Han River, 555 Meter und Cheesecake — Seoul Tag drei

Tag drei. Seoul gibt keine Pause. Heute: Bus statt U-Bahn, Han River, Olympiapark, Lotte World Tower — und abends Gangnam. Kermit hatte Cheesecake. Ich auch. Das war die richtige Entscheidung.

Morgens: Mit dem Bus durch die Stadt

11:06 Uhr. Bus. Nicht die glatte AREX, nicht die klimatisierte Metro — ein ganz normaler Stadtbus mit gelben Haltestangen und Plastikstühlen. Seoul fährt Bus wie selbstverständlich. Ich auch, nach kurzem Zögern welche Linie die richtige ist.

Ausgestiegen, gelaufen, falsch abgebogen — und dabei eine ganze Straße voller Werkzeugläden entdeckt. Milwaukee, DeWalt, Leitern, Akkuschrauber, alles auf dem Bürgersteig. Seoul hat für alles ein Viertel. Auch für das.


Han River: Skulptur, Brücke, Lotte Tower

Yeouido-Ufer am Han River. Eine abstrakte Metallskulptur — spitz, dunkel, fragmentiert — steht vor dem Panorama der gegenüberliegenden Stadtseite. Brücken, Hochhäuser, Wolken. Der Han River ist breit. Sehr breit. Man unterschätzt das auf der Karte.

Und da steht er: der Lotte World Tower. 555 Meter, das fünfthöchste Gebäude der Welt, schlank wie eine Nadel und komplett unübersehbar. Von hier, durch Büsche und Grün, wirkt er fast unwirklich — zu groß für den Kontext, zu präzise für Zufall.

Unter der Brücke. Das Wasser spiegelt den Himmel, die Brückenpfeiler stehen ruhig im Fluss. Ein einfaches Bild — aber der Han River hat diese ruhige Schwere, die man nicht erwartet wenn man an Seoul denkt.

Das große Bild: Fluss, Brücke, Hochhäuser, Lotte Tower ganz links am Horizont. Auf dem Uferpfad ein paar Spaziergänger, ein festgemachtes Schiff. Seoul hat diesen Fluss in seine Mitte gebaut und dann drumherum einfach weitergemacht.

Am Ufer: ein begrünter Betonpfeiler, auf dem ein echtes Boot montiert ist — und darunter ein Wandbild mit Hase und Schildkröte. Hase und Schildkröte rennen um die Wette, darüber Heißluftballons. Irgendwo zwischen Fabel und Installation. Seoul macht das ohne Erklärung.


Seoul Olympic Park: 1988 und Kermit mit Kuchen

Olympic Park, Seoul 1988. Das Schild steht groß und weiß auf einem Podest — „Seoul 1988 Olympic Park“, daneben die koreanische Schrift, und ich stehe daneben und fühle mich kurz wie auf einem Schulausflug. Die Olympischen Spiele hier waren das erste große Sportereignis, das ich bewusst im Fernsehen verfolgt habe. Ich war 13.

Kermit bekommt einen Tisch im Café des Olympic Parks. Vor ihm: ein japanischer Cheesecake und ein Eiskaffee. Er sitzt da wie jemand, der das verdient hat. Ich sitze daneben und esse meinen Teil. Keine weiteren Kommentare.

Der Olympic Park ist größer als erwartet — und grüner. Weitläufige Wiesen, Treppen, Skulpturen überall, und im Hintergrund die Hochhäuser von Songpa. Familien liegen auf dem Gras, Kinder rennen, jemand schläft unter einem Baum. 1988 ist weit weg von diesem Nachmittag.

Das Olympische Tor — zwei massive Steintürme, dazwischen die fünf Ringe. Davor: leerer Platz, ein paar Tauben, Mittagshitze. Kein Spektakel, keine Menschenmassen. Nur die Ringe, der Himmel und ein Gefühl von: das war mal wichtig.

