Nach einer Woche Adria — Strand, Camping, Fähren nach Venedig und Burano — war es Zeit für etwas anderes. Die befreundete Familie fuhr zurück nach München, ich bog nach Westen ab. Verona. Eine Nacht. Und eine Unterkunft, die ich mir spontan gegönnt hatte, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Manchmal sind das die besten Entscheidungen. Was dann kam, übertraf alles, was ich mir vorgestellt hatte — und das will bei mir etwas heißen, ich bilde mir nämlich grundsätzlich viel ein.
Ankunft um kurz vor zwei: Palastleben für eine Nacht

Ich trete ins Zimmer. Stehe da. Sage nichts.
Buntglasfenster. Echte, handgefertigte Buntglasfenster, in einem Rahmen aus dem 19. Jahrhundert, direkt neben dem Bett. Ein gepolstertes Kopfteil in Creme. Ein vergoldeter Spiegel über dem Bett, so groß wie manche Wohnzimmer. Eine ovale Gemäldekopie an der Wand, gelbe Wände, ein Kronleuchter. Auf dem Bett liegt ein aufgeschlagenes Magazin — ‚Bienvenu à Verona‚ — als hätte jemand gewusst, dass ich ein bisschen Orientierung gebrauchen werde.
Kermit habe ich sofort auf die roten Kissen gesetzt. Er wirkte dort deutlich standesgemäßer als ich.
‚Hotel kann man eigentlich nicht wirklich sagen‘, hatte ich mir unterwegs gedacht. Richtig. Das war kein Hotel. Das war ein Palazzo, direkt an der Piazza delle Erbe.
Suites direkt an der Piazza delle Erbe — historische Gemäuer, Buntglasfenster, Originalfresken. Wer einmal so schläft, vergisst es nicht mehr. Und bucht beim nächsten Mal wieder.
Nachmittag: Verona zu Fuß — von der Arena bis zum Lamberti-Turm
Rucksack weg, Sonnenbrille rauf, raus. Die Sonne brennt um 14 Uhr auf das Kopfsteinpflaster wie ein Backofengrill auf maximaler Stufe. Schöner Gedanke.
Erster Stopp: die Arena di Verona. Das römische Amphitheater ist das drittgrößte erhaltene seiner Art — nach dem Kolosseum in Rom und dem Amphitheater in Capua. Gebaut im ersten Jahrhundert nach Christus, fasst es heute noch 15.000 Zuschauer. Gerade war die Bühne für das Opernfestival aufgebaut: ein leuchtendes Rot, das sich vom grauen Travertin des Mauerwerks absetzt wie ein Schrei. Kermit habe ich ganz oben auf die Ränge gesetzt und bin zwei Stufen zurückgetreten. Er schaute auf die Bühne, als würde er auf seinen Auftritt warten. Ehrlich gesagt: nicht ganz unrealistisch.


Gleich daneben: die Portoni della Bra — das gotische Stadttor aus dem 14. Jahrhundert, mit einer eingemauerten Runduhr, die aussieht, als wäre sie schon immer da gewesen. War sie auch, mehr oder weniger. Zwei mächtige Bögen aus Ziegelstein und weißem Kalkstein, darüber Zinnen wie aus einem Mittelalterfilm. Ich stelle mich davor für das obligatorische Selfie. Die Uhr zeigt halb fünf. Passt.
Weiter zum Arco dei Gavi. Der Bogen aus weißem Marmor steht ein bisschen verloren zwischen Parkplatz und Verkehrsschild, was seiner Würde erstaunlich wenig anhaben kann. Errichtet im ersten Jahrhundert nach Christus zu Ehren der Familie Gavia — die Römer hatten damals noch das Konzept, sich einfach einen eigenen Triumphbogen hinzustellen. Respekt.
Dann: der Ponte Scaligero über die Etsch. Eine mittelalterliche Zinnenbrücke aus rotem Backstein, drei Bögen, darunter das türkisgrüne Wasser des Flusses. Kermit sitzt auf der Brüstung und schaut hinüber — er wirkt nachdenklich. Ich auch, ehrlich gesagt. Die Etsch ist hier breit, ruhig, die Sonne reflektiert auf dem Wasser. Ich lehne mich an eine Säule, strecke die Beine aus und schaue einfach. Keine To-do-Liste, kein nächstes Ziel. Nur der Fluss und die Zinnen und diese seltsame Stille, die große Städte manchmal haben, wenn man den richtigen Winkel findet.



