Brüssel & Brügge: 3 Tage, 2 Städte, 1 E-Scooter-Debakel

Brügger Kanal mit mittelalterlichen Backsteinhäusern und Türmchen unter blauem Himmel

September 2021. Zwei Jahre Pandemie-Pause, und dann: Belgien. Ein Freund in Brüssel, ein spontaner Ausflug nach Brügge, und Kermit im Gepäck — wie immer. Das war kein großer Abenteuertrip, kein Fernreiseprogramm. Drei Tage, zwei Städte, eine Menge Ziegelstein und Kanal. Und zum ersten Mal in meinem Leben auf einem E-Scooter über Kopfsteinpflaster. Aber der Reihe nach.


Tag 1 — München nach Brüssel

Kurz nach halb vier Nachmittag, Flughafen München. Kermit sitzt auf dem Vaude-Rucksack und schaut aufs Vorfeld. Die Maschinen stehen in der Sonne, ein O2-Werbebanner zieht sich quer übers Terminal. Irgendwo hier draußen wartet der Flieger nach Brüssel. Kermit wirkt entspannt. Er fliegt ja immer als Handgepäck.

Der Flug nach Brüssel ist kurz genug, um nicht einschlafen zu können, und lang genug, um es zu versuchen. Am Brussels Airport angekommen, mein Freund holt mich ab. Check-in im Novotel Brussels City Centre, Rucksack ablegen, kurz durchatmen.

Abends dann ein erstes Aufwärmprogramm: Essen beim Rêve d’Asie, asiatisch, solide. Danach noch ein Bier im Café Charbon. Erster Abend, Brüssel fühlt sich an wie eine Stadt, die man eigentlich kennen müsste, aber irgendwie nie richtig kennengelernt hat.

Grand Place, erster Abend — der Platz braucht keine Filter.

Auf dem Weg zurück ins Hotel noch ein kurzer Schwenk über den Grand Place. Der Rathausturm leuchtet, die Gilden-Fassaden ringsum glänzen golden im Flutlicht, und um diese Uhrzeit hält sich der Touristenstrom noch in Grenzen. Gut so. Man kann einen Platz selten wirklich sehen, wenn man ihn durch hundert Selfie-Sticks hindurch betrachten muss.


Tag 2 — Brüssel und weiter nach Brügge

Morgens — Atomium und Innenstadt

Das Atomium liegt nicht wirklich im Zentrum. Um kurz nach neun Uhr morgens stehe ich trotzdem davor — Dank eines Lime-E-Scooters. Das erste Mal in meinem Leben auf so einem Ding. Auf Brüsseler Kopfsteinpflaster. Das Gerät rüttelt so stark, dass ich kurzfristig bezweifle, ob meine Zähne danach noch am richtigen Platz sitzen. Aber es funktioniert: irgendwie von A nach B, zwischendurch anhalten, Foto machen, weiterfahren.

Das Atomium selbst ist eines dieser Gebäude, bei denen man genau weiß, wie sie aussehen — und trotzdem kurz stutzt, wenn man plötzlich davor steht. Neun Stahlkugeln, 1958 für die Weltausstellung gebaut, 102 Meter hoch. Kermit setzt sich auf die Mauer davor und schaut nach oben. Bewundernde Miene, obwohl er kein Gesicht hat, das Bewunderung ausdrücken kann. Ich interpretiere es einfach so.

🏛️ Atomium
Square de l’Atomium · Brüssel
🌐 atomium.be
📍Google Maps

Morgens um neun ist hier noch überschaubar viel los. Die Wege rund um das Gelände sind fast leer, die Luft ist grau und bedeckt. Perfekte Bedingungen, um in Ruhe herumzulaufen ohne ständig um andere Besucher herumzufotografieren.

Zurück in die Innenstadt — wieder per Scooter, wieder mit Zähne zusammenbeißen. Dann zu Fuß weiter durch das Zentrum.

Der Manneken Pis trägt an diesem Tag ein Kostüm — irgendeine bunte Verkleidung mit Maske, ich konnte es von dort, wo ich stand, nicht genau erkennen. Das Kurioseste an dieser kleinen Bronzefigur ist nicht die Figur selbst, sondern die Traube von Menschen, die sich davor versammelt und intensiv fotografiert, was man bei einem 61 Zentimeter kleinen pinkelnden Knaben eigentlich eher nicht erwarten würde. Die Figur hängt in einer barocken Nische, die Umgebung ist begrünt, und irgendwie wirkt das alles gleichzeitig zu viel und zu wenig.

Der Grand Place am Mittag ist eine andere Veranstaltung als der Grand Place am Vorabend. Blauer Himmel jetzt, pralle Sonne, volle Touristendichte. Das Rathaus mit seinem 96 Meter hohen Turm sieht aus wie frisch restauriert — die Fassade ist so detailverliebt, dass man sich fragt, wie viele Steinmetze daran gearbeitet haben und wie viele davon noch lebend fertig wurden. Die Zünftehäuser auf der gegenüberliegenden Seite glänzen goldverziert, Flaggen wehen, irgendwo spielt Musik. Es ist laut und schön und anstrengend auf einmal.


