Um 3 Uhr morgens klingelt kein Wecker — man schläft einfach gar nicht erst ein. So begann mein Italien-Road-Trip 2018, zusammen mit meiner Kollegin und Freundin aus Sofia, die gerade auf Dienstreise in München war. Wir haben das kurzerhand genutzt. Sie hatte noch eine Freundin mitgebracht — samt Freund. Den mochte ich nicht besonders. Die Freundin auch nicht wirklich. Die Stimmung war von Anfang an leicht angespannt, der Kaffee zu dünn und die Autobahn noch dunkel. Aber Venedig wartete. Und das rechtfertigt so ziemlich alles.
Tag 1 — Venedig: Fähre, Flanieren und ein Streik an der Wand
Gegen halb vier rollten wir aus München raus. Sechs einhalb Stunden später — Autobahn, Grenze, mehr Autobahn — standen wir auf dem Parkplatz beim Auto-Moto Parking bei Cavallino, packten das Nötigste in den Rucksack und warteten auf die Fähre ab Punta Sabbioni. 26 Grad, blauer Himmel, leichter Wind vom Wasser. Und dann: Venedig am Horizont.
Schon von der Fähre aus war das Panorama einfach irreal. Der Canal Grande, der Dogenpalast, der Campanile di San Marco — alles auf einmal, alles echt, alles komplett überwältigend. Ich lehnte an der Reling und dachte: Ja. Genau deswegen macht man das.

Durch die Gassen — und mitten in einen Streik
In Venedig läuft man. Immer. Irgendwohin, irgendwie, meistens in die falsche Richtung — aber das macht nichts, weil jede falsche Richtung trotzdem schön ist. Wir schlenderten durch schmale Gassen, vorbei an Brücken, Kanälen und einem stetigen Strom aus Selfie-Sticks. Irgendwann blieb ich vor einer Backsteinmauer stehen.

„LET’S STRIKE“ stand da in schwarzen Buchstaben auf dem alten Backstein. Ich musste lachen. Ein paar Meter weiter dann die Auflösung: an einem heruntergelassenen, rostigen Rolladen prangte „LET’S STRIKE“ — durchgestrichen mit roter Farbe. Die Vaporetti streikten in Venedig 2018, und die Stadt hatte ihre Meinung dazu eben direkt an die Wand geschrieben. Ich fand das ehrlicher als jede Tourismusprospekt-Hochglanzseite.
Venedig hat eben zwei Gesichter. Das eine ist für die Postkarte. Das andere sprüht sich an Rollläden und sagt dir unverblümt, was gerade los ist. Ich mag beide.

Die ruhige Seite — und die Rialtobrücke

Wer sich ein bisschen von der Piazza San Marco wegbewegt, findet dieses Venedig: schmale Uferpromenaden, festgemachte Motorboote, Blumenkästen an den Fenstern, eine alte Steinbrücke im Hintergrund. Kein Reisebus weit und breit. Nur ein paar Einheimische und die Sonne, die alles golden macht. Hier wollte ich einfach kurz sitzen bleiben — aber wir hatten noch was vor.
Die Ponte di Rialto kennt jeder. Trotzdem steht man davor und ist kurz sprachlos. Daumen hoch — was soll man sonst machen? Das Foto musste sein. Der Canal Grande glitzerte, ein Holzboot tuckerte vorbei, oben auf der Brücke drängten sich die Leute. Business as usual in Venedig.

Die Basilica Santa Maria della Salute haben wir von außen bewundert — diese wuchtige weiße Kuppel am Ende des Canal Grande ist einfach ein Statement. Gebaut nach der großen Pest, als Dank für die Errettung. Venedig hat halt Stil, selbst beim Danke sagen.
EXIT — und der Weg nach Legnago

Irgendwo in der Nähe der Piazza San Marco lag dieses Pappschild einfach so an einem Zaun. „EXIT“ — orange gesprüht, unmissverständlich. Ich hab’s aufgehoben und kurz gehalten. Wer das Leben zu hart findet, folge mir — ich habe den Ausgang. Oder zumindest das Schild dazu. Um die Mittagszeit dann tatsächlich raus aus Venedig, zurück zur Fähre, zurück zum Auto.
Dann kam der Teil des Tages, über den ich nicht allzu viel sagen möchte — außer dass ich am Steuer des fremden Mercedes ein Foto machen wollte und dabei kurz die Leitplanke der italienischen Autobahn kennengelernt habe. Näher als geplant. Sehr viel näher. Das Herz rutschte mir in die Hose, der Mercedes hatte hinterher eine neue Beule, und ich habe eine Lektion gelernt, die ich nicht mehr vergessen werde: Augen auf die Fahrbahn. Immer. Selfies können warten.
Abends in Legnago — am Ende der Welt, aber gut gegessen
Legnago. Ich kannte es vorher nicht. Ich hätte es auch nie gesucht. Aber die Freundin hatte dort ein günstiges Hotel gefunden — das Hotel Salieri — und ehrlich gesagt war es völlig in Ordnung. Kein Venedig, kein Verona. Einfach eine kleine Stadt in der Poebene, die ihren Alltag lebt und sich um Touristen herzlich wenig schert.
Gegessen haben wir in der Trattoria Salieri — draußen, an der Straße, mit Blick auf das überschaubare Legnagenser Nachtleben. Die Bedienung schaute uns an, als wären wir die erste Reisegruppe seit Jahren, die sich hierher verirrt hatte. Die Pasta war der Hammer. Der Wein auch. Die Stimmung am Tisch — nun ja, sagen wir: besser als auf der Autobahn. Wir lachten, aßen, tranken. Manchmal hilft ein gutes Abendessen gegen alles.
Tag 2 — Verona: Romeo, Julia und viel zu viele Menschen
Morgens früh raus aus Legnago, Richtung Verona. Touristenprogramm — ich sage das ohne Ironie. Manchmal ist das Touristenprogramm genau richtig. Verona ist eine dieser Städte, die einen sofort einwickeln: breite Plätze, alte Steine, und die Etsch, die sich gemächlich durch alles hindurchzieht.

