Kehlsteinhaus 2015

Panoramablick vom Kehlsteinhaus auf den Königssee und die Berchtesgadener Alpen

Mein Bruder hat ein Talent dafür, rund um meinen Geburtstag aufzutauchen — und das meine ich ausdrücklich als Kompliment. Denn er kommt nie mit leeren Händen, sondern mit Ideen. In diesem Jahr lautete die Idee: Berchtesgaden. Geschichte, Berge, Herbstluft. Eigentlich ein entspannter Ausflugstag ohne große Ambitionen. Eigentlich.

Was dann folgte, war eine spontane Kraxelpartie zwischen Felsen, ein Blick auf den Königssee, der einem buchstäblich den Atem verschlägt — und ein Nachmittag, der sich tief ins Gedächtnis gebrannt hat. Nicht wegen der Planung. Sondern trotz ihrer Abwesenheit.


Anreise und erste Station: Dokumentation Obersalzberg

Rund zwei Stunden Fahrt von München — die Autobahn gibt sich bayerisch entspannt, solange man nicht gerade Freitagabend im Berufsverkehr steckt. Wir hatten Glück. Erster Halt: die Dokumentation Obersalzberg. Ein Ort, an dem die Geschichte einem nicht zimperlich begegnet.

🏛️ Dokumentation Obersalzberg
Salzbergstraße 41 · 83471 Berchtesgaden
🌐 obersalzberg.de
📍Google Maps

Das Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg zeigt, wie dieser idyllische Bergort zum Machtzentrum des Nationalsozialismus wurde. Nichts für zwischendurch, aber absolut sehenswert. Man kommt rein, denkt man schaut kurz rein — und ist plötzlich eine Stunde später immer noch drin. Gut so.


Hinauf zum Kehlsteinhaus

Vom Obersalzberg geht es per Bus weiter — die private Kehlsteinstraße ist für Privatfahrzeuge gesperrt, also nichts mit eigenem Tempo. Der Busbahnhof am Kehlsteinhaus-Parkplatz ist der einzige Ausgangspunkt, und von dort übernehmen zunächst die Busse die Kurvenarbeit. Enge Kehren, steile Hänge, ein Fahrer, dem das alles sichtlich Freude macht. Mir etwas weniger.

Oben angekommen: erst der Tunnel, dann der Aufzug, dann — das Kehlsteinhaus. Auf 1.834 Metern. Und draußen wartet der Oktober mit seinem besten Herbstblau.

🏛️ Kehlsteinhaus
Kehlstein · 83471 Berchtesgaden
🌐 kehlsteinhaus.de
📍Google Maps

Das Kehlsteinhaus — im Englischen oft „Eagle’s Nest“ genannt — wurde 1938 als Empfangsgebäude für die NSDAP-Führung gebaut. Heute ist es ein Ausflugsziel mit Restaurant und, ehrlich gesagt, einer der beeindruckendsten Aussichten, die ich je hatte. Geschichte und Panorama auf einmal. Das Haus selbst ist kompakt, die Terrasse dagegen ist groß genug für hundert Touristen und einen ordentlichen Panoramaschock.


Das Wolkenmeer

Mein Bruder hatte vorgeschlagen, einfach ein bisschen herumzulaufen. „Nur kurz schauen“, sagte er. Das kenne ich. Aus „nur kurz schauen“ werden dann Felspassagen, Kletterei ohne Kletterausrüstung und Fotos an Stellen, wo man eigentlich gar nicht stehen sollte.

Aber der Blick. Ernsthaft. Unterhalb liegt ein Wolkenmeer, das sich sanft zwischen die Bergrücken schiebt. Dahinter Gipfel in allen Blautönen, die man sich vorstellen kann. Der Himmel: knallblau, wolkenlos oben, dramatisch unten. Das nennt man wohl eine Thermokline — ich nenne es einfach: perfektes Timing.


Zwischen den Felsen

Das bin ich. Mit Rucksack, Jeans — weil Wanderhose war ja nicht geplant — und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade festgestellt hat, dass er auf einem Felsrücken steht, von dem aus es in beide Richtungen steil runtergeht.

Die Drahtseilsicherung links im Bild habe ich sehr zu schätzen gewusst. Wirklich. Die enge Felsschlucht, durch die der Steig führt, ist eigentlich gut markiert — der rote Punkt an der Felswand ist kaum zu übersehen. Jeans und Wanderschuhe aus dem Stadtschrank taten ihr Bestes. Es hat gereicht. Knapp.


Der Königssee von oben

Irgendwann, nach genug Kletterei für Leute die eigentlich keinen Kletterplan hatten, stellten wir uns an den richtigen Aussichtspunkt. Und da war er: der Königssee. Tief unten im Tal, eingerahmt von Bergflanken, die senkrecht aus dem Wasser zu wachsen scheinen. Wolkenfetzen ziehen durchs Tal. Der See selbst glänzt silbrig in der Herbstsonne.

Ich habe eine Weile einfach nur gestanden. Manchmal muss man das Handy wegstecken und einfach hinschauen. Dann aber doch das Foto gemacht. Natürlich.


Rückfahrt — Berchtesgaden, München, Feierabend

Der Rückweg ist schnell erzählt: Bus runter, kurz verschnauft, noch ein Blick zurück auf den Kehlstein, dann die gut zwei Stunden Fahrt zurück nach München. Die Autobahn am Abend ist, nun ja, Autobahn am Abend. Aber wer gerade vom Kehlsteinhaus kommt, dem macht ein bisschen Stau nichts mehr aus.

Mein Bruder und ich haben auf der Rückfahrt kaum geredet. Das ist bei uns manchmal das beste Zeichen — wenn ein Tag für sich selbst spricht, braucht er keine Kommentare mehr.


Keine Wanderung geplant. Trotzdem zwischen Felsen geklettert, einen See von oben gesehen und Geschichte geatmet. Manchmal sind die besten Tage die, die man gar nicht geplant hat — besonders wenn der Bruder auftaucht und fragt: „Wollen wir kurz schauen?“


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