März 2021. Deutschland im Lockdown, die Welt irgendwie auf Pause — aber Tagesausflüge waren erlaubt. Also hab ich kurzerhand einen Roadtrip zusammengestrickt: München raus, Ulm, Rothenburg ob der Tauber, Regensburg, wieder zurück. Ein Tag, vier Städte, gut 600 Kilometer. Kermit blieb zu Hause. Wahrscheinlich Corona. Ich hab’s ihm nicht übel genommen — er sitzt eh lieber auf der Heizung. Was dieser Tag trotzdem brachte: Einstein mit Zunge, das schiefste Haus Deutschlands, ein mittelalterliches Freilichtmuseum ohne Eintritt und einen bayerischen Parthenon über der Donau. Nicht schlecht für einen Freitag.
Morgens — Erster Stopp: Ulm
Von München nach Ulm sind es knapp 90 Minuten auf der A8. Früh genug losgefahren, dass die Stadt noch halb verschlafen wirkte. Grauer Winterhimmel, kahle Bäume, Kopfsteinpflaster. Passt.
Der erste Pflichttermin in Ulm ist natürlich der Einstein-Brunnen — und der hält, was er verspricht. Eine dunkle Bronzeskulptur auf einem raketenhaften Sockel, obendrauf eine Schnecke, und seitlich das bekannteste Gesicht der Physikgeschichte: Einstein mit herausgestreckter Zunge. Ich stand eine Weile davor und wusste nicht, ob ich lachen oder ehrfürchtig nicken sollte. Beides gleichzeitig geht übrigens. Der Bildhauer Jürgen Goertz hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet — das Ding ist schräg, surreal und irgendwie perfekt für eine Stadt, die stolz darauf ist, den berühmtesten Physiker der Welt hervorgebracht zu haben. Im Hintergrund das weiße Gebäude mit dem Ziegeldach: das Stadthaus, nüchtern und sachlich. Einstein dreht dem die Zunge raus. Ich fand das angemessen.


Von weitem wirkt der Platz rund um den Einstein-Brunnen fast feierlich leer. Kein Tourist, keine Reisegruppe, kein Selfie-Stick in Sichtweite. Das hatte natürlich einen Grund — März 2021, Lockdown, wenig los. Aber es war auch schön. Der Innenhof mit dem weißen Stadthaus im Hintergrund, das frühe Licht, der gepflasterte Platz. Ich hab ein paar Minuten einfach nur gestanden und zugehört. Nichts zu hören. Das war in Ordnung.
🌐 ulmer-muenster.de
Der Ulmer Münster ist mit 161 Metern der höchste Kirchturm der Welt. Das klingt wie ein Trivia-Fact aus einem Pub-Quiz — ist aber wahr. Von unten schaut man rauf und denkt: okay, das ist ernst gemeint. Die Gotik in voller Geste, Steinspitzen wie aufgerichtete Zeigefinger in den Himmel. Ein Stück des Turms war übrigens eingerüstet — was bei alten Kathedralen eigentlich Normalzustand ist. Ich glaube, irgendwo auf der Welt ist immer ein gotischer Kirchturm im Bau oder in Reparatur. Tradition.
Das Ulmer Rathaus steht gleich um die Ecke vom Münster und macht auf den ersten Blick fast mehr her als der Dom. Die Fassade ist ein einziges Gesamtkunstwerk: goldene Zifferblätter, Fresken, mythologische Figuren, Wappentiere — alles gleichzeitig, überall. Die astronomische Uhr ist das Herzstück, schwarz und gold, mit Tierkreiszeichen und römischen Ziffern. Ich hab eine Weile versucht, die Uhrzeit abzulesen. Hat nicht geklappt. Für normale Zeitangaben war sie wohl nie gedacht.


Die Fassade des Ulmer Rathauses ist so vollgepackt mit Details, dass man eigentlich zehn Minuten stehen bleiben und alles einzeln abarbeiten müsste. Ich hab’s versucht. Irgendwo zwischen dem Doppeladler und dem Schützenkönig hab ich aufgehört zu zählen. Schön ist es allemal — und im Morgenlicht mit dem blauen Himmel dahinter fast unwirklich bunt. Ulm kann das.
Das Schiefe Haus in der Fischerviertel-Gegend ist offiziell das schiefste Hotel der Welt — laut Guinness-Buch. Ich hab mich davor auf einen der Holzpfosten gesetzt und das Fachwerkhaus einfach mal betrachtet. Es neigt sich tatsächlich besorgniserregend. Das Dach wirft einen Winkel, der jeden Statik-Professor schlecht schlafen lässt. Und doch steht es seit Jahrhunderten. Das Haus lehrt Demut. Oder zumindest gesunden Respekt vor altem Handwerk.

