Manchmal reicht ein einziger Blick aus der Gondel, um zu wissen: Heute wird ein guter Tag. Der Himmel über Garmisch-Partenkirchen war an diesem Augustmorgen so blau, dass er fast unwirklich wirkte. Kein Wölkchen, dafür schon früh Sonne satt — und die Gewissheit, dass es heiß werden würde. Sehr heiß. Mein Plan: Mit der Bahn von München nach Garmisch, dann mit der Bayerischen Zugspitzbahn bis zur Haltestelle „Kreuzeck-/Alpspitzbahn“, von dort hoch mit der Kreuzeckbahn, runter ins Höllental, durch die Klamm und zurück ins Tal. Klingt nach einem entspannten Sommertag. Spoiler: War es nicht. Aber der Reihe nach.
08:30 Uhr — Oben ankommen und erstmal staunen
Die Kreuzeckbahn schiebt einen in wenigen Minuten auf knapp 1.650 Meter. Draußen wartet sofort dieses Panorama — und das Wort „Panorama“ ist hier noch untertrieben. Nach Westen zieht sich der Blick über gestaffelte Bergketten, die im Dunst des frühen Morgens in Blautönen versinken. Ganz hinten, kaum zu erahnen, die Zacken der Zugspitze. Vor einem: der Weg. Schmal, steinig, mit dem ersten scharfen Rechtsknick direkt in die Steilheit hinein. Kermit saß schon im Rucksack und wartete auf seinen ersten Auftritt. Ich wartete auf meinen ersten Schweißausbruch. Beide Erwartungen wurden erfüllt.


Wer den Umweg zum Alpspix nimmt — dem kleinen Aussichtsbalkon direkt am Fels — wird belohnt. Tief unten liegt Garmisch-Partenkirchen wie hingestreut ins Werdenfelser Land, die Häuser wirken von hier oben wie Monopoly-Spielsteine. Weit dahinter öffnet sich das Tal Richtung Norden, und man kann sich kaum vorstellen, dass man dort in ein paar Stunden wieder stehen wird. 700 Höhenmeter Luft zwischen mir und dem Tal. Herrlich.
🌐 zugspitze.de

09:00 Uhr — Der Abstieg ins Höllental: Leitern, Geröll, Demut
Vorbei am Höllentorkopf geht es dann steil hinunter ins Tal. „Steil“ ist dabei ein freundliches Wort. Der Weg fällt auf den ersten Hundert Höhenmetern fast senkrecht ab — gesichert durch in den Fels gedübelte Tritte, die man in besseren Kreisen als „Leitern“ bezeichnet. In weniger besseren Kreisen sagt man einfach: „Bitte festhalten.“ Wer Knieschmerzen kennt, lernt sie hier schätzen. Rund 500 Höhenmeter Abstieg auf kaum zwei Kilometern — die Oberschenkel erinnern einem daran, dass man kein Bergziege ist.


Zwischendurch öffnet sich der Weg, und man blickt zurück durchs Tal: Garmisch liegt weit unten, gerahmt von bewaldeten Hängen und dem grauen Fels der Nordflanke. Links die schroffe Wand des Höllentorkopfs, rechts das Tal, das sich langsam in die Tiefe zieht. Ein Bild, das man so schnell nicht vergisst. Hat man den steilsten Abschnitt geschafft, wird der Weg tatsächlich etwas zahmer. Man atmet durch. Man trinkt. Man überlegt kurz, ob man eigentlich fit genug ist für das, was noch kommt.
11:15 Uhr — Das Steinfeld und die Höllentalangerhütte
Nach dem Abstieg öffnet sich das Tal zum weiten Steinfeld — einem trockenen Flussbett aus weißem Kalkgeröll, flankiert von gewaltigen Felswänden. Links und rechts türmen sich die Wände des Zugspitzmassivs auf, geradeaus schaut man tief ins Kar in Richtung Zugspitze. Kermit fand das Ambiente offenbar beeindruckend — er ließ sich auf einem der größten Brocken nieder und starrte nachdenklich in die Berge. Ich verstand ihn.


Pflichtpause natürlich. Man muss das Selfie machen. Die Gipfelwände des Zugspitzmassivs hinter mir, Kermit irgendwo im Rucksack, und das Bewusstsein: Ich bin gerade an einem der eindrucksvollsten Orte Bayerns unterwegs — und kaum jemand außer mir und ein paar anderen Wanderern ist hier. Bis hierher ist die Route nämlich tatsächlich ruhig. Die meisten Besucher kommen von unten durch die Klamm — dieser obere Weg bleibt den Ausdauernden vorbehalten.
🌐 hoellentalangerhuette.de

An der Höllentalangerhütte auf rund 1.387 Metern gönnte ich mir eine kurze Rast. Die Hütte liegt perfekt positioniert am Ende des offenen Tals, kurz bevor sich der Weg in die Klamm zwängt. Der Blick von der Terrasse zurück ins weite Steinfeld ist grandios — man sieht, wo man hergekommen ist, und ermisst die Dimensionen dieses Tals. Kermit hielt wie gewohnt die Kaffeetasse — ich kümmerte mich um den Kuchen. Arbeitsverteilung, die sich bewährt hat. Um uns herum: ein paar hartgesottene Bergsteiger mit schwerem Gepäck auf dem Weg zur Zugspitze, und die Erkenntnis, dass ich heute mit meiner kleinen Tagestour gut bedient bin.
11:50 Uhr — Die Höllentalklamm: eng, nass, spektakulär
Dann kommt die Klamm. Und mit ihr: das Rauschen. Schon von weitem hört man das Wasser, bevor man es sieht. Der Höllentalklamm-Bach hat sich über Jahrtausende durch den Fels gefressen — und was dabei herausgekommen ist, verdient wirklich Respekt. Türkisblaues, eiskaltes Wasser schäumt zwischen moosbedeckten Felsblöcken, der Weg führt auf schmalen gesicherten Pfaden direkt am Wasser entlang. An einem heißen Augusttag ist das Kühlsystem der Natur. Besser als jede Klimaanlage.


