Bulgarien, 2017. Ich war damals als Expat in Sofia und hatte einen lokalen Bekannten kennengelernt. Er schlug einen Tagesausflug mit dem Zug vor — irgendwohin ins Grüne. „Aber ich warne dich“, sagte er, „die Züge hier sind nicht das, was du kennst.“ Ich zuckte mit den Schultern. Abenteuer ist Abenteuer.
Das Wetter: bewölkt, feucht, gelegentlich nass. Also eigentlich perfekt für ein Kloster im Felsental.
~09:00 Uhr — Aufbruch ab Sofia Hauptbahnhof
Der Sofioter Hauptbahnhof ist ein Ort, der einem sofort klarmacht: wir sind nicht in Stuttgart. Der Zug stand schon bereit. Mein Begleiter hatte nicht übertrieben — die Wagen sahen aus, als hätten sie bessere Jahrzehnte gesehen. Viele bessere Jahrzehnte. Wir fuhren Richtung Nordwesten, durchs Iskartal, und die Landschaft wurde mit jeder Minute dramatischer.
~11:51 Uhr — Ankunft in Zverino
Zverino. Eine Kleinstadt, die das Wort „verschlafen“ wahrscheinlich gar nicht kennt, weil das zu aufgeregt klingt. Der Hauptplatz: nasses Pflaster, ein paar Bäume, ein sozialistisches Verwaltungsgebäude mit der üblichen Würde vergangener Epochen.
Und mittendrin: ein schwarzer Straßenhund. Er stand auf dem glänzenden Platz, schaute mich an, ich schaute ihn an. Kurzes gegenseitiges Abschätzen. Er wirkte, als wäre er der eigentliche Bürgermeister dieser Stadt — und als hätte er die Stelle nicht mal beantragt.

Vom Bahnhof aus geht es zu Fuß weiter — mein Begleiter hatte das als „nicht weit“ beschrieben. Ich lernte an diesem Tag, dass bulgarische Entfernungsangaben eine eigene kreative Dimension haben.
~13:43 Uhr — Der Weg zum Kloster: Mit Eskorte

Der Fußweg vom Bahnhof zum Kloster Tscherepisch ist lang. Wie lang? Lang genug, um alle Lebensentscheidungen der letzten Jahre zu überdenken. Aber langweilig? Kein bisschen.
Die Straße führt durchs Iskartal, Felsen links, Fluss rechts, der Wald riecht nach Regen. Und dann: ein Esel. Angepflockt auf einer sattgrünen Wiese, Blick in die Kamera, als hätte er schon auf mich gewartet. Er schaute mich mit einer Würde an, die ich in dem Moment aufrichtig bewundert habe.
Mein persönliches Begrüßungskomitee. Ich hätte ihn fast gefragt, ob er weiß wie weit es noch ist.
~14:44 Uhr — Kloster Tscherepisch
Dann biegt man um eine Kurve — und da liegt es. Das Kloster Tscherepisch, eingebettet zwischen steilen Felswänden und dunkelgrünem Wald. Weiße Gebäude, eine goldene Kuppel, der Iskar-Fluss ganz in der Nähe. Die Kulisse ist fast unwirklich. Als hätte jemand ein Kloster absichtlich an den schönsten Punkt des Tals gesetzt — was ja eigentlich auch so war.
Das Kloster existiert seit dem 14. Jahrhundert. Es wurde mehrfach zerstört und wieder aufgebaut — von Osmanen, Räubern und der Geschichte selbst. Was heute steht, ist ruhig, gepflegt, und hat diese besondere Stille, die alte Klöster manchmal haben. Keine Menschenmassen, kein Eintrittspreis-Chaos, kein Souvenirladen. Nur ein paar Gläubige, ein Mönch irgendwo im Hintergrund, und ich mit meiner Kamera.
Das Eingangstor trägt eine kyrillische Inschrift — „Манастирски Храм“ — und dahinter öffnet sich der gepflasterte Klosterhof. Die Kirche selbst ist der Heiligen Gottesmutter geweiht. Drinnen: Fresken, Kerzenrauch, Stille.


Auch die Festung Glodscha liegt in der Nähe — ein mittelalterlicher Wehrbau hoch oben in den Felsen, der schon bessere Zeiten gesehen hat, aber genau das macht ihn interessant. Und die Kirche „Hl. Kliment von Ohrid“ ist ein weiterer stiller Punkt auf diesem Weg, der einem das Gefühl gibt: hier verläuft die Zeit einfach anders.
Touristen? Kaum. Das Tal gehört an einem grauen Sonntag fast einem selbst.
~15:28 Uhr — Das verlassene Gebäude
Auf dem Rückweg zum Bahnhof — denn dieser Weg will ja zweimal gegangen werden — fällt er ins Auge: ein großes, einst gelbgestrichenes Gebäude. Drei Stockwerke, Stuckverzierungen im Gründerzeitstil, ein Eingangsportal mit Säulen. Fenster ohne Glas. Efeu, der die Fassade hochklettert wie ein geduldiger Eroberer.
Was das mal war? Kurhotel? Sanatorium? Parteischule? Das Iskartal hatte früher Kurbetrieb, die kommunistische Ära hinterließ ihre Bauten — und dann hinterließ die Nachwendezeit diese hier ihrem Schicksal. Die Natur nimmt sich gerade alles zurück. Es sieht spektakulär aus und traurig zugleich. Ich stehe davor und mache Fotos. Was sonst.

~16:52 Uhr — Bahnhof Cherepish: Warten mit Charakter
Der Bahnhof Cherepish liegt direkt an den Felsen. Schiefergraue Wände steigen hinter dem Bahnsteig senkrecht auf. Dramatic, wie die Briten sagen würden.

Dann rollt sie rein: eine bulgarische Elektrolok, rot-gelb, Nummer 61008, mit einer gewissen angerosteten Autorität. Die Lok kannte ich nicht. Aber die Wagen dahinter — die kannte ich sehr genau. Das waren alte deutsche DB-Wagen. Genau die, mit denen ich ab 1990 jeden Morgen zur Berufsschule gefahren bin. Sitze, Abteile, Gepäcknetze — alles vertraut. Nur die Landschaft draußen war eine andere.
Irgendwann enden Züge eben nicht auf dem Schrottplatz. Manchmal fahren sie einfach nach Bulgarien weiter. Ich fand das ehrlich gesagt ziemlich rührend.
Abends — Rückkehr nach Sofia
Die Rückfahrt durch das Iskartal im Abendlicht. Felsen, Fluss, Tunnel, wieder Felsen. Die alten DB-Wagen wackelten gemütlich vor sich hin. Mein Begleiter schlief. Ich schaute aus dem Fenster und dachte: für einen grauen Sonntag war das eigentlich ein ziemlich guter Tag.
Ein langer Fußweg, ein stoischer Esel, ein stilles Kloster und Wagen, die mich an meine Berufsschulzeit erinnert haben. Bulgarien kann manchmal sehr überraschend persönlich werden.
📍 Kloster Tscherepisch / Zverino · 🚂 Anreise ab Sofia Hauptbahnhof · ⏱ ca. 1:30 h Fahrzeit · 🎯 Highlights: Kloster Tscherepisch, Iskartal, verlassenes Kurhotel, Bahnhof Cherepish




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