Nachmittags — Mit dem Zug nach Brügge

Vom Brussel-Centraal geht es mit dem Zug nach Brügge. Etwa eine Stunde Fahrt, flaches Land, belgische Vorstädte, Strommasten. Kermit sitzt am Fenster und schaut raus. Im Glas spiegelt er sich selbst — zwei Kermits, einer real, einer virtuell. Er wirkt nicht beeindruckt von sich selbst. Das spricht für seinen Charakter.

In Brügge Bahnhof ankommen, Gepäck ins Hotel Aragon, und dann direkt los.

Der Minnewater-See liegt am südlichen Rand der Altstadt. Ein breiter Wasserspiegel, an den Ufern Weiden und Büsche, am gegenüberliegenden Ufer das rote Backsteinschlösschen — das Château Minnewater. Es gibt hier Blumen in Rosa und Rot direkt am Geländer, und das Gesamtbild ist so arrangiert, als hätte es jemand absichtlich so hingestellt. Hat es natürlich nicht. Brügge macht das einfach so, aus Gewohnheit.

☕ De Zevende Hemel
Brügge, Belgien
📍Google Maps

Dann: Waffel. Das musste sein. Im De Zevende Hemel — ‚Der siebte Himmel‘ — bestelle ich eine belgische Waffel mit Schlagsahne und Karamellsauce. Dazu einen Espresso und eine heiße Schokolade aus einem großen gelben Kemelbecher. Der Tisch ist klein und aus hellem Holz, das Licht warm, die Tassen vollkommen unpretentiös. Die Waffel ist warm, die Karamellsauce zieht Fäden, die Sahne kippt leicht zur Seite. Kein Kaffee-Ritual im eigentlichen Sinne — eher eine gastronomische Pflichterfüllung. Belgien. Waffel. Punkt.

Gut gestärkt weiter durch die Stadt. Das Sint-Janshospitaal liegt ruhig in der Nachmittagssonne. Ein Innenhof aus altem Backstein, eine Bronzestatue im Zentrum, dahinter die hohe Spitze der Liebfrauenkirche, die sich spitz in den blauen Himmel bohrt. Das Hospital ist eines der ältesten erhaltenen Krankenhäuser Europas — und sieht tatsächlich so aus, als hätte man es einfach stehen lassen, während die Jahrhunderte vorbeizogen.

Weiter an die Kanäle. Brügge hat über 80 Kilometer Wasserläufe — das merkt man, weil man ständig über irgendeine Brücke läuft. Alte Backsteingebäude stehen direkt am Wasser, die Fassaden mit kleinen Türmchen und roten Zierdetails. Das Wasser ist dunkel und ruhig, darüber der Nachmittagshimmel in einem hellen Blau. Es ist still genug, um die eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster zu hören — zumindest zwischen den Ausflugsbooten.

Der Markt mit dem Belfort. Der Glockenturm ist 83 Meter hoch, aus dem 13. Jahrhundert, und hat oben rechts gerade einen Baukran als modernes Accessoire. Kann man nicht ändern. Der Turm selbst ist aus dem dunklen Brügger Backstein, breit unten, schlank oben, mit Uhren auf allen Seiten. Auf dem Markt drumherum stehen Tische, Sonnenschirme, Touristen. Aber der Turm steht einfach da und lässt das alles geschehen.

Den Abend verbringen wir im Bistro Zwart Huis — flämische Küche, gutes Bier, angenehm. Man sitzt, man isst, man redet. Brügge schläft früh. Das passt mir eigentlich ganz gut.


Tag 3 — Morgen in Brügge, Rückflug nach München

Kurz nach sechs Uhr morgens. Brügge gehört mir. Der Kanal liegt still im Gegenlicht der aufgehenden Sonne, die Liebfrauenkirche spiegelt sich schemenhaft im Wasser, ein einzelnes Ausflugsboot dreht noch eine frühe Runde. Sonst: niemand. Genau so mag ich das. Die Stadt, bevor die Stadt aufwacht. Ein paar Schritte auf dem Pflaster, der Turm im Dunst, die Sonne noch tief — das ist Brügge ohne Beiwerk.

Dann zurück zum Bahnhof Brügge, Zug nach Brüssel, weiter zum Brussels Airport. Check-in, Security, warten.

Am Gate sitzen wir dann also: Kermit auf dem Rucksack, ich mit FFP2-Maske und Sonnenbrille. September 2021, das war noch so eine Zeit. Maske tragen, Abstand halten, trotzdem reisen — weil man irgendwann einfach wieder musste. Kermit wirkt entspannt. Er braucht keine Maske. Das ist sein einziger Vorteil bei Flugreisen, neben dem Umstand, dass er kein Handgepäck-Limit hat, solange er im Rucksack sitzt.

Kurz danach: Flughafen München. Rollkoffer auf dem Band, Kermit zurück in der Außentasche. Drei Tage, zwei Städte, ein E-Scooter-Abenteuer auf Pflasterstein, eine Waffel mit Karamell und ein Brügger Sonnenaufgang. Das reicht.


Brügge funktioniert auch ohne Hochglanzfilter. Man muss nur um sechs aufstehen.


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