Ägypten 2017: Vom Nichtstun direkt zu den Pyramiden

Mann mit Sonnenbrille vor einer Pyramide in Gizeh, Ägypten

September 2017. Ich sitze in Sofia, arbeite zu viel, schlafe zu wenig — und irgendwann reicht es. Ein Knopf wird gedrückt, ein Flug gebucht, ein Koffer gepackt. Plan: Ägypten. Scharm El-Scheich. Pool. Nichts tun. Das war die gesamte Agenda. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Stadtführungen, kein ambitioniertes Kulturprogramm. Einfach abschalten. Dass es dann doch anders kam — mit Kairo, dem Khan el-Khalili, dem Ägyptischen Museum und den Pyramiden von Gizeh — nun ja, das ist eine andere Geschichte. Aber der Reihe nach.


Tag 1 — Donnerstag, 14. September 2017: Von Sofia in die Welt

Der Start war bereits eine kleine Odyssee. Von Sofia International Airport aus ging es zunächst nach München — nicht etwa weil das der direkteste Weg wäre, sondern weil Flugpläne ihre eigene Logik haben. Am Flughafen München dann warten, Kaffee trinken, wieder warten. Um 15:55 Uhr hob die MS 788 Richtung Kairo ab — Ankunft Cairo International Airport gegen 19:35 Uhr Ortszeit. Dort wieder warten. Scharm El-Scheich geht erst um 22:30 Uhr weiter, MS 469, Ankunft 23:30 Uhr.

Ich hatte im Flieger etwas geschlafen, mehr nicht. Das war auch schon das Aufregendste des Tages. Manchmal ist Reisen einfach Sitzen und Warten — nur an wechselnden Orten.

🚂 Cairo International Airport
Cairo, Ägypten
📍Google Maps

Der Kairoer Flughafen um 20 Uhr: laut, heiß, belebt. Mein erster Kontakt mit Ägypten war ein Transitbereich. Nicht glamourös. Aber irgendwie passend — Kairo lässt einen gar nicht anders, als sofort mittendrin zu sein, selbst wenn man nur durchreist.


Ankommen in Scharm El-Scheich

Nach der langen Reise vom Vortag und einer Nacht, die man großzügig als „kurz“ bezeichnen darf, war die Ankunft im Renaissance Sharm El Sheikh Golden View Beach Resort schlicht: perfekt. Helles Zimmer, sauberes Bett, Balkon. Mehr brauchte ich nicht.

Der erste echte Blick auf das Rote Meer — und ich muss zugeben, ich stand da wie angewurzelt. Das Wasser hat diese unverschämt tiefe Blaufarbe, die man von Fotos kennt und die man trotzdem nicht glaubt, bis man sie selbst sieht. Palmen, Strohdach-Sonnenschirme, feiner Sand. Ich hatte mir vorgenommen, hier einfach gar nichts zu tun. Das Rote Meer schien damit einverstanden zu sein.

Das Zimmer selbst: geräumig, mit schweren Vorhängen in Cremeweiß und Goldgelb, die man entweder als „klassisch-orientalisch“ oder als „entschlossen aus den Neunzigern“ beschreiben könnte — ich entschied mich für ersteres. Zwei Betten, Balkon, Meerblick. Und auf dem Bett: zwei kleine Handtuchfiguren, zusammengebunden wie ein Blumenstrauß. Das Housekeeping hatte offensichtlich gute Laune. Ich auch.

🏨 Renaissance Sharm El Sheikh Golden View Beach Resort
Scharm El-Scheich, Ägypten
📍Google Maps

All Inclusive, Meerblick, Doppelzimmer Deluxe — 1.207 Euro für zehn Tage. Nicht geschenkt, aber gemessen an dem, was man bekommt, absolut in Ordnung. Das Hotel ist großzügig angelegt, der Service freundlich und das Frühstücksbuffet der einzige Ort, an dem ich mir wirklich Mühe gab.


Wer früh aufsteht…

Ich bin normalerweise kein Frühaufsteher. Im Urlaub schon gar nicht. Aber irgendetwas hat mich an diesem Morgen aus dem Bett gezogen — vielleicht war es die Wärme, vielleicht der leichte Seewind durch den Balkon, vielleicht auch einfach Hunger. Egal. Ich stand auf dem Weg zum Strand, schaute aufs Meer — und dann passierte das hier.

Der Sonnenaufgang über dem Roten Meer. Die Bougainvillea leuchtete in tiefem Pink, die Palme warf ihren Schatten ins noch kühle Morgenlicht, und am Horizont verschwammen Saudi-Arabien und der jordanische Küstenstreifen in einem einzigen orangefarbenen Glühen. Ich stand da und dachte: dafür hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Dann bin ich zurück ins Bett gegangen.


