Venedig an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Wer macht sowas? Ich. Und Kermit natürlich, der hat sowieso keine Wahl. Während der Vortag ganz der Serenissima selbst gehörte — Markusplatz, Rialtobrücke, Tauben-Diplomatie — stand Tag vier ganz im Zeichen eines Ausflugs, der schon lange auf meiner Liste stand: Burano. Die Insel der bunten Häuser, der Spitzen und der schiefen Kirchtürme. Dazu am Nachmittag nochmal Venedig, diesmal mit Höhenluft und Aussicht. Und dann drei Tage Strand. Das klingt nach einem guten Plan.
Morgens: Burano — die Insel, die zu viel Farbe bestellt hat
Früh raus, wieder. Das scheint das Motto dieses Urlaubs zu sein. Von Punta Sabbioni geht die Fähre raus — nicht nach Venedig diesmal, sondern raus in die Lagune, weiter draußen, nach Burano. Die Überfahrt dauert etwa 45 Minuten. Grünes Wasser, Bojen, ab und zu ein Fischerboot. Entspannend, wenn man nicht gegen die Bugwelle eines Vaporetto ankämpfen muss.
Und dann: Burano. Mein erstes Mal. Ich hatte Fotos gesehen, natürlich. Man kennt diese Bilder — knallbuntes Häuserchaos, jedes Gebäude in einer anderen Farbe, als hätte jemand die Farbpalette eines Kindergartens über eine venezianische Insel gekippt. Aber die Realität setzt nochmal einen drauf. Es ist einfach absurd bunt. Pink neben Kobaltblau neben Orange neben Gelb. Und das alles leicht bewölkt, was die Farben noch satter wirken lässt, als es ein strahlend blauer Himmel je könnte.
Ich bin durch die Gassen gestromert, ohne Plan, ohne Route. Das ist auf Burano die einzig richtige Strategie. Wer mit Karte navigiert, verpasst die Kurve, um die herum plötzlich ein türkises Haus steht, daneben eine alte Frau die Wäsche aufhängt, und hinter ihr ein Kanal mit drei Booten und einem schiefen Schornstein. Das lässt sich nicht planen.
Das erste Selfie musste natürlich sein. Ich stehe vor einer rosa Hauswand, dahinter blitzt Blau und Orange auf, in der Gasse dahinter hängt Wäsche. Ein Tourist im weißen Adidas-Shirt inmitten eines lebendigen Farbexperiments. Kermit steckte noch im Rucksack und protestierte leise gegen diesen Bildausschnitt ohne ihn. Berechtigt, ehrlich gesagt.


Irgendwann hab ich mich einfach an eine gelbe Hauswand gesetzt. Neben einem roten Blumentopf mit Dipladenie. Die Sonne versteckte sich noch hinter ein paar Wolken, es war angenehm warm, und ich hab einfach mal nichts getan. Eine alte Frau schlenderte vorbei, musterte mich kurz, als würde sie sich fragen ob ich hier wohne oder ob ich ein Problem habe. Wahrscheinlich beides. Burano hat diese seltene Qualität: Es ist touristisch und trotzdem irgendwie echt. Wäsche hängt auf den Leinen. Kinder fahren Fahrrad. Das Leben findet statt.
Dann war Kermit dran. Ich hab ihn auf das Geländer einer kleinen Brücke über dem Kanal gesetzt — grüner Plüschfrosch vor grünen Häusern, dahinter der schiefe Glockenturm der Chiesa di San Martino, der so schief ist, dass man sich fragt, ob die Venezianer das absichtlich machen oder ob die Lagune einfach alles irgendwann zu sich herunterzieht. Kermit wirkte jedenfalls völlig entspannt. Als wäre er schon immer hier gewesen. Ein Frosch gehört an Kanäle, das ist eigentlich nur konsequent.

Nachmittags: Venedig, zweite Runde — San Giorgio Maggiore und der beste Ausblick der Stadt
Zurück per Fähre, kurze Pause, und dann wieder rüber nach Venedig. Ich weiß, ich weiß. Zwei Tage hintereinander. Aber es gab noch etwas, das ich unbedingt nachholen wollte: den Campanile von San Giorgio Maggiore.
Die Kirche liegt auf einer kleinen Insel direkt gegenüber dem Markusplatz, gut erreichbar per Vaporetto. Während die halbe Touristenwelt den Campanile auf dem Markusplatz hochfährt und dann in einer Menschenmenge steht, fährt man hier rüber, der Glockenturm ist deutlich weniger besucht — und die Aussicht ist schlicht besser. Weil man nämlich den Markusplatz im Blick hat, statt von ihm aus in die Gegend zu schauen.
Palladio hat die Kirche im 16. Jahrhundert entworfen, die weiße Fassade leuchtet schon von weitem über die Lagune. Innen ist sie kühl, hoch und ruhig — angenehm nach dem Trubel der Vaporetto-Anlegestellen. Aber ehrlich: ich war hauptsächlich wegen des Aufzugs nach oben hier.
Kermit hat sich oben sofort den besten Platz gesichert. Er saß auf dem Mauervorsprung, Venedig hinter ihm — der Campanile von San Marco, der Dogenpalast, die Riva degli Schiavoni, das ganze Panorama der Stadt, die auf dem Wasser gebaut wurde und es irgendwie bis heute überlebt. Das Licht war perfekt, die Luft klar, und Kermit grinste. Ich auch, mit Maske. Corona-Sommer 2020: man trägt Maske auf dem Campanile und ist trotzdem glücklich.


