Spitzingsee im Mai: Wasserfälle, Wildbach & ein Frosch mit Immoplänen

Spitzingsee mit Bergpanorama und blauem Himmel im Frühling

Anfang Mai, strahlend blauer Himmel, keine Wolke in Sicht — und ich stehe um halb neun am Münchner Hauptbahnhof mit dem S-Bahn-Ticket in der Hand. Kermit steckt schon im Rucksack, lugt grün über den Reißverschluss. Ziel: der Spitzingsee, eines dieser Postkartenmotive, die man aus München in unter zwei Stunden erreicht und die einen trotzdem jedes Mal wieder überraschen. Mit der S3 bis Schliersee, dann Bus — und schon steht man mitten in der Voralpenwelt. Der Plan: eine Runde über den Spitzingsattel, rein in den Jägersteig, raus an den Josefsthaler Wasserfällen. Klingt entspannt. Ist es nicht ganz.


Aufstieg zum Spitzingsattel

Los geht es von Fischhausen-Neuhaus. Die ersten Meter führen gemächlich durch Wald und über breite Forstwege bergauf. Gut so — die Beine brauchen noch ein bisschen, um zu verstehen, was heute von ihnen verlangt wird. Etwa 600 Höhenmeter liegen insgesamt vor mir, verteilt auf rund 15 Kilometer Runde. Das klingt nach gar nichts. Kermit guckt skeptisch aus dem Rucksack.

Dann öffnet sich der Wald und gibt den Blick frei: Weit unten liegt Fischhausen-Neuhaus eingebettet ins grüne Tal, dahinter ragen die Bewaldeten Hänge des Brecherspitz-Massivs in den Himmel. Der Aufstieg zieht sich über offene Almwiesen, das Gras leuchtet in diesem typischen Frühlings-Grün, das im Sommer so nicht mehr existiert. Sonne brennt auf den Glatzkopf — SPF 50 war eine gute Entscheidung.

Auf dem Weg zum Spitzingsattel passiert man immer wieder diese wunderbaren offenen Almflächen, auf denen einzelne Kalkfindlinge im frischen Gras liegen — als hätte hier jemand beim Aufräumen aufgehört. Der Blick nach Süden öffnet sich zunehmend: Hinter dem Sattel ahnt man bereits die markante Felsflanke des Roßkopfs, seine grauen Kalkplatten glänzen in der Maisonne.

Kermit hält die Stellung im Rucksack und lässt mich arbeiten. Fair enough.

Jägersteig und der Wildbach

Vom Spitzingsattel geht es hinein in den Jägersteig — und damit in eine völlig andere Welt. Der Weg schmiegt sich eng an den Hang, führt durch alten Bergmischwald, und plötzlich hört man ihn schon, bevor man ihn sieht: einen Wildbach, der sich über moosbewachsene Felsen und Wurzeln seinen Weg talwärts bahnt.

Das Wasser ist kristallklar, eiskalt und macht einen Heidenärm. Gefallene Bäume, bemoost bis zur Unkenntlichkeit, liegen quer über dem Bachlauf. Ein Bild, das aussieht, als hätte es jemand extra für einen Kalender arrangiert — hat er aber nicht. So ist das hier einfach.

Kurz bevor man aus dem Wald tritt, öffnet sich noch einmal die Sicht auf die markante Felswand — ich tippe auf den Roßkopf, der hier aus nächster Nähe richtig wuchtig wirkt. Grau-heller Kalkstein, steil abfallende Schuttrinnen, dazwischen Latschen und einzelne Tannen, die sich dort oben irgendwie festhalten. Der Weg darunter ist schmal und sandig, ein paar andere Wanderer sind weit hinten zu sehen. Der Kondylenabstand zwischen mir und denen wird nicht kleiner.

