Verona. Allein der Name klingt schon nach Opernarie, Liebestragödie und einem Glas Amarone. Nach ein paar Tagen in Cavallino-Treporti war der Plan klar: eine Nacht in der Stadt Romeo und Julias einlegen, bevor es zurück nach München geht. Was ich dabei nicht ahnte — diese eine Nacht würde zur Highlight-Nacht der ganzen Reise. Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten. Sondern wegen des Zimmers. Aber der Reihe nach.
Ankunft in Verona — das ist kein Hotel, das ist ein Palast
Ich hatte online gebucht und wusste ungefähr, was mich erwartete. Oder glaubte es zumindest. Als ich dann aber die Tür zu meinem Zimmer in den Corte Realdi Suites aufstieß, stand ich erst mal eine Sekunde lang einfach nur da.
Bleiglasfenster. Vergoldeter Spiegel über dem Kopfteil. Cremefarbenes Polsterbett mit dunkelroten Kissen. Ein ovales Gemälde an der pastellgelben Wand. Wandleuchter. Parkettboden unter einem orientalischen Teppich. Ich bin Reiseblogger und kein Hotelrezensent — aber das hier war schlicht: der Hammer.
Kermit hatte das gleiche Gefühl. Er nahm sofort seinen Platz auf den roten Kissen ein, lehnte sich zurück und schaute mich an, als wollte er sagen: ‚Endlich. So soll das sein.‘ Auf dem Bett lag ein aufgeschlagenes Magazin mit dem Titel ‚Benvenuti a Verona‘ — passender hätte der Empfang nicht sein können. Direkt unter uns: die Piazza Erbe. Mittendrin statt irgendwo.

🌐 corterealdi.it
Direkt an der Piazza Erbe, mitten im historischen Zentrum. Die Suiten sind in einem Palazzo untergebracht — kein modernes Boutique-Hotel, sondern echter venezianischer Stil mit Stuck, Bleiglas und Antiquitäten. Wer eine Nacht mal anders verbringen will: hier ist die Adresse.
Nachmittags — Verona zu Fuß, Selfie zu Selfie

Koffer abgestellt, Kermit auf die Kissen gesetzt — und raus. Die Piazza Erbe direkt vor der Haustür ist einer dieser Plätze, die man einfach stehen lassen muss. Der Torre dei Lamberti überragt alles, die Marktschirme darunter sind längst eingeklappt, und der Platz gehört nachmittags halb den Touristen, halb den Veronesen auf dem Heimweg vom Einkaufen.
Ich habe natürlich das Selfie gemacht — mit dem Turm im Rücken, Sonnenbrille auf, Schweiß auf der Stirn. Es war heiß. Sehr heiß. Die Sonne knallte senkrecht auf das Pflaster und mein Glatzkopf fungierte als zusätzliche Solaranlage.
Von der Piazza Erbe aus lief ich Richtung Westen — vorbei an der Statue di Vittorio Emanuele II — bis zu den Portoni della Brà. Zwei mächtige Rundbögen aus Ziegelstein und Marmor, bekrönt von einer mittelalterlichen Zinnenbrüstung, dazwischen eine Uhr — als würden zwei Epochen gleichzeitig in den Himmel schauen. Ich schaute auch rein. Ins Selfie natürlich.
Ein paar Minuten weiter: der Arco dei Gavi. Ein römischer Triumphbogen aus weißem Marmor, freistehend auf einem kleinen Platz zwischen Bäumen. Keine Massen davor, kein Ticket, kein Warteschlangenmanagement. Einfach so da. Seit dem 1. Jahrhundert. Ich fand das ehrlich gesagt beeindruckender als manches Museum.