Kurz vor 18 Uhr dann der Torre dei Lamberti. 84 Meter, gebaut ab 1172, Aufzug vorhanden — ich bin ja nicht verrückt, bei dieser Hitze die Treppe hochzusteigen. Oben: ein Drahtnetz als Absturzsicherung, was das Fotografieren etwas erschwert, aber man findet seinen Winkel. Die Aussicht ist atemberaubend. Ein Meer aus Terrakotta-Dächern, dazwischen Palazzi, Kirchen, Türme. Kermit hält sich an der Brüstung fest und schaut mit mir. Tief unten: die Piazza delle Erbe, mein Zuhause für diese eine Nacht.
Dieses Selfie vom Torre dei Lamberti ist mein Lieblingsfoto des Tages. Kermit grinst — oder er macht zumindest das Gesicht, das ich als Grinsen interpretiere. Ich auch. Wir beide, 84 Meter über Verona, Drahtnetz im Hintergrund, Dächermeer darunter. Schöner Moment.

Abends ab 19 Uhr: Sonnenuntergang über Verona — mit Bier und Pizza
Auf den Tipp mit dem Castel San Pietro wäre ich alleine vielleicht nicht gekommen — oder erst nach langem Googeln. Der Hügel über der Etsch, mit der ehemaligen österreichischen Kaserne auf dem Kamm, ist der klassische Aussichtspunkt Veronas. Die Funicolare fährt da hoch. Ich laufe. Natürlich laufe ich. Es ist noch warm, der Weg schlängelt sich durch Zypressen, und als ich oben ankomme, schweiße ich wie ein Läufer nach einem Halbmarathon. Schön.

Der Blick von oben ist schlicht umwerfend. Die Etsch macht einen großen Bogen um die Altstadt, Zypressenwipfel ragen ins Bild, dahinter die Dächer, der Campanile des Domes, und über allem ein Himmel, der langsam vom Tagesblau ins Abendgold wechselt. Kermit sitzt auf der Brüstung und schaut stadteinwärts. Er sieht zufrieden aus. Ich auch.
Oben gibt es einen kleinen Stand. Ich kaufe eine Ichnusa — sardisches Bier, nicht venetisch, aber wer fragt da schon nach — und ein Stück Pizza bianca mit Käse. Ich setze mich an die Mauer, stelle Bier und Pizza neben mich, schaue auf Verona und warte auf die Sonne.
Um kurz vor halb acht geht die Sonne unter. Langsam, theatralisch, als wäre sie sich bewusst, dass ein paar Dutzend Menschen hier extra hochgekommen sind, um genau das zu sehen. Die Etsch leuchtet wie flüssiges Gold, die Zypressenwipfel werden zu Scherenschnitten. Kermit sitzt daneben, die Pizza ist halb aufgegessen, das Bier ist kalt. Dieser Moment kostet mich nichts außer dem Aufstieg — und der war es hundertfach wert.


Funicolare ab Ponte Pietra
Morgen in Verona: Leerer Platz und Julia
Halb acht morgens. Ich stehe am Fenster — dem Fenster mit den Buntglasfenstern, wohlgemerkt — und schaue auf die Piazza delle Erbe. Leer. Komplett leer. Die Marktstände noch nicht aufgebaut, die Sonnenschirme der Restaurants noch zusammengerollt, kein Mensch außer einer Taube und einem Radfahrer, der diagonal über den Platz fährt. Der Torre del Gardello ragt in einen bewölkten Morgenhimmel. Genau so sieht eine Stadt aus, die noch schläft.
Ich bin froh, dass ich diesen Moment habe. Am Abend vorher war die Piazza voller Leben gewesen — Aperitivo-Trubel, Stimmengewirr, Touristengrüppchen mit Selfie-Stangen. Das hier war das Gegenteil davon.