Eine lange Allee, gesäumt von Bäumen und bunten Fahnen, die im Wind hängen. Kein besonderer Tag, kein Anlass — einfach so dekoriert. Seoul schmückt sich gerne. Man gewöhnt sich daran.


Seoul Sky: 555 Meter und Kermit mit Überblick

Lotte World Tower, Eingang Seoul Sky. Schwarze Wand, silbernes Logo, gedämpftes Licht. Der Lift fährt in weniger als einer Minute auf 500 Meter. Man spürt es in den Ohren. Kermit spürt nichts — er hat keine Ohren.

Oben. Der Han River liegt wie ein breites Band unter uns, mehrere Brücken darüber, die Stadt bis zum Horizont. Kermit schaut in die Kamera, ich auch. Hinter uns: Seoul, komplett. Das ist ein anderes Gefühl als der N Seoul Tower vorgestern — hier ist man wirklich hoch.

Sonnenuntergang von 500 Metern. Die Sonne sinkt hinter den Dunst, der Han River reflektiert das Licht, die Hochhaussiedlungen erstrecken sich in alle Richtungen. Ein Bild, das man auf keiner Postkarte so findet — zu riesig, zu flächig, zu ehrlich.

Kermit auf der Fensterbank, Seoul-Karte darunter. Daehak-ro, Seongbuk-dong — 13,5 Kilometer. Er sitzt da und schaut raus, als würde er navigieren. Der Han River macht zwei Bögen, die Brücken kreuzen ihn gleichmäßig. Man versteht von hier oben, wie diese Stadt gebaut wurde: systematisch, groß, ohne Kompromisse.

555 Meter. Seoul liegt unten und hört nicht auf. Kermit schaut raus und sagt nichts. Das ist die richtige Reaktion.


Abends: Gangnam, Starfield und große Hände

Gangnam bei Nacht. Ein pinkes LED-Schild leuchtet von einem Hochhaus: „Boy Next Door“. Darunter: eine Shoppingmall, H&M, Charles & Keith, Bildschirme überall. Das ist das Gangnam aus dem Song — und ja, es ist tatsächlich so.

Direkt daneben: Eggslut. Ein amerikanisches Fast-Food-Konzept, hier als Neon-Ei an der Wand. Der Name ist genau das, was er ist — und die Schlange davor lang. Seoul nimmt das nicht zu ernst. Ich auch nicht.

Starfield Library im COEX Mall. Eine runde Bücherwand, mehrere Stockwerke hoch, beleuchtet, geschwungen. Tausende Bücher, die meisten dekorativ, aber das Gesamtbild ist trotzdem beeindruckend. Eine Bibliothek als Skulptur. Seoul baut so.

Letztes Bild des Tages: eine überdimensionale Bronzeskulptur — zwei riesige Hände, ineinander verschränkt. Ich stehe darunter, Kermit am Rucksack, Gangnam-Nacht im Hintergrund. Die Hände sind so groß, dass ich dagegen verschwinde. Kermit übrigens auch — aber man kann ihn noch sehen. Er ist grün. Das hilft.

Han River, 1988, 555 Meter, Gangnam — Seoul packt alles in einen Tag. Kermit hat Cheesecake gehabt. Ich habe Blasen. Trotzdem: richtig.


Tag3 in Seoul, 18. September 2023
StationenHan River Yeouido, Seoul Olympic Park, Lotte World Tower / Seoul Sky, Gangnam, COEX Starfield Library
Seoul Sky Eintrittca. 29.000 Won (Standardticket), Glasbodenplattform extra
Olympic Parkkostenloser Eintritt, weitläufig — gutes Schuhwerk empfehlenswert
Starfield Librarykostenlos, im COEX Mall Untergeschoss, täglich geöffnet
TransportStadtbus + U-Bahn, T-Money-Karte funktioniert für beides
Kermit-HighlightJapanischer Cheesecake im Olympic Park. Keine Diskussion.

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