Pool und nichts tun — gesagt, getan

Manchmal ist der beste Reisetag derjenige, an dem gar nichts passiert. Der Pool des Renaissance Resorts ist riesig, das Wasser kristallklar, die Liegestühle strategisch günstig unter den Strohdach-Sonnenschirmen platziert. Der Himmel: makellos blau. Die Temperatur: definitiv zweistellig im oberen Bereich.

Ich habe diesen Tag konsequent damit verbracht, nichts zu tun. Ins Wasser gleiten, rausgehen, Liegestuhl. Nochmal. Ein Kellner brachte irgendwann etwas zu trinken. Irgendwo rauschten die Palmen. Das war der Plan — und ich habe ihn mit bemerkenswerter Disziplin durchgezogen.


Kairo — ein Tag, der bleibt

Dieser Tag war ursprünglich nicht so geplant. Irgendwann in den ersten Tagen hatte ich mich für einen Tagesausflug nach Kairo entschieden — eine spontane Buchung, halb aus Neugier, halb weil man ja schließlich schon in Ägypten ist. Was dann folgte, war der intensivste und gleichzeitig aufwühlendste Tag der gesamten Reise. Und mein erster Tag außerhalb Europas überhaupt.

Morgens: Khan el-Khalili

Früher Flug vom Flughafen Scharm El-Scheich nach Kairo. Dann direkt in die Altstadt — erste Station: Khan el-Khalili, der große Basar im islamischen Herzen Kairos.

Ich bin durch ein Tor gegangen und war sofort woanders. Nicht nur räumlich — auch zeitlich. Der Khan el-Khalili existiert in dieser Form seit dem 14. Jahrhundert, und das spürt man. Die Gassen sind eng, die Gewölbe hoch, die Luft schwer von Räucherwerk, Gewürzen und Abgasen. Händler rufen, Touristen fotografieren, Einheimische eilen vorbei als wäre das hier ihr ganz normaler Weg zur Arbeit — was es natürlich ist.

Das Tor auf meinem Foto ist eines der historischen Mamlukengore, verziert mit islamischen Ornamenten und geometrischen Mustern, die man stundenlang betrachten könnte. Ich stand davor und dachte: Das ist nicht für Touristen gebaut worden. Das war einfach schon immer hier.

🏛️ Khan el-Khalili
Al-Jamaleya, Kairo, Ägypten
📍Google Maps

Einer der ältesten Basare der arabischen Welt — gegründet im 14. Jahrhundert, seitdem ununterbrochen in Betrieb. Gewürze, Teppiche, Silberwaren, Wasserpfeifen, Touristenkitsch und echte Handwerkskunst existieren hier friedlich nebeneinander. Man sollte Zeit mitbringen. Und Geduld beim Handeln.

Vormittags: Das Ägyptische Museum

Das Ägyptische Museum am Tahrir-Platz ist ein rosafarbener neoklassizistischer Bau aus dem Jahr 1902 — und er sieht aus wie ein respektabler Onkel aus einer anderen Zeit: etwas angestaubt, aber von unbestreitbarer Würde. Die Palmen davor stehen schief, das Licht flimmert in der Hitze. Ich musste kurz innehalten, bevor ich reinging.

Auf dem Weg dorthin hatte mich Kairo bereits ordentlich beschäftigt. Im Reisebus: neben uns eine Pferdekutsche. Mitten im Stadtverkehr. Der Fahrer saß seelenruhig auf seinem Wagen, beladen mit frischem Grünfutter, und ließ sich von den hupenden Autos um ihn herum nicht im Geringsten beeindrucken. Kairo eben — hier existiert alles gleichzeitig.

Und dann die Straßen selbst: unter einer Hochstraße, im Schatten der Betonpfeiler, ein pulsierendes Gewimmel aus Menschen, Händlern, Autos, Fahrrädern. Frauen mit Kopftuch, Männer in Galabeya, Jugendliche mit Smartphones. Lärm ohne Pause. Gerüche, die man nicht benennen kann, aber nicht vergisst. Das war der erste Moment, in dem ich wirklich verstand: Ich bin zum ersten Mal außerhalb Europas. Das hier ist eine andere Welt.

Was mich im Museum dann am stärksten traf, waren die Kolossalstatuen von Amenhotep III. im zentralen Innenhof. Zwei sitzende Figuren, jede mehrere Meter hoch, aus beigem Kalkstein gehauen — Jahrtausende alt und trotzdem von einer Präsenz, die einen einfach stehen lässt. Ringsum Schulklassen mit gelben Helmen, Reisegruppen mit Audioguides, einzelne Besucher mit Staunen im Gesicht. Ich gehörte zur letzten Kategorie.