Ankunft am Spitzingsee

Dann liegt er vor einem. Der Spitzingsee. Auf knapp 1.100 Metern, eingerahmt von bewaldeten Berghängen, im Hintergrund noch Schneereste auf den höheren Gipfeln. Das Wasser ist blaugrün, fast türkis in der Nachmittagssonne. Der See ist einer dieser Orte, an denen man kurz innehält und nichts sagt — was bei mir relativ selten vorkommt.

Am Ufer wimmelt es im Schilf. Und damit meine ich nicht Menschen. Frösche. Überall Frösche. Ich gehe in die Hocke, halte das Handy fast ins Wasser — und da sitzt einer und schaut mich an, als hätte er schon auf mich gewartet.

Kermit hat das natürlich alles aus dem Rucksack mitverfolgt. Als ich ihn ans Ufer setze, wirkt er kurz wie jemand, der seinen Urlaub gebucht hat und jetzt feststellt, dass er genau richtig liegt. Er sitzt auf einem Baumstamm, schaut rüber zum gegenüberliegenden Ufer mit den Häusern und den schneebedeckten Gipfeln dahinter — und ich glaube, er denkt ernsthaft über einen Zweitwohnsitz nach.

Kermit und der Spitzingsee. Diese Kombination hat etwas. Ein grüner Plüschfrosch am Ufer eines Alpensees, umgeben von echten Fröschen — das ist entweder sehr poetisch oder leicht absurd. Wahrscheinlich beides.

Der Blick über den See geht nach Süden: Die bewaldeten Hänge des Stümpfling und des Taubenstein rahmen das Wasser ein, dazwischen lugen die Dächer der Seehäuser hervor, und ganz hinten, hinter der Baumgrenze, liegt noch Schnee. Der Himmel ist inzwischen von Kondensstreifen durchzogen — das Wetter hält, die Sonne auch.

Kurze Pause am Ufer, Riegel aus dem Rucksack, Socken ausziehen für zwei Minuten — die kleinen Freuden des Wanderlebens. Kermit hält inne. Ich auch. Der See macht das, was Alpenseen eben machen: Er sieht einfach immer gut aus, egal von welcher Seite.

Rückweg über die Wiesen nach Neuhaus

Der Rückweg führt weg vom See, wieder über offene Hänge und Almgelände. Der Roßkopf-Grat begleitet einen noch einmal aus der Ferne — diesmal mit einem Drama-Himmel aus Schleierwolken, die in alle Richtungen auseinanderlaufen. Sehr fotogen. Sehr unwillig, sich in ein einziges Bild zu zwingen.

Dann geht es hinunter ins Tal. Der Weg wird breiter, sanfter, und irgendwann tauchen die ersten satten grünen Wiesen auf — das Becken rund um Fischhausen-Neuhaus, mit dem Schliersee im Hintergrund, der zwischen den Häusern hervorblitzt. Mai in Oberbayern. Wer das nicht mag, dem ist nicht zu helfen.

Die letzten zwei Kilometer sind flach. Die Beine merken das mit einem leisen Seufzer der Erleichterung. Kermit guckt wieder aus dem Rucksack und scheint zufrieden. Wir sind nach etwa viereinhalb Stunden zurück am Ausgangspunkt — inklusive aller Frosch-Fotosessions und Kermit-Seeufer-Shootings.

Vom Zielort geht es mit dem Bus zurück nach Schliersee, von dort die S-Bahn nach München. Gegen Abend ist man wieder daheim. Ein perfekter Tagesausflug — ohne Übernachtungskoffer, ohne Stau, mit allem, was die Voralpen im Mai zu bieten haben.


Manchmal braucht man keine große Reise. Manchmal reicht die S-Bahn bis Schliersee, ein Rucksack, ein grüner Plüschfrosch — und die Voralpen tun den Rest.


📍 Fischhausen-Neuhaus · 🏁 Fischhausen-Neuhaus · 📏 15,0 km · ⬆️ 600 Hm · ⬇️ 600 Hm · ⏱ ca. 4:30 h

Die vollständige Tour gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen


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