Der Zug rollt kurz nach neun aus München raus, die Wolken hängen noch ein bisschen tief, und Kermit sitzt auf dem Fensterbrett wie immer: Blick raus, Maul auf, vollkommen zufrieden. Mittenwald ist knapp anderthalb Stunden von München entfernt — Bahn, kein Auto, kein Stress. Der Plan für heute: Leutaschklamm, Geisterklamm, irgendwo dazwischen die Isar, und wenn sich eine Gelegenheit für Kaffee und etwas Essbares ergibt, dann nehmen wir die. Wetter: wechselhaft. Das bedeutet meistens: es könnte auch schlechter sein.
Kermit hat auf dieser Zugfahrt mehr aus dem Fenster geschaut als ich. Das Karwendel zieht vorbei, die Wiesen werden breiter, die Häuser kleiner. Irgendwann taucht der erste richtige Felsgipfel auf und man merkt, dass München hinter einem liegt. Er saß da, Flossen auf der Ablage, und wirkte bemerkenswert entspannt für jemanden ohne Schlafplatz im Rucksack.

Ankunft in Mittenwald und erster Empfang

In Mittenwald angekommen, etwa zehn Uhr. Der Bahnhof ist überschaubar, der Weg raus auch. Gleich am ersten Holzzaun saß diese Katze. Weiß, grau gefleckt, Zunge minimal raus, Blick: klar unbeeindruckt. Sie hat mich angeschaut wie jemand, der schon zu viele Wanderer mit Rucksack gesehen hat. Ich habe trotzdem kurz Halt gemacht. Kermit im Rucksack hat nichts gesagt, was diplomatisch war.
Durch die Almwiesen zur Leutaschklamm
Der Weg zur Leutasch-Klamm Wasserfallsteig führt zunächst durch breite Talwiesen. Anfang Juni, das Gras steht hoch, überall Butterblumen, Klee, vereinzelt rosa Blüten. Links ein alter Holzstadel, dahinter die Felskämme, die das Tal einrahmen — grauer Kalk, oben noch ein bisschen Schnee, davor dichter Nadelwald. Der Himmel macht gerade Pause zwischen zwei Wolkenschüben, das Licht ist weich. Zwei andere Wanderer mit roten Rucksäcken laufen einen Moment parallel durch das Bild, dann biegen sie ab. Ich bleibe kurz stehen.


Das Tal ist an dieser Stelle vielleicht 400 Meter breit, die Berge stehen auf beiden Seiten dicht. Geradeaus, am Ende des Tals, wo der Weg in den Wald und dann in den Fels läuft, kann man schon erahnen, wie es gleich enger wird. Kurz vor dem Eingang zur Klamm taucht eine in die Felswand eingelassene Bildnische auf — Christuskreuz, vergoldet, gerahmt von grauem Kalkstein mit senkrechten Schichtlinien. Darunter eine kleine Tafel, die an etwas erinnert. Was genau — man muss nah ran. Ich war nah genug.
Das Wegkreuz an der Felswand ist das letzte ruhige Bild vor der Klamm. Dahinter wird es eng, nass und laut. Der Fels ist hier fast senkrecht, die Schichtung vertikal — man sieht, wie das Gestein irgendwann gebogen wurde. Gras wächst oben drüber, als wäre das völlig normal.

Staatsgrenze. Kermit offiziell im Ausland.

Dann dieses Tor. Mitten in der Klamm, zwischen zwei Felswänden, hängt ein verwittertes grünes Metalltor mit einem roten Schild: Achtung Staatsgrenze. Dahinter: Österreich. Davor: Deutschland. Der Durchgang ist offen, das Schloss hängt lose. Niemand kontrolliert hier irgendetwas — die Klamm tut das selbst, indem sie einfach so schmal wird, dass man aufhört, über Grenzen nachzudenken. Kermit war zu diesem Zeitpunkt im Rucksack und hat von seiner internationalen Einreise nichts mitbekommen.
Hinter dem Tor der Holzsteg. Nass, wackelig, sehr nah am Wasser. Die Leutascher Ache läuft milchig-türkis direkt links vorbei, der Fels rechts ist dunkelgrau, feucht, mit Moos und Farn dazwischen. Der Weg biegt sich mit der Klamm mit — keine geraden Meter, immer um die nächste Ecke. Oben ein schmaler Streifen Himmel. Laut ist es hier auch, das Wasser macht seinen Standpunkt sehr deutlich.


Irgendwo in der Mitte der Klamm — vielleicht nach einem Kilometer auf dem Steg — gibt es eine breitere Stelle, an der man stehen bleiben kann, ohne dass jemand hinter einem wartet. Ich habe das genutzt. Die Klamm läuft hier noch eine Weile geradeaus, bevor sie sich wieder biegt. Der Fels ist hier auf beiden Seiten gut zehn Meter hoch, oben wächst irgendwie Vegetation, unten ist alles nass. Etwa 2 Kilometer Klamm insgesamt — man kommt ziemlich durchgepustet raus.
Geisterklamm, Brücken und ein Stempel
Nach der Leutaschklamm weiter zur Geisterklamm. Die Höllbrücke überquert die Klamm in gut zwanzig Metern Höhe, das türkise Wasser tief unten, beidseitig dichter Bergwald. Hinter mir fällt der Blick auf die Schlucht zurück — man sieht, wie schmal sie wirklich ist. Brücken über Schluchten sind immer ein guter Ort für ein Foto, das man selbst eigentlich für verzichtbar hält, dann aber doch macht.


