Herreninsel im März: Versailles, fast allein

Fähre am Holzsteg der Anlegestelle Herreninsel am Chiemsee mit schneebedeckten Alpen

Manchmal braucht es keinen wochenlangen Urlaub, um sich wie auf Reisen zu fühlen. Ein Wochenende, ein Auto, zwei Tage Bayern — und schon ist man mittendrin. Dies hier ist Tag 2 meines kleinen Roadtrips: Herreninsel im Chiemsee, ein fast vergessenes Schloss im Chiemgau und der leise Verdacht, dass Ludwig II. und ich uns in Sachen Hang zum Überfluss bestens verstanden hätten. Kermit war übrigens nicht dabei. Wegen Corona, sagt er. Ich glaube, er wollte einfach nicht in der Kälte sitzen.


Morgens — Überfahrt zur Herreninsel

Der Chiemsee im März ist eine andere Welt als der Chiemsee im August. Keine Touristen, kein Gedränge am Steg, kein aufgeregtes Kindergeschrei. Nur grau-blaues Wasser, eine leichte Brise und ein kleines Fahrgastschiff namens — man ahnt es — irgendwas mit Bayern. Das bayerische Wappen prangt tapfer am Rumpf, die Flagge flattert, die Alpen lugen schneebedeckt aus den Wolken. Ich stand an der Anlegestelle Herreninsel und dachte: Das ist eigentlich schon jetzt das Bild des Tages. Dann kam die Überfahrt.

Auf dem Achterdeck der Fähre, FFP2-Maske im Gesicht und Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, stand ich allein mit ein paar anderen Hartgesottenen. März 2021 — mitten in der Pandemie, mitten in Bayern, mitten auf dem Chiemsee. Die bayerische Flagge wedelte mir fast ins Gesicht. Die Alpen dahinter sahen aus wie frisch gemalt. Kermit hätte das geliebt. Aber Kermit blieb zu Hause. Wegen Corona, hatte er gesagt. Ich vermute eher, dass ihm die Überfahrt bei Wellengang zu ungemütlich war. Weicheier, diese Frösche.

🛳️ Anlegestelle Herreninsel
Herreninsel · 83209 Chiemsee
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Die Fähren der Chiemsee-Schifffahrt legen von Prien/Stock und Gstadt zur Herreninsel ab. Im März fährt der Betrieb auf Sparflamme — aber er fährt. Wer früh da ist, hat die Insel fast für sich allein. Das ist den etwas kühlen Temperaturen definitiv wert.


Das Augustiner Chorherrenstift und der Schlosspark

Bevor Ludwig II. seine Finger im Spiel hatte, gehörte die Herreninsel den Augustiner Chorherren. Ihr Stift steht noch — und daneben eine kleine mittelalterliche Kapelle, die aussieht, als hätte sie die letzten acht Jahrhunderte einfach beschlossen zu ignorieren. Kahle Lärchen rahmen sie ein, der Boden darunter buckelig von Maulwurfshügeln. Ich stand davor und dachte: Das ist das ehrlichste Gebäude auf der ganzen Insel. Kein Prunk, kein Versailles-Gehabe. Nur Stein, Zeit und ein paar Maulwürfe, denen die Geschichte herzlich egal ist. Das Augustiner Chorherrenstift wird heute als Museum genutzt — an diesem Tag war es, wie fast alles, geschlossen.

🏛️ Augustiner Chorherrenstift Herrenchiemsee
Herreninsel · 83209 Chiemsee
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Das ehemalige Augustinerchorherrenstift beherbergt heute das Konvent- und Klostermuseum sowie historische Ausstellungsräume. Wer Schloss Herrenchiemsee besucht, sollte den älteren Teil der Inselgeschichte nicht übersehen — er ist mindestens genauso spannend, nur deutlich leiser.

Der Schlosspark Herrenchiemsee im März hat eine ganz eigene Qualität. Die Platanen stehen kahl und knorrig in Reih und Glied, ihre gestutzten Äste recken sich in den blassgrauen Himmel wie Finger, die nach etwas greifen, das noch nicht da ist. Der Frühling lässt sich Zeit. Das weiße Klostergebäude dahinter leuchtet trotzdem. Ich schlenderte durch die Alleen und hatte das seltsam angenehme Gefühl, der einzige Besucher auf einer Insel zu sein, die normalerweise im Sommer aus den Nähten platzt.