Dann kam die Arena. Die Arena di Verona ist von außen schon groß — von innen dann einfach gewaltig. Fast 2000 Jahre alt, und drin werden noch immer Opern gespielt. Die Ränge aus hellem Stein steigen ringförmig an, unten auf der kreisrunden Bühne: eine riesige rote Spielfläche, bereits aufgebaut für die nächste Vorstellung, Notenpulte auf den Orchesterstühlen.
Kermit saß auf dem obersten Ring der Steintribüne und starrte nach unten. Ich weiß nicht, ob Plüschfrösche Oper mögen — aber diesen Blick kaufe ich ihm ab. Das ist einer der Orte, wo man einfach mal sitzt und nichts sagt.
Nach der Arena: Etsch. Der Fluss schlängelt sich westlich durch die Stadt, und der Ponte Scaligero ist eine der schönsten mittelalterlichen Brücken, die ich je gesehen habe. Zinnen oben, drei weite Bögen, rotbraunes Ziegelwerk — und darunter das grünliche Wasser der Etsch, das im Sonnenlicht funkelt.
Kermit saß auf der Brüstungsmauer, der Fluss im Rücken, und genoss die Aussicht. Ich setzte mich daneben, lehnte mich zurück und ließ die Beine baumeln. Niemand hat uns komisch angeschaut. Oder vielleicht doch — aber da war mir das bereits egal.


Zum Abschluss des Nachmittags: rauf auf den Torre dei Lamberti. 84 Meter, ein paar enge Treppen und ein Metallgitter oben — und dann dieser Blick. Verona liegt zu Füßen, ein Meer aus rostbraunen Ziegeldächern, irgendwo dahinter die Hügel. Kermit lehnte am Gitter wie jemand, der genau weiß, dass dieses Foto gut wird. Ich lachte. Es wurde gut.
Das Gitternetz vor der Aussichtsplattform ist übrigens Absturzschutz — wirkt auf Fotos wie ein merkwürdiger Filter, aber man gewöhnt sich dran. Kermit hat sich nicht beschwert. Ich auch nicht. Die Aussicht auf die Piazza Erbe direkt unter uns und die gesamte Altstadt war schlicht fantastisch.

84 Meter hoch, Zugang über den Palazzo della Ragione. Zu Fuß oder per Aufzug. Oben: Panoramablick über die gesamte Altstadt. Eintritt kostet ein paar Euro — jeden Cent wert.
🌐 arena.it

Abends — Sonnenuntergang über Verona mit Bier und Pizza
Den Abend hatte ich mir gut überlegt. Oder eigentlich gar nicht — ich bin einfach der Funicolare di Castel San Pietro gefolgt, bergauf, raus aus der Altstadt. Oben am Aussichtspunkt über dem Castel San Pietro öffnet sich dann der beste Blick auf Verona, den die Stadt zu bieten hat.
Die Etsch schlängelt sich unten durch, die Dächer leuchten orange im letzten Sonnenlicht, der Campanile der Kathedrale sticht heraus, dahinter die Hügel. Kermit saß auf der Brüstungsmauer und schaute raus über die Stadt — und ehrlich gesagt hätte ich das Foto auch ohne den Frosch genommen. Aber mit ihm ist es besser.


Ein kleiner Stand oben am Aussichtspunkt verkaufte Bier und Pizza al taglio. Ich nahm ein Ichnusa — sardisches Bier, hier oben in Verona, warum auch nicht — und ein Stück Pizza bianca mit Käse und Pilzen. Stellte beides auf die Steinmauer. Machte das Foto.
Dann saß ich da, aß meine Pizza, trank mein Bier und schaute zu, wie die Sonne über Verona unterging. Die Sonne tauchte die Stadt in dieses tiefe Orangerot, der Etsch reflektierte den Himmel, die Schwalben zogen ihre Kurven. Kermit war dabei. Ich sagte nichts. Er auch nicht. Das war genug.
Das Panoramafoto ohne Kermit, ohne Bier, ohne alles — einfach nur Verona im Sonnenuntergang. Manchmal muss man das Handy einfach hochhalten und abdrücken. Keine Nachbearbeitung, kein Filter. Die Stadt macht das selbst.

