Oktober am Voralpenrand. Die Wetterapp zeigte Wolken, die Erwartung zeigte Optimismus. Beides sollte sich als halbwegs korrekt herausstellen. Mit einer kleinen Gruppe Freunde, deren Kindern, einer Mutter im Schlepptau und einem Hund am anderen Ende der Leine machten wir uns Richtung Kranzhorn auf — einem der schönen Hausberge zwischen München und dem Inntal, gut eine Stunde mit dem Auto zu erreichen. Keine große Expedition, aber genau das Richtige für einen Herbst-Dienstag, der nach frischer Luft schrie.
Start am Wanderparkplatz
Mittags los — das ist entweder entspannt oder ein bisschen blauäugig, je nachdem wie man es betrachtet. Wir nennen es entspannt. Am Wanderparkplatz Kranzhorn sammelten sich alle, der Hund war aufgeregt, die Kinder noch aufgeregter, und ich schnürte die Schuhe. Nebel hing in der Luft. Nicht der poetische Morgennebel, der sich lüftet, sondern der ehrliche Oktobernebel, der einfach bleibt. Mütze auf, Rucksack drauf, los.

Der Parkplatz liegt praktisch direkt am Einstieg in den Weg. Kurze Anfahrt von München über die A8 und dann durch das Inntal — knapp eine Stunde, je nach Verkehr. Parken zwar nicht kostenlos, Einstieg sofort, keine Ausreden.
Aufstieg — Durch Herbstwald und Nebel nach oben

Der Weg führt zunächst durch dichten Mischwald, und der hatte sich für den Herbst wirklich Mühe gegeben. Buchen in sattem Goldgelb, Lärchen in Orange, dazwischen dunkle Fichten — das sah aus wie ein Postkartenmotiv, das jemand mit zu viel Sättigungsregler bearbeitet hat. Nur dass es echt war. Rund 700 Höhenmeter liegen auf der gesamten Strecke vor uns, und die ersten davon im Wald merkt man kaum. Die Kinder waren erstaunlich engagiert. Die gelegentlichen Beschwerden über den ‚langen Weg‘ hielten sich in Grenzen — zumindest noch.
Dann, irgendwo auf halber Höhe: eine Blindschleiche. Schlängelt sich gemütlich durch das Gras, als hätte sie den ganzen Tag Zeit. Ich habe kurz einen ordentlichen Schreck bekommen — sieht ja aus wie eine Schlange, und im Nebel ist die Phantasie lebhaft. Ist aber harmlos. Die Blindschleiche, meine ich. Der Schreck weniger.

Kranzhorn Alm und die Bubenau Alm

Nach etwa eineinhalb Stunden und dem Großteil der Höhenmeter öffnete sich der Wald, und plötzlich lagen weite Almwiesen vor uns. Die Kranzhorn Alm liegt auf rund 1.370 Metern, und der Blick nach Süden — wenn der Nebel es zulässt — reicht über sanfte Grasrücken hinweg bis zu den verschneiten Gipfeln des Inntals. Heute ließ der Nebel es nur bedingt zu. Aber die Kulisse war trotzdem beeindruckend: uralte Holzgebäude, herbstlich ausgebleichte Wiesen, dazu der Geruch von Holzrauch.
An der Alm war Zeit für eine Pause — und die wurde ausgiebig genutzt. Warmes Essen für die müden Beine, ein heißes Getränk gegen die Oktoberluft. Die Atmosphäre: echt, rustikal, kein Schnickschnack. Genau richtig nach dem Aufstieg. Die Gruppe war sich einig: das hier war die verdiente Belohnung für jeden gemurmelten Kilometer-Kommentar auf dem Weg herauf.
Die Bubenau Alm liegt auf dem Weg und ist ein schöner Zwischenstopp — wer mag, hält hier schon kurz inne, bevor es weiter auf die Höhe geht.
Gipfel — Das Kreuz im Nichts
Natürlich sind wir auch noch auf den Gipfel. Das Kranzhorn-Gipfelkreuz thront auf einem kleinen Grasbuckel auf 1.365 Metern — und stand an diesem Tag in einer Wand aus weißem Nichts. Kein Panorama, kein strahlender Himmel, keine Fernsicht über die Chiemgauer Alpen. Dafür: absolute Stille, ein bisschen Mystik und das ehrliche Gefühl, oben angekommen zu sein. Das reicht. Der Ausblick ins Inntal — an klaren Tagen sieht man von hier den Inn als silbernes Band durch die Talebene ziehen, flankiert von sanften Voralpenketten — blieb uns heute im Nebel verborgen. Macht nichts. Nächstes Mal.