Gegen halb neun standen wir an der Etsch und schauten auf die Stadt. Das Wasser war grünlich-grau und führte ordentlich Strömung. Die Altstadt dahinter: warme Töne, Zypressen auf dem Hügel, ein paar Joggingmenschen am Ufer. Verona morgens um acht ist eine andere Stadt als Verona zur Mittagszeit — das sollte ich noch lernen.
Casa di Giulietta — oder: Sehnsucht in allen Sprachen
Die Casa di Giulietta. Pflichtprogramm. Historisch eher zweifelhaft, touristisch absolut unumgänglich. Wir quetschten uns durch den engen Torbogen in den Innenhof — und standen mitten in einer Menschenmasse, die ich so früh morgens nicht erwartet hatte. Jeder fotografierte den berühmten Balkon. Jeder wollte die Bronze-Julia anfassen. Ich fotografierte lieber die Leute, die die Julia anfassen wollten. Sagt mehr aus.
An der Wand neben dem Eingang: hunderte, tausende Zettel. Liebesbriefe, Wünsche, Gebete — in jeder erdenklichen Sprache, mit jedem erdenklichen Stift auf jeden erdenklichen Untergrund geschrieben. Einer stach heraus: „Dear Juliet, where is my Romeo?“ — unterschrieben mit Sarah. Darunter ein kleines Post-it: „Pray for me.“ Ich stand da und dachte: Same question, Sarah. Same question. Wobei ich ehrlich gesagt nicht sicher bin, wen ich fragen soll.


Das Selfie aus dem Innenhof sagt eigentlich alles. Ich hasse Touristenmassen — und das sieht man mir deutlich an. Hinten drängeln sich Dutzende Menschen um den besten Winkel, jemand hält ein Selfie-Stick-Ungetüm in die Luft, und ich stehe mittendrin mit einer Miene, die ungefähr „wie bin ich hier hineingekommen“ kommuniziert. Trotzdem: Ich war dabei. Und ja, ich hab auch ein Selfie gemacht. Wer bin ich, dass ich mich beschwere.
Castelvecchio — Verona von seiner besten Seite
Die Castelvecchio Brücke war mein persönliches Verona-Highlight. Roter Backstein, Zinnen, Rundbögen über der Etsch — mittelalterlich, massiv, wunderschön. Weniger Gedränge als bei Julia, dafür mehr Substanz. Hier hat man das Gefühl, dass Verona tatsächlich schon ewig steht und das auch noch eine Weile tun wird.

Ich lehnte an der Steinbrüstung, die Castelvecchio-Brücke im Rücken, die Etsch darunter. T-Shirt gewechselt — grau statt pink, falls jemand aufgepasst hat — und einfach kurz durchgeatmet. Verona ist eine Stadt, in der man das kann. Einfach kurz durchatmen. Die Arena di Verona haben wir auch noch mitgenommen — von außen imposant, innen gerade im Umbau für die Opern-Saison. Aber das reicht schon.
Lazise am Gardasee — der schönste Umweg nach Hause
Früher Nachmittag, die Heimfahrt nach München rückte näher — aber ein letzter Stopp musste noch sein. Lazise am Gardasee. Klein, malerisch, mit einer Promenade, die zum Bleiben einlädt, und Schwänen, die sich das auch wissen lassen.

Die Schwäne am Gardasee haben offensichtlich ein Ego-Problem — im besten Sinne. Einer schlug die Flügel weit aus, als wollte er sagen: Bitte. Fotografiert mich. Jetzt. Ich hab natürlich fotografiert. Man tut, was man tun muss. Das Wasser war tiefblau, die Berge dahinter leicht dunstig, ein paar Touristen auf dem Steg schauten genau so fasziniert wie ich. Kollektive Gaffer-Gemeinschaft am Gardasee — schöner kann ein Nachmittag kaum enden.
Die Promenade von Lazise ist genau das, was man sich von einem Gardasee-Örtchen vorstellt: Pflastersteine, alte Laternen, Restaurants mit Seeterrassen, überall weiße Schwäne im türkisen Wasser. Und mittendrin ich, der Handzeichen macht und behauptet, das hier gehöre zum Plan. Tat es nicht. Aber manchmal sind die ungeplanten Stopps die besten.


Lazise macht den Abschied von Italien schwer. Das ist Absicht. Schwäne, türkises Wasser, Eis in der Hand — und dann wieder ins Auto, Richtung Norden, zurück in den Alltag. Gegessen haben wir noch kurz bei Ristorante Al Castello — schnell, lecker, unkompliziert. Genau richtig für den letzten Halt vor der Autobahn.
Heimfahrt — Peace und gute Laune
Die Rückbank war besetzt — meine Kollegin und ich, Peace-Zeichen in die Kamera, beide grinsend. Die Stimmung hatte sich irgendwie gerettet. Vielleicht war es Venedig. Vielleicht Verona. Vielleicht die Pasta in Legnago. Egal. Um 21 Uhr waren wir in München. Zwei Tage, drei Städte, ein Gardasee, eine demolierte Leitplanke und Pasta, die den Abend gerettet hat.

Italien in zwei Tagen ist eigentlich zu wenig. Aber manchmal sind zwei Tage genau genug, um zu wissen: Da muss ich nochmal hin. Ohne Leitplankenbekanntschaft, versteht sich.




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