Manchmal braucht man keinen ausgeklügelten Plan. Manchmal reicht ein sonniger Julitag, ein Rucksack und die vage Idee, dass irgendwo zwischen Seilbahn und Klamm ein Abenteuer wartet. So war das im Juli 2013, als ich zum ersten Mal ins Höllental bei Garmisch-Partenkirchen aufgebrochen bin. Die Alpspitzbahn rauf, den Höllentalkopf runter, durch die Klamm — klingt einfach. Ist es nicht. Aber es ist verdammt gut.
Morgens: Ankunft und erster Blick ins Tal
Kurz vor halb zehn stand ich am Parkplatz der Kreuzeck- und Alpspitzbahn und schaute nach oben. Die Alpspitze mit ihren zwei markanten Felsnadeln thronte über dem Tal, dahinter die schneebedeckten Gipfel des Zugspitzmassivs. Almhütten im Vordergrund, Strommasten am Hang, Bergwald bis weit hinauf. Das klassische Bayerische Alpen-Postkartenmotiv — nur echt. Ich habe kurz überlegt, ob ich einfach hier stehen bleibe und das als Ausflug zähle. Habe ich dann doch nicht gemacht.

09:40 Uhr: Mit der Alpspitzbahn nach oben

Die Gondel der Alpspitzbahn ist groß, komfortabel und schaukelt angenehm. Ich saß drin, Arme verschränkt, Sonnenbrille auf dem Kopf, und versuchte den Eindruck zu erwecken, ich mache das jedes Wochenende so. Der bequemste Teil des ganzen Tages — das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Die Gondel zieht einen in wenigen Minuten aus dem Tal heraus und hoch in die Bergwelt. Draußen wurden die Bäume kleiner, die Felsen größer, die Luft spürbar frischer. Ein guter Tausch.
Eine Minute nach dem Selfie in der Gondel gab es den ersten richtigen Ausblick. Das Tal unter mir, Garmisch-Partenkirchen in der Ferne, die Bergkämme rundherum — alles auf einmal. Die Seilbahn-Stahlseile rahmten das Bild ein wie ein Gemälde. Ich habe das Foto gemacht und gedacht: Das wird schwer zu übertreffen heute. Spoiler: Das Höllental hat es dann doch noch übertroffen.

11:00 Uhr: Abstieg vom Höllentalkopf — steiler als gedacht

Oben angekommen, ging es vorbei am Höllentalkopf in Richtung Tal. Der Plan war: gemütlich absteigen, die Aussicht genießen, irgendwann unten ankommen. Der Plan hielt sich ungefähr bis zur ersten Kurve. Dann wurde der Weg steiler. Deutlich steiler. Lose Steine, schmale Pfade, Hände-an-die-Wand-Momente. Die gute Nachricht: Der Ausblick entschädigte für alles. Zwischen den Felswänden öffnete sich das Höllental wie eine riesige grüne Wanne, und ganz hinten, winzig klein, Garmisch-Partenkirchen. Fast sprachlos. Fast — weil man gleichzeitig auf die Füße schauen muss.
Ich erinnere mich noch genau: Das erste Stück des Abstiegs war das Schwierigste. Rutschig, steil, kein wirklicher Handlauf. Ich kam mir vor wie eine Gams ohne Hufe. Im Hintergrund das Zugspitzmassiv mit seinen Gletscherresten, die steilen Kalkwände, das tiefe Tal — und ich mittendrin, mit dem Handy in der Hand und dem ernsthaften Wunsch, bitte nicht auszurutschen. Hat geklappt.

12:49 Uhr: Die Höllentalklamm — endlich unten, endlich kühl
Nach dem anstrengenden Abstieg war die Höllentalklamm genau das Richtige. Kühle Luft schlug mir entgegen. Das rauschende Wasser des Hammerbachs, der sich durch enge Felsspalten zwängt, war zu hören, bevor man ihn sah. Die Klamm ist eng, feucht, dramatisch — und wunderschön. Schmale Stege führen direkt über und neben dem Wildbach entlang, immer wieder spritzt Wasser herüber. Die Felswände über einem sind so nah, dass kaum Himmel zu sehen ist. Wer Platzangst hat, braucht Mut. Wer keinen Mut hat, braucht zumindest gute Regenjacke.

Am ehemaligen E-Werk machte ich eine kurze Pause. Betonreste, verwittertes Mauerwerk, drumherum das türkisblaue Wasser des Hammerbachs, der über Felsen stürzt. Ein seltsam schöner Kontrast: Industrieruine mitten in der Wildnis. Zwei Wanderer im Hintergrund, die ebenso erschöpft aussahen wie ich. Wir haben uns nicht gegrüßt. Verstehen ohne Worte.
Ein Kraftwerk, das keiner mehr braucht
Kurz danach fiel mir die grüne Infotafel auf. Ich bin eigentlich kein großer Leser von Infotafeln — meistens stehen da Dinge wie „dieser Stein ist sehr alt“ oder „früher war hier etwas“. Aber diese hier hat mich tatsächlich erwischt. Das E-Werk wurde 1916 mitten in der Klamm errichtet, um das Bergwerk Höllental mit Strom zu versorgen. Das Wasser des Hammerbachs wurde über einen Betonkanal zu einer Kaverne geleitet, in der das Kraftwerk untergebracht war. Stromkabel liefen durch einen Stollen bergauf. 1927 wurde das Ganze wieder stillgelegt und abgebaut. Elf Jahre Betrieb, dann fertig. Übrig blieben die Betonreste — und diese Tafel. Irgendwie rührend.

Nachmittags: Fazit in der Hosentasche

Am Ende des Tages lagen zwei Tickets auf dem Autositz. Das Kreuzeckbahn-Ticket: 15 Euro. Der Eintritt zur Höllentalklamm-Eingangshütte, ausgestellt von der Sektion Garmisch-Partenkirchen des Deutschen Alpenvereins, Uhrzeit 15:34 Uhr: 4 Euro. Zusammen also knapp 20 Euro für einen vollen Bergtag. Ich habe die Tickets aufgehoben — nicht aus Sparsamkeit, sondern weil das ein guter Tag war. Solche Tage verdienen einen Beleg.
Was mich bis heute beeindruckt: Die Route ist kein Spaziergang. Der Abstieg vom Höllentalkopf verlangt Trittsicherheit und Konzentration, die Klamm selbst ist feucht, rutschig und laut. Aber genau das macht es aus. Man kämpft sich durch — und wird mit einem der eindrücklichsten Naturerlebnisse belohnt, die Bayern zu bieten hat. Günstig dazu. Das gibt es nicht oft.
Manche Orte heißen Höllental und meinen es ernst damit — aber die Hölle, die sie versprechen, ist die schönste, die man sich vorstellen kann.




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