Wer an klaren Tagen herkommt, schaut von hier direkt ins Inntal hinunter — der Inn windet sich durch Rosenheim und weiter Richtung Österreich, dahinter staffeln sich die Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen. An diesem Tag: hauptsächlich Nebel. Aber das Gipfelkreuz im Nebel hat seinen ganz eigenen, fast meditativen Charakter.
Die Aussicht — Was der Nebel freigibt

Zwischen den Fichten öffnet sich immer wieder der Blick nordwärts — weit hinaus ins bayerische Voralpenland. Man sieht den Inn als helles Band durch die flache Talebene laufen, dahinter das endlose Grün der Felder bis zum Horizont. Rosenheim liegt da unten wie hingeworfen. An klaren Tagen reicht der Blick bis weit ins Flachland, 50, 60 Kilometer weit. Heute war es ein bisschen dunstiger, aber der Charakter dieser Weitsicht war trotzdem spürbar — dieser Moment, in dem man begreift, wie hoch man eigentlich gegangen ist.
Noch beeindruckender: der Blick nach Süden und Südwest. Das Inntal liegt tief unter einem, der Fluss windet sich durch Bad Aibling und Rosenheim, und dahinter, an besonders klaren Tagen, türmen sich die Berge des Kaisergebirges auf — markante Felsrippen, die man schon aus der Ferne erkennt. Heute lugte nur die Silhouette durch die Wolken. Es reichte für ein gutes Bild.

Abstieg — Sonne, Kühe und ein perfekter Abschluss

Und dann, kurz bevor wir abstiegen: doch noch die Sonne. Der Himmel riss auf, die letzten Strahlen fielen schräg über die Almwiesen, und eine Kuh stellte sich mit traumwandlerischer Präzision ins Gegenlicht. Als hätte sie den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet. Ich habe das Foto gemacht und sie hat mich dabei angeschaut als wollte sie sagen: ‚Gern geschehen.‘ Guter Moment.
Noch eine andere Kuh wollte unbedingt aufs Bild. Braun-weiß, Ohrenmarken, skeptischer Blick — und hinter ihr das Panorama der Chiemgauer Alpen, Gipfel in Wolken getaucht. Das Tier hatte eindeutig mehr Erfahrung mit Fotografen als mir lieb war. Ich musste zwei Schritte zurücktreten.

Um 17:30 Uhr waren wir zurück am Parkplatz. Alle Beine noch dran, alle guter Stimmung — auch jene, die den Weg ‚zu lang‘ gefunden hatten. Der Hund schlief wahrscheinlich noch im Auto ein. Fünfeinhalb Stunden, rund 11 Kilometer, Herbst in seiner ehrlichsten Form.
Nebel oben, Sonne kurz vor Schluss, eine Blindschleiche mit schlechtem Timing und Kühe mit gutem — das Kranzhorn weiß, wie man einen Oktobertag in Szene setzt.
📍 Wanderparkplatz Kranzhorn · 🏁 Wanderparkplatz Kranzhorn · 📏 ca. 11,0 km · ⬆️ ca. 700 Hm · ⬇️ ca. 700 Hm · ⏱ ca. 5:30 h




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