Plovdiv in einem Tag: Streetart, Frosch und 2000 Jahre Stadtgeschichte

Selfie vor buntem 'Together'-Schriftzug Plovdiv Kulturhauptstadt 2019 mit Kermit

Vier Tage Sofia lagen hinter mir — das Wiedersehen mit einer Stadt, in der ich mal gelebt hatte, war seltsam vertraut und fremd zugleich gewesen. Jetzt stand der letzte volle Reisetag an, und ich hatte beschlossen, ihn nicht einfach im Apartment zu verbringen. Plovdiv war gerade mal anderthalb Stunden entfernt, eine Freundin dort, und außerdem war ich 2017 schon einmal kurz dort gewesen. Kurzer Tagesausflug also. Kermit saß auf dem Armaturenbrett und schien das für eine ausgezeichnete Idee zu halten.


04:42 Uhr — Sonnenaufgang über Sofia

Frühaufsteher zu sein hat Vorteile. Einer davon: Man sieht Dinge, die andere verschlafen. Um kurz vor fünf Uhr morgens stand ich am Fenster des Efhimios Vitosha Panoramic Apartments und schaute auf Sofia im Halbdunkel. Der Himmel über der Stadt war ein langsames Spektrum aus tiefem Marineblau, das sich am Horizont in ein zartes Rosa auflöste — und ganz rechts im Bild blinkte der Fernsehturm in Rosa. Sofia war noch still, die Straße unten fast leer, die Baumkronen unter dem ersten Licht bereits in Herbstfarben. Ich hab ein Foto gemacht, Kermit kurz aus dem Rucksack geholt um ihm die Aussicht zu zeigen, und dann angefangen, den Tag zu planen.


Mietwagen abholen, Kermit installieren, losfahren

Mietwagen abgeholt — ein Opel, ordentlich, kein Schnickschnack, funktioniert. Kermit bekam seinen angestammten Platz auf dem Armaturenbrett, ich die Aufgabe zu fahren. Kurz nach neun rollten wir aus Sofia heraus, im Rückspiegel die moderne Skyline mit dem markanten Büroturm, der in jeder bulgarischen Großstadt-Postkartenkulisse mitspielt. Die Autobahn Richtung Plovdiv ist neu, breit und angenehm leer — zumindest zu dieser Zeit. Kermit schien die Aussicht zu genießen. Ich den Fahrtwind. Nach anderthalb Stunden: Plovdiv.


Plovdiv — Europäische Kulturhauptstadt 2019 (und immer noch stolz darauf)

Den Tsar Simeon Garden hatte ich schon 2017 kurz gesehen, damals auf einem Schnelldurchlauf durch die Stadt. Diesmal war mehr Zeit. Und dann war da natürlich dieser Schriftzug: ‚together — plovdiv2019 European Capital of Culture‘, bunt, groß, touristisch — und trotzdem irgendwie sympathisch. Selfie mit Kermit war Pflicht. Ich bin mir nicht sicher, ob Kermit das ‚together‘ ironisch meinte oder ernst — allein gereist und dann vor einem ‚Together‘-Schriftzug — aber er lächelt ja immer, der Kleine.

Street Art in der Altstadt

Was Plovdiv von vielen anderen Altstädten unterscheidet: Man läuft um eine Ecke und steht vor einer kompletten Hauswand voller Kunst. Nicht wahllos hingeschmiert, sondern durchdacht. In einer der Gassen stieß ich auf dieses Mural — eine französische Bulldogge mit lila Maske, daneben ein bemalter Briefkasten mit der Aufschrift ‚Angelo‘, aus dem zwei gelbe Augen starren. Das ganze Ensemble hatte eine eigene kleine Logik, fast wie ein Comic-Panel, das jemand direkt auf die Ziegelwand übertragen hat. Ich stand eine Weile davor und überlegte, wer Angelo wohl ist. Wahrscheinlich der Hund.

Zwanzig Meter weiter dann das nächste Gebäude — komplett bemalt, vom Boden bis zum Dach. Ein Junge sitzt auf einem seltsamen Tier mit offenem Maul, Bäume wachsen aus der Fassade, ein Lavazza-Schirm schafft davor den etwas surrealen Übergang zur Alltagsrealität. Ich überlegte kurz, ob das Café unter diesem Mural gut oder mutig ist, sich hier anzusiedeln — oder beides. Das Pflaster davor war Kopfsteinpflaster, die Gasse schmal, und die Luft hatte diese angenehme Herbstwärme, die nachmittags noch überrascht. Plovdiv kann das.

🍽️ Aylyakria Restaurant
Plovdiv, Altstadt
📍Google Maps

Gegessen haben wir im Aylyakria — ‚Aylyak‘ ist im Bulgarischen so etwas wie das Konzept, die Dinge entspannt anzugehen, ohne sich zu beeilen. Passender Name für ein Mittagessen in der Plovdiver Altstadt. Das Essen war bulgarisch, bodenständig und gut, die Atmosphäre entspannt. Danach noch ein kurzer Spaziergang am Römischen Forum von Philippopolis vorbei — die Ausgrabungen mitten in der Stadt haben etwas Irritierendes auf die beste Art: Man steht auf einer Kreuzung und schaut zweitausend Jahre nach unten.


Tag 5 — Abreise: Sofia Flughafen, Schlange, Bounty

Am nächsten Morgen: Sofia International Airport. Ich notierte mir damals ‚eine ewig lange Schlange beim Check-in… waiting for check-in… almost there in 1 km…‘ — und das Foto erklärt warum. Die Schlange erstreckte sich quer durch das Terminal, gemächlich, ohne erkennbares Vorwärtskommen. Man stand, schaute auf sein Gepäck, schaute auf die anderen Leute mit ihrem Gepäck, schaute wieder auf sein Gepäck. Das ist der Teil vom Reisen, der sich nicht romantisieren lässt. Also lässt man ihn einfach so stehen, wie er ist.

Nach dem Check-in: das übliche Ritual. Koffer weg, Handgepäck bleibt, irgendwo hinsetzen und warten. Auf dem Tisch vor mir: zwei Flaschen ‚Бánkя‘ — das ist bulgarisches Mineralwasser, das ich seit meiner Zeit dort kenne und das nach wie vor besser schmeckt als sein Name klingt. Dazu ein Bounty, weil Kokosnuss und Abreise irgendwie zusammenpassen. Und dann lag da noch ein alter ‚Elephant Brand‘-Zementbeutel herum — ein Souvenir aus einem früheren Trip, das ich offenbar mitschleppe wie andere Leute Kühlschrankmagnete. Der Bordkartenausdruck daneben: Lufthansa LH1703, Sofia nach München. Gruppe 3, wie immer.

🚂 Sofia International Airport
Sofia, Bulgarien
📍Google Maps

Dann Boarding, LH1703 nach München. Zwei Stunden Flug, pünktlich, ohne Besonderheiten. Bulgarien blieb hinter den Wolken. Fünf Tage — Sofia als alte Heimat, Plovdiv als Tagesausflug, ein Opel mit Kermit auf dem Armaturenbrett und eine Schlange beim Check-in, die gefühlt bis zur Vitosha reichte. Passt.


Plovdiv hat 2019 die Kulturhauptstadt gespielt und tut immer noch so, als wäre die Party gestern gewesen. Das ist kein Vorwurf — die Stadt hat schlicht genug Substanz, um diesen Titel eine Weile zu tragen. Und wer um vier Uhr morgens aus dem Fenster schaut und Sofia im Sonnenaufgang sieht, versteht, warum man aus so einer Stadt nicht so leicht wegkommt. Selbst wenn man es irgendwann tut.


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