Bahnhof Olympiastadion München – Urbex im Schnee

Verlassener Bahnhof Olympiastadion München im Schnee, Betonbau mit Graffiti

Januar 2013. München liegt unter einer ordentlichen Schicht Schnee, der Himmel hängt grau und tief wie eine nasse Wolldecke. Kermit war damals noch nicht dabei — er kam erst später zu mir. Aber ich war es, bewaffnet mit Kamera und einer gesunden Portion Neugier auf urbane Relikte. Und was für eines wartet im Münchner Norden: der ehemalige Bahnhof Olympiastadion. Kein Tagesausflug ins Grüne, kein Almkäse, keine Aussicht. Stattdessen: verlassene Gleise, Beton, Graffiti und eine Stille, die sich anfühlt wie eine verpasste S-Bahn — nur dauerhafter.

Anreise? Mit der U3 bis Olympiazentrum, dann zu Fuß. Einfacher geht’s kaum. Schwieriger wird’s mit dem Gefühl, das einen beim Anblick des verlassenen Geländes überkommt.


13:00 Uhr — Ankunft am Ende der Linie (die seit 1972 niemand mehr gefahren ist)

Der erste Blick von oben. Man steht auf einer Brücke, schaut hinunter auf das Gleisbett — und da liegt die Zeit einfach still. Zwei Gleise, schneebedeckt, flankiert von verwitterten Masten. Dazwischen: braunes Gestrüpp, das sich tapfer durch den Schnee kämpft. Rechts die Autobahn, links Plattenbauten. Irgendwo da drüben das Olympiastadion, das von dieser Seite aussieht wie ein ganz normaler grauer Januartag.

Die Gleise führen schnurgerade ins Nirgendwo — oder genauer gesagt: in eine Zeit, als München für die Olympischen Spiele 1972 eigens eine Bahnverbindung zum Stadion baute. Danach brauchte sie niemand mehr so richtig. Der Rest ist Gestrüpp und Graffiti.

🚂 Ehemaliger Bahnhof Olympiastadion
Nähe Olympiapark · 80809 München
📍Google Maps

Der Bahnhof Olympiastadion wurde 1972 für die Olympischen Spiele in München gebaut — als direkter Zubringer zum Gelände. Nach den Spielen versank er langsam im Dornröschenschlaf. Kein feierlicher letzter Zug, kein Abschiedsritual. Einfach: irgendwann kam kein Zug mehr. Das Gleis blieb, der Beton blieb, die Zeit blieb stehen.


13:55 Uhr — Der Bahnhof: Beton, Graffiti und gruselige Stille

Das Empfangsgebäude. Oder das, was davon übrig ist. Eine flache Betonplatte auf kurzen Stützen, darunter der ehemalige Fahrkartenschalter — das Schild „Fahrkarten“ hängt noch, als hätte jemand vergessen, es abzunehmen. Runde Kugellampen stehen herum wie geduldige Wachposten im Schnee. Alles wirkt seltsam vollständig und gleichzeitig absolut verlassen.

Kein Mensch weit und breit. Nur ich, meine Kamera und das leise Knirschen von Schnee unter den Schuhen. Es war schon etwas gruselig dort — das sage ich ganz ehrlich. Nicht „Horrorfilm-gruselig“, eher „Zeitkapsel-gruselig“. Als würden die Geister von 1972er Olympia-Besuchern gleich die Treppe herunterkommen und nach dem nächsten Zug fragen.

Die Betontreppe hinunter zum Bahnsteig ist ein kleines Kunstwerk der Zerstörung. Der Handlauf fehlt. Der Beton bröckelt dezent. Und was die Natur nicht übernommen hat, hat die Graffiti-Szene Münchens kompensiert. Die Wände leuchten in knalligem Blau, Rot, Gelb — ein bunter Kontrast zum tristen Grau des Januartags. Oben auf dem Bahnsteig: ein einsamer Einkaufswagen, der sich offensichtlich verlaufen hat.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Einkaufswagen hier hergehört oder ob er auch einfach den letzten Zug verpasst hat.


14:00 Uhr — Auf den Gleisen: Graffiti-Galerie und Baustellenblick

Unter der Brücke wird’s noch atmosphärischer. Hier haben die Sprayer ganze Arbeit geleistet: meterlange Tags und Pieces in allen Farben, die ein Münchner Januar normalerweise nicht hergibt. Rechts das Gleis, links die bunte Wand, oben Beton, draußen Schnee. Jemand anderes war auch noch da — eine Gestalt in der Ferne, die an den Wänden entlangschlich. Ob Fotograf oder frischer Künstler, ließ sich nicht eindeutig klären.

Ich habe mich nicht vorgestellt. Schien irgendwie nicht der richtige Moment für Small Talk auf verlassenen Bahngleisen.

Und dann: der Blick zurück durch den Bahnhof. Die Gleise laufen auf einen dunklen Tunnel zu, dahinter taucht München wieder auf — und oben rechts: ein ganzer Wald aus Baukränen. Die Stadt wächst, direkt neben dem stillgelegten Relikt. Das ist München in einem Bild: hier gammelt ein Bahnhof von 1972 vor sich hin, dort entstehen die nächsten Neubauviertel. Irgendwie treffend.


14:16 Uhr — Das Ende der Strecke

Das letzte Bild des Tages. Blick entlang der Gleise Richtung Tunneleinfahrt. Schnee auf dem Bahnsteig, Schnee zwischen den Schwellen, Schnee auf den vertrockneten Büschen. Alles weiß, alles still. In der Ferne das Dach des Bahnhofs als dunkle Silhouette, dahinter — die Kräne. Der Kontrast zwischen gefrorenem Gestern und betoniertem Morgen könnte kaum größer sein.

Ich stand da, habe das Foto gemacht und gedacht: Das hier gehört festgehalten. Nicht weil es schön ist — sondern weil es bald nicht mehr so aussehen wird. München lässt nichts stehen, was man auch zubetonieren könnte.


Fazit: Gruselig war’s — aber auf die gute Art

Kermit fehlte an diesem Tag. Ich war allein, der Januar war grau, und der Olympia-Bahnhof war so verlassen wie eine Münchner Innenstadt-Parkgarage an einem Sonntag um 6 Uhr morgens — aber mit mehr Charakter. Das hier ist kein klassisches Ausflugsziel. Keine Einkehr, kein warmer Kaffee, kein freundlicher Wirt. Nur Beton, Schnee, Graffiti und die leise Frage, was eigentlich aus einem Ort wird, der einmal für die ganze Welt gebaut wurde.

Wer Urban Exploration mag — oder einfach mal ein München jenseits von Marienplatz und Englischem Garten sehen will — dem sei dieser kleine Abstecher empfohlen. Tagsüber, bitte. Und vielleicht nicht ganz allein.

„Manchmal erzählt ein verlassener Bahnhof mehr über eine Stadt als jedes Museum. München hat 1972 die Welt empfangen — und dann einfach den Bahnhof stehen lassen. Das sagt irgendwie alles.“


📍 Ehemaliger Bahnhof Olympiastadion, München · 🚇 Anreise: U3 bis Olympiazentrum, dann zu Fuß · ⏱ ca. 0:20 h · 🎯 Highlights: verlassene Gleisanlage, Brutalist-Beton, Graffiti-Galerie, urbane Zeitkapsel von 1972


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