Von der Panorama-Brücke aus öffnet sich der Blick nach Süden: Felsgipfel, grob gezackt, der Karwendelstock dahinter. Wolken hängen an den Flanken, aber die oberen Drittel stehen frei. Die Brücke selbst ist eine Stahlkonstruktion über dem Schluchtenausgang — unten sieht man das Wasser noch glänzen, oben ist Himmel. Irgendwo in diesem Bereich gibt es auch eine kleine Wegkapelle, die man leicht übersieht, wenn man nicht aufpasst.
Die Wegkapelle steht ein paar Meter abseits des Hauptwegs im Wald, weiß verputzt, Holzdach, vergitterter Eingang mit einem bemalten Innenraum. Daneben eine Stempelstation — Jakobsweg. Ich habe gestempelt. Nicht weil ich den Jakobsweg gehe, sondern weil der Stempel gut aussieht und mein Handgelenk eine bessere Fläche ist als mein Notizbuch. Der Stempel zeigt Loisach, Isar, Leutascher Ache — die drei Flüsse, die sich hier irgendwie finden. Das fand ich eigentlich interessanter als die Kapelle selbst.


Der Stempel hält übrigens erstaunlich lange. Noch am Abend im Zug zurück nach München war er gut lesbar. Kermit hat keinen bekommen — er hat keine geeigneten Körperstellen dafür.
Weiter durch die Geisterklamm: hier ist der Steg noch schmaler, die Schlucht enger. Man schaut von oben runter auf das türkise Wasser, das sich durch die Felsen zwängt — von dieser Aussichtsbrücke sieht man das Wasser gut zehn Meter tiefer zwischen den Felsen verschwinden. Der Wald schließt sich oben fast, nur stellenweise kommt Licht durch.

Holz-Stonehenge und die Isar

Kurz hinter der Geisterklamm, auf einer kleinen Lichtung, steht das hier. Dicke Holzpfähle, quer darübergelegt, kreisförmig angeordnet — offensichtlich an Stonehenge angelehnt, nur aus Holz und ohne erkennbare kosmische Funktion. Kein Schild, keine Erklärung. Ich habe eine Weile drumherumgelaufen und am Ende entschieden, dass ich das gut finde ohne zu wissen warum. Kermit saß kurz drin. Es passte irgendwie.
Kurz danach die Isar. Hier, so nah an der Quelle, ist sie noch schmal und sehr grün — milchiges Gletschertürkis, weiße Kiesbänke, treibendes Totholz. Stromaufwärts Blick: das Tal zieht sich noch weit rein, Berge auf beiden Seiten, eine Felsspitze am Ende. Kein Mensch, kein Lärm außer dem Wasser. Das ist die Isar, bevor München sie kennenlernt.


Selfie an der Isar. Man macht das. Ich mache das. Die Sonnenbrille war jetzt sinnvoll, der Himmel hatte aufgeklart. Das Wasser macht im Hintergrund seinen Job. Ich stand da, ungefähr bei Kilometer 9 der Tour, und dachte an den Kaiserschmarrn, den ich mir vorgenommen hatte. Prioritäten.
Einkehr im Berggasthaus Ederkanzel
Das Berggasthaus Ederkanzel liegt etwas abseits, man muss es ein bisschen suchen wollen. Terrassenbetrieb, Holzbank, blau-weiß karierte Tischdecke, kein übermäßiger Trubel. Mittags war der Andrang überschaubar — ein paar Familien, ein älteres Paar mit Wanderstöcken, sonst niemand, der sich besonders beeilte. Die Sonne stand inzwischen fest am Himmel.
Kaiserschmarrn. Mit Apfelmus und Rosinen, Puderzucker obendrüber. Kaffee dazu — eine große Tasse, nicht der Pappbechertyp. Kermit saß auf der Tischecke und hat auf den Kaiserschmarrn gestarrt, was ich für Neid gehalten habe, obwohl er weder essen noch neiden kann. Die Portion war groß genug, um den restlichen Tag zu tragen. Ich habe mir dabei die Rückroute nach Mittenwald angeschaut — gemütlich, kein Stress, nochmal an der Isar lang.

Mittenwald, Dorfstraße, Zug zurück

Zurück in Mittenwald kurz nach halb drei. Der Ort macht nachmittags sein Touristenprogramm — Leute mit Eis, Läden mit Holzschnitzereien, Kirchturm im Gegenlicht. Der kleine Bach, der die Hauptstraße begleitet, läuft trotzdem einfach durch, egal was drumherum passiert. Das fand ich sympathisch. Ich habe noch kurz durch die Gassen geschaut, dann zum Bahnhof, Garmisch-Partenkirchen umsteigen, und irgendwann war ich wieder am Münchner Hauptbahnhof. Kermit hat die Rückfahrt wieder auf dem Fensterbrett verbracht.
Zwei Klammen, eine Staatsgrenze, ein Holz-Stonehenge, die Isar ganz oben und ein Kaiserschmarrn, der die zweite Hälfte des Tages möglich gemacht hat. Mittenwald ist anderthalb Stunden von München — das ist eigentlich unfair nah für das, was man dort vorfindet.
📍 München Hbf · 🏁 Mittenwald · 📏 13,2 km · ⬆️ 320 Hm · ⬇️ 320 Hm · ⏱ ca. 4:30 h
Die vollständige Route gibt es auf Komoot: Tour auf Komoot ansehen





Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.