Manchmal braucht es einen Geburtstag, damit man endlich wieder das tut, was man eigentlich längst hätte tun sollen. Mein Bruder war zu Besuch, das Wetter über den Alpen sah vielversprechend aus — und so wurden aus zwei Walter-Brüdern kurzerhand zwei Spontan-Alpinisten. Destination: Zugspitze. 2.962 Meter. Deutschlands höchster Punkt. Zuletzt gemeinsam oben gewesen? Irgendwann in den 90ern, mit Eltern und Tante, vermutlich mit Fotoapparat auf Film und Kakao aus der Thermoskanne. Diesmal ohne Aufsicht.
Ab München geht’s bequem mit dem Auto nach Garmisch-Partenkirchen — gut eineinhalb Stunden, und man steht schon an der Talstation. Wer lieber Bahn fährt, nimmt den Regionalzug direkt bis Garmisch, von dort weiter mit der Zugspitzbahn. Einfacher geht’s kaum.
Gipfel. Einfach so.
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Die Zugspitzbahn bringt einen entweder per Zahnradbahn durch den Berg oder mit der Seilbahn spektakulär nach oben. Wir haben die Seilbahn genommen. Kurz einsteigen, kurz staunen, und dann steht man plötzlich auf fast 3.000 Metern. Der Oktober hat hier oben bereits auf Winter umgestellt — Schnee, Wind, und eine Luft, die einem das Hirn ordentlich durchpustet.
Der erste Blick vom Gipfel ist schlicht unfair. Man tritt raus, schaut nach links — Fels und Schnee. Schaut nach rechts — Fels und Schnee. Schaut geradeaus — und dann liegt da unter einem ein Wolkenteppich, aus dem einzelne Gipfel herausstechen wie Inseln aus einem weißen Meer. Das Wettersteingebirge zeigt sich von seiner dramatischsten Seite: zackige Grate, frischer Schnee auf den Felsen, Wolken, die sich gemächlich um die Gipfel wickeln.


Und dann schaut man senkrecht nach unten — und da liegt er: der Eibsee. Türkisblau, winzig, satte 2.000 Höhenmeter tiefer. Das ist einer dieser Momente, in denen man kurz vergisst, was man eigentlich sagen wollte. Mein Bruder und ich standen nebeneinander und schwiegen. Was auch wäre zu sagen gewesen? Das letzte Mal, dass wir hier oben standen, waren wir Kinder. Heute waren wir einfach zwei Typen mit Sonnenbrille und zu wenig Jacke.
Das Gipfelplateau ist eine seltsam schöne Mischung aus alpiner Wildnis und bayerischem Organisationstalent. Bergstation, Wetterstation, Gipfelkreuz — alles auf engstem Raum, alles auf fast 3.000 Metern. Die Wolken zogen direkt an einem vorbei, manchmal durch einen hindurch. Der Wind hatte eine Meinung. Eine sehr lautstarke sogar. Trotzdem: Selfie-Pflicht. Mütze auf, Sonnenbrille rauf — wer hätte gedacht, dass man im Oktober auf der Zugspitze Sonnenschutz braucht.


Ja, das Selfie musste sein. Keine Entschuldigung. Mütze: New Era, schwarz. Sonnenbrille: verspiegelt, gelb. Jacke: eine zu dünn. Gesichtsausdruck: zufrieden-frierend. Im Hintergrund thront der Gipfelaufbau mit der Wetterstation — das silberne Kugeldach ist von weitem schon ein Erkennungszeichen. Man fühlt sich ein bisschen wie auf dem Mond, nur mit mehr Touristen.
Sonnalpin: Essen auf 2.600 Metern
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Irgendwann meldet sich der Magen. Auch auf 2.600 Metern. Das Gletscherrestaurant Sonnalpin liegt auf dem Zugspitzplatt, direkt unterhalb des Gipfels — großzügig, warm, mit Panoramafenstern, durch die man auf die verschneite Weite des Plateaus schaut. Ringsherum Schnee, draußen pfeift der Wind, drinnen riecht es nach Bratlfett und heißer Suppe. Eine Kombination, die im Oktober auf der Zugspitze schlicht perfekt ist.

Das Sonnalpin ist kein Ort für Sparfüchse — Gipfelgastronomie hat ihren Preis, und der ist so hoch wie der Berg selbst. Aber man sitzt warm, schaut raus auf eine Winterlandschaft wie aus dem Bilderbuch, und lässt den Ausflug in Ruhe sacken. Das Publikum: eine bunte Mischung aus Skitouristen, Tagesgästen mit zu wenig Kleidung (ich rede von mir) und vereinzelten Hardcore-Wanderern, die aussehen, als hätten sie die letzten drei Tage draußen geschlafen.
Draußen auf dem Zugspitzplatt öffnet sich die Landschaft nochmal anders. Das Plateau ist weit, flach, fast mondähnlich — umrahmt von den gezackten Graten des Wettersteins. Liftmasten ragen aus dem Schnee, die Seilbahn-Trassen ziehen sich die Hänge hinab. Wolken treiben durch, reißen kurz auf, geben den Blick frei auf die umliegenden Gipfel — und schließen sich wieder. Ein Panorama, das keine Ruhe kennt.

Abends — Havana Club: Zurück im Tal
Zurück in München ließ sich der Tag natürlich nicht einfach so beenden. Die Gebrüder Walter brauchten noch einen würdigen Abschluss. Der Havana Club lieferte ihn: warme Atmosphäre, gute Drinks, und zwei Männer, die nach einem Geburtstagstag auf Deutschlands höchstem Berg ziemlich zufrieden mit sich und der Welt waren. Was man auf knapp 3.000 Metern erlebt, braucht abends einfach ein bisschen Raum zum Nachklingen.
Als Kinder waren wir hier oben mit Eltern und Tante. Heute waren wir einfach zu zweit — und der Blick war derselbe. Manche Dinge ändern sich nicht. Zum Glück.
📍 Zugspitze, Garmisch-Partenkirchen · 🚗 Auto oder Bahn ab München · ⏱ ca. 1:30 h Fahrzeit · 🎯 Gipfelpanorama über den Wolken, Blick auf den Eibsee, Gletscherrestaurant Sonnalpin




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