Nachmittags — Rothenburg ob der Tauber: Das lebende Mittelalter
Von Ulm nach Rothenburg ob der Tauber sind es gut anderthalb Stunden. Man nähert sich der Stadt und denkt zunächst: das kann nicht echt sein. Dann fährt man rein und denkt: das ist wirklich nicht echt. Und dann geht man durch die Gassen und merkt: doch. Komplett. Die Stadtmauer steht noch. Die Türme stehen noch. Die Fachwerkhäuser stehen noch. Rothenburg ist das, was Freilichtmuseen zu werden versuchen — nur echt.

Man kann in Rothenburg auf der Stadtmauer spazieren — einfach so, kostenlos, auf einem überdachten Wehrgang, der fast vollständig erhalten ist. Links die Dächer der Altstadt, rechts der Blick ins Grüne, vorne ein Turm nach dem anderen. Ich bin vom Siebersturm aus losgelaufen und hab irgendwann aufgehört, die Türme zu zählen. Das hölzerne Dach über dem Wehrgang knarzte bei jedem Schritt leise vor sich hin. Angenehm. Als würde die Stadt atmen.
Das Galgentor ist einer der markantesten Punkte der Stadtbefestigung. Ich bin von der Stadtmauer runter und auf dem Kopfsteinpflaster auf den Turm zugelaufen — allein, kein Mensch weit und breit. Das war das Schöne an diesem März-Tag im Lockdown: Rothenburg gehörte mir. Normalerweise ist es hier im Sommer so voll, dass man sich kaum umdrehen kann. Jetzt: Stille, Sonnenschein, Steine.


Zwischen all der mittelalterlichen Schönheit dann dieser Moment: ein knallgelbes Schild an einer Hauswand. ‚NO SHIT ZONE‘. Darunter, auf Deutsch, unmissverständlich: ‚Koten verboten. Lassen Sie bitte Ihren Hund hier keine Tretminen mehr legen.‘ Ich hab das Foto gemacht, bevor ich lachen konnte. Rothenburg kämpft also nicht nur gegen Vandalen und Touristenmassen — sondern auch gegen nicht abgeräumte Hundehinterlassenschaften. Der Tonfall des Schildes hat mich ehrlich begeistert. ‚Tretminen.‘ Jemand in der Stadtverwaltung hat Humor. Kermit hätte das gefallen. Wobei Kermit kein Hund ist.
Das Plönlein ist das Foto-Motiv von Rothenburg — das schiefe Gässchen, das gelbe Fachwerkhaus in der Mitte, links und rechts je ein Turm, alles zusammen wie aus einem Märchenbuch gefallen. Ich hab mich auf den Brunnenrand gesetzt und einfach mal geschaut. Im Sommer ist hier kein Durchkommen. Jetzt: ein Auto, ein Fußgänger, ich. Das Plönlein ist eines dieser Motive, das man hundertmal gesehen hat — und das trotzdem beeindruckt, wenn man dann davor steht.
Wolfgangsbrücke, Sieberturm, die Gasse mit dem gelben Haus dahinter. Das klassische Rothenburg-Motiv. Ich hab mich auf den Brunnen gesetzt — es war kalt, der Stein noch kälter — und trotzdem ein paar Minuten verweilt. Diese Ecke ist so komponiert, als hätte ein Stadtplaner des 14. Jahrhunderts gewusst, dass hier mal Touristen mit Smartphones stehen würden. Wahrscheinlich hat er das nicht gewusst. Aber das Ergebnis ist trotzdem perfekt.

Abends — Regensburg und die Walhalla
Von Rothenburg nach Regensburg sind es rund zwei Stunden. Ich kam am späten Nachmittag an, als das Licht schon tief stand und alles in dieses weiche Wintergold tauchte, das man nur im März bekommt. Regensburg ist UNESCO-Weltkulturerbe — und man merkt es. Die Innenstadt ist eine einzige mittelalterliche Kulisse, diesmal ohne das touristische Getümmel Rothenburgs. Hier wohnen echte Menschen. Die Stadt lebt.

Die Steinerne Brücke ist das Wahrzeichen Regensburgs — über 850 Jahre alt, aus dem 12. Jahrhundert, und sie trägt noch immer Fußgänger. Ich hab mich ans Brückengeländer gelehnt und den Blick flussaufwärts genossen: die Türme des Doms, die Dächer der Altstadt, das ruhige Wasser der Donau, ein paar Lastkähne. Das ist ein Panorama, das sich nicht verändert hat. Zumindest nicht wesentlich. Nur die Lastkähne sind neuer.
Von der Steinernen Brücke aus sieht man die Brücke selbst in ihrer ganzen Ausdehnung: zwölf Bögen über die Donau, Sandsteinquader, kein Beton, keine Stahl-Einlagen. Nur Stein auf Stein. Ich bin langsam rübergegangen und zurück, ohne Eile. Das Wasser war klar und ruhig. Eine Frau führte einen Hund spazieren. Ein älterer Herr fotografierte mit einer Spiegelreflexkamera. Regensburg hat dieses entspannte Selbstbewusstsein alter Städte, die wissen: wir stehen schon, bevor ihr ankamt, und wir stehen noch, wenn ihr weg seid.