Tag 2 — Morgens auf der leeren Piazza und Julia besuchen

Am nächsten Morgen: Vorhang auf. Ich trat auf den Balkon der Suite und schaute auf die Piazza Erbe hinunter. Noch keine Touristen. Noch keine Marktstände. Ein paar Tauben. Ein Mann mit Fahrrad. Der Torre del Gardello ragte in den leicht bewölkten Morgenhimmel.
Das ist einer dieser Momente, für die man reist. Die Piazza, die tags zuvor noch voll war mit Selfie-Sticks und Gelato-Schlangen, gehörte jetzt mir — und dem Mann mit dem Fahrrad. Ich stand einfach da und schaute. Kermit schlief noch. Verständlich.
Dann: Julias Haus. Die Casa di Giulietta. Ja, ich weiß — Shakespeare war Brite, Giulietta war fiktiv, und das Haus hat historisch ungefähr so viel mit der Geschichte zu tun wie mein Wohnzimmer. Aber der kleine Innenhof hat trotzdem Charme. Die Bronzestatue steht da unter einem Feigenbaum, Efeu an der alten Backsteinwand, eine Gedenktafel dahinter — und natürlich eine Schlange von Menschen, die der Statue an bestimmten Körperstellen anfassen, weil das angeblich Glück bringt.
Ich habe das nicht gemacht. Dafür habe ich das Foto gemacht. Julias Gesicht in der Nahaufnahme — ernst, zeitlos, leicht verwittert. Passt irgendwie zur Geschichte.


Beim Checkout bekam ich noch einen kurzen Blick in eine andere Suite der Corte Realdi. Komplett anders als mein Zimmer — freiliegende Backsteinwände, schwere Holzbalken unter der Decke, ein Bett auf einem hölzernen Podest, Industrielampen. Loft trifft Mittelalter. Irgendwie hätte ich das auch gerne gehabt. Irgendwie war meines aber auch besser. Ich konnte mich nicht entscheiden und fuhr einfach ab.
Der Innenhof ist kostenlos zugänglich. Das Haus selbst als Museum kostet Eintritt. Früh morgens ist es deutlich angenehmer — weniger Gedränge, mehr Atmosphäre. Die Bronzestatue stammt von Nereo Costantini, aufgestellt 1972.
Nachmittags — Zwischenstopp in Lazise am Gardasee
Auf dem Weg nach München machte ich einen kurzen Abstecher nach Lazise am Gardasee. Klein, hübsch, überschaubar — und mit einem der malerischsten kleinen Häfen, die ich kenne. Bunte Häuserzeilen direkt am Wasser, Boote in allen Größen dicht gedrängt im Hafen, Möwen auf den Poller, dahinter Berge.
Ich parkte, schlenderte zum Molo und machte das obligatorische Selfie. Geschwitzt habe ich dabei. Der Gardasee glänzte blau, der Wind fehlte, die Sonne war gnadenlos.


Kermit saß auf der Mauer am Molo und schaute auf den Gardasee. Die Berge im Hintergrund, das Wasser in diesem tiefen, satten Blau — ich glaube, Kermit wäre hier gerne länger geblieben. Ehrlich gesagt ich auch.
Dann aber kam der Moment für das Café-Ritual. Ich steuerte die Cappuccino Bar Lazise direkt an der Uferpromenade an — ein offener, luftiger Raum mit Blick auf den See, ein paar Tische draußen unter einem Sonnensegel, drinnen der übliche italienische Tresen-Betrieb. Espresso-Maschine zischt, Barista brüllt die Bestellung in den Raum, drei Einheimische stehen am Tresen und trinken ihren Kaffee im Stehen wie Gott und die Italiener es wollen.
Ich setzte mich draußen. Bestellte einen Cappuccino und ein Stück Crostata — Mürbeteig, Marmelade, golden gebacken. Kermit hielt die Tasse, ich aß die Crostata. So ist das eben. Vor mir der See, die Berge, ein paar Taucher, die sich ins Wasser fallen ließen. Ich trank meinen Kaffee und dachte: Italien kann das einfach. Diese Leichtigkeit. Dieses Selbstverständnis von Schönheit.
Danach noch kurz raus an den Uferweg — die Seepromenade von Lazise ist breiter als man denkt, mit Palmen, Bänken, Blick auf offenes Wasser. Ich stellte mich an den Rand, ließ das Wasser fast die Sneaker befeuchten und machte das letzte Foto des Trips. Berge, See, blauer Himmel. Sonnenbrille hoch. Fertig.

Direkt an der Uferpromenade von Lazise. Echter italienischer Bar-Betrieb — Espresso, Cappuccino, Kuchen. Tische draußen mit Seeblick. Kein Schnickschnack, dafür echte Atmosphäre.
Verona braucht keine Liebesgeschichte von Shakespeare. Die Stadt erzählt ihre eigene — in Bleiglasfenstern, römischen Bögen, kaltem Bier auf einer Aussichtsmauer und einer leeren Piazza am frühen Morgen. Man muss nur früh genug aufstehen.




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