Nach Süden öffnet sich der Blick über die Giudecca, die Lagune, bis irgendwo am Horizont Mestre und das Festland beginnen. Die Kuppeln der Kirche unter einem glänzen im Sonnenlicht, auf dem Wasser tanzen Boote. Es ist einer dieser Momente, in denen man aufhört Fotos zu machen und einfach nur schaut. Kurz. Dann macht man doch noch ein Foto.
Das Maskenselfie musste sein. Sonnenbrille, schwarze Maske, Campanile di San Marco im Hintergrund. Ich sehe aus wie jemand, der gleichzeitig auf Urlaub ist und einen Banküberfall plant. Das war 2020. Wir haben uns daran gewöhnt, und Venedig auch.

Runter vom Turm, rüber ins Stadtgetümmel. Der Weg führte mich zur Ponte dell’Accademia — die Holzbrücke über den Canal Grande, die ursprünglich als provisorische Lösung geplant war und seit 1933 steht. Provisorien in Venedig haben eine lange Halbwertszeit. Kermit saß auf dem Geländer, im Hintergrund die Basilica di Santa Maria della Salute mit ihren mächtigen Kuppeln, rechts und links die Palazzi des Canal Grande, dazwischen das ewig geschäftige Treiben von Vaporetti und Motorbooten. Ein Bilderbuchblick. Kermit weiß das. Er grinst genau so breit wie immer, wenn der Hintergrund stimmt.

Zum Abschluss des Venedig-Tages gab es noch einen Stopp im Agli Archi, einem kleinen Ristorante und Enoteca irgendwo im Castello-Viertel. Cicchetti, der venezianische Tapas-Verwandte — kleine Happen auf Brot, Gläschen Weißwein, Markierung setzen nach einem langen Tag. Das Lokal war schmal, die Theke vollgestellt mit Gläsern und Flaschen, ein paar Einheimische standen draußen. Genau richtig.
Cicchetti in Venedig ist die ehrliche Antwort auf das Tourist-Menü mit überteuerter Pasta. Klein, frisch, gut — und man bleibt dabei stehen wie die Einheimischen. Kermit passte auf den Rucksack auf.
Abends: Sonnenuntergang über der Lagune
Zurück in Cavallino-Treporti, kurz vor halb neun. Die Lagune lag ruhig vor mir, und der Himmel lieferte pünktlich zum Tagesabschluss ein Abendrot, das sich keiner ausdenken könnte. Dunkle Wolkentürme rechts, orange-rosafarbener Schimmer am Horizont, das Wasser glatt und spiegelnd. Irgendwo in der Ferne die Umrisse von Inseln. Ich hab mich einfach hingestellt und geschaut. Man muss ja nicht immer etwas tun.

Tag 5 & 6: Strand, Meer, nochmal Strand
Nach zwei intensiven Venedig-Tagen hatte der Körper eine klare Meinung: Liegestuhl. Und ich habe nicht widersprochen. Tag 5 und 6 gehörten komplett dem Beach Marina di Venezia — dem breiten Adriastrand direkt vor dem Campingplatz, der sich im Hochsommer in ein mediterranes Völkerwanderungsspektakel verwandelt, aber mit dem richtigen Timing durchaus angenehm ist.
Wir waren zwei Familien, die Kinder hatten sowieso ihre eigene Agenda — Wasserpark, Sand, nochmal Wasserpark — und ich hab mich im Meer treiben lassen. Die Adria ist flach, warm und salzig genug, dass man ohne großen Aufwand obenauf liegt. Perfekt für jemanden, der nach zwei Tagen Stadtmarathon erstmal nichts von Besichtigungen wissen will.

Am Nachmittag des sechsten Tages war ich irgendwann von einem Tretboot aus ins Meer gesprungen — das Foto beweist es. Ich klettere gerade die Leiter rauf, nass, mit Spiegelsonnenbrille, und grinse in die Kamera. Kermit saß unterdessen trocken und würdevoll im Rucksack am Strand. Kluge Entscheidung seinerseits.
Abends: Ristorante Calici e Mare auf dem Campingplatz. Wir waren inzwischen Stammgäste. Das Personal kannte unsere Gesichter, oder zumindest unsere Bestellgewohnheiten. Wein, Pasta, Meer-Geräusche im Hintergrund, Kinder die endlich müde werden. Das ist Urlaub.
Tag 7: Noch ein Tag — einfach sein
Der siebte Tag war erklärtermaßen Relaxtag. Kein Vaporetto, keine Fähre, keine Sehenswürdigkeit. Das Village Camping Marina di Venezia hat mehr zu bieten als nur eine Absprungbasis für Venedig-Ausflüge — Pools, Restaurants, Abendprogramm, alles vorhanden. Manchmal ist der beste Reisetag der, an dem man nirgendwo hinreist.
Kermit lag auf meinem Handtuch in der Sonne und genoss es sichtlich. Ich auch. Die letzten Tage hatten viel gegeben — Burano mit seinen irrsinnig bunten Hausfassaden, der Ausblick vom Campanile San Giorgio Maggiore mit Maske und Sonnenbrand, Kermits diplomatische Taubenmomente vom Vortag noch frisch in Erinnerung. Jetzt: nichts. Gut so.
Burano lehrt einen, dass Farbe keine Dekoration ist — sie ist Haltung. Und Venedig vom Campanile San Giorgio aus zu sehen statt von seinem eigenen Turm, ist wie den besten Platz im Theater zu kriegen, weil alle anderen in der Schlange vor dem falschen Eingang stehen. Manchmal lohnt sich der Umweg. Meistens sogar.




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