🌐 bistum-regensburg.de
Der Dom St. Peter ist das gotische Herzstück Regensburgs — und auch hier: ein Turm eingerüstet. Das scheint das Schicksal gotischer Kathedralen zu sein. Ich hab das akzeptiert und trotzdem fotografiert. Die Westfassade ist auch mit Gerüst imposant: filigrane Steinarbeit, spitze Türme, das Hauptportal mit seinem reichen Figurenprogramm. Das Licht stand günstig, der Himmel blau mit Wolken. Manchmal hilft einem das Wetter einfach.

Gleich daneben der Neupfarrplatz mit der Neupfarrkirche — ein komplett anderer Stil. Hier ist alles ruhiger, barocker, heller. Auf dem Platz vor der Kirche war trotz Lockdown eine Handvoll Menschen unterwegs: ein Marktstand mit rotem Dach, ein paar Spaziergänger, Kinder. Das normale Leben, leise weiterlaufend. Ich hab kurz zugeschaut und bin dann weiter.

Dann das Kloster Sankt Emmeram — eines der ältesten Klöster Bayerns, heute Teil des Schlosses Thurn und Taxis. Das Innere der Basilika ist eine Wucht: Barockdekoration auf allen Flächen gleichzeitig, Gold, Stuck, Fresken, Altäre. Man steht im Mittelgang und schaut nach vorne, und das Auge weiß nicht, wo es anfangen soll. Ein einzelner Besucher stand weit vorne beim Altar — eine winzige Figur in diesem goldenen Kosmos. Das Foto hat sich fast von selbst gemacht.
Im Seitenschiff von Sankt Emmeram dann: eine Heiligenfigur in einem Glasschrein, in Folie eingepackt. Der erste Gedanke war: Restaurierung. Der zweite: Das sieht aus wie eine schlecht verpackte Lieferung. Der dritte: Eigentlich ist das ziemlich unheimlich. Die Figur liegt hinter Glas, in Plastikfolie, mit einem leicht sichtbaren Gesicht. Die Goldverzierungen des Schreins kontrastieren merkwürdig mit dem pragmatischen Schutzmantel. Ich hab das Foto gemacht und bin schnell weiter. Manche Dinge braucht man nicht zu lange anzuschauen.


Reliquienschreine sind in bayerischen Klosterkirchen keine Seltenheit. Aber diese in Folie eingewickelte Gestalt hatte etwas, das zwischen sakraler Würde und Logistik-Pragmatismus changierte. Wahrscheinlich Restaurierungsschutz. Trotzdem: Man steht davor, und der Kopf macht seltsame Dinge. Ich hab kurz an Kermit gedacht, der zu Hause auf der Heizung sitzt. Besser so.
Die Walhalla — Bayern spielt Griechenland
Ein paar Kilometer östlich von Regensburg, bei Donaustauf, thront die Walhalla auf einem Hügel über der Donau. Ludwig I. ließ hier zwischen 1830 und 1842 einen griechischen Tempel bauen — als Ruhmeshalle für bedeutende Deutschsprachige. Das klingt abstrus. Ist es auch. Und gleichzeitig: grandios.
Der Säulengang der Walhalla im Gegenlicht der tief stehenden Sonne — das war der letzte gute Moment des Tages. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch die dorischen Säulen und malte Lichtstreifen auf den Boden. Wind. Stille. Niemand sonst da. Ich bin langsam durch den Kolonnadengang gegangen und hab an nichts Bestimmtes gedacht. Das kommt selten vor.


Von unten wirkt die Walhalla wie eine Fotomontage. Ein griechischer Parthenon, exakt proportioniert, auf einem bayerischen Hügel über der Donau, unter einem Märzhimmel mit dramatischen Wolken. Zwei Spaziergänger winzig am Wegrand. Das Gebäude zieht die Blicke auf sich wie ein Magnet. Ludwig I. hatte zweifellos einen Hang zur Überdramatisierung — aber als Schlusspunkt eines langen Reisetages taugt die Walhalla unbedingt. Ich bin die Stufen rauf, hab kurz reingeschaut, bin die Stufen runter, bin ins Auto gestiegen. München. Heim. Fertig.
Vier Städte, ein Tag, kein Kermit. Manchmal reicht man sich selbst als Reisebegleitung — solange die Städte gut genug sind. Ulm, Rothenburg, Regensburg und die Walhalla haben ihren Teil dazu beigetragen.




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