Das nasse Handtuch auf dem Kopf sagt mehr als tausend Worte. Die Sonne steht mittags hoch, aber hier in der Schlucht kommt kaum ein Strahl durch. Stattdessen: Gischt, feuchte Felsen, das konstante Donnern des Wassers. Man vergisst kurz, dass man Wanderschuhe trägt und keinen Neoprenanzug. Wäre ich ein Frosch, wäre ich vermutlich einfach reingehüpft. Kermit hätte das wahrscheinlich getan. Ich ließ es.
Kurz darauf: der erste Tunnel. Ein enger Durchschlupf durch den Fels, gerade breit genug für einen Menschen mit Rucksack — und nur dann, wenn man den Rucksack seitlich dreht. Drahtseile an der Wand, nasse Stufen, absolute Dunkelheit für ein paar Sekunden. Dann wieder Licht. Dann der nächste Engpass. Die Klamm macht ihrem Namen alle Ehre.


An den engsten Stellen liegt der Bach direkt neben dem Weg — manchmal scheint er auch direkt unter dem Weg. Die Felswände links und rechts sind kaum zwei Meter auseinander, oben ein schmaler Streifen blauer Himmel. Man schaut nach oben und fragt sich, wie lange das Wasser gebraucht hat, sich hier durchzuwühlen. Die Antwort lautet: sehr lange. Und es ist noch nicht fertig.
Der Blick senkrecht nach oben in der engsten Passage: zwei Felswände, die sich fast berühren, dazwischen ein Streifen blauen Himmels und der Klang des Wassers, der von allen Seiten gleichzeitig zu kommen scheint. Dann das Highlight: ein Wasserfall, der von oben in die Schlucht stürzt, während man auf einer Eisentreppe direkt darunter hindurchsteigt. Nass wird man dabei. Das ist Absicht. Das ist gut so.


Am Ausgang der Klamm zahlt man übrigens Eintritt — oder, je nach Richtung, Austritt. Ich fand das ehrlich gesagt amüsant. Man kämpft sich durch Tunnel, Wasserfälle und enge Felspassagen, und am Ende steht ein Kassenhäuschen. Garmisch-Partenkirchen weiß, wie man Tourismus macht. Zurecht, muss man sagen — die Klamm ist jeden Cent wert.
🌐 alpenwelt-karwendel.de
Wer von unten in die Klamm eintritt, zahlt am Eingang. Wer wie ich von oben kommt, zahlt am Ausgang — beides ist möglich, beides kostet ein paar Euro Eintritt. Lohnt sich. Unbedingt. Die Klamm ist zwischen Juni und Oktober geöffnet, je nach Wasserstand und Wetterlage. An sehr heißen Sommertagen sollte man früh dran sein — der schmale Weg mit Gegenverkehr kann zur Geduldsprobe werden.
14:00 Uhr — Zurück durch Hammersbach: flach, grün, verdient
Nach der Klamm folgt der entspannteste Teil des Tages. Von Hammersbach aus geht es auf einem asphaltierten Weg durch sattgrüne Wiesen zurück Richtung Ausgangspunkt. Rechts und links Heustadel, vor einem die Bergkulisse mit dem spitzen Gipfel des Waxensteins, der Himmel inzwischen mit ein paar weißen Wölkchen bestückt. Der Kontrast zur Klamm könnte nicht größer sein. Vorhin: nasse Felswände, rauschende Kaskaden, absolute Enge. Jetzt: Vogelgezwitscher, Kuhglocken in der Ferne, und ein Asphaltweg, der sich buchstäblich flach anfühlt. Die Beine sind dankbar.

Vom Parkplatz an der Kreuzeckbahn oder alternativ direkt zum Bahnhof Garmisch sind es noch ein paar Minuten zu Fuß. Die Bahn zurück nach München kommt zuverlässig, man sitzt, man trinkt, man schaut aus dem Fenster. Und irgendwo zwischen Garmisch und München fällt Kermit aus dem Rucksack auf den Sitz neben einem, schaut einen mit seinem unveränderlichen Froschausdruck an — und man weiß: War ein guter Tag.
Die Höllentalklamm ist kein Spaziergang — aber wer von oben kommt, hat sich das nasse Ende redlich verdient.
📍 Kreuzeckbahn Garmisch-Partenkirchen · 🏁 Hammersbach / Bahnhof Garmisch-Partenkirchen · 📏 ca. 14,0 km · ⬆️ 350 Hm · ⬇️ 1.100 Hm · ⏱ ca. 5:30 h
Die vollständige Tour gibt es hier: Tour auf Komoot ansehen




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