei. Das Leben hier findet abends statt — laut, bunt, entspannt.

☕ La Baracchetta
Lerici · La Spezia, Ligurien
📍Google Maps

Die Piazza Garibaldi ist der Mittelpunkt des Lebens in Lerici. Palmen werfen lange Schatten auf das Kopfsteinpflaster, der schlanke Kirchturm ragt über die bunten Häuserfassaden. Die Bars um den Platz füllen sich mit dem Dunkelwerden — Einheimische, Touristen, Rentner auf Klappstühlen. Wir setzen uns, trinken etwas Kaltes, schauen zu. Das reicht völlig.


Tag 2 — Tellaro: Das kleine Dorf am Ende der Welt

Tag 2, die Gegend erkunden — soweit man das mit einem Auto und zwei Menschen mit gegensätzlichen Reiseplänen eben erkunden kann. Abends landen wir in Tellaro, und das ist einer dieser Momente, wo man versteht, warum manche Leute einfach nicht mehr heimfahren.

Tellaro ist winzig. Ein paar hundert Einwohner, enge Gassen, bunte Häuser die sich direkt über dem Wasser stapeln. Kein Massentourismus, keine Souvenirläden mit Plastik-Kolosseum. Nur Fischerboote, Möwengeschrei und das Rauschen des Meers. Ich klettere auf die Felsen am Rand der kleinen Bucht, mache ein Selfie — Kermit schaut aus dem Rucksack heraus und grinst, als hätte er diesen Ort selbst ausgesucht. Vielleicht hat er das.

Das Dorf schaut von oben wie ein impressionistisches Gemälde aus: rosafarbene, gelbe und ockerfarbene Häuser, übereinander gestapelt wie von einem Kind mit einem zu großen Baukasten. Zwischen den Fenstern hängt Wäsche — ganz normal, ganz alltäglich, ganz bezaubernd. Die Bar La Marina unten am Wasser ist der logische Endpunkt des Abends. Wir sitzen, trinken, schauen aufs Wasser. Manchmal braucht es nicht mehr als das.

☕ Bar La Marina
Tellaro · La Spezia, Ligurien
📍Google Maps

Direkt am Wasser, wenige Meter von den Felsen, mit Blick auf die kleine Bucht von Tellaro. Einfach, unkompliziert, genau richtig. Abends wenn die Sonne tiefer steht und das Licht golden wird, möchte man hier gar nicht mehr weg.


Tag 3 — Der beste Tag: Riomaggiore, Manarola, Monterosso

Eigentlich der beste Tag der ganzen Reise. Das sage ich nicht nur, weil ich danach alleine unterwegs war — obwohl das sicher geholfen hat. Die Cinque Terre im Juli, bei strahlendem Sonnenschein: selbst wer schon hundert Postkarten davon gesehen hat, steht vor Ort mit offenem Mund.

Morgens — Riomaggiore und das Abenteuer Via dell’Amore

🏛️ Riomaggiore
Cinque Terre · La Spezia, Ligurien
📍Google Maps

Erster Stop: Riomaggiore. Das südlichste der fünf Dörfer klettert steil nach oben, die Gassen sind eng und schattig, unten glitzert das türkise Wasser zwischen den Felsbrocken. Kermit stellt sich ans Geländer der kleinen Aussichtsplattform über dem Hafen — hinter ihm türmen sich die bunten Häuser übereinander wie in einem Architektur-Tetris, das jemand gewonnen hat.

Dann kommt die Idee mit der Via dell’Amore. Der berühmte Küstenweg von Riomaggiore nach Manarola — romantischster Spazierweg Italiens, Liebesschlösser an jedem Geländer, Meerblick ohne Ende. Ich versuche meine Reisebegleiterin zu überzeugen. Sie will nicht. Also fährt sie mit dem Boot — und mit unserem gemeinsamen Bootsticket — zum nächsten Dorf weiter. Ich stehe am Wegweiser zur Via dell’Amore und denke: prima, dann gehe ich halt alleine.

Ich folge dem Schild. Ich erreiche das Tor. Das Tor ist zu. Ein stabiles, verrostetes Eisentor, dahinter ein Schild. Die Via dell’Amore war 2021 wegen Sanierungsarbeiten gesperrt. Das wusste ich nicht. Ich stand allein vor einem geschlossenen Tor am Liebespfad. Der Symbolgehalt ist nicht gering. Also: zurück zum Bahnhof, Zug nehmen, weiter nach Manarola.

Im Zug der Cinque Terre sitzt Kermit auf dem blauen Kunstledersitz und schaut aus dem Fenster. Er wirkt erstaunlich entspannt für jemanden, dessen Reisebegleiterin mit dem Boot abgehauen ist und dessen Küstenweg gesperrt war. Manchmal ist Kermit der Vernünftigere von uns beiden.

Nachmittags — Manarola und Monterosso al Mare

🏛️ Manarola Viewpoint
Manarola · Cinque Terre, La Spezia
📍Google Maps

Manarola ist das Dorf, das auf jeder Cinque-Terre-Postkarte drauf ist — und das aus gutem Grund. Der Aussichtspunkt oberhalb des Dorfes ist sehr zu empfehlen: von dort oben sieht man das ganze Ensemble — die orange-gelb-rosafarbenen Häuser, die sich an den Felsen klammern, die kleinen Boote im Hafen, das tiefblaue Wasser. Man steht da und tippt unwillkürlich nichts ins Handy. Das passiert mir selten.