Nach dem Frühstück noch ein letzter Stadtspaziergang. Pflichtprogramm: die Casa di Giulietta. Man muss. Auch wenn man weiß, dass die ganze Romeo-und-Julia-Geschichte mit Verona historisch so viel zu tun hat wie ein Tiefkühlpizza mit neapolitanischer Kochkunst. Shakespeare hat das Stück in London geschrieben, ‚Giulietta‘ hat nie existiert, und der Balkon wurde in den 1930er-Jahren angebaut. Trotzdem.

Der Innenhof ist eng, die Wände bedeckt mit Liebesschlössern, Kaugummis und Zetteln — eine Collage aus Zuneigungsbeweisen, die eher nach Zahnarztwartezimmer als nach Shakespeare aussieht. Die Bronzestatue der Julia steht mittendrin. Ich fotografiere sie von unten, Efeu und alter Backstein im Hintergrund, Sonnenlicht von der Seite. So bekommt sie zumindest ein bisschen Würde zurück.
Daneben, fast als Kontrast: das rekonstruierte Schlafzimmer im Haus — Backsteinwände, ein hohes Holzbett auf einem Podest, schwarze Stahltreppe, Bühnenscheinwerfer. Eher loft-artiges Filmset als mittelalterliches Gemach. Ich bin unschlüssig, ob ich es kitschig oder großartig finden soll. Am Ende: irgendwo dazwischen.
Das Schlafzimmer im Inneren der Casa di Giulietta überrascht dann doch: kein Kitsch-Museum, sondern eine Art inszenierter Raum zwischen Bühne und Wohnzimmer. Das Bett auf einem erhöhten Holzpodest, rohe Backsteinwände, geometrische Wandmuster, eine Industrietreppe nach oben. Irgendein Regisseur würde hier sofort drehen wollen.

Pflichtprogramm, aber mit Hintergedanken: historisch fragwürdig, atmosphärisch dennoch sehenswert. Der Innenhof früh morgens ohne die großen Touristengruppen ist nochmal eine andere Erfahrung.
Zwischenstopp auf dem Heimweg: Lazise am Gardasee
Auf dem Weg zurück nach München noch ein kurzer Stopp. Lazise am Gardasee liegt praktisch auf der Route — und wenn man schon mal so nah dran ist, wäre es fast fahrlässig, einfach vorbeizufahren. Der Gardasee wartet bereits auf seinen eigenen Post, das weiß ich jetzt schon. Aber heute reicht ein Schlendern.

Lazise ist ein mittelalterliches Städtchen an der Ostküste des Gardasees, umgeben von einer noch weitgehend intakten Stadtmauer — und einem Hafen, der einfach nur malerisch ist. Kleine bunte Fischerboote dümpeln im türkisblauen Wasser, dahinter die pastellfarbenen Häuserzeilen mit Blumenkästen auf jedem Balkon. Die Terrassen der Restaurants am Molo sind voll, der Geruch von Kaffee und Sonnencreme liegt in der Luft.
Ich hatte hier ursprünglich den Cappuccino Bar Lazise als Kaffeestopp eingeplant. Leider war es an diesem Morgen zu voll — die Terrasse besetzt, drinnen eng, die Stimmung auf Hochbetrieb. Ein anderes Mal.
Kermit darf dafür kurz an den Seeufer-Molo. Er sitzt auf dem Stein, der Gardasee liegt hinter ihm, die Berge im Dunst, die Wellen klatschern leise ans Ufer. Kermit ist Frosch. Wasser ist sein Habitat. Er schaut zufrieden aus — zufriedener als ich, der noch drei Stunden Autobahn vor sich hat.


Dann: Autobahn. Heimwärts. Hinter mir eine Woche Adria, zwei Tage Venedig, Burano, Murano-Stimmung auf dem Wasser — und jetzt diese eine Nacht in Verona, die alles noch einmal überstrahlt hat. Manchmal reicht eine einzige Nacht, um eine Stadt zu lieben.
Verona in einer Nacht — das klingt nach zu wenig. Und irgendwie auch nach genau richtig. Buntglasfenster, Römertheater, Sonnenuntergang mit Bier und Pizza auf einem Hügel, ein leerer Platz am frühen Morgen. Manchmal ist weniger mehr. Manchmal schläft man einmal in einem Palast, schaut morgens auf einen leeren mittelalterlichen Marktplatz und denkt: Diese Stadt muss ich wiedersehen.




Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.