Schloss Herrenchiemsee — Versailles, nur bayrischer

Dann stand ich davor. Dieser Ehrenhof. Diese Symmetrie. Diese schiere Dreistigkeit, mitten in einem bayerischen See ein kleines Versailles hinzustellen. Ludwig II. hatte keine halben Sachen gemacht — das muss man ihm lassen. Der Kies war frisch geharkt, die Metallgerüste links und rechts schützten im Winter offenbar die Brunnenanlagen. Keine Menschenseele weit und breit. Ein leerer Platz vor einem leeren Schloss, das eigentlich zu groß ist für alles, und genau deswegen irgendwie beeindruckend. Ich habe das Foto gemacht und danach einfach eine Weile stillgestanden. Das passiert mir selten.

Vom Seeufer auf der Rückseite der Insel öffnet sich ein Panorama, das im Sommer vermutlich von hundert Kameras gleichzeitig fotografiert wird. Im März gehörte es mir allein. Goldbraunes Schilf im Vordergrund, das tiefe Blau des Sees, dahinter die Alpenkette mit frischem Schnee auf den Gipfeln. Alles passte zusammen wie ein Bild, das man nicht bestellt hat und trotzdem nicht weglegen kann. Ich stand da, zog die Nase hoch und dachte: Für so einen Anblick lohnt sich der frühe Start.


Durch die Allee — und Mittagspause mit Aussicht

Die lange Allee durch den Schlosspark zieht sich schnurgerade durch die Insel. Rechts Wiese, links Wiese, vorne Alpen, oben Wolken. Ich habe ein Selfie gemacht, auf dem ich aussehe, als wäre ich gerade unfreiwillig auf einer philosophischen Wanderung gelandet. War ich auch, irgendwie. Kermit hätte hier gut ins Bild gepasst — kleine grüne Gestalt auf großem Kiesweg. Aber er saß daheim. Wegen Corona. Ich lief also allein, Rucksack auf dem Rücken, und versuchte dabei auszusehen, als hätte ich das so geplant.

Kermit war weg, das Café geschlossen — es war Pandemie. Also: Lunchbox auf den Picknicktisch, Blick auf den See, fertig. Zugegeben, es war nicht ganz das gewohnte Café-Ritual. Keine Tasse, die Kermit halten konnte, kein frisch gebrühter Kaffee, kein Kuchen mit Sahne. Stattdessen selbst mitgebrachtes Essen aus zwei Plastikboxen und eine Flasche Volvic. Aber der Blick auf das stille Wasser, die Holzstege, das Bootshaus am Ufer — der war umsonst und besser als jede Caféterrasse. Manchmal muss man eben improvisieren.


Nachmittags — Schloss Wildenwart: Das schönste geschlossene Schloss Bayerns

Nach der Rückfahrt mit der Fähre und einem kurzen Abstecher mit dem Auto landete ich am Nachmittag vor Schloss Wildenwart. Und was für ein Anblick. Gelb-weißer Barockbau, zwei schwarze Zwiebelturm-Hauben, eine steinerne Brücke davor — das Schloss sieht aus wie direkt aus einem Märchenbuch gestanzt. Die Sonne hatte sich endlich durchgesetzt, blauer Himmel, alles knackig scharf. Ich überquerte die Brücke, stand vor dem Eingangstor und… geschlossen. Natürlich. Privatbesitz, nicht öffentlich zugänglich, bitte weitergehen.

🏛️ Schloss Wildenwart
Wildenwart 1 · 83135 Frasdorf
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Schloss Wildenwart bei Frasdorf im Chiemgau ist ein privates Barockschloss aus dem 17. Jahrhundert — und leider nicht öffentlich zugänglich. Das Äußere allein ist jedoch die Fahrt wert: Zwiebelturm-Hauben, klassische Barockfassade in Gelb und Weiß, malerische Brücke. Ein Spaziergang zum Eingangstor und zurück reicht, um das Schloss in seiner vollen Schönheit zu erfassen.

Ich stand also vor dem verschlossenen Tor, fotografierte das Schloss von der Brücke aus, und dachte: Immerhin. Das Foto ist gut geworden. Bayern kann manchmal einfach nicht aufhören, schön zu sein — auch wenn man nicht reinkommt. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit der Rückfahrt nach München, Autobahn, Radio, die Berge langsam kleiner im Rückspiegel.


Bayern im März: kein Gedränge, keine offenen Schlösser, keine Kermit — dafür alles andere in Ruhe und ohne Aufpreis.


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