Nach Manarola geht es weiter nach Monterosso al Mare — dem nördlichsten und größten der fünf Dörfer. Hier gibt es tatsächlich einen richtigen Strand, breitere Gassen und mehr Touristen. Aber der rosa blühende Oleander vor den Pastellfassaden macht das wieder wett. Man muss eben immer einen Ausgleich finden.

Abends — Terrasse mit Meerblick

Am Abend eine angenehme Überraschung: Bekannte, die zufällig ebenfalls in der Gegend sind, laden uns auf ihre Terrasse ein. Die Aussicht ist schlicht absurd gut — über Olivenhaine und Dächer hinweg bis zum Meer, die untergehende Sonne wirft oranges Licht auf alles. Gedeckter Tisch, Wein, gute Gesellschaft. Der beste Abend der Reise, ohne Frage. Manchmal ergibt sich das einfach.


Tag 4 — San Terenzo: Strandplatz ergattert

🏛️ San Terenzo Beach
San Terenzo · La Spezia, Ligurien
📍Google Maps

Strandtag. Klingt entspannter als es war. Italien 2021, Sommer, Hochsaison — einen freien Platz am Strand zu finden war ein Sport für sich. Wir haben einen ergattert, am San Terenzo Beach. Kleiner Erfolg. Großes Gefühl. Das Wasser: kristallklar und erfrischend. Die Sonne: gnadenlos. Ich war froh um jeden Zentimeter Schatten.

Am Abend dann das Bild, das ich immer noch schön finde: zwei Kinder auf den Steinen am Wasser, Angelruten in der Hand, hinter ihnen die Küste von La Spezia im goldenen Abendlicht, die Burg von Lerici am rechten Bildrand. Kein Handy, kein Instagram. Einfach nur Angeln. Das hat was.


Tag 5 — Porto Venere und ein Weihnachtsmann im Juli

Heute geht es nach Porto Venere — genauer gesagt auf die kleine Halbinsel, die sich vom Festland ins Meer schiebt. Mit dem Auto hin, und dann schauen was kommt.

Auf dem Weg dorthin begegne ich auf einer Piazza einer Erscheinung: Weihnachtsmann. Roter Anzug, weiße Perücke, FFP2-Maske — mitten im Juli, bei geschätzt 33 Grad. Die KI in meinem Handy hat beim Sortieren der Fotos kommentiert: ‚Don’t forget, only 154 days till Xmas.‘ Ich habe herzlich gelacht. Wer das war, warum, und wohin er unterwegs war — keine Ahnung. Manche Dinge in Italien erklärt man nicht. Man nimmt sie einfach zur Kenntnis.

🏛️ Parco Naturale Regionale di Porto Venere
Porto Venere · La Spezia, Ligurien
📍Google Maps

Porto Venere selbst ist wunderschön und touristisch. Die bunten Häuser stapeln sich am Felsvorsprung, die Kirche San Pietro thront ganz oben. Der ‚Strand‘ ist eher eine Ansammlung von Felsplatten und Kieseln — aber das Wasser ist so klar, dass es egal ist. Kermit hat sich eine Sonnenbrille geliehen, sich auf ein Handtuch gelegt und sieht aus wie jemand, der genau weiß, was er tut.

Kermit liegt auf dem Handtuch, Sonnenbrille auf der Nase, Porto Venere im Rücken — die bunte Häuserzeile, der Burgturm oben, im Wasser ein paar Schwimmer. Dahinter das tiefe Blau des Ligurischen Meers. Ich sitze daneben, esse ein Gelato, und denke: eigentlich ist das hier ganz ordentlich. Auch wenn die Reise nicht so läuft wie geplant.


Tag 6 — Heimfahrt: Schweigen auf sieben Stunden

Die Heimfahrt. Ich schreibe in meinen Notizen: ‚Gesprochen haben wir glaube ich die ganze Fahrt nicht.‘ Das fasst es ganz gut zusammen. Autogrill irgendwo auf der Autobahn, Kaffee, Panino, weitermachen. Die Alpen zogen vorbei, genauso schön wie auf der Hinfahrt. Kermit saß auf dem Armaturenbrett und schaute nach vorne.

🍽️ Autogrill
Autostrada · Rückfahrt Richtung München
📍Google Maps

Der Autogrill auf der Rückfahrt ist eine Institution. Cappuccino, der tatsächlich nach etwas schmeckt, ein Tramezzino aus der Vitrine, Leute die sich an der Kasse anstehen. Man steht kurz, tankt durch, fährt weiter. Kermit bekam selbstverständlich seinen Platz am Armaturenbrett zurück. Er hat ihn sich auf der Hinfahrt verdient.


Manche Reisen funktionieren wegen der Menschen, mit denen man unterwegs ist. Diese hier funktionierte trotzdem — wegen Riomaggiore, Manarola, Tellaro, und einem kleinen grünen Frosch, der immer guter Laune ist. Das zählt.


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