Das Museum selbst ist ein eigenes Erlebnis: überwältigend voll, chronologisch nicht ganz konsequent, Klimaanlage eher optional — aber die schiere Menge und Qualität der Exponate macht das mehr als wett. Tutanchamuns Goldmaske. Mumien. Schmuck aus dem Alten Reich. Man kommt rein und denkt, man braucht eine Stunde. Man kommt nach drei Stunden raus und hat die Hälfte nicht gesehen.

🏛️ The Egyptian Museum in Cairo
Tahrir Square, Kairo, Ägypten
📍Google Maps

Das älteste und bedeutendste ägyptologische Museum der Welt. Über 120.000 Exponate, darunter der komplette Grabschatz des Tutanchamun. Pflichtprogramm — aber man sollte sich Zeit lassen und gute Schuhe anziehen. Die Klimaanlage ist ein Gerücht.

Die Kolossalstatuen von Amenhotep III. — flankiert von weiteren Figuren, aufgestellt auf Podesten im lichtdurchfluteten Innenhof des Museums. Ich habe ein Foto von oben gemacht, von der Galerie im ersten Stock. Unten stehen Schulkinder mit gelben Helmen und schauen hinauf. Die Statuen schauen ins Nichts. Sie haben das schon vor 3.000 Jahren so gemacht und werden es noch lange tun.

Nachmittags/Abends: Gizeh — die Pyramiden

Ich weiß nicht, wie man sich auf die Pyramiden vorbereiten soll. Man kann nicht. Man hat sie hundertmal in Büchern gesehen, in Filmen, auf Postkarten. Und dann steht man davor — und es ist trotzdem anders. Größer. Rauer. Echter. Die Sonne brennt senkrecht von oben, der Sand reflektiert die Hitze von unten, und irgendwo versucht jemand, mir ein Kamel zu verkaufen.

Ich stand vor der Pyramide des Mykerinos — der kleinsten der drei großen, was relativ ist, denn sie ist immer noch 65 Meter hoch — und habe versucht, das irgendwie zu verarbeiten. Das hier haben Menschen ohne Maschinen gebaut. Vor 4.500 Jahren. Mit Kupferwerkzeug und Menschenkraft. Ich konnte meinen Laptop in Sofia manchmal nicht dazu bringen, eine Excel-Datei zu öffnen.

🏛️ Giza Necropolis
Al Haram, Gizeh, Ägypten
📍Google Maps

Die Pyramiden von Gizeh — Cheops, Chephren, Mykerinos — samt Sphinx und Totentempeln. Eines der sieben Weltwunder der Antike, und das einzige, das noch steht. Sonnenscreme einpacken. Viel Wasser trinken. Kamelangebote höflich ablehnen.

Kairo hatte mich an diesem Tag tief beeindruckt — aber auch erschüttert. Die Bilder, die ich von den Straßen mitgenommen habe, die ärmlichen Verhältnisse, der Schmutz, die Ungleichheit — das lässt sich nicht einfach wegbloggen. Ich war lange still auf dem Rückflug nach Scharm El-Scheich. Manche Reisen zeigen einem die Welt, wie sie ist. Das war so ein Moment.


Der perfekte Abend

Füße hoch. Pool leuchtet türkis. Palmen im Abendwind. Das war alles.

Einer der letzten Abende im Resort — und einer der schönsten. Der Pool hatte sich nach Sonnenuntergang in etwas Unwirkliches verwandelt: das Wasser leuchtete von innen heraus, tiefes Blaugrün gegen den dunkel werdenden Himmel, die Strohdach-Schirme warfen weiche Schatten, irgendwo spielte leise Musik. Ich lag auf der Liege, Beine ausgestreckt in Richtung Pool, und dachte an gar nichts. Das hatte ich mir vorgenommen. Das hatte ich auch gekriegt.


Zurück nach Hause

Um 7:00 Uhr morgens ging es vom Flughafen Scharm El-Scheich zurück nach Kairo, dann weiter nach München — Ankunft 14:55 Uhr. Von dort zurück zum Flughafen Sofia und zurück in den Alltag. Zurück zur Arbeit, die zu viel war.

Hatte die Pause geholfen? Ja. Definitiv. Zehn Tage Rotes Meer, ein überwältigender Tag in Kairo, Sonnenaufgänge über dem Wasser, Pool und nichts tun — das ist eine gute Formel. Ich hatte zum ersten Mal Europa verlassen, und die Welt war plötzlich größer und komplizierter und schöner und erschreckender als zuvor. Das ist wohl der Punkt.


Ich bin nach Ägypten geflogen, um nichts zu tun. Ich habe Pyramiden gesehen, die 4.500 Jahre alt sind, einen Basar aus dem 14. Jahrhundert durchquert und auf dem Rückweg im Flieger lange aus dem Fenster geschaut. Manchmal braucht man eine Pause — und manchmal zeigt einem die Pause, was man eigentlich verpasst hat.


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